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Inland, Medien

Bitte distanzieren Sie sich!

von – Paul Schreyerhttps://paulschreyer.wordpress.com

3 Antworten

In der Debatte rund um die Glaubwürdigkeit der Medien hört man häufig ein großes „ja, aber“. Das sei ja alles schön und gut mit den neuen Alternativmedien und den vielen Blickwinkeln, die dort präsentiert werden. Sicher, man wolle die Vielfalt, Kritik am Mainstream sei auch durchaus berechtigt, ABER man müsse doch viele dieser Außenseiter sehr skeptisch sehen. Von manchen habe man sich klar zu distanzieren, wenn man denn weiterhin ernstgenommen werden wolle.

In diesem Sinne erschien diese Woche eine Rezension zum medienkritischen Sammelband „Lügen die Medien?“ im Onlinemagazin Carta. Der Autor Matthias Holland-Letz, selbst ein kritischer Journalist, der auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, schreibt dort zum Beispiel über die medienkritischen Autoren des Buches:

Kopfschütteln lässt mich, dass etliche Autoren die Leserinnen und Leser auffordern, „Alternativmedien“ im Internet zu nutzen – ohne auch nur ein Wort darüber zu formulieren, was dort an Ammenmärchen, Halbwahrheiten und Propaganda in die Welt posaunt wird.

Nun gut, Ammenmärchen, Halbwahrheiten und Propaganda findet man bekanntlich auch häufiger im Mainstream. So what? Sollen deshalb jetzt überall entsprechende Warnhinweise stehen? Doch der Autor präzisiert seine Mahnung noch. Zum Ende seiner Rezension heißt es:

Keine Berührungsängste mit „alternativen Fakten“ hat offenbar Markus Fiedler. Er ist Biologie- und Musiklehrer und stänkert per YouTube-Film gegen Wikipedia. Fiedler empfiehlt in seinem Beitrag allen Ernstes „NuoViso.TV“. Dieses „alternative Medium“ sei ihm „durch gut recherchierte Beiträge aufgefallen“, verkündet der Wikipedia-Kritiker. (S. 323) Wer diese knallbunte Webseite aufruft, stößt auf Schlagzeilen wie „Heilige Kuh Klimawandel“ oder die Meldung „Kennedy wurde Opfer des Deep State“, daneben eine Werbeanzeige des rechtslastigen Kopp-Verlags. Eva Hermann, die einstige Tagesschau-Sprecherin, die mit rassistischen Sprüchen um Aufmerksamkeit buhlte, kommt hier zu Wort. Und Markus Fiedler. Man kennt sich, man hilft sich. Auch Daniele Ganser, Historiker aus der Schweiz, singt das Loblied auf „alternative Medien“. Wen könnte er meinen? Ganser präsentiert sich gern bei KenFM, dem Webangebot des umstrittenen Ex-Radiomoderators Ken Jebsen. (…)

Daniele Ganser, Jens Wernicke und Ken Jebsen veröffentlichen zudem auf free21.org, einem weiteren „alternativen spendenfinanzierten Medienprojekt“. Free 21 gibt sich links, manches ist lesenswert. Doch finden sich hier Schlagzeilen wie „Unbekannte Warnungen vor einer Risiko-Technologie“ (gemeint ist der Mobilfunk) oder „Wer lockt mit Twitter Flüchtlinge nach Deutschland?“. Wer als Medienkritiker das große Wort führt, aber zu gewissen „Medienmachern“ keine Distanz hält, dessen Glaubwürdigkeit sinkt in meinen Augen auf Null.

Das ist eine ganze Menge auf einmal: Markus Fiedler „stänkert“, empfiehlt eine „knallbunte Webseite“, Daniele Ganser „präsentiert sich gern“ bei einem „umstrittenen Ex-Radiomoderator“, der zu „gewissen ‚Medienmachern’“ gehört, zu denen man dringend Distanz zu halten habe, wenn einem denn die eigene Glaubwürdigkeit lieb ist.

Worum geht es hier? Ist es wirklich überraschend, wenn alternative Medien tatsächlich alternativ sind und Berichte veröffentlichen, die so nicht im Mainstream kommen? Der Autor weist zumindest keine fehlerhafte Recherche nach, sondern zeigt letztlich bloß auf, dass er mit bestimmten Ansichten „gewisser“ Leute nicht übereinstimmt – leitet daraus dann allerdings im Schnellverfahren eine fehlende Glaubwürdigkeit der Verbreiter dieser Ansichten ab.

Doch Moment mal: Da fehlt doch irgendwie der Mittelteil, die Argumentation. Zum Beispiel: Bei wem und weshalb ist der „umstrittene Ex-Moderator“ denn eigentlich umstritten? Oder reicht schon die simple Wiederholung eines anderswo aufgeschnappten Attributs, um Glaubwürdigkeit bzw. deren Fehlen zu diagnostizieren? Man fragt sich schon: Ist genau das tatsächlich guter Journalismus?

Keine Überraschung: Der Mainstream gebiert den Mainstream immer wieder neu. Es geht ums Abgrenzen, Ausgrenzen und Distanzieren. „Wir“ gegen „die Anderen“. Der eine „stänkert“, der andere „präsentiert sich gern“, der dritte ist ein „Verschwörungstheoretiker“ und daher dringend zu meiden. Kontaktschuld lautet das Stichwort. Argumente sind dann, wie praktisch, nicht mehr nötig. Distanzierungen lassen sich sogar einfordern: „Sie wollen doch wohl nicht zu DENEN gehören?“

Genau an dieser Stelle wird es unschön, die gepriesene Vielfalt verschwindet, Dogmatismus und Arroganz halten Einzug und präsentieren sich als moderate Vernunft. Womit wir dann vielleicht wieder genau beim Problem der Mainstream-Medien wären.

Wenn schon Schlagzeilen wie „Heilige Kuh Klimawandel“, „Kennedy wurde Opfer des Deep State“ oder „Unbekannte Warnungen vor einer Risiko-Technologie“ ganz ohne Prüfung des Inhalts der entsprechenden Artikel als abseitig eingeordnet werden, ist die Welt der Gewissheiten erreicht, wo die Wahrheit immer schon VOR dem Nachdenken und vor der Prüfung des Abweichenden klar ist.

Auf den Schlussatz des Rezensenten („Wer als Medienkritiker das große Wort führt, aber zu gewissen ‚Medienmachern‘ keine Distanz hält, dessen Glaubwürdigkeit sinkt in meinen Augen auf Null“) ließe sich zurückhaltend erwidern, dass man Glaubwürdigkeit auf ganz verschiedene Weise verspielen kann. Doch vielleicht erinnert man den Autor auch einfach an seine eigenen Worte aus der Rezension: „Das Buch bleibt viele Antworten schuldig. Es stochert im Ungefähren. Es enthält Thesen, die nicht belegt sind. Und es spricht fragwürdige Empfehlungen aus.“ Return to sender, könnte man da auch sagen.

Nachtrag 16. September: Kürzlich äußerte sich Journalistik-Professor Lutz Hachmeister, langjähriger Chef des Grimme-Instituts, wie folgt zum „umstrittenen Ex-Radiomoderator“: „KenFM ist sowohl inhaltlich wie ästhetisch absolut professionell gemacht und unterscheidet sich so gut wie gar nicht von vergleichbaren Sendungen im linearen Fernsehen. (…) Dass ein solches Programm über das Netz ein beachtliches Publikum erreichen kann, ist der neue Effekt in der politischen Kommunikation. In den USA gibt es diesen Trend schon länger, aber in Deutschland gehört Jebsen zu den Pionieren.“ Jebsen sei „kein Rechtsradikaler“, sein Programm müsse man „aushalten können“.

https://paulschreyer.wordpress.com/2017/09/15/bitte-distanzieren-sie-sich/#more-1271

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