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Debatte, Internationales

Die Vernichtung der deutschen Bauernklasse seit dem Spätmittelalter und das Einwanderungsdiktat des Berliner Regimes

von Albrecht Goeschel

»Wir dürfen nicht zusehen, wie sich Räume entwickeln, auf die wir keinen Einfluss haben.« Sigmar Gabriel am 05.12.2017 vor dem Forum Außenpolitik

Geschichtsbeugung

Politische Klassen, wenn sie vor dem Untergang stehen, zeigen manchmal einen Heroismus der Verzweiflung. So scheint es mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu gehen. Im Herbst 2017 knapp der elektoralen Verdampfung entkommen, jetzt kondensiert auf ihren Klassenkern, fordert sie bis 2025 die »Vereinigten Staaten von Europa« (Martin Schulz) und für diese eine »Geostrategische Idee« (Sigmar Gabriel).

Das Zusammenzwingen der europäischen Nationalstaaten zu Vereinigten Staaten von Europa hat angesichts von Griechenlandkolonisierung, Ostmitgliederpressionen, Britanniensezession, Berlusconiwiederkehr und Katalonien- konflikt das Zeug zu einem »Bürgerkrieg« (Emmanuel Macron) und ist eine »Kriegserklärung« (Friederike Beck) gegen die Nationalstaatlichkeit Europas. Mindestens benötigt es eine mehr oder minder offene Diktatur. Auch ist die Verfolgung einer Geostrategischen Idee, einer »Machtprojektion der EU« (Sigmar Gabriel), nicht mehr der bisherige »milde Imperialismus« (Albrecht Goeschel), sondern ein gewaltbereiter Imperialismus der EU.

Zunächst aber: Wer stellt den Klassenkern dieser neuen Sozialimperialistischen Partei Deutschlands? Es ist der ämterabhängige Funktionärskorpus der Partei selbst; es sind die Apparatschiks der Großgewerkschaften; es ist die Bedienungsmannschaft des Sozialversicherungs- und Sozialstaats; es sind die Hörigen und Hochwürden der Kirchen, der Sozialverbände und der Wohlfahrtsverbände; es ist das Personal der Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik; es sind die Exportprivilegierten und Exportchauvinisten der Industriearbeit; es sind die Domestiken der Medien, und es ist der kritisch-wissenschaftliche Marketender(innen)tross. Nicht zu vergessen die Witwennachhut der meisten Genannten. Für eine europäische Diktatur und für einen europäischen Imperialismus reicht das nicht aus. Ein erneutes Bündnis mit der ebenfalls elektoral delegitimierten und inhaltsvakuumierten Christdemokratie lag nahe. Beide Großmilieus sind Profiteure der bisherigen EU, ihres EURO und der Krise beider. Als Reservearmee sind und werden von beiden Politikclans gemeinsam weiterhin Hunderttausende von Zuflüchtern aufgestellt (Friederike Beck).

Es trifft sich gut, dass Sigmar Gabriel bei seinem wilden Gerede von Geostrategischen Ideen und Machtprojektionen der EU einen Blick in die Geschichte geworfen hat. Dass Gabriel dabei den Dreißigjährigen Krieg ins Auge gefasst hat, mag zur weltpolitischen und zur europapolitischen Lage passen. Zur vollzogenen Entsorgung von Sozialdemokratie und Arbeiterklasse ins historische Depot passt es aber nicht. Die Wurzeln für Sozialdemokratie und Arbeiterklasse wurden nicht mit den Konfessionsvorwänden, Nationalrivalitäten, Reichsgewalt- und Territorialfürstenkonflikten und allgemeinen Bereicherungsabsichten dieser dreißigjährigen, insbesondere deutschen Großmetzelei gelegt. Die nunmehr, auf dem Höhepunkt der Postmoderne, auch endgültig verratene, aber so recht auch gar nicht mehr vorhandene Sozialdemokratie nebst Arbeiterklasse hatte ihren Ursprung vielmehr im Spätmittelalter und gehörte zum Beginn der Neuzeit. Die folgenden Kriege waren die europäischen Stadtunruhen und Bauernrevolten, vor allem der im Blut der Aufständischen erstickte deutsche Bauernkrieg, der einzig wirklich siegreiche Bürger- und Bauernkampf der Großen Revolution in Frankreich und die europäischen Kleinbürger-, Bauern- und Arbeiterrevolutionen der 1848er Jahre.

Nährboden der Sozialdemokratie

Für den vollzogenen Austausch von deutscher Sozialdemokratie und Arbeiterklasse zu Gunsten von Europaimperialismus und Raumbeherrschung stellen der deutsche Bauernkrieg und die nachfolgende Proletarisierung der deutschen Bauernklasse allerdings ein störendes und verstörendes historisches Erbe dar. Nach dem jahrzehntelangen Betrug der »Bauernbefreiung« lebte dieses Erbe noch einmal auf in der Teilnahme der Bauern an den Aufständen von 1848 und 1849, um dann in der allgemeinen Landflucht in die sich industrialisierenden Städte zu versickern. Die Verantwortung für die weitere politische, ökonomische und soziale Entwicklung Deutschlands und vor allem die Antwort auf die offene nationale Frage ging damals auf das vorherrschende Kleinbürgertum über. Dieses hat zwar die in diesen Jahren noch junge Arbeiterklasse als Sturmtruppe gegen die Monarchie sowie die Geburts- und Geldaristokratie benutzt, sie dann aber sogleich an seine Verfassungs-, Parlaments- und Regierungsbeteiligungs-Illusionen verraten. Bei der Lösung des Rätsels eines einigen Deutschland hat diese »Spießbürgerherrschaft« (Friedrich Engels) in Gestalt der Frankfurter Nationalversammlung dementsprechend jämmerlich versagt.

Ebenjene Politik des Parlamentsgeschwätzes, des Parteienvorteils und des Ämterannehmens, erentwegen die zweite deutsche Revolution nach dem Bauernkrieg verlorenging, ist der Nährboden, aus dem die spätere »Sozialdemokratie« erwachsen ist. Ferdinand Lassalles »Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein« von 1863 wird bevorzugt als Keimzelle der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands präsentiert. Dass es sich hier um eine Fortsetzung der Spießbürgerherrschaft nun durch eine Arbeiterpartei gehandelt hat, wird daran deutlich, dass diesem deutschen Arbeiterverein die Anliegen der deutschen Bauernklasse trotz eines »Industrialisierten Agrarstaats« Deutschland (Helmut Böhme) gleichgültig blieben. Welch ein Unterschied zu den Radikalen der Großen Französischen Revolution und selbst noch zum Kaiserreich des I. Napoleon und deren Politik mit oder wenigstens für ihre Bauernklasse!

Mit der Sozialdemokratie war jedenfalls der Weg in die Vergewerkschaftung und Parlamentarisierung der deutschen Arbeiterklasse vorgezeichnet. Zudem blieb das Industrieproletariat bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine Minderheit und wurde von der Sozialdemokratie an Kompromiss und Reform im kaiserlichen »Sozialstaat« gewöhnt. Wenn sich Gabriel und Schulz bei ihrer SPD-Entsorgung, wie es korrekt wäre, auf dieses Kleinbürgererbe beziehen würden, hätten sie wohl das Risiko, auch  für ihre neuen Vorstellungen verlacht zu werden. Daher: Lieber den Dreißigjährigen Krieg reklamieren. Allerdings ist auch das nicht ohne Risiko: Gemessen an dem enormen Cäsaristen und Kriegsführer Wallenstein wird noch viel deutlicher als am unglückseligen Parteimann und Duellanten Lassalle, was Gabriel und Schulz in Wahrheit sind: politisch-historische »Würstchen« (Open Thesaurus) mit Diktatur- und Geophantasien.

Bauernvernichtung

In Rosa Luxemburgs Akkumulation des Kapitals wird, wie es scheint als einzigem historisch-ökonomischem Werk, der deutsche Bauerkrieg als eine Blutorgie kenntlich gemacht, mit der die Territorialfürsten in abgefeimter Arglist und Heimtücke die gebietlich verstreuten und erntezeitlich unterbrochenen Aufstände der Bauerklasse zur Wiederherstellung ihrer alten Gemeinschaftsrechte benutzt haben, um diese politisch-ökonomische Rivalin zu vernichten und sich ihrer nach der Agrarkrise des 14. und 15. Jahrhunderts regenerierten Ressourcen (Wilhelm Abel) zu bemächtigen. Finanziert wurden die Söldnerfeldzüge der Landesherren gegen die Bauerhaufen mit Krediten der großen Handelskapitalisten. Die deutsche Bauernklasse bezahlte ihr im Vergleich zu England und Frankreich um zweihundert Jahre verspätetes Aufbäumen gegen die fortschreitende Degeneration von Feudal- und Kirchenordnung nicht nur mit Hunderttausenden von Kriegstoten und Hingerichteten. Vernichtet wurden auch ihre Häuser, Geräte, Viehbestände und Ernten (Jürgen Bücking). Zusätzlich hatten die Bauern die Kreditkosten der gegen sie eingesetzten Söldnerbanden der Territorialfürsten zu tragen. Zuletzt folgten schon nach wenigen Jahren die jahrzehntelangen Religionskriege insbesondere zwischen Fürsten und Kaiser. Die Bauernklasse hatte damals aufgehört, als politisches Subjekt zu existieren (Heinrich Lutz). Dafür wurde die zerschlagene Bauernklasse zur »Arbeitermasse« (Werner Sombart) für den emporwachsenden Industriekapitalismus.

Arbeitsmarkt

Im frühen 21. Jahrhundert sind in Deutschland nur noch etwa 2 Prozent aller Erwerbstätigen im Agrarsektor beschäftigt. Lediglich ein Teil von ihnen sind selbständige Bauern. Hingegen machten Ende des 19. Jahrhunderts die Tätigen in der Landwirtschaft noch 49,5 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland aus. Im 15. Jahrhundert arbeiteten 80 Prozent der tätigen Bevölkerung als Bauern, Gutsgesinde oder Tagelöhner auf den Feldern und Weiden, in den Stallungen und Werkstätten, in den Gärten und in den Wäldern. Was ist geschehen?

Eine Fülle von Veröffentlichungen stellt diese Frage und gibt die Antwort in agrarökonomisch-landwirtschaftshistorischen, demographisch-bevölkerungshistorischen oder gar klimatologischen Begriffen (Wilhelm Abel). Erklärt wird der deutsche Bauernkrieg hauptsächlich mit vorausgegangenen Perioden der Ab- oder Zunahme der Bevölkerung, der entsprechend schwankenden Nachfrage nebst Preisen nach Getreide, dem schwankenden Arbeitskräfteangebot nebst Löhnen und sogar mit Klimaschwankungen. Diese Phänomene hatte es aber zuvor auch ohne Aufflammen eines flächendeckenden Bürgerkrieges gegeben. Ein anderes, neues Funktionselement innerhalb des Feudalsystems war der entscheidende Faktor für den Bauernkrieg: Erst mit der Verdrängung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft auch in der Bauernklasse konnten die Fürsten, der Klerus und der Adel die auch für sie spürbaren Schwankungen der Agrarökonomie in Form erhöhter Geldabgabenforderungen auf die Bauern abwälzen. Die vormalige Naturalwirtschaft war eine wirksame Barriere gegen eine Überausbeutung der Bauern gewesen (Paul Kampffmeyer). In der Bauernklasse selbst hatten der zunehmende Handel mit der Überschussproduktion und die Herauslösung des Handwerks aus der Haus- und Hofwirtschaft (Karl August Wittfogel) die Voraussetzung für eine geldwirtschaftliche Marktproduktion, damit aber auch eine Besteuerbarkeit geschaffen. Der steigende Geldbedarf der Territorialfürsten, des Kirchenwesens und des Grundadels erhöhten den Steuerdruck auf die Bauernklasse. Das war die Voraussetzung und der Auslöser für den Bauernkrieg (Jürgen Bücking) – nicht etwa schlechtes Wetter. Die inflatorische Geldschwemme auf der Grundlage der Edelmetallbeute aus dem damals bereits okkupierten Mittelamerika (Heinrich Lutz) verschärfte den ökonomischen, politischen und militärischen Kampf zwischen absteigender Naturalwirtschaft und aufsteigender Geldwirtschaft zusätzlich.

Das politisch-ökonomische Ungleichgewicht zwischen der entmachteten Bauernklasse und den wieder erstarkten Grundherren als Zwischenmacht zu den Landesfürsten wurde noch einmal und diesmal endgültig zu Lasten der Bauern gesteigert. Im Zuge des Dreißigjährigen Raub- und Mordkrieges der Konfessionsparteien, der Fürsten- und Kaiserheere und der Invasionsarmeen aus dem Westen und aus dem Norden wurden weite Gebiete Deutschlands entvölkert und verwüstet. Diesen Boden eigneten sich die Grundherren als leichte Beute an. Die dann auf diesem Boden erneut arbeitenden Bauern waren andere als die vor dem Bauernkrieg. Sie waren leibeigene Ackerarbeiter ohne eigene »Scholle« (Paul Kampffmeyer) und ohne den Schutz ihrer hergebrachten Gewohnheitsrechte. Daneben existierten Hunderttausende vom Boden endgültig vertriebene Bauern, Land- und Rechtlose, entlassene Söldner – eben »Expropriierte« (Karl Marx).

In dieser Situation kam es zu einer historischen Schubumkehr. Die im Kampf um das sich zügig herausbildende Bodenkapital Unterlegenen suchten nun ihr Auskommen durch den Verkauf ihres Arbeitsvermögens an das in Deutschland im Vergleich zu England oder Frankreich sich quälend langsam und beschwerlich entwickelnde Industriekapital. Die gegenüber den Bauern siegreiche Feudalordnung behinderte auch Industrie und Kommerz in deren freier Entfaltung. In der Literatur wird die typische »Rückständigkeit« (Helmut Böhme) der Wirtschaft in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert beschrieben. Die von Napoleon I. zur Herstellung der Kontributionsfähigkeit Deutschlands in Gang gesetzten Minimalfreiheiten für die Bauern, das Gewerbe und die Gemeinden stärkten allerdings ungewollt noch einmal die politisch-ökonomische Position der Grundeigentümer, insbesondere des Grundadels und beschleunigte die Abdrängung der Bauern vom Boden. Es kam zu einer regelrechten »Übervölkerung des platten Landes« (Werner Sombart). Dieser suchte die ländliche Bevölkerung durch Wanderung vom Land in die Stadt und vom agrarischen Osten in den sich industrialisierenden Westen Deutschlands auszuweichen. Die Voraussetzung für einen »Arbeitsmarkt« war geschaffen – der zum »Arbeitstier« (Günther Franz) gemachte Bauer konnte nun sein Arbeitsvermögen in Zeiteinheiten gegen Lohnzahlung verkaufen. So wurde während der Deutschen Revolution 1848 in Berlin ein erstes amtliches »Bureau für Arbeitsnachweis« (Wilhelm Blos) eingerichtet. Die nach dem Deutsch-Französischen Krieg mit voller Wucht einsetzende Industrialisierung und Urbanisierung Deutschlands und der Eintritt der deutschen Wirtschaft in den Weltmarkt zehrten in den Folgejahrzehnten die Bevölkerungsreserven der ländlichen Räume und vor allem des agrarischen Ostens auf. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lebte nur noch ein Drittel der deutschen Bevölkerung auf dem Lande.

Sozialstaat und Willkommensputsch

Die Verdunstung der deutschen Bauernklasse im Arbeitsmarkt vor allem West-Deutschlands – in den 1950er Jahren betrug der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen an allen Erwerbstätigen gegenüber den 2 Prozent von heute noch 24 Prozent – war und ist für das spezifisch deutsche »Akkumulationsregime« (Michael Aglietta) von erheblicher Bedeutung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt der verbliebene deutsche Wirtschaftsraum durch die Flucht und Vertreibung der zu hohen Anteilen bäuerlichen deutschstämmigen Bevölkerungen aus den Ostgebieten und anderen Gebieten Mittel- und Südosteuropas noch einmal einen erheblichen Zustrom landwirtschaftlicher Bevölkerung für den industriewirtschaftlichen (Wieder-)Aufbau und als Ausgleich für die besonders hohen Kriegsverluste an Militärpersonen aus Bauernfamilien.

Die rasche Rückkehr der westdeutschen Wirtschaft mit ihrem kriegswirtschaftlich noch erweiterten Kapitalstock (Werner Abelshauser) in den Weltmarkt führte dann nach zwei Jahrzehnten erneut an die Grenzen des Arbeitsmarktes. Einen Ausweg sollte die Anwerbung von Arbeitskräften, sogenannten »Gastarbeitern«, aus noch stärker landwirtschaftlich-bäuerlichen Ländern Europas und Kleinasiens bieten. Dem gleichen Zweck und darüber hinaus der Erweiterung des inneren Marktes für Industrieerzeugnisse dienten die Industrialisierung und Kapitalisierung der großen noch landwirtschaftlichbäuerlichen Gebiete Westdeutschlands, insbesondere Bayerns und Niedersachsens, durch »Raumordnung« und »Landesentwicklung« (Burkart Lutz). Auch die »Süderweiterung« und »Ost/Südosterweiterung« der Europäischen Union über Kerneuropa hinaus sicherten dem Geschäftsmodell Deutschland mit seiner Exportdominanz den benötigten Nachschub an Arbeitskräften aus landwirtschaftlich-agrarischen Räumen.

An diesem Punkt könnte man den »Willkommensputsch« (Albrecht Goeschel) des Merkel-Gabriel-Regimes vom Herbst 2015, der wegen der mit ihm verbundenen zahlreichen Rechtsbrüche, vor allem Verfassungsrechtsbrüche (Otto Depenheuer; Christoph Grabenwarter), Staatsstreichkriterien erfüllt, als unausgesprochene Fortsetzung des Handels mit Bauernmaterial verstehen – wie er nach der Dezimierung der Bauernklasse im 16. Jahrhundert möglich geworden ist und seit dieser Zeit betrieben wurde: Die Handelsketten reichen von den Schlepperbanden der Südküste des Mittelmeeres bis in die Jobcenter deutscher Kommunen. Voraussetzung für eine solche ökonomistische Interpretation ist allerdings eine rasche und kostengünstige Einbeziehbarkeit der Immigranten in den Wirtschaftsprozess in Deutschland. Gerade diese Funktion als disponible Reservearmee für die nächste Runde im verschärften weltweiten Wirtschaftskrieg insbesondere der USA vermögen jedoch die MerkelMigranten keineswegs zu erfüllen. Rolf Peter Sieferle hat das entsprechende »Arbeitsmarkt- und Fachkräftemangel-Narrativ« überzeugend dekonstruiert. Wegen des offenkundig vorgeschobenen Charakters der ArbeitsmarktRechtfertigung und auch der sonstigen Legitimationen des Migrationsputsches des Berliner Regimes bleibt Sieferle im Hinblick auf die tatsächlichen Motive einer Förderung der unbeschränkten Immigration in die Wohlstandszone Europa ratlos.

Wenn man die im Zuwanderungsdiskurs verfolgten moralisch-ideologischen, demographischen und arbeitsmarkt- und wachstumsökonomischen Paradigmen verlässt und einem machtpolitisch-finanzkapitalistischen Paradigma folgt, ist der Rückblick auf die Expropriierung und Vernichtung der deutschen Bauernklasse erkenntnisleitend? Der damalige Krieg der Geldwirtschaft von Territorialfürsten und Handelskapital gegen die Natural- wirtschaft und Bauernschaft legt Vergleiche mit dem gegenwärtigen Krieg des Finanzkapitals gegen die Realwirtschaft nahe. Auch Verschuldungs- und Abgabendruck bieten sich als Vergleichsmomente an. Die angestrebte Abschaffung des Bargeldes zeigt eine weitere Parallele auf. Ging es beim deutschen Bauernkrieg um die Zerstörung und Beseitigung der genossenschaftlichen Gewohnheitsrechte, so geht es heute um die Veruntreuung und Einebnung der nationalen Sozialrechte.

Das Berliner Regime hat schon die Euro- und EU-Krise genutzt, um mit seinem Austerity-Diktat und unter Instrumentalisierung der Sozialsicherungssysteme der Länder der EU eine »einheitliche Klassengesellschaft der billigen Arbeit« (Albrecht Goeschel) in Europa zu formieren. Plausibel erscheint die These, dass nach dem Einsatz der Sozialpolitik als Waffe gegen die europäischen Konkurrenzvolkswirtschaften und -gesellschaften nun die Migrationspolitik als Waffe zur fundamentalen Zerrüttung der nationalen Verfassungen der Arbeit überhaupt, insbesondere zur fundamentalen Zerrüttung der sozialstaatlichen Formierung der Arbeit in Deutschland, genutzt wird. Das in der Manier einer breitbackigen Territorialfürstin von der Bundeskanzlerin angerichtete Flüchtlingschaos erscheint aus dieser Sicht als schlechte Wiederholung der Arglist und Heimtücke ihrer Vorgänger gegen die Bauernklasse – nun gegen die Arbeitsgesellschaft. Diesmal ist nicht die Trennung der Arbeit vom Boden durch Pachtzahlung, sondern die Trennung der Arbeit vom Lohn durch Beitragszahlung das Anliegen der Elitenpolitik.

Die Sozialimperialistische Partei Deutschlands hat ihre Eignung als Komparsin, vielleicht sogar als Protagonistin dieses neuen historischen Dramas mit der Errichtung der Hartz IV-Gettos in Deutschland bewiesen.

 

Literatur

Wilhelm Abel: Geschichte der deutschen Landwirtschaft vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert. Stuttgart 1967.

Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945. München 2004.

Michael Aglietta: Ein neues Akkumulationsregime. Hamburg 2000.

Friederike Beck: Die geheime Migrationsagenda. Rottenburg 2016.

Wilhelm Blos: Die Deutsche Revolution von 1848 und 1949. 2012.

Jürgen Bücking: »Der ›Bauernkrieg‹ in den habsburgischen Ländern als sozialer Systemkonflikt«, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Der Deutsche Bauernkrieg 1524–1526. Göttingen 1975.

Helmut Böhme: Prolegomena zu einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt/Main 1968.

Otto Depenheuer/Christoph Grabenwarter (Hg.): Der Staat in der Flüchtlingskrise. Zwischen gutem Willen und geltendem Recht. Paderborn 2016.

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland. Berlin 1963.

Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. Berlin 1965.

Günther Franz: Der deutsche Bauernkrieg. München/Berlin 1939.

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. München 1927.

Albrecht Goeschel et al.: Raumordnung als Arbeitsmobilisierung. Analyse und Kritik des Landesentwicklungsprogrammes Bayern. München 1975. Neuauflage, Verona 2014.

Albrecht Goeschel: Milder Imperialismus? Vorgeschichte, Zusammenhänge, Hintergründe von Euro-Krise und EU-System 1920–2010. Verona/Marquartstein 2013.
Albrecht Goeschel: EU-Sozialpolitik. »Formierung« einer einheitlichen Klassengesellschaft der billigen Arbeit. Bergkamen 2015.
Paul Kampffmeyer: Geschichte der Gesellschaftsklassen in Deutschland. Berlin 1910.
Kurt Kersten: Die deutsche Revolution 1848–1849. Frankfurt/Main 1955.
Burkart Lutz: Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Frankfurt am Main/New York 1984.
Heinrich Lutz: »Der politische und religiöse Aufbruch Europas im 16. Jahrhundert«, in: Golo

Mann/August Nitschke: Propyläen Weltgeschichte VII. Frankfurt/Main – Berlin 1991.

Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals. Frankfurt/Main 1966.

Albert Mathiez: Die Französische Revolution. Hamburg o. J.

Franz Mehring: Historische Aufsätze zur preußisch-deutschen Geschichte. Berlin 1946.

Rolf Peter Sieferle: Das Migrationsproblem. Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung. (Die Werkreihe von TUMULT Bd. 1). Waltrop/Berlin 2017.

Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus. München/Leipzig 1928.

John C. Stalnaker: »Auf dem Weg zu einer sozialgeschichtlichen. Interpretation des Deutschen Bauernkrieges 1525–1526«, in: Wehler (Hg.), a.a.O.

Karl August Wittfogel: Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Wien 1924.

Akademie und Institut für Sozialforschung e.V. Verona
Korrespondenzbüro

Postfach 1127

D – 83247 Marquartstein

Tel: 0049 (0) 8641-7130

Fax: 0049 (0) 8641-63242

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