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Ausland, Lateinamerika

50 Jahre Kooperative Cecosesola in Venezuela

von azozomoxhttp://freiesicht.org

Die Situation in Venezuela ist ein wenig bedrückend, um es mal vorsichtig zu formulieren:

Eine festgefahrene politische Situation mit zunehmender Polarisierung und zwei existierenden Parlamenten, das Nationale Parlament und die verfassungsgebende Nationalversammlung, eine sich zuspitzende ökonomische Krise mit einer Hyperinflation von mehr als 2000% im Jahr 2017 (mit Prognosen mehrerer Tausend Prozent für das Jahr 2018), einer riesigen Auslandsverschuldung von mindestens 150 Milliarden US-Dollar und letztendlich einer zunehmenden Kriminalitätsrate. 26.616 Morde gab es im ganzen Land allein 2017 und die Haupstadt Caracas gehört inzwischen mit zu den unsichersten Städte weltweit mit einer Rate von 130 Morden auf 100.000 Einwohner*innen. Allein in dem Stadtteil Petare von Caracas gibt es pro Woche zwischen 30 und 60 Tote.

Dazu Tausende von Menschen, die das Land verlassen oder verlassen wollen. Tomás Páez, Soziologe der Universität Central de Venezuela und Buchautor “La voz de la diáspora venezolana”, der 900 Venezolaner*innen in 41 Länder interviewte, schätzt die Zahl auf mindestens 1,5 Millionen (neuere Schätzungen gehen derzeit vom Doppelten aus), 250.000 davon in Spanien, viele in Chile, Ecuador, Argentinien, Uruguay. Zudem werden zwischen 70% und 90% der Lebensmittel importiert, und die Preise für fast alle Produkte ändern sich tagtäglich aufgrund der wahnsinnigen Inflation, die zur Zeit die höchste weltweit ist. Ein Karton Eier kostet um die 300.000 Bolivares (Junge Welt vom 25.Januar 2018). Dies entspricht etwas weniger als der Hälfte des staatlich festgesetzten Monatsmindestlohns.

Auch wenn sich in letzter Zeit immer mehr linke Oppositionsgruppen jenseits der offiziellen Regierungspartei PSUV gründen und formieren, ist am bedrückendsten vielleicht bisher das Fehlen einer sichtbaren politischen Alternative, die nicht auf neoliberale Marktpolitik setzt.

Insofern sticht das seit 50 Jahren existierende Netzwerk der Kooperativen von Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara), die im übrigen am 17.12.2017 ihren 50. Geburtstag feierte, mit seinen 1300 Arbeiter*ìnnen, ca. 90 Kleinbetrieben, Produktionsstätten und mehr als 20.000 Mitgliedern als tatsächliche Alternative hervor.

In Cecosesola sind eine Reihe von landwirtschaftlichen Genossenschaften zusammengeschlossen, sie drei große Wochenmärkte in der Millionenstadt Barquisimeto, ein großes Beerdigungsinstitut, sechs Gesundheitsstationen, darunter das Gesundheitszentrum CICS sowie die Pasta Fabrik 8 de Marzo, die wir im Herbst 2017 besucht hatten.

Teresa, die Ingenieurwissenschaften studiert hatte, erzählt uns, dass 60 von 80 Absolvent*innen ihres Bachelorstudiengangs inzwischen das Land verlassen haben, eine Quote von 75 %, Prozent im Vergleich zu den 10 von 600 Personen (1,7% Prozent), die in den drei großen Wochenmärkten von Cecosesola arbeiten – ein Ausdruck dafür, dass hier die Gemeinschaft die Solidarität und den Zusammenhalt stärkt und nach kollektiven Lösungen gesucht wird.

In der seit 1984 existierenden Kooperative 8 de Marzo in dem Dorf Palo Verde sind es 16 Frauen und 5 Männer, die hier 7 verschiedene Sorten von Vollkornpasta für einen unter dem Markt liegenden Preis produzieren. Anfänglich, so Rosa, eine der Arbeiter*innen, „habe man die Vollkornnudeln belächelt und sie wurden kaum gegessen, inzwischen habe sich das aber verändert“, nicht nur wegen des günstigen Preises, auch der Nährwertgehalt hat nun viele überzeugen können.

Doch nun stockt die Produktion, ein Teil der aus Italien stammenden Maschine Parmigiana ist dem Verschleiß zum Opfer gefallen und muss ersetzt werden, aber Devisen sind nicht vorhanden, um das Ersatzteil aus Italien zu importieren. Ein internationaler Spendenaufruf hat bewirkt, dass das Ersatzteil sich inzwischen bereits in Venezuela bei der Zolleinfuhr befindet, von wo es allerdings nur mittels einer Schenkungsurkunde an seinen Bestimmungsort gelangen kann. Nach zwei Tagen in Palo Verde gehts weiter nach Barquisimeto, dem Herzstück der Kooperative. Zuerst auf einer Pritsche eines LKWs, der Tagelöhner*innen, die gerade einmal für 10.000 Bolivares (10 Cent) am Tag arbeiten, in die Stadt Sanare befördert. Zum Vergleich: Unsere dann ca. 1-stündige Busfahrt von Sanare nach Barquisimeto kostet pro Person stolze 6000 Bolivares.

In der Stadt angekommen nehmen wir gleich an einem Treffen der Wochenmärkte, über Finanzen und deren ökonomischen Situation, teil. Die Nummern, Zahlen, Eingänge, Ausgaben, Kosten und Gehälter (ein Vorschuss wird anstatt eines Lohnes bezahlt, da es sich nicht um ein abhängiges Arbeitsverhältnis handelt) hängen für alle sichtbar an den Wänden.

Es geht hier angesichts der Inflation um Millionen und Milliarden Beiträge, nicht immer leicht zu folgen und im Taschenrechner darf man sich bei den Nullen nicht verzählen. Eins wird jedoch deutlich: Es wird generell weniger produziert und demzufolge weniger verkauft, die Einnahmen reichen gerade für eine Woche im Voraus, um die benötigten Einkäufe für die Wochenmärkte tätigen zu können, und der prozentuale Gesamtbetrag des Lohnes an den Ausgaben sinkt, aber das größte Problem bleibt die ständig steigende Inflation.

Sie frißt das Geld , dass auf dem Kooperativen eigenen Fonds angespart wurde, denn jede Woche verliert der Bolivar an Wert. Am sinnvollsten wäre es vielleicht um den Wertverlust zu stoppen, das eingenommene Geld sofort auszugeben bzw. zu in Maschinen etc. zu investieren, doch dann gäbe es keine Rücklagen mehr- Ein Teufelskreis. Alle überlegen was zu tun ist, wöchentlich werden Pläne geschmiedet, verworfen und neu überdacht – die Situation ist schwierig. und nun will die Kommunal- Regierung auch noch 12% Steuern auf die Brutto-Einnahmen eintreiben – das wäre der sichere Tod dieser Kooperative, die gerade einmal von Woche zu Woche überlebt.

Bereits 2014 beschloss die sozialistische Maduro-Regierung ein neues Steuergesetzt (Ley de Impuesto Sobre la Renta, según Gaceta Extraordinaria Nº 6152. Decreto Nº 1.435), dass den Kooperativen des Landes unverzüglich eine Steuerlast auflegt, die ca. 35 Prozent über derjenigen der kapitalistischen Unternehmen liegt, die entsprechend profitorientiert wirtschaften. Bis dahin genossen Kooperativen gemäß der 1999 verabschiedeten Verfassung besonderen Schutz (Artikel 118). Der höhere Steuersatz begründet sich damit, dass die Kooperativen jetzt nicht mehr von der Steuerentrichtung ausgenommen werden wie vor 2014.

Das würde für viele Kooperativen den Ruin bedeuten. Cecosesola zeigte sich widerständig und mobilisierte gegen dieses neue Gesetz, mit Unterschriftensammlungen, einem »massiven Fußmarsch« (2015) mit mehr als 1.000 Leuten oder Demos in der Hauptstadt Caracas vor dem Höchsten Gerichtshof (Tribunal Supremo de Justicia). Aber das Gesetz ist inzwischen verabschiedet, und der Oberste Gerichtshof „studiert“ auch weiterhin die juristische Sachlage, ohne einen einstweiligen Zahlungsstopp zu verfügen. Doch jetzt im November 2017 erschien eine neue Gemeindeverordnung der Rathäuser, die den Kooperativen eine 12% Steuer auf alle Bruttoausgaben aufbrummt, was wie im Fall des neuen Steuergesetzes der Regierung den sicheren schleichenden Tod bedeuten würde. Auch gegen diese Verordnung wird sich Cecosesola zur Wehr setzen müssen.

Von Donnerstag bis Sonntag sind die 3 Großmärkte der Kooperative in Barquisimeto, in denen neben Gemüse und Früchten auch andere Lebensmittel bis zu 30% niedrigeren Preisen als kommerziellen Märkten auf gekauft werden können, geöffnet.

Tausende Menschen strömen dann ab 6.15 Uhr morgens durch die Schleusen mit ihren Ausweisen und einer Ticketnummer, die sie sich an den Tagen zuvor holen mussten. Früher gab es keine Ticket Ausgabe, aber ellenlange Schlangen, Gerangel und handfeste Auseinandersetzungen um den Einlass. Nach dem Tod einer Frau, die im Gerangel und Kampf durch Kugel ihren Tod fand, wurde das neue System eingeführt.

Es läuft jetzt gemächlicher, doch an diesen Donnerstag spitzt sich die Lage wieder zu. In brütender Hitze schieben sich die Menschenmassen hin und her, es wird gedrängelt und geschubst – alle wollen zuerst in die Halle, um von der Regierung preisregulierte Produkte wie Maismehl, Nudeln, Öl, Reis etc. zu ergattern. Die zwei anwesenden Polizisten der Guardia Nacional Bolivariana wirken völlig hilflos. Schnell wird Alarm geschlagen, mehrere Kooperativistas eilen hinaus und bilden einen menschlichen Kordon, um die Schlange geordneter passieren zu lassen – langsam löst sich die Spannung, die Lage beruhigt sich. Von den preisregulierten Produkten kann nur begrenzt eingekauft werden, um den Weiterverkauf auf dem nicht offiziellen Markt nicht zu fördern.

Und auch, weil nur sehr begrenzte Mengen zur Verfügung stehen, die laut Konsens der Koopeativistas eben auch so gerecht wie nur eben möglich an alle –die Kooperativistas selbst mit eingeschlossen – verkauft werden.

Trotzdem werden direkt vor dem Markt auf der Straße viele dieser Produkte für das 5 oder 10 fache des Preises verkauft, Zucker für 30.000 (jetzt: 120.000) Bolivares, Maismehl für 25.000 (jetzt 40.000) Bolivares. Diese subventionierten Lebensmittel, zu denen auch die an die Bevölkerung billig verteilten Lebensmittelkisten (CLAP) gehören, sollen die Menschen mit preiswerten Produkten versorgen, doch hinter diesem System stehen oft auch mafiöse Strukturen, ein System, dass mit dem Staat und insbesondere dem Militär eng verwoben ist. Lebensmittel konnten von Privatunternehmen oder auch dem Militär mit dem Vorzugs-Dollar zu einem Umtauschkurs von 1:10 (10 Bolivares für einen US Dollar) importiert werden. Diese Regelung wurde nun am 30.Januar 2018 abgeschafft.

In der Realität tauschten nämlich die Militärs oder die privaten kapitalistischen Firmen wieder den USDollar zurück zu den inoffiziellen Kursen der Straße, dem Parallelkurs, der in etwa 10-20 % unter dem von der regierungsfeindlichen US-amerikanischen Webseite Dolar Today veröffentlichtem Kurs liegt (am 30.01.2018 war der bei circa 250.000 Bolivares für 1 US-Dollar). Somit ist der Währungs- und Devisen Spekulation Tür und Tor geöffnet. Und von den importierten Lebensmitteln kommen bis zu 70% als regulierte Waren auf den Markt oder wandern in die Lebensmittelkisten (CLAP), die restlichen 30 % landen dann auf dem freien kapitalistischen Markt.

Die Mischwirtschaft von staatlich subventionierter Lebensmittelpolitik und freiem kapitalistischen Markt, in dem das Militär ein immer größerer Akteur wurde, funktioniert nur bedingt – die Korruption hat inzwischen unkontrollierte Ausmaßen angenommen. Erst im Dezember 2017 wurden 63 höhere Militärs wegen Korruption verhaftet – Und der Militärstaatsanwalt spricht offen von den großen Problemen im Militär: 1. Begünstigung, 2. Korruption und 3. Schmuggel.

Dass die Korruption auch innerhalb des Staats und seiner kontrollierten Firmen Realität ist, zeigen auch die Festnahmen 65 teils hochrangiger Vertreter aus Politik und Erdölindustrie von Dezember 2017 wegen Korruptionsverdacht. Unter den Inhaftierten befindet sich auch der ehemalige Minister für Erdöl und Energie, Eulogio del Pino, und der Ex-Präsident der staatlichen Erdölgesellschaft PdVSA, Nelson Martínez. Nach Angaben von Generalstaatsanwalt Tarek William Saab bestehen weitere 16 Haftbefehle gegen Funktionäre. (amerika 21 vom 2.12.2017)

Einige Jahre lang veröffentlichte die Regierung keine Zahlen und Statistiken mehr über die wirtschaftliche Lage und Prognosen. Erst jetzt, Mitte Januar 2018 legte die Regierung Venezuelas mit einem Bericht an die US-Börsenaufsicht (SEC) seit langem mal wieder neue offizielle Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes vor. Demnach ist Venezuelas Wirtschaftsleistung 2016 um 16,5 Prozent gesunken.

Bereits in den Jahren zuvor sank das BIP gegenüber dem Vorjahr um 3,9 Prozent (2014) und 6,2 Prozent (2015). Für die Dreijahresperiode 2014-2016 verzeichnete Venezuela einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um rund ein Viertel. Die durchschnittliche Inflation betrug 2016 laut Bericht rund 255 Prozent. Zwischen 2014 und 2016 sanken die Exporte von 74,7 auf 27,4 Milliarden US-Dollar, während die Importe von 47,5 auf 16,4 Milliarden US-Dollar schrumpften.

Im selben Zeitraum halbierten sich Venezuelas Devisenreserven von 22,1 auf rund elf Milliarden USDollar. Zahlen für das Jahr 2017 sind nicht enthalten. Letztendlich gibt die Regierung jetzt in Zahlen zu, was ohnehin alle schon wissen und am eigenen Leib zu spüren bekommen: Die Wirtschaft ist am Boden. Und ein aktueller Bericht der US-amerikanischen Investmentbank Torino Capital zeichnet diese Tendenzen fort. Für 2018 prognostiziert die Bank einen erneute Rückgang des BIP um 2,5 Prozent sowie eine Inflation von über 10.000 Prozent. Der Chefanalyst der Bank, Francisco Rodríguez, schreibt mit Blick auf Venezuela vom „bedeutendsten Abschwung in der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas“. Verantwortlich für die wirtschaftliche Misere ist zum Teil der gesunkene Ölpreis.

Der Verkauf von Erdöl und Erdölprodukten machte zwischen 2012 und 2015 durchschnittlich knapp 96 Prozent der Exporterlöse aus. Doch auch die leichte Erholung der Ölpreise ab 2016 führte nicht zu einem Aufschwung. Stattdessen schrumpften laut dem Regierungsbericht weitere Sektoren der venezolanischen Wirtschaft wie der Bausektor und der Transport sowie Handel, Produktion und Finanzdienstleistungen. (aus einem Bericht des Online Portals amerika 21)

Und die Regierung druckt weiter fleißig Geld, dass aber kaum vorhanden zu sein scheint. So ist es kein Wunder, dass für Bargeld Überweisungssummen mit bis zu 80% Aufschlag gezahlt werden müssen, also für 100.000 Bolívares bar 180.000 Bolívares per Banküberweisung.

Zu 90% wird der Zahlungsverkehr über Punto- und Kreditkarten abgewickelt – nur im privaten Busverkehr und auf Märkten wird mit Cash bezahlt. Neu auf dem Markt gekommen sind diesem Jahr der 10.000, der 20.000 und der 100.000 Bolivar Schein, zum Teil übrigens gedruckt in der Bundesdruckerei in Berlin Kreuzberg. Der meiste vorhandene Schein bleibt jedoch der 100 Bolivar Schein.

Auf einer Fahrt von Barquisimeto nach Caracas kosteste eine Fahrt 30.000 Bolivars (Ende November 2017) und die meisten bezahlen in 100er Scheinen. Also 300 Scheine bei 60 Passagieren, das macht schlappe 18.000 Scheine. Das zählen dauert fast eine Stunde, erst dann verlassen die drei Männer, die das Geld in wahnsinniger Geschwindigkeit durch ihre Hände gleiten ließen und in großen grünschimmernden Plastiktüten verstaut haben, den Bus.

Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Situation war die Veranstaltung in Berlin am 16.Januar 2018 mit Regierungsvertretern Venezuelas (William Castillo, stellvertretender Außenminister Venezuelas, Carolus Wimmer, Internationaler Sekretär der Kommunistischen Partei und Luis Britto García, Essayist und Publizist) wenig aufschlussreich und war im Großen und Ganzen eher eine Propaganda Veranstaltung des Regierungskurses, auf der die 12 großartigen Siege der Maduro- Regierung des Jahres 2017 vorgestellt und abgefeiert wurden. Das wirkte zuweilen geradezu grotesk und absurd. Es klang mehr nach Durchhalten als nach tiefergehender Analyse. William Castillo machte die kapitalistischen Konzerne, die Lebensmittel zurückhalten oder nach

Kolumbien verkaufen würden, die mediale Medienhetze im Ausland und vor allem die USA mit ihren Embargos und Sanktionen gegen Regierungsmitglieder der venezolanischen Regierung für all Auswirkungen der Situation verantwortlich und natürlich den niedrigen Ölpreis, für den die OPEC verantwortlich ist.

Tatsächlich betreibt der derzeitige US-Außenminister mächtig Propaganda gegen das Maduro-Regime. Bei einer Rede in Austin (Texas) vom 1.Februar 2018 zum Putsch des Militärs aufgerufen und Maduro Exil in Kuba vorgeschlagen. (Junge Welt, 3.Februar 2018). Doch die Gründe nur außerhalb Venzuelas zu suchen, und nicht auch in einer selbst zu verantwortbaren Politik, erscheint zu simplifizierend und nicht besonders realitätsnah. So machte die Aussage von Castillo, dass Venezuela, etwa 82 % der Lebensmittel im eigenen Land produzieren würde, doch mehr als stutzig. Wenn das stimmen würde, gäbe es wohl kaum Nahrungsmittelknappheit. Und vor allem: Wo hat er diese Zahlen bloß her ?, sogar in den CLAP-Kisten kommen viele Lebensmittel aus anderen Ländern.

Die CLAP-Lebensmittelpakete, in denen viele im Ausland produzierte Waren zu finden sind, werden millionenfach an die Bevölkerung zu einem manchmal um 40% unter dem spekulativen Marktpreis liegenden Preis verkauft. Doch die Verteilung ist ist nicht flächendeckend und gleichermaßen gerecht organisiert. Einige Stadtviertel (Barrios), Regionen oder regierungsfreundliche Orte erhalten öfter Pakete als andere. Die Verteilung organisieren die Regierungs- und Parteistrukturen und es gibt etliche Hinweise und Klagen, dass aus politischen Gründen manche bevorzugt und andere benachteiligt werden. Nicht wenige nutzen dass Verteilungsmonopol auch für persönliche Bereicherung und Klientelismus. Und auffällig die hoch frequentierte Verteilung kurz vor den Wahlen als populistische Propagandawerkzeug und nicht wenige lassen sich davon beeinflussen und wählen dann die Maduro- Regierung. Der ursprünglich von der Regierungsparteipartei als Mitgliederschätzung eingeführte und nun von allen Behörden für staatliche Hilfsleistungen geforderte Vaterlandsausweis – Carnet de la Patria – fügt dem ein weiteres Element sozialer Diskriminierung bei.

Trotzdem gab es auch kritische Töne an diesem Diskussions- Abend . Luis Britto García meinte, dass die gesamte Lebensmittelindustrie und Einfuhr nationalisiert werden müsse. Der Vertreter der PCV fordert die Verstaatlichung der gesamten Produktionsmittel im Land, während der Außenminister das Recht auf Privateigentum, auch der Produktionsmittel verteidigte.

Carolus Wimmer betonte auf dem Podium die Einheit, in der Vergangenheit äußerte er sich durchaus kritischer, so etwa in einem Interview in der online Zeitung trend, als er auf die Frage „Welche Fehler haben aus deiner Sicht die Linken gemacht? antwortete: „Der größte ist, dass zunächst Chavez und nun Maduro unser jetziges System ein sozialistisches nennen, obwohl Arbeiter ausgebeutet werden und Kapitalisten begünstigt.“ Zumindest hat man an dem Abend das erste Mal einen Widerspruch deutlich gesehen.

Dass „in der Partei reformistische Strömungen die Oberhand gewonnen haben, die eine kapitalistische Modernisierung anstreben, ist auch die Meinung von Eduardo Samán, ehemaliger Handelsminister der Regierung Chavez und 2017 aus der PSUV ausgetreten war und nun 2017 bei de Kommunalwahlen als als linker Kandidat in Caracas, unterstützt von der PPT und PCV gegen die Kandidatin der Regierung angetreten war.

So erklärt er, dass „in der Verfassunggebenden Versammlung wird derzeit zum Beispiel über ein Gesetz diskutiert, das ausländischen Investoren Anreize bieten soll, ohne dass bisher nähere Details bekannt sind“. Er „glaube hingegen an einen Sozialismus von unten, einen Sozialismus der Arbeiterinnen und Arbeiter. Innerhalb der Regierungspartei PSUV hätten sie schlicht Angst davor, dass sich eine neue linke, marxistische Referenz innerhalb des Chavismus herausbildet.

In Barquisimeto besuchten wir derweil das Gesundheitszentrum CICS (Centro Integral Cooperativo de Salud), eine Art Poliklinik, eine von 6 Gesundheitsstationen, und das Beerdigungsinstitut von Cecosesola. Das Gesundheitszentrum wurde 2009 fertig gestellt mit eigenen Mitteln finanziert, von mehr als 6000 Familien, die Mitglieder bei Cecosesola sind und regelmäßige Beiträge zahlen.

Besonders interessant ist auch der ganzheitliche Ansatz:

Das heisst, dass Erholung, Gesundheitserziehung (Bildung), Vorbeugung, Heilung und Rehabilitation einen gleichberechtigten Stellenwert besitzen. So gibt es folgerichtig neben Bereichen der klassischen Medizin auch Behandlungsmethoden der alternativen Medizin wie Akupunktur und einer eine Reihe von weiteren Alternativtherapien.

Man vertritt die Auffassung, dass die hauptsächlichen Ursachen von Krankheit und Sterben in unseren gegenwärtigen Lebensstilen und der Art und Weise wie in kapitalistischen Bedingungen gelebt wird läge. Die vorherrschende Strukturen würden aus der Gesundheit eine Ware machen und der die Entfremdung vom körpereigenen Gesundungs-und Heilungspotenzial nehme zu. Wöchentlich finden etliche Treffen statt, an denen auch die ÄrztInnen teilnehmen. Gemeinsam werden alle Belange diskutiert – und natürlich wirkt die schwierige wirtschaftliche Situation sich auch auf das Gesundheitswesen aus. Es herrscht ein Mangel an Antibiotika, Anästhesiestoffen oder sogar Nahtmaterialien.

Die Embargos, die steigende Inflation, die Medikamente ständig verteuert aber auch die bürokratische Politik des Staates, der Medikamente aus anderen Ländern oder von unabhängigen Gruppen kaum oder nicht ins Land lässt, erschwert und verschärft die prekäre Gesamtlage. Die sicherste Methode Medikamente ins Land zu bringen, ist zur Zeit, es privat im Koffer mit zu transportieren. Im Kollektiv geführtem Beerdigungsinstitut herrscht Galgenhumor, denn so Felipe, „Krise hin oder her – Sterben werden wir alle – früher oder später“. Der Service wird allen angeboten, aber tausende Mitglieder zahlen kleine wöchentliche Beiträge (800 Bolivares) und wenn sie dann oder eines ihrer Familienmitglieder stirbt, dann gibt es die Beerdigung gratis. Ansonsten kostete bei unserer Visite im November 2017 eine Beerdigung an die 1,5 Millionen Bolivares.

Holz ist zu teuer und die Särge werden inzwischen aus einem sehr leichtem Aluminium ähnlichen Material gefertigt. Auch wird die Feuerbestattung über eine andere Firma mit angeboten, eigene Krematorien besitzen sie nicht, aber es gibt Überlegungen, welche zu kaufen, denn diese Bestattungsart ist kostengünstiger. Der Tod macht vor niemandem halt, die Lage ist ernst, angesichts der andauernden politischen und ökonomischen Krise.

Gerade das Beispiel von Cecosesola zeigt, dass die Selbstverwaltung, die eigenständige Organisierung, das kollektive Arbeiten und Wirtschaften, die horizontale Entscheidungsstrukturen, ein möglichen Weg weisen, das Leben selbst in die Hände zu nehmen und ein anderes Gesellschaftsmodell zu entwickeln – unabhängig vom paternalistischen Staat.

Allerdings sind sich die Kooperativstas auch einig darin, dass sie nicht außerhalb des kapitalistischen Systems und der staatlich gelenkten Preis- und Währungspolitik agieren. Auch sie sind abhängig von den Preisen de Marktes, wenn sie Nahrungsmittel, die sie auf dem Markt weiterverkaufen, erwerben, wenn sie Medikamente brauchen oder Material für Särge kaufen und vieles mehr. Sie sind abhängig von der Währungspolitik , der Inflation, dem Tauschwert ihrer angebotenen Waren oder Produkte und ihren Dienstleistungen und natürlich von der reellen Kaufkraft und Existenz von importierten Produkten.

Dennoch erscheint Cecosesola als eines der wenigen positiven Beispiele, durch ihre Selbstorganisierung der umgreifenden Resignation und der Hoffnungslosigkeit etwas entgegen zu setzen.

Adelante …

Alle Namen* in dem Artikel sind geändert.

Der Artikel entstand nach einer Reise im Oktober und November 2017 in Venezuela.

Verfasst für FreieSicht.org

http://freiesicht.org/2018/50-jahre-kooperative-cecosesola-in-venezuela-andrej-kruchat/

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