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Debatte, Gesellschaft

Erdogans Erfolg ist das Ergebnis der verfehlten Integrationspolitik von Frau Merkel.

von Gozde Guler

Durch Frau Merkel bekam die Bezeichnung ”Migrationshintergrund“ eine Bedeutung, die sich für die ehemaligen Ausländer wie eine Krankheit anhörte: Migration. Mit schlechten Aussichten im letzten Stadium, jede Therapie zwecklos. Wann hat man uns (die bisherigen Ausländer) gefragt, ob man uns so nennen darf ? Und warum wurde es auf einmal zum Thema? Es wurde ständig diskutiert, geforscht, gerechnet; aber nie kamen die Betroffenen zu Wort.

Hauptsächlich wurden die Migranten angesprochen, die aus den islamischen Gebieten kamen. Die Bulgaren, Italiener usw., gehörten nie zu dieser Gruppe. Hauptargument war immer: in Deutschland leben 1,5 Millionen Türken, deshalb ragen sie hervor. Wie konnte es sein, dass Völker wie Kurden und Türken, Iraner und Iraker, die politisch gesehen Schwierigkeiten hatten, es geschafft haben, Jahrzehnte lang Nachbarn zu werden, es aber anscheinend nicht geschafft haben, sich in die weiße, christliche, höhere Schicht zu integrieren? Lag denn alles nur an uns? Als Kurde wird man mit der Identitätsproblematik groß. Man hat versucht, uns zu verleugnen, zu assimilieren, zu integrieren. Zum größten Teil hat es nichts gebracht, wir wurden nationalistischer. So eine Antwort ist normal. Menschlich. Und genau diese Antwort haben vor allem die Türken gegeben, als man ständig über ihre Religion und ihre Identität diskutiert hat. Denn sie waren ja in der Mehrheit.

Sie ragten hervor. Eine indirekte Diskriminierung fing an. Der Islam wurde mit Terror assoziiert und die Türken mit Kriminalität, wenig Bildung und sozialer Schwäche. Die Motivation verringerte sich und der Frust vertiefte sich. In den Schulen bekam man gesagt, machen sie eine gute Ausbildung. Über ein mögliches Studium wurde nie gesprochen. Nein, mit uns doch nicht. Wir wurden unter den schwarz roten Teppich gekehrt. Und genau diese indirekte Diskriminierung nutze Erdogan aus. Er kam, sah und handelte. Ich bin für euch da. Euer Vater mit dem typisch türkischen Schnäuzer und auch für die anderen Moslems bin ich der Vater, denn wir sind alle Brüder und Schwestern. Die Moslems hatten nun einen Vater, einen Verteidiger. Zwar hat das syrische und kurdische Volk wenig von der väterlichen Liebe gesehen, aber es hat ausgereicht, um viele hier im Lande zu mobilisieren. Mit dem bauen von Moscheen, die man bewusst vernachlässigt hat (denn wir sind in Deutschland, hier wird sogar bestimmt, wieviel von deinem Lohn dir ausreicht), wurde diese Mobilisierung zur Radikalisierung. Warum auch nicht. Die Türken waren wie Scheidungskinder, die von dem Vater mehr geliebt wurden.

Das Argument, man hätte doch mehr lesen können und sich über die Diktatur in der Türkei erkunden können, hilft hier nicht mehr. Die Massenmedien in Deutschland informieren längst nicht mehr. Sie lenken. Sie polarisieren. Außerdem bildet man sich nicht gerne weiter, wenn man von klein auf zu verstehen bekommt, dass man es lieber sein lassen sollte. Man lernt, emotional zu handeln, statt zu analysieren. Natürlich ist nicht allein die schlechte Integrationspolitik Schuld, aber sie ist in den meisten Fällen die Konsequenz. Einfach zu sagen, dass die Türken blind sind oder die Diktatur lieben, ist zu leicht, zu billig. Wieder werden dieselben Fehler gemacht: die Türken wählen ihren Diktator, aber leben trotzdem hier in der Demokratie, heißt es überall und schon werden alle als Erdogans Anhänger stigmatisiert und ausgestoßen.

Über das Warum wird kein Wort gesprochen. Es ist doch offensichtlich, dass oft ein paradoxes Verhalten durch Verzweiflung hervorgerufen wird. Es ist höchste Zeit sich um diese Verzweiflung zu kümmern, statt sie wieder unter den Teppich zu kehren. Reden, erklären und verstehen lautet die Devise. Es ist zu einfach, soviel Jahre des zusammen Lebens hinzuwerfen und die aggressive Stimmung nur noch mehr zu fördern. Sehen wir es ein, es ist mit den Türken in Deutschland wie mit einer Zwangsehe: Eine Scheidung ist ausgeschlossen. Die Türken gehören zu Deutschland, wie Döner und Fladenbrot zusammen gehören.

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