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Ausland, Naher Osten

Deir-ez-Zor und die Einheit Syriens

von https://peds-ansichten.de

Während in den Massenmedien Schweigen das Geschehen im Osten Syriens begleitet, überschlagen sich in den alternativen Medien die Spekulationen. Nämlich dahingehend, dass die Teilung Syriens, angestrebt durch die USA und unter Missbrauch kurdischer Autonomiebestrebungen nun doch in die Tat umgesetzt wird. Doch so kristallklar sind die Dinge nicht.


Was mir – nicht zum ersten Male – auffällt, ist die emotionale Note in den Spekulationen. Es liegt mir fern, hier meine Gedanken dazu als die einzig Wahren vermittelt zu wissen – natürlich kann ich sehr wohl irren. Es bleibt Spekulation – wie jeder Blick in die Zukunft. Aber gefangen in Emotionen denken wir oft das, was wir denken sollen! Versuchen wir daher einen nüchternen Blick und die Einnahme anderer Sichten, um verstehen zu können, was passiert.

Darum geht es [b1; Quelle southfront.org]:

So ziemlich in der Mitte des Bildes sehen sie Deir-ez-Zor (Deir Ezzor). Westlich und südwestlich davon ist der Durchbruch der Syrischen Arabischen Armee (SAA) und der verbündeten Republikanischen Garden zur ostsyrischen Großstadt erkennbar (rot eingefärbt) und nordöstlich schließt sich ein schmales gelb eingefärbtes Gebiet an, was inzwischen auch bis Deir-ez-Zor heranreicht. Dieses Gebiet eroberte die von den USA ausgerüstetete und unterstützte SDF Anfang September innerhalb nur weniger Tage und mit kaum Gegenwehr seitens des Islamischen Staates (IS) zeitgleich zum Vorstoß und der Aufhebung der dreijährigen IS-Belagerung von Deir-ez-Zor durch die SAA. Die SDF (Demokratische Kräfte Syriens) firmierte sich aus Kämpfern der kurdischen YPG und umgeflaggten sogenannten moderaten Oppositionellen. [1]

Das stärkte nicht zu Unrecht den Verdacht, dass die USA mal wieder ein falsches Spiel betreiben und es vermittelte den Eindruck, dass es um die verbliebenen vom IS gehaltenen Gebiete in Ostsyrien ein Wettrennen zwischen SAA und Co. einerseits und den US-Proxies andererseits geben würde. Die Befürchtungen einer handfest durchgezogenen Neuaufteilung Syriens in kleinere Gebilde; mit einem US-gestützten kurdischen Staat auf syrischem Boden bekamen neue Nahrung.

Am Montag, den 11.September 2017 nun führte der russische Außenminister Sergej Lawrow (u.a.) das Folgende aus:

„Washington’s military presence in Syria violates the international law, but this possibility for fighting terrorism should be used“ [2]

„Washington Militärpräsenz verletzt internationales Recht, aber diese Sachlage sollte für die Terrorismus-Bekämpfung genutzt werden.“ [Übers. PA] Das war am Montag. Da stand die SDF schon fast am Euphrat. Und weiterhin:

„[…] some unwelcome guests with arms in their hands are in Syria’s territory. […] As we saw a possibility to cooperate with them in the war on terror in the interests of all Syrian citizens, such contacts were established.“ [3]

„Es gibt da einige nicht eingeladene Gäste mit Waffen in den Händen auf syrischem Territorium. […] Ungeachtet dessen sehen wir die Möglichkeit einer Kooperation mit ihnen im Krieg gegen den Terror im Interesse aller syrischen Einwohner, so Kontakte hergestellt wurden.“ [Übers. PA]

Es kam also bei diesem Statement die Botschaft: „Wir arbeiten mit Euch zusammen, wenn es Syrien nutzt.“

Die SDF stieß sehr rasch nach Deir-ez-Zor vor, weil sie kaum Gegenwehr bei ihrem Vormarsch hatte. Man könnte nun meinen, Daesh hat sich (was offenbar früher oft der Fall war) nicht verteidigt und schnell zurückgezogen; sich also mit den SDF-Kräften koordiniert und eine Show abgezogen. [4] Das glaube ich aber in diesem Fall nicht!

So und jetzt ändern wir doch mal die Sicht:

Mir scheint, dass Daesh von dem SDF-Vorstoß völlig überrascht war, keine Strategie, keine Leute und keine Technik hatte. Das erklärt auch das eher unkoordinierte Einsetzen von ein paar VBIEDs [a1], die sonst als taktische Waffe für das Einleiten großräumiger Durchbrüche genutzt wurden. Aber da war nichts.

Also kann es auch sein, dass der IS – eh schon extrem in Deir-ez-Zor gebunden – schlicht überrumpelt wurde und das Momentum seiner Schwäche nordöstlich des Euphrats in Abstimmung mit der russischen Führung (!) durch den Vorstoß ja auch eher wenig kampfstarker Verbände von US-Proxies genutzt wurde.

Der Sprecher der SDF Talal Salu beeilte sich denn auch, zu sagen, dass seine Kämpfer klare Anweisungen haben, in keiner Weise Kampfhandlungen gegen die SAA und deren Verbündeten durchzuführen.

„Wir haben klare Instruktionen, nachdem der IS besiegt ist, nicht gegen die Kräfte des (syrischen) Regimes und die mit ihm verbündeten russischen und iranischen Kräfte sowie gegen die der Bewegung ,Hisbollah‘ vorzugehen“ [5]

Es dürfte klar sein, von wem die SDF ihre Instruktionen bekommt.

Dass Lawrow den Völkerrechtsbruch immer wieder hervorhebt ist wichtig, um die politische Rolle der syrischen Regierung zu stützen. Ich schaue Lawrows Stellungnahme an und das was am Euphrat gerade passiert – und versuche mir einen Reim zu machen. Lawrow sagt, „Ihr brecht Völkerrecht, aber wenn es Syrien nutzt, lasst uns zusammenarbeiten“. Aber er sagt nichts zu den aktuellen Vorgängen bei Deir-ez-Zor. Das heißt aber nicht, dass er es ausgeblendet hat. Zeitpunkt und Inhalt seines Statements sind – wie fast immer – keinesfalls zufällig gewählt. Das sieht klar nach Absprache aus!

Sogenannte umgeflaggte moderate Oppositionelle, welche früher sogar unter der Flagge von Daesh kämpften und nun in den Reihen der SDF agieren, haben damit natürlich ein Problem. Sie wollen nicht wahrhaben, dass sich der Wind im Syrien-Krieg gedreht hat und berufen sich auf „Absprachen“, dass die syrische Armee nicht über den Euphrat nach Osten gehen „darf“. [6] Der Blogger Nocheinparteibuch hat das sehr schön beschrieben:

„Diese Syrian elite forces, Al-Nokhba forces oder wie auch immer sie sich nun nennen, sind nämlich nichts anderes als die nun auf SDF / Deir Ezzor Military Council umgeflaggten Wahhabi-Terroristen von Ex-SNC-Boss Jarba. [7] Und deren Sprecher Mohammed Khalid Shaker scheint da in dem Interview ziemlich frustriert zu sein, dass er nach dem russisch-syrischen Luftangriff auf seine Leute von den USA die Botschaft bekommen hat, dass sie da nicht gewillt sind, irgendwas dagegen zu machen, dass die syrische Armee über den Euphrat geht und schießt, weil Trump im Wahlkampf versprochen, in Syrien nur ISIS zu bekämpfen und Russland die Federführung in Syrien hat. Das klingt ganz anders als die jüngsten Drohungen vom Kommandeur dieser Truppe, der da gesagt hat, die SAA solle sich nicht wagen und er werde das verhindern, dass die SAA über den EUphrat geht. Offenbar hat das US-Militär ihm dazu gesagt, wenn er Probleme mit der SAA hat, soll er das mit den Russen klären.“ [8]

Welchen Sinn aber sollte es haben, eine solche militärische Koordination der beiden militärischen Großmächte hinaus zu posaunen?

So stark ist Syrien noch nicht, dass es jede illegale bewaffnete Gruppierung auf seinem Hoheitsgebiet aus dem Land jagen oder zerschlagen könnte. Allein schon die Tatsache, dass türkische und US-Proxies nicht gegen die SAA kämpfen, dass sich die Terroristen von HTS (Hayat Tahrir Al-Sham; früher Jabhat al-Nusra) in der vorrangig von ihnen besetzten Provinz Idlib nach außen(!) [9] zurückhalten , dass die sogenannte moderate Opposition die Kampfhandlungen gegen die syrische Armee faktisch eingestellt hat; das gibt ihr bedeutend mehr Möglichkeiten, die Souveränität über das Staatsgebiet wiederherzustellen. Die derzeitige Konstellation nützt also ganz eindeutig der Assad-Regierung.

Wir dürfen zudem nicht vergessen: Trump braucht einen großen Erfolg. Und Russland kann ganz offensichtlich mit Trumps Riege auf bestimmten Ebenen zusammenarbeiten (die bei den Neocons undenkbar waren). Wie aber soll Trump seinen Erfolg zeigen? In dem sich die Proxies im Kurdengebiet verstecken? Irgendwann ist der Syrien-Krieg zu Ende aber wo der (wenigstens) symbolische Triumph der USA über den IS? Die US-Bürger brauchen die Show, um an einen solchen Sieg wirklich zu glauben.

Erst am 14.September 2017 sagte US-Außenminister Rex Tillerson:

„The most important thing I want to do during the time I have – I hope we get peace in North Korea; I hope we can settle the conflicts in Syria; I hope we can settle the conflict in Libya; I hope we can develop a better relationship with Russia.“ [10]

Tillerson spricht nicht von notwendigen „entschlossenen“ Einsätzen. Er zeigt keine Demonstration der Stärke. Er redet nicht von der „Absetzung des Asssad-Regimes“, ja nicht einmal von einem Bürgerkrieg in Syrien (und in Libyen). Nein er spricht davon, dass sein Land den KONFLIKT in Syrien (und Libyen) lösen möchte. Er spricht davon, dass sein Land selbst bessere Beziehungen zu Russland entwickeln möchte. Das ist eine völlig andere Sprache, als die welche wir noch vor einem Jahr zu Amtszeiten des Friedens-Nobelpreisträgers Barack Obama hören durften. Einen Tag später diskutierten Tillerson und Lawrow bereits weitere Schritte zur Weiterentwicklung der Deeskalationszonen in Syrien. [11]

Die Falken (Neokonservativen) in den USA werden politisch u.a. durch Menschen wie Jeffrey Feltmann (Untersekretär des UN-Generalsekretärs) und Nikki Haley (Botschafterin der USA bei der UNO) repräsentiert, welche die durch Trumps Regierung geänderte Politik nach Kräften torpedieren. Also sagte Nikki Haley bei einer Pressekonferenz nur einen Tag später:

„think we’re not going to be satisfied until we see a solid and stable Syria, and that is not with Assad in place,“ [12]

Was in etwa heißt: „Ich denke wir werden erst zufrieden sein, wenn es ein dauerhaft stabiles Syrien gibt und das ohne Assad [als Präsidenten]“[Übers. PA]. Haley, die aus taktischen Gründen von Trump in die Regierung berufen wurde [13], spielte bereits eine unrühmliche Rolle, als sie die Vorgänge in Khan-Sheikhoun Anfang April des Jahres ausgiebig für die Hetze gegen die Assad-Regierung nutzte, wie sie auch den darauf folgenden Raketenangriff gegen eine syrische Luftwaffenbasis beklatschte.

Andererseits wird Trump zu Hause mit dem absurden Vorwurf der Russland-Connection die Hölle heiß gemacht. Natürlich mischte sich Russland nicht in den US-amerikanischen Wahlkampf ein aber eine Zusammenarbeit mit Trump scheint wohl eindeutig die bessere Wahl zu sein, als die mit der Clinton-McCain-Fraktion. Nun jedoch offen über politische – und militärische Absprachen mit den USA zu berichten, wäre nicht zielführend und würde vor allem den medialen Druck auf die Trump-Administration erneut erhöhen. Was also tun? Nun, z.B.:

Über andere Dinge reden; z.B. Nordkorea – aber dort NICHT HANDELN.

Und dort wo gehandelt wird, NICHT REDEN!

Zumal bei diesem Vorgehen die Neocons, welche zweifellos trotzdem noch über genügend Einfluss in Politik, Geheimdiensten, Militär und vor allem den Medien verfügen, mit großer Sicherheit das denken, was viele in den diversen Netzwerken auch denken. Dass es ein abgekartetes Spiel ist und die Kurden den Affen für US-Interessen machen. Aber ich glaube, das ist, wie es Analitik gelegentlich zu sagen pflegt, Zombie-Sch***e (sorry), die uns in das Gehirn gedrückt wird. Wir SOLLEN das glauben.

Vor allem jedoch – so meine Annahme – soll es die McCain-Fraktion glauben. Das kann Erfolg haben, denn diese WILL an so etwas auch glauben. Fast euphorisch hat man doch bislang ausgerechnet dann Beifall geklatscht, wenn Trump (scheinbar?) genau die kriegslüsterne Linie der Neocons einschlug. Besser kann man deren Destruktivismus doch gar nicht aushebeln. Natürlich läuft da ein komplexes Spiel in Syrien und US-Interessen werden dort sowohl in altem Namen [14] als nun auch in neuem Namen vertreten, was die Widersprüchlichkeit der Informationen und des Handelns verstehbar macht.

Die über viele Jahre etablierten Netzwerke, welche ihr Unwesen im Nahen Osten treiben, sind natürlich auch nicht plötzlich verschwunden.

Wo der Filz aus NGOs, Geheimdiensten und korrumpierten Institutionen noch funktioniert; von dort kommt auch heute die größte Gefahr für Syrien. Die neueste Masche, „Freiheitskämpfer“ in Syrien einzuschleusen, ist die Kampagne zur Aktivierung europäischer Anarchisten, die sich seit einigen Monaten „für die Kurden“ in Syrien militärisch formieren. Erneut strömt eine Gruppe Radikalisierter in das Land, um, mit der Waffe in der Hand ihre ihnen zuvor über geholfenen Werte zu verteidigen. [15][16][17]

Ist es wirklich das, was Syrien jetzt braucht? Welcher homosexuelle Europäer kommt ausgerechnet jetzt (von sich aus) auf die Idee in Syrien für freie Sexualität die Waffe in die Hand zu nehmen und reist also (illegal!) nach Nordsyrien, um sich in Kurdengebieten Schwulen- und Lesben-Bataillonen anzuschließen? Wer steuert das? [18] Es ist sicher spannend herauszufinden, wer in Europa hinter dieser neuen „Reisewelle“ nach Syrien steckt. Ist doch auch das Projekt Rojava mit der Inszenierung an der türkisch-syrischen Grenzstadt Kobane (im Jahre 2014) keinesfalls spontan von der Theorie in die Praxis übergeleitet worden.

Fazit: Insgesamt gibt es, trotz zuletzt Aufgeführtem, gute Gründe, positiv zu denken. Es ist keine zwei Jahre her, da war Syrien fast stranguliert. Die Zeichen für einen baldigen Frieden in diesem Land stehen so gut wie seit sechs Jahren nicht.

Bleiben Sie in diesem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkungen

[a1] VBIED steht für „Vehicle Borne Improvised Explosive Device“ = „fahrzeuggestützte unkonventionelle Sprengvorrichtung“. Diese Gefährte werden oft auf der Basis von PKW, Kleintransportern oder LKW hergestellt und können mit Selbstmordattentätern oder auch ferngesteuert genutzt werden. Sie sind vollgepackt mit dutzenden Kilo bis mehreren Tonnen hochexplosiven Sprengstoffs und können, zur Detonation gebracht, immense Schäden anrichten. [b2]

Quellen

[1][4] 15.5.2017; https://www.heise.de/tp/features/Syrien-Der-Deal-mit-dem-Islamischen-Staat-3713712.html

[2][3] 11.9.2017; http://tass.com/politics/964957

[5] 13.9.2017; https://de.sputniknews.com/panorama/20170911317396018-syrien-deir-ez-zor-sdf-regierungsarmee-nicht-angreifen/

[6] 17.9.2017; https://www.qasioun.net/en/news/show/96971/Exclusive_al_Nokhba_Forces_Says_Regime_Forces_Crossing_Euphrates_is_a_US_Russian_Understanding

[7] 8.7.2013; http://www.bbc.com/news/world-middle-east-23229258

[8] 17.9.2017; https://nocheinparteibuch.wordpress.com/2017/09/17/syrische-armee-macht-im-kampf-gegen-isis-weitere-fortschritte/#comment-36054

[9] 24.7.2017; Hilary Clarke; CNN; http://edition.cnn.com/2017/07/24/middleeast/syria-idlib-control-hts/index.html

[10] 14.9.2017; https://www.state.gov/secretary/remarks/2017/09/274098.htm

[11] 15.9.2017; http://tass.com/politics/965747

[12] 15.9.2017; https://sputniknews.com/us/201709151057437267-haley-assad-must-go-syria/

[13] 24.11.2016; http://www.faz.net/aktuell/politik/washington-trump-holt-fruehere-rivalin-ins-kabinett-14542776.html

[14] 17.8.2017; http://www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/view/the-race-for-deir-al-zour-province

[15] http://www.bento.de/politik/syrien-das-steckt-hinter-der-queeren-kampfgruppe-in-rakka-1540981/

[16] https://www.dailysabah.com/deutsch/europa/2017/05/31/griechische-anarchisten-wollen-kriegsmethoden-der-pyd-terroristen-nutzen

[17] 12.9.2017; http://www.barth-engelbart.de/?p=199519

[18] 27.7.2017; http://www.sueddeutsche.de/politik/syrien-regenbogen-ueber-raqqa-1.3606025

[b1] Screenshot; 16.9.2017; militärische Lage um Deir-ez-Zor; Southfront.org; Quelle: https://southfront.org/wp-content/uploads/2017/09/15sep_syria_war_map.jpg?x94128

[b2] zu VBIED umgebauter schwerer LKW; wahrscheinlich in Syrien (Raum Aleppo) 2015; Quelle: https://twitter.com/tracterrorism/status/652953138270478337

[Titelbild] Datei: krak-of-chevaliers-1078528_960_720.jpg; Quelle: https://pixabay.com; Lizenz: CC0 Public Domain

 

https://peds-ansichten.de/2017/09/deir-ez-zor-und-die-einheit-syriens/

 

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