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Ausland, Naher Osten

DIE KONSEQUENZ DER DEMOKRATISCHEN MODERNE

von Mani Cudi – http://lowerclassmag.com

Die demokratische Autonomie wurde ausgerufen – Geschichte wurde geschrieben. Nach drei Jahren quälenden Schmerzes aber auch lodernden Widerstandes, stellt diese Erklärung einen ersten Schritt in Richtung einer konkreten politischen Zukunft dar.

Êzîdxan wurde gegründet, in Form eines dezentralisierten, multikulturellen und emanzipatorischen Projekts, das über die Geschichte der Êzîdinnen und Êzîden hinausgeht.

Um die Tragweite dieses historischen Ereignisses jedoch greifen zu können, lohnt es sich einen kurzen Blick in die Geschichte der Êzîdinnen und Êzîden zu werfen. Eine Geschichte, auf die erst in den letzten Jahren ein öffentliches Licht geworfen wurde. Bis auf einzelne Meldungen von NGO’s, die auf die Stigmatisierung und Verfolgung von Êzîdinnen und Êzîden im Irak aufmerksam machten, war ihr Thema nur ein Nischenthema.

Die insgesamt 73 Massaker, auf die sich diese Gruppe beruft, sind selbstverständlich nicht nur zu Zeiten des modernen Irak geschehen. Zahlreiche Dynastien mordeten bereits zuvor im Namen des Islams und löschten große Teile der êzîdischen Bevölkerung aus. Sind heute beispielsweise besonders die Gebiete Şengal und Şeixan bekannt für ihre êzîsche Community, streckte sich die damalige Population weit über diese Gebiete hinaus.

Schaut man sich die folgende Karte des Historikers Roger Lescot aus dem Jahre 1938 1an, so eröffnet sich einem die massive Fluchtentwicklung, die in den letzten Jahrzehnten geschehen sein muss. Die Karte zeigt eine Schätzung der Siedlungsgebiete im 15. Und 16. Jahrhundert.

Von Afrin bis Silemanî, von Amûde über Botan bis in die Gebiete Rojhêlats (Ostkurdistan), von Bitlis und Wan bis nach Duhok. Kaum eine Metropolregion des heutigen Kurdistans hatte keine nennenswerte êzîdische Gemeinde. Über das ganze Kerngebiet Kurdistans hinaus und auch in den Randgebieten hinterließen sie ihre Spuren.

Bezeichnend ist warum diese Karte von einem Franzosen entworfen wurde. Tatsächlich hatten diese als Mandatsträger Syriens zu dieser Zeit ein großes Interesse die Frage der Êzîdinnen und Êzîden, die zu dieser Zeit auch noch in großer Zahl westlich vom Sinjar-Gebirge im heutigen Rojava zu finden waren, wissenschaftlich zu erforschen. Es finden sich detaillierte Beschreibungen êzîdischer Bräuche und Mythen, Stammbäume wichtiger Kleriker und Feudalherren und weitere Beobachtungen in solchen Werken. Das Interesse dahinter war mitnichten von wissenschaftlicher Art: Vielmehr ging es darum den Briten, die zu dieser Zeit das Mandat über den Irak innehielten einen Schritt voraus zu sein, um êzîdische Gruppen auf ihrer Seite zu wissen und, um so die Grenzziehung, die dort bis heute zwischen Syrien und dem Irak verläuft, zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Wie so oft nutzten die Kolonialmächte eine Teile-und-Herrsche-Politik, um arabische Nationalisten auf syrischer und iraksicher Seite Anfang des 20. Jahrhunderts zurückzuhalten. Gezielt wurde die êzîdische Form des Kommunalismus ausgenutzt, um so eine eigene Politik gegen die mehrheitliche Bevölkerung des künstlichen Staates zu machen, den sie um Gedeih und Verderb errichten wollten. Die Perversität dieser Politik wird einem bei solchen Paradoxen nur wieder einmal klarer.

Tatsächlich war den Briten klar, dass die Êzîdinnen und Êzîden jede Unterstützung annehmen würden. Vor dem Ende des Osmanischen Reiches verhängte dieses angesichts ihres drohenden Untergangs eine zunehmende Politik der Pan-Islamisierung. Angesichts des Armenier-Genozids ist den meisten die Frucht dieser Politik durchaus im Gedächtnis. Anders als Christen und Juden, wurden die Êzîden als nicht-abrahamitische Religion nicht vor Schutzzahlungen, wie der „jiz’a“ verschont, sondern galten als vollkommen Abtrünnige und wurden teilweise zum Militärdienst gezwungen. Die Briten versprachen im Gegenzug Religionsfreiheit und ein Dasein als gleichberechtigte Bürger.

Diese wechselnden Allianzen verursachten eine enorme Instabilität êzîdischer Politik. Im Endeffekt war die Bevölkerung dem ausgesetzt, was dem Klanführer zum jeweiligen Zeitpunkt Recht kam. Eine einheitliche Politik, eine Politik, die auf ein Êzîdxan hingeführt hätte, war so nicht möglich. Die Kommunale Struktur von der in dieser Phase also die Rede sein kann, existierte in Form kleiner Stamm-Föderationen, die jedoch nie ganz Halt fanden.2

Auch in der Phase der ersten kurdischen Rebellionen und politischen Bewegungen der kurdischen Bildungselite, konnten die Êzîdinnen und Êzîden keinen Anklang finden, im Gegenteil. Einerseits prägte die êzîdische Gemeinde ein sehr waches Gedächtnis, was die Verbrechen der mehrheitlich sunnitischen Kurden gegen sie anging. Andererseits hegten diese besagten Bildungseliten eher Abneigung gegenüber den Êzîdinnen und Êzîden, die meist aufgrund ihrer wiederholten Diskriminierung bildungsfern waren. Hier sei auf die bis heute anhaltende Ausgrenzung der Êzîdinnen und Êzîden aus dem irakischen und später südkurdischen Bildungswesen anzumerken.

Dennoch kann nicht die Rede davon sein, dass die êzîdische Gemeinde sich nicht an Aufständen beteiligte. Als wichtigster Vertreter ist hier Hajo Agha zu nennen, der 1928 bis 1930 als Repräsentant der Êzîdinnen und Êzîden an der Khoybun-Bewegung teilnahm und versuchte meist im Libanon oder in Syrien beschlossene Inhalte an die Stämme im Niniveh-Gebiet weiterzuleiten.

Auch mit den Assyrerinnen und Assyrern wurden unterschiedliche Kampagnen gestartet, um für Selbstbestimmung zu kämpfen. 1930 schlossen Großbritannien und Irak den sogenannten Anglo-Irakischen Vertrag ab und regelten so das Verhältnis zwischen ihnen. Dabei wurde explizit erwähnt, dass der Irak sich vor dem Völkerbund bezüglich der Lage der Minderheiten im Land rechtfertigen müsse. In diesem Zusammenhäng gründeten êzîdische und assyrische Gruppen das „Komittee zur Rettung der irakischen Minderheiten“ und starteten wiederholt Petitionen, die an den Völkerbund gingen. Doch auch dies war vergebens. Als schließlich 1933 tausende Assyrerinnen und Assyrer in ihren Widerstandsbestrebungen massakriert wurden, zogen sich die Êzîdinnen und Êzîdinnen in Furcht vor weiteren Massakern an ihnen zurück.3

Die weiteren Jahrzehnte des Irak, zwischen zahllosen Militärputschen und der Terrorherrschaft Saddams bedeutete den endgültigen politischen Zerfall der êzîdischen Frage. Während kurdische Nationalisten die Eigenheit der êzîdischen Frage vollkommen ignorierten und auch nicht distinkt als eigene Frage bearbeiten konnten, unterdrückte der gigantische Geheimdienstapparat Saddams unter Mord und Folter alles, was auch nur ansatzweise nach Sezession aussehen konnte.

Doch das êzîdische Volk blieb stark. In der Diaspora in Armenien, Russland und Westeuropa entwickelte sich eine politische Struktur, die ähnlich den Alevitinnen und Aleviten in der Ferne nach Jahrzehnten des Schweigens auf der Suche nach der eigenen Identität war und bis heute ist. Es wurde zunehmend deutlich, dass es ein Ende haben muss, dass das êzîdische Volk von allen Seiten missbraucht und ausgenutzt wurde. Es wurde klar, dass nationalistische, zentralistische und ethnozentristische Gedanken, wie die der kurdischen Gruppen in Südkurdistan keine Lösung sein konnten. Es wurde jedoch auch klar, dass weder der Westen noch sonstige Kollaborateure ihnen Schutz und Verteidigung garantieren können. Spätestens im August 2014 wurde diese Erkenntnis in Form der 73sten Ferman im êzîdischen Herzen schmerzhaft eingebrannt.

Junge Êzîdinnen und Êzîden spielen auf der zentralen Hochebene Şengals, am Çarşema Sor, einem êzîdischen Feiertag (übersetzt „roter Mittwoch“), Ereignisse aus dem letzten Genozid nach.

Nein, es wurde klar, dass die êzîdische Frage eine ist, deren Lösungsweg im Ideal der demokratischen Nation liegt. Es ist einerseits von enormer Wichtigkeit, dass eigene Identität und eigene Fluchtvergangenheit sowie die Aufarbeitung dutzender Genozide und Feminizide in einem distinkten Prozess ablaufen müssen. Es wurde aber auch klar, dass blinder Chauvinismus und Abschottung hier nicht helfen. Ein dezentralisiertes System kann die kommunalistische Vergangenheit der Êzîdinnen und Êzîden von innen demokratisieren. Allein dieses System kann die Demokratisierung in einer solchen Form durchführen, die nicht fern von Realität und Praxis der dortigen Bevölkerung ist. Allein dieses Mikromodell schafft Strukturen zur Selbstorganisierung, zur Verteidigung und auch zur erfolgreichen Vermittlung êzîdischer Interessen durch basisdiplomatische Prozesse.

Es ist von zentraler Wichtigkeit diese jetzige Phase nicht nur als Aufbruch, nicht nur als Entwicklung, sondern als logische Konsequenz der vielen Messer zu verstehen, die in den Rücken der êzîdischen Gemeinde und vor allem ihrer Frauen gestochen wurden. Es ist wichtig die Ernsthaftigkeit und den Geist dieser Selbstverwaltung zu begreifen, indem man êzîdische Geschichte begreift, aufarbeitet, in ihrem Leid und Schmerz nachvollzieht.

In diesem Kontext sind auch die zentralen Statuten der Road Map zu verstehen, die nun veröffentlicht wurden. Hierbei bezieht sich der Rat der demokratischen Autonomie Şengalsauf repräsentative Strukturen, die religiöse Figuren, wie Aktivisten aus Frauen- und Jugendstrukturen miteinbeziehen. Auch eine Vereinheitlichung der êzîdischen Streitkräfte wird verfolgt, um nicht einem Spiel der Milizen zu verfallen, wie es in der KRG der Fall ist. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und basisdemokratische Repräsentation sollen einen partizipativen Aufschwung in einer Gemeinde bringen, die nur Diktatur und Autoritarismus gesehen hat.

Die Yekîneyên Berxwedana Şengale (YBŞ), die Widerstandseinheiten Şengals, sowie die Yekîneyên Jinên Şengale (YJŞ), die Frauenverteidigungseinheiten Şengals, sind die ersten selbstorganisierten Verteidigungsstrukturen der Êzîdinnen und Êziden.

Eine Frauenquote und unabhängige Frauenorganisation schafft safe spaces zur Aufarbeitung der grausamen Feminizide der letzten Jahre und ermöglicht so eine Mobilisierung außerhalb patriarchaler Einflusszonen. Gleichzeitig wird betont: Dies ist kein Akt der Abschottung. Wie das Verhältnis der demokratischen Autonomie mit der KRG oder der irakischen Zentralregierung sein wird, hängt allein von diesen ab. So wird auch der Einklang mit den Werten der südkurdischen und der irakischen Verfassung betont.

In diesem Zusammenhang kommt unweigerlich die Frage auf, wie Barzani nun die geplanten Abstimmungen zum Referendum in den umstrittenen Gebieten nach Artikel 140 der irakischen Verfassung durchführen will. Auch Şengal fällt unter diese Gebiete. Doch wer soll noch für ein Referendum stimmen, der bereits seine Selbstbestimmung erklärt hat? Wer braucht noch die Gunst eines Klans, der 2014 bereits eindrücklich zeigte, wo sie ihre Verantwortung für diese Gebiete sieht.

Konsequenzen. Konsequenzen von Schmerz, Leid und Unterdrückung zeigen sich nun in Form dieses Vorstoßes der Befreiung und der Selbstverwaltung.

# Fotos: Willi Effenberger

1 Lescot, Roger (1938): Les Yezidis de Syrie et du Djebel Sinjar. Mémoires de l’Institut Français de Damas. Beirut,

2 Fuccaro, Nelida (1999): Communalism and the State in Iraq: The Yazidi Kurds. S.11

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