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Ausland, Naher Osten

Ein Arzt berichtet aus Jemen

von Adrian Rossi – https://einarschlereth.blogspot.de

Bild: Nach einem Bombenangriff in Sanaa (Weltkulturerbe) im Interesse der USA.

Ich will damit beginnen zu sagen, dass ich keine besonders sentimentale Person bin. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich noch nicht den Grad an gefühlsmäßiger Reife erreicht habe, dass ich offen zugeben kann, verwundbar zu sein. Dieser Beitrag wird etwas davon zeigen in der Hoffnung, dass ich all jenen einen flüchtigen Blick von der furchtbaren Erfahrung bieten kann, die das Volk im Jemen täglich erlebt, auf gefühlsmäßiger und psychologischer Basis.

Ich verlor meine Eltern in Angola,als ich sieben Jahre alt war. Ich wurde Zeuge, wie sie in den Kopf geschossen wurden und dann in einem Massengrab verbrannt wurden. Ihr Tod kam so plötzlich, dass ihre Augen noch offen standen. Als ich sie ansah in diesem jungen Alter, erinnere ich mich, dass ich dachte, dass sie vielleicht noch lebten und den Schmerz fühlen konnten. Das Meiste ist unscharf und es kommt ab und zu in Erinnerung. Was ich am besten erinnere ist, dass ich dachte, dass ich hinterher springen müsse, um sie herauszuziehen. Das ist die Art Erfahrung, die Psychiater das Human Devastation Syndrome nennen, da posttraumatische Belastungsstörung und damit verwandt die komplexe posttraumatische Belastungsstörung nicht wirklich derlei Traumata wiedergeben. Ich verbrachte etwa 9 Monate in einer Hölle in Angola, die Kinderheim genannt wurde und dann noch ein Jahr in meiner Heimat. Es sind 34 Jahre vergangen und ich bin immer noch nicht ganz geheilt von diesem Erlebnis.

Millionen Kinder leben in Jemen in einer humanitären Krise. Viele sind vom Hungertod bedroht. Manche sterben an Cholera und anderen Krankheiten.
Im Laufe der vergangen zwei Tage verloren wir 15 Menschen an Cholera. Acht von ihnen waren Kinder. Im Laufe von einigen Monaten habe ich Dinge gesehen und erlebt, wie Kinder zwischen 5 Monaten und 10 Jahren aus den Ruinen ausgegraben wurden – die meisten kommen stückweise heraus oder mit leeren Schädeln. Ich habe menschliche Körper so verdreht und gliederlos, wie man es nicht in den schlimmsten Alpträumen erleben kann. In einem Maße, wie sich Leute, die in der Bibel die Beschreibungen der Hölle lesen, sich nicht vorstellen können. Glieder sind in tausend Stücke zerfetzt, Gesichter sind wie Masken. Bei einer kürzlichen Rettungs-Aktion trat jemand aus Versehen auf etwas, was ein Kopf zu sein schien, was aber wie eine Silikonmaske reagierte. Das waren die Schäden, die von saudischen Flugzeugen verursacht wurden, die in der Hauptsache von den USA und England gekauft werden. Als Arzt ist der menschliche Körper für mich heilig. Dasselbe gilt für das Leben. All dies mehrere Monate lang zu sehen, verursachte, dass ich sehr nahe an einem totalen Zusammenbruch war, und ich bin ein erwachsener Mensch, der ähnliche Erlebnisse schon früher hatte.

Ende August sah ich ein Kind. Seine Eltern waren getötet worden in einem der schlimmsten Angriffe seit mehreren Monaten. Es suchte nach seinen Eltern in den Trümmern und fand das rechte Bein seines Vaters und Gedärme mehr als 100 Meter von dem Bombeneinschlag. Es erkannte den Vater wieder an der Farbe seiner Schuhe und der Hosen. Sein Kopf und verbliebenen Glieder waren über die Teile verstreut, die mal ihr Haus gewesen waren. Er war katatonisch. Für das bloße Auge schien er von dem Ganzen nicht berührt zu sein. Die gefährliche Wahrheit war, dass sein Gehirn ihn schützte, indem es den „Schock“-Knopf drückte. Ein so tiefer Schock, dass es überhaupt nicht reagieren konnte. Es konnte nicht weinen, es konnte nicht schreien. Das war zu viel, als dass es sein  kleines Herz und Verstand aufnehmen konnte.

Es bekam den Luxus einer Behandlung.

Als ich dieses Kind anschaute, hatte ich das Gefühl, als wäre ich selbst es gewesen, als ich in dem Alter war. Plötzlich verstand ich, dass es traumatisiert worden war für sein ganzes Leben. Für ihn wird es kein Entkommen geben vom Schrecken, dem Schmerz, der Raserei, der Gefühlsarmut, der Furcht und der allgemeinen Leere. Es war ein Gefühl, als wäre ein Berg aus dem Boden gewachsen, den es versuchte zu erklettern für den Rest seines Lebens ohne alle Hilfsmittel. Keine wirkliche Hilfe. Niemanden, der sich wirklich kümmert. Es war ein Gefühl, als wäre ein Lastwagen über mich gefahren. In dem Moment wollte ich nur noch sterben.

Es passiert etwas, wenn ein Trauma dieser Größenordnung eintritt. Irgendetwas in dir selbst geht in Stücke, was nicht repariert werden kann. Ein so großer Bruch, dass man niemals feststellen kann, wo überall der Schaden angerichtet wurde. Für dein Leben. Das verschwindet niemals. Das ist einfach eine offene Wunde, die man versucht, mit kleinen Pflasterchen zuzudecken, die immer Löcher zurücklassen, durch die der Schrecken schaut. Verwundungen dieser Art sind ein großes Problem. Schon die bloße Möglichkeit versetzt einen in Schrecken und verwundet.

Sogar als Erwachsener hast du Augenblicke, wo das Kind in dir auftaucht ohne deine Erlaubnis und das Kind hat Angst wie eh und je. Das kann jeden Moment passieren und plötzlich hat man keine Kontrolle mehr über sein erwachsenes Leben. Zuneigung wird ein Problem. Zu atmen wird zu einer unüberwindlichen Anstrengung. All dies zu steuern – aber besonders die Raserei und der Schmerz überdeckt alle anderen Aspekte deines Lebens. Und so wird dein ganzes Leben und hinterlässt nur wenig oder keinen Platz, um wirklich zu leben. Und das unter den best möglichen Verhältnissen, wo Therapie und eine Form von Hilfe leicht zugänglich ist.

Ich weiß ganz genau, dass dieses Kind nichts davon erhalten wird, denn die Eltern waren seine einzige Familie. In einem vom Krieg verwüsteten Land, wo alle westlichen Länder ihren kleinen Gewinn auf seine und die Körperteile und Blut seiner Eltern Kosten ziehen, wird niemand ihm die Chance geben, eine Therapie zu bekommen; und noch viel weniger ein neues Leben. Das wahrscheinlichste Szenario für es und hunderttausende andere Kinder in diesem Augenblick wird der Tod sein, entweder durch Hunger, Cholera oder einen weiteren Luftangriff.

Niemand wird jemals seinen Namen wissen. Niemand will wissen, ob er überhaupt existiert. Er ist einfach nur ein weiteres Opfer eines „Bürgerkriegs“, wo die Leute im Westen schnell weiterblättern.

Dies. Ist. Jemen.

Und dies ist, was Saudiarabien und seine Alliierten, die regionalen und die internationalen, ihm antun.

Und den Menschen in ihm.

Quelle – källa – source

https://einarschlereth.blogspot.de/2017/10/ein-arzt-berichtet-aus-jemen.html

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