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Geschichte, Kultur

Verteidigung Lenins

von Norbert Nelte

Zum 100. Jahrestag der Oktoberevolution mit der Führung der Bolschewiken unter Lenin häufen sich die Angriffe auf Lenin zuerst von dem Staat und seinen Hofmedien. Dieser Angriff ist klar, denn Lenin hat ihnen ihre Privilegien und Ausbeutungsmechanismen entrissen.

Auch der Angriff der Anarchisten ist klar, denn sie wollen gleich ohne Übergang in das Schlaraffenland. Die Zentristen haben keine Eier und auch viele Trotzkisten nicht, angefangen bei der ISL

Dabei war Lenin das Gegenteil von dem blutfressenden Ungeheuer, als das er immer dargestellt wird. Was von allen falsch dargestellt wird, er wollte keine Diktatur, sondern wie er in den Aprilthesen schreibt, das Gegenteil: einen basisdemokratischen Communestaat, wo in den Räten die Wähler entscheiden und der Abgeordnete seine mehrheitliche Entscheidungen auszuführen hat, ohne Wenn und Aber.. Wie Marx in der „Geschichte der Französischen Revolution“ schreibt „3. Die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die bestimmten Instruktionen ihrer Wähler gebunden sein…“. Also, die Instruktionen kommen vom Wähler, nicht von Merkel bzw. ihrem Soros-Berater, also von ganz ganz oben, dem lieben Gott, alias Baron Rothschild, wie in unserer bürgerlichen Demokrapipi.

Lenin hatte nur halb so viele Gefangene gehabt, wie beim Zar. 1927 schrieb die  offizielle, für Gefängnisangelegenheiten zuständige Behörde:

»Die Ausbeutung der Gefängnisarbeit, das System, goldenen Schweiß, aus ihr herauszupressen, die Organisation der Produktion in Haftstätten, die wohl aus kommerzieller Sicht  heraus  profitabel  sein  mag, verfehlt den  eigentlichen Sinn der Haft, sie ist in sowjetischen Haftanstalten völlig unangebracht.« nach Cliff., Staatskapitalismus, S. 18

Bei Lenin gab es also noch keine Gefängnisarbeit, einfach weil Lenin sie noch verboten hatte, sie war unsinnig, „völlig unangebracht“, Es gab also noch kein ökonomisches Interesse auf möglichst viel Gefangene. Bis 1927 gab es in dem Riesenrussland nur 30.000 Gefangene.

„Zu  dieser  Zeit  entsprach  der  Wert  der  gesamten  Produktion  aller  Gefangenen  nur einem kleinen Prozentsatz ihrer Lebenshaltungskosten.“ (Cliff, Staatskapitalismus, S. 18)

Das änderte sich 1928 mit dem 1. arbeiterfeindlichen 5 Jahres Plan schlagartig
“Aus den verfügbaren Unterlagen folgert Dallin, dass 1931 ungefähr 2 Millionen Personen in Arbeitslagern hausten, von 1933-1935 über 5 Millionen und 1942 zwischen 8 und 15 Millionen. 82“
([Dallin und Nikolaewski, a.a.0., S.54-62.] nach Cliff., S. 19] Von 30.000 auf mindestens 2 Millionen, das sind bald 100 mal mehr, Bei Stalin gab ex auch ein System, dass Gefangene vom Arbeitslager an Produktionsfirmen für Null Lohn vermietet wurden. Ein perfektes Sklaven System. Da musste natürlich die ganze Verbrechens-Bürokraten ein Interesse daran haben, dass es möglichst viel Gefangene gibt.

 Wir können also unmöglich ein Systematik ausmachen, die von Lenin zu Stalin führte, wie manche Verräter-Trotzkisten und anarchistische Blindhühner das unterstellen. Dabei lügen sie sich noch erfundene Geschichten über Lenin hinzu.

Dabei war Lenin eher noch jemand, der manchmal zu sorglos mit Verbrechern umging.

„Es würde genügen, 50 bis 100 Bankmagnaten zu verhaften, die größten Meister im Plündern der Staatskasse und in dunklen Bankgeschäften. Es würde genügen, sie auf einige Wochen festzusetzen, um ihre Machenschaften aufzudecken, um allen Ausgebeuteten zu zeigen, „wer den Krieg braucht“. Sind die Machenschaften der Bankkönige aufgedeckt, so könnte man sie freilassen, nachdem man die Banken und Syndikate der Kapitalisten und alle Unternehmer, die für den Staat „arbeiten“, unter die Kontrolle der Arbeiter gestellt hat.«
(W. I. Lenin: „Über die Volksfeinde“, LW  Bd. 25, Berlin 1972, S. 45)

Genau im Sinn von Sozialismus handelte Lenin, Wir wollen möglichst wenige Gefangene, keine Strafkolonie, sondern ein Paradies.

Bis 1924 konnte die Opposition sich äußern. „Es bestand aber weiter das Recht auf Kritik. Es gab immer noch lebendige Diskussionen, in denen auch von Gruppen die Führung kritisiert wurde. »Selbst nach 1921 wurde das Programm der ‚Arbeiteropposition‘ in einer Auflage von einviertel Million von der Partei selbst gedruckt; zwei Mitglieder der ‚Arbeiteropposition wurden ins Zentralkomitee gewählt. Als sich 1923 die ‚Linke Opposition‘ bildete, konnte sie immerhin noch ihre Ansichten in der ‚Prawda‘ veröffentlichen.« (Chris Harman, „Russland…“, Seite 17)

Soweit stimmt z.B. Mandel (Der ehemalige Führer der GIM-Trotzkisten, jetzt  ISL) noch mit uns überein. Er meint aber, dass die ökonomischen Verhältnisse sich 1922 so verändert hätten, dass die vorübergehenden Notmaßnahmen bereits hätten aufgehoben werden können. Lenin und Trotzki hätten die Ausnahmebedingungen von 1921 verallgemeinert, so dass sie an eine Aufhebung damals nicht gedacht hätten. Beides hält einer genauen Überprüfung nicht stand.

Nur zur Frage der Ökonomie. Durch die Einführung der NEP (Neue Ökonomische Politik – 1921), dem freien Handel für die Bauern, konnte der massenhafte Hunger in der Tat zurückgedrängt werden. Serge berichtete: »Die neue Wirtschaftspolitik erbrachte in wenigen Monaten wunderbare Ergebnisse. Die Milderung des Hungers und der Abbau des Schwarzmarktes wurde von Woche zu Woche fühlbarer.« (V. Serge, Erinnerungen…, Seite 167)  Das Bruttosozialprodukt stieg: »Der Bruttoertrag sämtlicher Zweige unserer Wirtschaft betrug im Jahre 1921 nicht ganz 4½ Milliarden Goldrubel, im Jahre 1922 5 1/3 Milliarden.« (Leo Trotzki, „Referat des Genossen Trotzki über die russische Industrie“ aus: „Die Linke Opposition“, Band I, Westberlin 1976, Seite 110) Also Lenin hatte die Hungerbedingungen nicht verallgemeinert, sondern mit der NEP-Politik die Hoffnungslosigkeit beendet.

Und zur demokratischen Frage?

Im November 1923 bereits beschloss das ZK der KP einstimmig, also auch mit Übereinstimmung von Lenin und Trotzki, eine Resolution zur Normalisierung des Aufbaus des Sozialismus, in der die Fragen der Demokratisierung breiten Platz einnahm:

»Die negativen Erscheinungen der letzten Monate sowohl im Leben der gesamten Arbeiterklasse wie auch innerhalb der Partei führen notwendigerweise zu der Schlussfolgerung, dass sowohl im Interesse des erfolgreichen Kampfes der Partei gegen die Einflüsse der neuen Wirtschaftspolitik wie auch im Interesse der Steigerung  ihrer Kampffähigkeit auf allen Arbeitsgebieten ein ernster Wechsel des Parteikurses erforderlich ist, und zwar in der Richtung der wirklichen und systematischen Durchführung der Prinzipien der Arbeiterdemokratie.« (Die Linke Opposition, Resolution des ZK und der Zentralen Kontrollkommission der KP Russland  Über den Parteiaufbau, S. 2258)

Die ganzen Kritiker Lenins wollen die revolutionären Linken weg von der basisdemokratischen Räterepublik treiben in die Visions- und Trostlosigkeit. Das Problem 1917 war natürlich die Schwäche und Unterentwicklung Russlands und der niedrige Anteil der Arbeiterklasse von 4,5%, nach dem Bürgerkrieg 1,5%, wie in Afghanistan. Das wusste auch Lenin und Trotzki.

»Eine  solche  revolutionäre  Diktatur  kann  nur  stabil sein…, wenn sie sich auf eine große Mehrheit der Bevölkerung stützt. Das russische Proletariat stellt heute eine Minderheit in der russischen Bevölkerung dar.« (Lenin, W.I.: (Lenin Werke (LW), Bd. 8, Berlin 1984, S.284)

Sie erhofften sich deshalb genau nach dem marxistischen Prinzip, dass sie Hilfe einer europäischen Revolution bekommen.

Dann wurde Russland von 18 imperialistischen Staaten überfallen. Die sind an der Hungersnot Schuld.

Aber mit der Hoffnung auf Europa haben sie die Revolution in Russland nur durchgeführt. Russland könnte ein Fanal sein für die europäische Arbeiterklasse. Karl Retzlaw trifft Leo Trotzki in Paris und berichtet von der Diskussion mit ihm: „Ich stimmte Trotzki in seinen Feststellungen, dass im Jahre 1923 in Deutschland die Entscheidung für die Entwicklung zum Nazismus gefallen war, zu, nicht aber darin, dass ein Sieg der Revolution im Herbst 1923 möglich gewesen war.“ (Karl Retzlaw: Spartacus, S. 499)

Hier muss ich Karl Retzlaw unbedingt Recht geben. Die deutsche Arbeiterklasse hätte noch lange keine Chance gehabt, eine Revolution durchzuführen. Jedes System „kann man nicht willkürlich“ stürzen, es muss erst „seine historische Mission erfüllen, kraftlos werden und vergehen“, bevor es gestürzt werden kann. Das sind Trotzkis eigene Worte und Engels fügte dem hinzu:

»Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft dieser Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert … Er findet sich notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei, und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muss im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen und seine eigene Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, dass die Interessen jener fremden Klasse ihre eigenen sind. Wer in diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren.« (Friedrich. Engels: „Der deutsche Bauernkrieg“, MEW 7, Berlin 1960, S. 400)

Rosa Luxemburg wird noch klarer:
In ihrer Schrift „Sozialreform oder Revolution?“ äußert sie sich ganz unmissverständlich:
„Ohne Zusammenbruch des Kapitalismus ist die Expropriation der Kapitalistenklasse unmöglich“ (Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, S. 42)

Der Kapitalismus in Deutschland ist spätesten erst 1982 zusammengebrochen, weil ab da die Reallöhne nicht mehr erhöht wurden, in US-Amerika schon ab 1970.

Für Lenin und Trotzkis falsche Hoffnung kann man ihnen keinen Vorwurf machen, alle Marxisten hatten bis 1982 die Illusion gehabt, Retzlaw selber hatte ja noch 1919 im Berliner Druckereiviertel die Herausforderung mit dem Kapitalismus gesucht. Heute würde man allgemein das als abenteuerlich bezeichnen. Aber durch Lenin und Trotzkis Illusionen haben wir wenigstens wertvolle taktische, strategische und theoretische weitere marxistische Schriften erhalten, die in unseren Bibliotheken wichtige Wegweiser sein werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Verteidigung Lenins

  1. Alle Achtung, dass Norbert Nelte eine Lanze für Lenin bricht.
    Genau darum bemühe ich mich kontinuierlich in meinem Blog.
    https://opablog.net/?s=Lenin
    Gruß!

    Gefällt mir

    Verfasst von kranich05 | 28. November 2017, 1:54

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