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Ausland, Naher Osten

Die Auflösung des Rätsels um das (ölige) Luftschloss der irakischen Kurden

von Pepe Escobarhttp://www.theblogcat.de

Masoud Barzani hat zu hoch gepokert – keine Regionalmacht wird der Teilung des Irak zustimmen

Der gerissene Clan-Chef Masoud Barzani, Präsident der kurdischen Regionalregierung (KRG), hat verkündet, dass das „Ja“ beim nicht verbindlichen Unabhängigkeitsreferendum am Montag gesiegt hat. Jetzt wo die Zeigefinger mit der dokumentenechten blauen Tinte aus dem Weg sind, kann die echte Schlacht zwischen der KRG und Bagdad beginnen. Der irakische Premierminister Haider al-Abadi und der Oberste Gerichtshof des Irak haben das Referendum als „verfassungswidrig“ bezeichnet.

Etwa 22% der irakischen Bevölkerung von 32 Millionen sind Kurden. Sie sind zumeist sunnitisch und sprechen eine indoeuropäische Sprache, die mit Farsi verwandt ist. Die irakischen Kurden genießen eine bedeutende Autonomie, seit Daddy Bush 1991 nach der Operation Desert Storm über dem Nordirak eine Flugverbotszone einrichtete. Sie haben bei Shock and Awe 2003 mitgeholfen und die Peshmerga (das stehende Heer der irakischen Kurden) sind de facto US-Alliierte, die nach dem Kollaps der irakischen Armee und der verlogenen Eroberung Mosuls durch das Kalifat 2014 den Islamischen Staat bekämpfen – mit US-Luftunterstützung. Ihre Abspaltungsträume vom Irak stehen seit fast drei Jahrzehnten auf der Tagesordnung.

Dennoch ist die KRG nicht auf weichen Bergblumen gebettet. Der entscheidende Riss besteht zwischen Erbil und Sulaimaniya, Erbil, das auf Stämmen beruht, wird vom Barzani-Clan regiert. Sulaimaniya, das wesentlich kultivierter ist, wird von Talibani-Clan regiert, und dessen Patriotische Union Kurdistans (PUK) hat enge Beziehungen zum Iran. Masoud Barzani wird in Sulaimaniya nur als ein grober Opportunist angesehen.

Das Referendum wurde in den drei KRG-Provinzen abgehalten – Erbil, Sulaimaniya und Dohuk – aber auch, und das ist wichtig, in dem ultimativen Pulverfass-Gouvernat Kirkuk, dem Ölmekka des Nordirak, das aus einer gemischten Bevölkerung aus Kurden, Arabern (Sunni und Schia) und Turkmenen.

Barzanis Timing war extrem schlau. Seit 2014 sind mehr als drei Millionen Nicht-Kurden aus Kirkuk und Umgebung geflohen und machten sich auf den Weg in die Türkei und nach Syrien, da Barzani mit den Kampf gegen ISIS die Provinz annektieren konnte und seine eigene „sanfte“ Art der ethnischen Säuberung durchführen konnte. (Anm.d.Ü.: Thilo Jung könnte mal den Vertreter der Bundeswehr in der PK dazu befragen, warum die Bundesregierung so etwas mit Waffenlieferungen und Ausbildung der Peshmerga unterstützt – ach so, geht ja nur um den Kampf gegen den IS, schon klar…)

Es geht ums Öl, Dummkopf

Die Kurden stellen auch 20% der türkischen Bevölkerung von 75 Millionen. Da sich die Peshmerga nie mit den Kräften in Bagdad angelegt haben, hat sich Ankara nie über die KRG hergemacht. Das Referendum jedoch hat den türkischen Präsidenten Erdogan dazu veranlasst, den Einsatz dramatisch zu erhöhen. „Unser Militär ist nicht ohne Grund an der Grenze,“ sagte er. „Wir könnten plötzlich eines Nachts da sein.“

Dieses Klopfen an der Tür bringt uns zum Allerheiligsten: dem Erdöl. Wie Erdogan betonte: „Schauen wir mal, über welche Kanäle die Regionalregierung im Nordirak sein Öl verschicken wird oder wo sie es verkaufen werden. Wir besitzen den Hahn. Und wenn wir den Hahn zudrehen, dann ist es vorbei.“

Erdogan hat sicher nachgerechnet, wie eine unabhängige KRG unter einer Drohung aus Ankara überleben könnte, mit einem Ölpreis unter $60 pro Fass und unter dem Gewicht ihrer eigenen Militärausgaben, Korruption und Inkompetenz.

Nawzad Adham, der Generaldirektor des Handels- und Industrieministeriums der KRG beziffert die Geschäfte mit der Türkei und dem Iran auf über $10 Mrd. pro Jahr. Die KRG muss nicht weniger als 95% ihrer Agrargüter aus der Türkei und dem Iran importieren. Und ich wiederhole, die KRG ist für den Export von 550.000 Fass Erdöl pro Tag völlig von Ankara abhängig.

Bagdad betrachtet dies Exporte als völlig illegal. Nach einem Deal mit Exxon Mobil im Oktober 2011 (als der US-Außenminister Rex Tillerson noch Vorstandschef von Exxon war), einen Deal, den Bagdad nicht abgesegnet hat, Hat Total in das Shaikan Ölfeld investiert. Rosneft hat einen Multi-Milliarden-Vertrag zum Bau einer neuen Gaspipeline unterzeichnet – und hätte das sicher nicht ohne Sicherheitsgarantien aus Ankara gemacht. Und auch die britische Gulf Keystone Petroleum mischt sich in das Geschäft ein.

Aber der wahre Königsmacher ist immer noch die türkische BOTAS Petroleum Pipeline Corporation. Und Erdogan hat Recht: es braucht nur einen Zeigefinger, um den Ölfluss zum Mittelmeerhafen in Ceyhan völlig zum Erliegen zu bringen. Erdogans Hauptforderung an die KRG nach dem Referendum ist nicht verhandelbar: keine

Unabhängigkeitserklärung.

Und was ist mit den syrischen Kurden?

Barzani hat groß rumgetönt, dass die „Partnerschaft“ der KRG mit Bagdad vorüber ist. Damit hat er es geschafft, die Tatsache zu verschleiern, dass die KRG die Provinz Kirkuk nur übernehmen konnte, weil die irakische Armee davonlief, als sie im Juni 2014 mit ISIS konfrontiert wurde. Und er hat sogar die ISIS-Besetzung von Mosul gelobt, weil er darin den perfekten Einstieg zu einer Teilung des Irak sah. (Anm.d.Ü.: mehr zu dem irren Barzani Clan in dem erhellenden Artikel auf Moon of Alabama: „Von Israels Gnaden – Der Barzani Clan und die kurdische „Unabhängigkeit“: http://www.moonofalabama.org/2017/09/by-the-grace-of-israel-the-barzani-clan-and-kurdish-independence.html

Mustafa Barzani (der Vater von Masoud) mit einem Oberstleutnant des israelischen Mossad

Dennoch waren es die Iraker – und vor allem schiitische Milizen (die Popular Mobilization Units PMU) – die danach zurückeroberten, was ISIS zuvor eingenommen hatte. Die Kurden kümmerten sich nur darum, das Territorium der KRG zu verteidigen. Und Teheran hat Recht wenn es darauf hinweist, dass eigentlich die Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) die Kurden vor ISIS gerettet haben: die PMUs wurden schließlich von iranischen Beratern aus der Eliteeinheit Quds Force bewaffnet und unterstützt.

Auch wenn die Ölfelder von Kirkuk derzeit von den Peshmerga kontrolliert werden – Barzani wäre nie so dumm, sich wegen Kirkuk auf einen Krieg gegen Bagdad einzulassen, vor allem wenn die PMUs darin verwickelt wären. Das würde aus praktischen Gründen auch Krieg gegen den Iran bedeuten.

Als ob das nicht schon gefährlich genug wäre: man mische noch dazu, was die syrischen Kurden vorhaben. Abdul Kader Hevidili, der stellvertretende Kommandant der von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Streitkräfte SDF schwört, dass die syrischen Kurden Barzanis Streben nach einer totalen Unabhängigkeit voll und ganz unterstützen.

Dadurch ermutigt, dass sie gegenwärtig 25% des syrischen Gebiets kontrollieren und womöglich 40% der Öl- und Gasfelder – wenn sie es schaffen, die Energie-reiche Provinz Deir Ezzor zu halten (was nicht sicher ist) – streben die syrischen Kurden selbst nach einer Föderation, bevor sie es wagen, von einem eigenen Staat zu träumen. Der unvermeidliche – tödliche – Gegenschlag wird eine Allianz Damaskus-Ankara sein, da eine nach Unabhängigkeit strebende Achse aus syrischen Kurden und KRG für Erdogan der Albtraum schlechthin ist.

Somit ist Teheran sowohl mit Bagdad als auch Ankara in dem Wunsch verbunden, eine Teilung des Irak zu verhindern, was der westlichen Achse sehr missfällt.

Barzanis Karten sind eigentlich alles andere als gut. Die einzige echte und praktische Chance der KRG für ein wirtschaftliches Überleben liegt in einem Deal mit Erdogan, damit die Ölexporte ruhig weiterfließen. Aber was Erdogan als Gegenleistung möchte ist völlig undenkbar – dass die KRG die PKK in der Türkei und die YPG in Syrien zwingt, die Füße still zu halten. Für die PKK ist Barzani nichts weiter als ein Gangster.

Also heißt es nicht „Bye Bye, Sykes-Picot“. Weit davon entfernt – selbst wenn sich der Irak weiter aufteilen wird. Bagdad wird eigentlich stärker – als Teil des „4+1“ (Russland, Syrien, Iran, Irak plus Hisbollah), die nach allen praktischen Maßstäben den Krieg in Syrien gewonnen haben. Keiner dieser Teilnehmer – oder die Türkei, die in die Astana-Verhandlungen eingebunden war – will eine Teilung von Syrien oder dem Irak.

Darüber hinaus ist Russland zurück als Militärpartner für den Irak und verkauft „eine große Anzahl“ von T-90-Panzern für eine Milliarde US-Dollar – was zu einer stärkeren irakischen Armee führt, die gegen die Teilung kämpft.

Das gute alte Projekt einer Balkanisierung von „Syrak“ mittels ISIS hat sich gerade verabschiedet, nur um als kurdischer Separatismus verkleidet wieder aufzutauchen. Pech gehabt! Es ist nicht nur die gesamte nicht-kurdische arabische Bevölkerung dagegen, sondern auch jene Mächte, die in Bagdad, Damaskus, Teheran, Ankara und Moskau das Sagen haben. Mit schweren Turbulenzen ist zu rechnen.

http://www.atimes.com/article/unravelling-riddle-kurds-iraqi-pipedream/

https://www.theblogcat.de/%C3%BCbersetzungen/das-%C3%B6lige-luftschloss-der-irakischen-kurden/

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Die Auflösung des Rätsels um das (ölige) Luftschloss der irakischen Kurden

  1. Seit 1913 läuft die Royal Navy auf Öl, übrigens auch eine Lehre der Seeschlacht Tsuschima 1905, als zum erstenmal ein Asiatisches Land, Japan ein Westliches besiegte: Russland. Die Matrosen von Odessa wollten sich nicht genauso, wie ihre Kameraden aus der OIstsee verheizen lassen. Ging es den Briten bis dahin darum, anderen den Weg nach Indien zu verlegen (darum unterstützten sie das Osmanische Reich im ‚Krimkrieg‘ gegen Ru, darum ‚befreiten‘ sie Kuwait aus der Osmanischen Unterdrückung, damit die Deutsche Bagdadbahn keinen Hafen am Persischen Golf fände) ging es ihnen jetzt um billige Tanken, also schwache Staaten mit Öl und Hafen. 1916 erklärtes Ziel der Briten im WW-1: Zerschlagung der Vielvölkerstaaten K&K und Osmanisches Reich, da gab es manche Beute zu versprechen, wie heute im Orient. Die Bolschewiki machten all die Geheimverträge publik und verzichteten auf ihren Teil der Beute: den Bosporus.

    Der synthetische Staat IRAK wurde aus der Provinz Mosul mit den Ölquellen und den beiden südlichen Provinzen, der Verbindung zum Hafen, zugeschnitten und von der RAF verteidigt.

    Die erste Pipeline nach dem Norden (Tr – Ceyhan, gleich bei 333- Issos und NATO- Incirlik) brachte dieses britische Gleichgewicht durcheinander, aber ein neuer Staat, ein Binnenstaat ? Es ist ja nur ein weiterer Ölhahn dazugekommen, Bagdad ist geschwächt !

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    Verfasst von zivilistin | 2. Oktober 2017, 20:33

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