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Ausland, Naher Osten

Die islamische Reformation von 1979: Saudi-Arabien und die „modernen“ Dschihadisten

von Zlatko Percinichttps://deutsch.rt.com

Saudi-Arabien vergießt Krokodilstränen darüber, mittlerweile ebenfalls ins Visier des „Islamischen Staates“ (IS) und anderer Terrormilizen zu geraten. Um die Rolle Riads beim Aufstieg extremistischer Bestrebungen im Islam zu verstehen, lohnt ein Blick zurück.

Man darf sich nicht blenden lassen von Aussagen aus Riad, die wieder vermehrt durch die Medien gehen und für unsere Ohren nur allzu bekannt klingen: „Auch wir sind das Ziel des Terrors von Daesh“, sagte der saudische König Abdullah ibn Abd al-Aziz, der für den IS das negativ konnotierte arabisches Akronym verwendete. Obwohl diese Aussage isoliert betrachtet korrekt ist, gibt sie dennoch nicht einmal die halbe Wahrheit wieder.

Ja, der mittlerweile als getötet geltende IS-Anführer und selbsternannte Kalif, Abu Bakr al-Baghdadi, drohte dem saudischen Königreich immer wieder mit Angriffen. Und in der Tat kam es in der Vergangenheit auch zu Terroranschlägen in Saudi-Arabien durch den IS, oder zuvor von Al-Kaida.

Doch was die Sprecher, Prinzen und Könige von Saudi-Arabien nicht erwähnen, ist die Tatsache, dass sie selbst solche Gruppierungen wie den IS, Al-Kaida und viele andere erst zu dem gemacht haben, was sie sind. Durch direkte staatliche und nichtstaatliche Unterstützung in Form von Geld, Waffen, Logistik, geheimdienstlichen Informationen, Spenden und durch den Export des Wahhabismus, der extremen saudischen Staatsreligion, bereitete das Herrscherhaus Al-Saud erst den Boden für solche Dschihadistengruppierungen und deren Anhänger. Hillary Clinton, die ehemalige US-Außenministerin und First Lady, sagte denn auch während einer geschlossenen Veranstaltung im Jahr 2013:

… die Saudis haben in den letzten 30 Jahren mehr als jeder andere Staat dieser Erde extreme Ideologie exportiert.

Was im vermeintlich privaten Rahmen funktioniert, sieht bei offiziellen staatlichen Strukturen hingegen schon wieder ganz anders aus. So weigerte sich jüngst die britische Regierung, eine eigens zu diesem Zweck in Auftrag gegebene Untersuchung zur Frage der Terrorfinanzierung zu veröffentlichen, in der die saudische Rolle darin womöglich zum Vorschein gekommen wäre.

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Ein Pakt aus dem 18. Jahrhundert

Doch um zu verstehen, wieso insbesondere Saudi-Arabien und Katar so handeln wie sie handeln, nämlich Terroristen zu unterstützen, deren gemeinsamer Nenner der Dschihad und in den meisten Fällen auch noch der Wahhabismus ist, muss man sich zwei Dinge vor Augen führen. Diese wären: Beide Petromonarchien folgen der extremen islamischen Form des Wahhabismus; und beide wollen einen Führungsanspruch in der islamischen Welt, dem Dar ul-Islam, geltend machen.

Während Saudi-Arabien die beiden heiligsten Orte des Islam beherbergt, Mekka und Medina, und der Al-Saud-Klan seinen Herrschaftsanspruch auf die Übereinkunft von 1744 mit dem Gelehrten Abdul Wahhab zurückführt, möchte Katar sich als Alternative für die saudischen Wahhabiten und für radikal-islamische Nicht-Wahhabiten – wie die Muslimbrüder – gleichermaßen präsentieren. Die Unterstützung des Terrors ist für beide Länder lediglich nur ein Mittel zum Zweck, um einerseits außenpolitische Ziele zu erreichen, und andererseits aber diese extremen Kräfte auch beschäftigt zu halten.

Kein Ereignis stellt diese Gratwanderung besser dar als die Besetzung der Großen Moschee in Mekka im November 1979. Es war dieses Ereignis, das den Export des Wahhabismus und des diesem zugrundeliegenden Extremismus wie kein zweites angefeuert und zum heutigen islamistischen Terror geführt hat. Deshalb lohnt es, diese wichtige Episode aus den Novembertagen des Jahres 1979 noch einmal etwas gründlicher zu betrachten.

Besetzung der Großen Moschee von Mekka 1979

Nur 35 Tage vor dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan erlebte Saudi-Arabien hautnah, wie sich die eigenen Religionslehrlinge gegen die Monarchie erhoben und so das Land bis ins Mark erschütterten. Am 20. November 1979 besetzten hunderte Wahhabiten die Große Moschee von Mekka, das größte Heiligtum des Islams, und forderten die Absetzung der korrupten und dekadenten saudischen Monarchie.

Sofort beschuldigte die Führung in Riad den Iran, für diese Form der Blasphemie verantwortlich zu sein, jenes Land, dass selbst kurz zuvor eine Revolution durchgemacht und eine verhasste Monarchie abgeschafft hatte. Nachdem sich aber herausgestellt hatte, wer der Anführer dieser „Truppe“ war, klingelten die Alarmglocken im wahhabitischen Religions-Establishment.

Juhaiman al-Utaib, ein Offizier der saudischen Nationalgarde, entstammte wie viele andere Rekruten der Nationalgarde auch einer traditionellen Beduinengesellschaft. Allerdings wuchs Juhaiman in der Erinnerung an die Niederlage seines Vaters im Kampf 1929 gegen König Abd al-Aziz Al-Saud auf. Sein Vater Mohammed kämpfte Seite an Seite mit Sheikh al-Bijad, einem legendären Anführer der Ikhwan, der wahhabitischen Religionsarmee, die sich auf die Zeit von Ibn Abd al-Wahhab berief und die dem Klan der al-Saud maßgeblich zum eigenen Königreich verholfen hatte. König Al-Saud verriet aber nach Meinung der Ikhwan den Schwur, den sein Vorfahr mit Abd al-Wahhab geschlossen hatte, nämlich sich strikt nach der Lebensweise des Propheten zu richten.

Der saudische Kronprinz Mohammed Bin Nayef schüttelt Angela Merkel die Hand. Das findet sie sehr bemerkenswert. Immerhin geht es um große Geschäfte; Dschidda, 30. April 2017.

Juhaiman wuchs also in der streng wahhabitischen Glaubenslehre der Ikhwan und der Verachtung für das königliche Haus Al-Saud auf. Während seiner Vorlesungen in Mekka kam er auch mit den Schriften des höchst einflussreichen blinden Scheichs Abd al-Aziz Ibn Baz, hier im weiteren Verlauf Bin Baz genannt, in Berührung.Scheich Bin Baz erließ bereits 1940 eine heftige Fatwa, in welcher er die Anwesenheit der zu Tausenden ankommenden Ausländer angriff, die in den Ölförderanlagen arbeiteten, zu welchen erst 1938 die ersten Quellen erschlossen worden waren. Bei diesen Arbeitern handelte es sich hauptsächlich um US-Amerikaner, um Ungläubige in den Augen von Bin Baz, und vielen anderen, deren bloße Existenz auf arabischem Boden nicht geduldet und somit verboten sein sollte.

Bin Baz griff sogar die Regierung an, weil diese in der Öffentlichkeit Bilder der königlichen Familie aufstellte und dies zur Verehrung eines Götzen führen könnte, auch wenn es sich dabei um den König handelte. Zigaretten, Alkohol und sogar Friseure sollten verboten werden, weil das alles der westlichen Sitte entsprach und daher gegen das islamische Gesetz war. Am schärfsten ging Bin Baz aber gegen die in den Kinderschuhen steckende Emanzipation der Stellung der Frau vor.

Scheich Bin Baz – der Martin Luther des Islam

Solch eine dramatische Abkehr der Glaubenslehre von Muhammad ibn Abdul Wahhab konnte die Ulama einfach nicht akzeptieren und Bin Baz begann in seiner Funktion als Dekan der Islamischen Universität in der Heiligen Stadt Medina, eine neue Bewegung aufzubauen. Diese sollte die wahhabitische Lehre wieder im ganzen Land verkünden. Diese Bewegung, Dawa Salafija al-Muhtasiba, fand rasend schnell Tausende von Anhänger im gesamten Königreich und indoktrinierte vor allem die Jugendlichen mit Ausflügen in die Wüste, wo diese nach Stunden im Gebet in mörderischer Hitze irgendwelche Wunder sozusagen als Belohnung vorgegaukelt bekamen – etwa gekühlte Pepsi in der brütend heißen Wüste – und mit Speis und Trank verwöhnt wurden.

An solch einem „Ausflug“ nahm auch eines Tages Juhaiman selbst teil. Er war sehr empfänglich für die dort verkündete Botschaft. Schnell stieg er in der Bewegung auf und führte schon bald genau jene Veranstaltungen durch, an denen er selbst erst kurz zuvor teilgenommen hatte. Je länger er die Botschaft von Abdul Wahhab studierte und die Fatawa von Bin Baz mit der Realität verglich, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass das Königshaus Al-Saud die eigene Glaubenslehre mutwillig ignoriert und das religiöse Establishment, die Ulama, ihrer Pflicht zur Wahrung der Tradition des Propheten Muhammad nicht nachkommt.

Er beobachtete, wie sehr sein Land, das Königreich Saudi-Arabien, Hüter der heiligsten islamischen Stätten von Mekka und Medina, in nahezu totale Abhängigkeit vom ungläubigen Westen und insbesondere den Vereinigten Staaten von Amerika geraten ist. Dieser Zustand hatte überhaupt nichts mit der überlieferten Vorstellung von der Überlegenheit des Islams zu tun. Aus diesem Grund fing Juhaiman an, eine Art Zusammenfassung seiner Gedanken und Kritik zu verfassen, was schlussendlich in einem höchst einflussreichen – und gefährlichen – Buch gipfelte. Das Buch heißt „Sieben Episteln“ und wurde in Kuwait gedruckt, um anschließend wieder ins saudische Königreich geschmuggelt zu werden.

Symbolbild

Als seine Kritik an dem saudischen Königshaus zunehmend auf empfängliche Ohren stieß, landete der „Fall Juhaiman“ 1977 auf der Tagesordnung einer Konferenz führender Geistlicher in Medina. Wer nun dachte, dass hier kurzer Prozess mit Juhaiman und dessen aufwieglerischer Schrift gemacht würde, lag absolut daneben. Ganz im Gegenteil. Die Ideen fanden sogar Gehör und Zuspruch bei vielen theologischen Gelehrten, die den „Reformator“ verteidigten.

Was Juhaiman geschrieben hatte und wofür er einstand, war ja keinesfalls etwas Neues oder Fremdartiges, sondern schlicht und ergreifend das, was das Königreich von Anbeginn ausmachte, nämlich das Bekenntnis zu der Lehre von Abdul Wahhab und zu dessen Bedingung für seine religiöse Unterstützung und schließlich Legitimierung der Herrschaft des Gründervaters des Königreiches, Muhammad ibn-Saud. Was könnte daran denn so Verwerfliches sein, wenn man sich auf seine religiösen Wurzeln beruft? Grundsätzlich stimme man darin überein, verkündete am Schluss das Gremium, doch man müsse realistisch handeln und Angesichts der kommunistischen Gefahr müsse man sich eben für das kleinere Übel entscheiden, für das Haus Al-Saud.

Mohammeds Waffenverbot konnte nur der Klerus deuten

Während es dem Klerus und dem Hause Al-Saud allmählich dämmerte, mit was für einer Art von Bedrohung sie es zu tun hatten, dass es nicht iranische Agenten oder ausländische Terroristen waren, die die Große Moschee besetzt hielten, sondern ihre ureigenen vergessenen Wurzeln des Wahhabismus, schlug die große Stunde des Bin Baz. Damit der Gegenangriff auf die Große Moschee überhaupt beginnen konnte, bedurfte es einer expliziten Genehmigung des Klerus. Denn allen Beteiligten war klar, was ihr Prophet Muhammad selbst gesagt haben soll:

Der Kampf in Mekka war niemandem vor mir erlaubt, noch wird er nach mir jemandem erlaubt sein. Es ist keinem von euch erlaubt, in Mekka Waffen zu tragen.

Bildquelle: Twitter von Abdulaziz bin Fahd

Volle drei Tage dauerte es, bis die Beratungen der Kleriker beendet wurden und Scheich Bin Baz die heiß ersehnte Fatwa erließ, die es den Soldaten erlauben würde, die Große Moschee zu stürmen. Diese „Erlaubnis“ für den Sturm musste sich der saudische König Khalid teuer erkaufen. Der oberste Hüter des religiösen Establishments forderte im Gegenzug vom Königshaus, sich wieder seiner islamischen Pflichten bewusst zu werden und diese auch umzusetzen. Kein Alkohol, keine Frauen in der Öffentlichkeit, keine gesellschaftliche Liberalisierung. Dazu sollte ein größerer Anteil der Einnahmen aus dem Erdölgeschäft dazu benutzt werden, um weltweit den wahhabitischen Islam zu propagieren.

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Durch die Verbreitung des extremistischen Wahhabismus in die islamische Welt, die von westlichen Kriegen oder Regime-Change-Abenteuern in der islamischen Welt massiv begünstigt wurde, wuchs mit der Zeit aber eine ganze Generation von indoktrinierten Anhängern heran. Und diese verteilten sich schließlich nicht mehr nur auf die islamische Welt, sondern eben auch in der westlich-christlichen Welt.

Solange der Dar ul-Islam unter Beschuss stand und steht, sind diese Extremisten mit der „Verteidigung“ der islamischen Welt nach ihrem eigenen Verständnis beschäftigt, was eben auch die Zwangsbekehrung der Moslems verschiedenster Rechtsschulen zum Wahhabismus beinhaltet sowie die „Befreiung“ von Ungläubigen. Dieses Ziel gilt aber nicht nur in den aktuellen Krisenländern im Nahen Osten, sondern ist für alle Länder des Dar ul-Islam gültig. Auch für Saudi-Arabien und Katar.

https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/57081-islamische-reformation-von-1979-saudi/

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Die islamische Reformation von 1979: Saudi-Arabien und die „modernen“ Dschihadisten

  1. Da schaut es aus, als ob sich da alle Hinterfozigkeiten treffen die schon Sabbern beim Heucheln, gell?

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    Verfasst von reiner tiroch | 16. September 2017, 8:43

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