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Inland, Medien

Die neue Inquisition

von Paul Schreyerhttps://paulschreyer.wordpress.com

Es gibt Journalisten, die bemerkt man kaum, da ihre Beiträge in Inhalt und Form weitgehend im großen Fluss des Mainstreams aufgehen. Man könnte sie als „Dienstleister“ bezeichnen, als politischer Kompass dienen ihnen die Ansichten des jeweiligen Auftraggebers. Andere Kollegen hingegen verursachen Unruhe und Widerspruch mit ihren Recherchen. Sie fragen nach, decken auf und erhalten am Ende, wenn es gut geht, einen angesehenen Journalistenpreis für ihre Arbeit. In der Branche werden sie hoch geschätzt. Dennoch (oder vielleicht deswegen?) würden sie nie auf die Idee kommen, die herrschenden Ansichten zu bestimmten grundlegenden Themen zu hinterfragen, etwa zu 9/11, der Geopolitik der NATO oder dem Geldsystem. Sie sind zwar kritisch, im Zweifel aber staatstragend.

Und dann gibt es noch Medienschaffende, die dem Staat und seinen Institutionen eher kritisch gegenüber stehen. Sie werden oft als Regelbrecher wahrgenommen, maßen sie sich doch eine Freiheit an, die gefährlich scheint, die alles durcheinander zu bringen droht, die ganze Ordnung und Sicherheit. Da lauern der Populismus und die Verschwörungstheorien. Den staatstragenden Journalisten verursachen solche Kollegen ein großes Unbehagen, vielleicht auch eine Art Phantomschmerz.

Matthias Holland-Letz, Jahrgang 1961, arbeitet viel für den Mainstream. Er macht Fernseh- und Radiobeiträge für den WDR, den SWR und den Deutschlandfunk. Er hat ein kritisches Buch über die gesellschaftliche Rolle von reichen Stiftungen wie Bertelsmann geschrieben. Kein Verlag wollte es drucken, daher veröffentlichte er sein Buch privat selbst. Der Autor weiß also aus persönlicher Erfahrung, dass kritischer Journalismus in unserer Gesellschaft nicht immer honoriert wird.

Aber er ist auch ein bisschen staatstragend. Eine Branchenkritik, so wie sie in Jens Wernickes aktuellem Bestseller „Lügen die Medien?“ formuliert wird, geht Holland-Letz in Teilen entschieden zu weit. Er besprach das Buch daher kritisch zunächst im Online-Magazin Carta, dann, mit überarbeitetem Text, im Neuen Deutschland. Dort rügte er insbesondere einige der beteiligten Autoren und deren Kontakte. In seiner Rezension heißt es zum Beispiel zu Daniele Ganser: „Ganser lässt sich gerne von KenFM einladen, dem Webangebot des umstrittenen Ex-Radiomoderators Ken Jebsen.“ Holland-Letz entdeckte bei seinen Recherchen im Internet bald ein großes und höchst dubioses Netzwerk:

„Neben Daniele Ganser treten drei weitere Autoren von »Lügen die Medien?« bei KenFM auf. Dazu zählt der Kieler Psychologie-Professor Rainer Mausfeld. Daniele Ganser, Jens Wernicke und Ken Jebsen veröffentlichen zudem auf free21.org, einem weiteren »alternativen spendenfinanzierten Medienprojekt«. Free 21 präsentiert sich als links und aufklärerisch. Doch finden sich hier Texte, die »Das Strahlungskartell« heißen (es geht um vermeintliche Gefahren des Mobilfunks) oder »Wer lockt mit Twitter Flüchtlinge nach Deutschland?«. Seriöse Autoren neben zweifelhaften Thesen, Verständnis für Rechtspopulisten und dubiosen Empfehlungen: Wahrlich eine krude Mischung, verpackt als »Medienkritik-Kompendium«.“

Fazit also: Finger weg von einer so unseriösen Mischung von Leuten, die sich irgendwie schwer durchschaubar alle auch noch gegenseitig unterstützen.

Nun hat Holland-Letz von der Fachzeitschrift „Journalist“ den Auftrag erhalten, Ken Jebsen, offenbar ein Zentrum dieser Szene, näher unter die Lupe zu nehmen und ein Porträt dieses Mannes und seines Medienkanals zu verfassen. Im Zuge seiner Recherchen schrieb er diese Woche auch mich an. Ende 2016 hatte ich ein Interviewbuch von Mathias Bröckers mit Ken Jebsen positiv auf den NachDenkSeiten rezensiert. Dazu fragt Holland-Letz mich nun, knapp ein Jahr später:

1. Sie verzichten in dieser Rezension weitgehend darauf, Kritik am Inhalt des Buches, an der Qualität der Interviewfragen und an der Haltung des Buchautors Mathias Bröckers gegenüber Herrn Jebsen zu üben. Warum?

2. Sie waren wiederholt als Interviewpartner bei KenFM zu Gast und hatten dort Gelegenheit, sich als Journalist und Buchautor zu präsentieren. Das könnte zum Eindruck führen, dass Ihre journalistische Unabhängigkeit gegenüber Herrn Jebsen eingeschränkt ist. Was sagen Sie dazu?

3. Ken Jebsen und Sie werden vom Online-Magazin free21 als Autoren von free21 genannt. Welche weiteren Berührungspunkte gibt es zwischen Ihnen und Herrn Jebsen?

Oha! Wie der Leser bemerken wird, schwingt hier zwischen den Zeilen so einiges mit. Man spürt den investigativen Ehrgeiz und die Unnachgiebigkeit eines unbestechlichen Rechercheurs bzw. Untersuchungsrichters, zum anderen aber auch eine deutliche Missbilligung: Wie kann ein Journalist ein so fragwürdiges Buch, wie das von Bröckers und Jebsen einfach kritiklos loben? Und vor allem: Warum?

In Ermangelung konkreterer Erläuterungen der mutmaßlichen Fragwürdigkeit des Buches ließe sich eine solche Frage mit einem knappen: Warum nicht? parieren. Doch das wäre dem Ernst der nun eingeleiteten Ermittlungen wohl kaum angemessen. Denn wir wissen ja im Grunde alle, was hier gemeint ist und worum es geht. Niemand muss sich naiv stellen, der Fall ist klar: Schreyer hat Kontakt zu Jebsen, unterstützt ihn sogar und wer weiß, was noch alles … Höchste Zeit für einen journalistischen Staatsanwalt, der dem trüben Treiben endlich auf den Grund geht!

Die Frage von Holland-Letz, warum ich das Buch von Bröckers und Jebsen, insbesondere „die Qualität der Fragen“ und „die Haltung des Autors“ nicht kritisiert hätte, könnte man auch so übersetzen: Die Haltung und Qualität dieses unmöglichen Buches hätten Sie, Herr Schreyer, kritisieren MÜSSEN! Das sollte wohl klar sein, Herr Schreyer, das wissen wir beide. Als fairer Journalist gebe ich, Matthias Holland-Letz, Ihnen aber gleichwohl die Chance, noch nachträglich Stellung zu nehmen und sich vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Für die Ermittlungsakten daher hier nun meine Antwort an den Herrn Kollegen:

zu 1.: Ich halte wenig davon, Journalisten, die mutiger als andere auf grundlegende Mängel, Fehlentwicklungen und Rechtsbrüche in der Gesellschaft hinweisen, in einer Weise zu kritisieren, die ihre weitere Ausgrenzung fördert. Ich bin für Vielfalt, nicht für Einfalt. Dazu am Rande bemerkt, nur als ein Beispiel unter vielen: Warum verzichtet der Mainstream seit 16 Jahren auf eine kritische Betrachtung von 9/11? Weshalb werden Abweichler immer ganz schnell „Verschwörungstheoretiker“ genannt? Wovor eigentlich die große Angst? Weshalb ist allein ein Minikanal wie KenFM willens, eine aufwändige Diskussions-Sendung zum Thema zu produzieren? Warum schafft die ARD so etwas eigentlich nicht? Und wieso wird allerorten zwar lautstark Donald Trump kritisiert, aber kaum irgendwo im Mainstream die Geopolitik der NATO? Was ist da los? Weshalb ist Jebsen-Bashing so viel verbreiteter als NATO-Kritik? Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Und worum geht es hier eigentlich? Ist der kritische Blick auf Alternativmedien wirklich noch aufklärerisch oder nicht schon längst hochgradig opportunistisch?

zu 2.: Den Spieß könnte man auch umdrehen. Ich plagiiere mal den Fragesteller: Herr Holland-Letz, Sie haben wiederholt für Mainstream-Medien gearbeitet und hatten dort Gelegenheit, sich als Journalist und Buchautor zu präsentieren. Das könnte zum Eindruck führen, dass Ihre journalistische Unabhängigkeit gegenüber den Mainstream-Medien eingeschränkt ist. Was sagen Sie dazu? Und warum kritisieren Sie eigentlich nie Tom Buhrow und Jörg Schönenborn, die Chefs des WDR, für den sie auch arbeiten?

zu 3.: Zu den „weiteren Berührungspunkten“ zwischen Jebsen und mir muss ich leider passen. Wir essen beide gern beim Italiener und lesen auch beide ziemlich viel, soweit ich weiß. Das war´s aber im Wesentlichen auch schon. Ich unterstütze ihn nicht, weil ich in seine Sendungen eingeladen werde, sondern umgekehrt wird ein Schuh daraus: Weil unsere politischen Ansichten sich in vielen Punkten ähneln, finden wir auch vor der Kamera zusammen. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk mich einlädt, komme ich auch. Seit meinem Auftritt bei Phoenix 2014 hat sich der Sender aber nicht mehr bei mir gemeldet. Hmm. Na sowas. Woran könnte das wohl liegen?

Schließlich: Nur weil ich bei KenFM auftrete, muss ich deswegen noch nicht alles unterschreiben, was auf dem Kanal sonst läuft. Warum auch? Niemand braucht alle Artikel in einer Zeitung zu mögen, um sie zu abonnieren und keiner muss sämtliche Beschlüsse einer Partei unterstützen, um sie zu wählen. Also: Welcher Anspruch wird hier eigentlich angelegt? Offenbar einer, dem die neuen Inquisitoren selbst nicht gerecht werden können. Oder will Holland-Letz sich zukünftig für sämtliche Aussagen und Ansichten der Intendanten und Chefredakteure der Sender, für die er arbeitet, in Haftung nehmen lassen? Wohl kaum.

Die Sache mit den „Berührungspunkten“ schließlich hat schon ein leichtes Flair von Inquisition und McCarthy: „Waren Sie jemals Mitglied der kommunistischen Partei?“ etc. Irgendwie ist man diese Debatten langsam leid. Der neue kalte Krieg sollte dringend aufhören – gerade auch in den Medien. Also Kollegen, spitzt die Bleistifte und fangt endlich an mit echter Herrschaftskritik. Die ist nicht so billig zu haben wie ein kritisches Stück über „dubiose“ Alternativmedien und bekommt auch nicht so einfach einen Sendeplatz im Mainstream. Aber, hey, versucht´s doch einfach mal! Vielleicht ja im Interesse der Meinungsvielfalt – und der Demokratie?

https://paulschreyer.wordpress.com/2017/10/31/die-neue-inquisition/

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