//
du liest...
Kultur, Religion

Papst warnt vor Wahrsagern: Religion oder Aberglaube: Was bringt uns mehr?

von Klaus Ungerer – https://hpd.de

In Rom hat sich kürzlich Jorge Mario Bergoglio, ein Argentinier im fortgeschrittenen Rentenalter, ein weißes Kostüm angezogen, eine weiße Mütze aufgesetzt, sich an sein Fenster gestellt und gesprochen: Man möge sich in Acht nehmen vor Wahrsagern und Horoskopen. Wer Wahrsager oder Horoskope konsultiere, gehe unter. Bergoglio selber, der für seine Auftritte den Namen „Franziskus“ nutzt, ist Anführer des einzigen Gottesstaates in Europa, und als solcher hat er hier mit sicherem Instinkt seine Konkurrenz angegriffen: Märchenerzähler unter sich, im erbitterten Wettstreit. Ein Bedarf für ihre Dienste ist ja offenbar vorhanden, daher sei die Frage erlaubt: Glaube, Astrologie, Wahrsagerei – womit fährt man wirklich am besten? Hier ein kleiner Faktencheck.

a) Kosten

Wer das Angebot der Kirche nutzt, entscheidet sich zumeist für eine Flatrate: In Deutschland werden die Gebühren sogar vom Staat eingezogen, womit auch Deutschland ein bisschen ein Gottesstaat ist. Was man als Gegenleistung bekommt, bleibt dabei ein wenig unklar: Die sonntägliche Nutzung der Glaubensgebäude steht dem Vernehmen nach jedem offen, auch am regelmäßigen Glockengebimmel partizipieren alle, ob sie nun gezahlt haben oder nicht. In manchen Kirchen werden zudem dunkle Separées angeboten, in denen man einem Mann im Kostüm schweinische Geschichten erzählen kann – für manchen vielleicht reizvoll. Zentrale Errungenschaft der Religion hingegen sind Gespräche mit einem imaginierten Wesen, welches einem ein kostenloses Schuldgefühl sowie Vergebung für dasselbe Schuldgefühl anbietet. Diese Gespräche können prinzipiell von jedem geführt werden, ob zahlendes Mitglied oder nicht. Wofür die Flatrate dient, wird bei all dem nicht recht klar.

Wahrsager haben den Vorteil, dass die Verwendung der Gelder unmittelbar nachvollziehbar erscheint: Man zahlt pro Sitzung, und man bekommt mit einiger Sicherheit genau das gesagt, was einem ein maximales vorübergehendes Wohlgefühl verspricht. Ähnliches gilt für Horoskope. Sie geben dem Kunden das gute Gefühl, das Universum kümmere sich irgendwie um ihn, und sie bemühen sich dabei sogar um einen Anschein von Wissenschaftlichkeit. Für ein persönliches Horoskop werden astronomische Objekte bemüht, Linien gezogen, Zeichnungen erstellt, da wird auf geschichtliche Überlieferung bis hin zu den alten Ägyptern verwiesen. Das kann natürlich kosten, aber manche Horoskopersteller arbeiten auch nur aus Nettigkeit, und für Sparfüchse bleibt der Blick ins Tages- oder Wochenhoroskop, der praktisch umsonst ist.

b) Nutzen

Wahrsagerei, Astrologie, Religion – alle drei nähren sich von einer klassischen menschlichen Fragestellung: Kann das hier alles sein? Werde ich dieses mein Leben zu Ende leben – und das war’s dann? Alle drei versuchen auf ihre Weise, das Problem zu lösen. Der Wahrsager verkauft Hoffnungen auf eine bessere Zukunft im Diesseits: Die große Liebe wird noch kommen, oder das große Geld. Der kirchliche Verkaufsschlager hingegen ist das Leben nach dem Leben, und es hat sich als irrsinnig erfolgreiche Idee erwiesen. Erstaunlich wenig erfährt man allerdings je darüber, wie das dann aussehen soll. Wird der Autobastler weiter an Autos basteln, wird der Fondsmanager zum Harfespielen verdonnert, oder reihen sich alle ein in der Engel Chor, um bis in alle Ewigkeit den Schöpfer des Engelschors zu loben? Genauer erklärt wird das nie, die Kirchenvertreter werden schon wissen warum.

Einen anderen Weg zur Nervenberuhigung schlägt die Astrologie ein: Das Schicksal, das der Mensch als sein eigenes empfindet, wird umgedeutet zu einer Folge bestimmter astronomischer Konstellationen: Man lebt also nicht sein Leben, sondern wird vom Universum gelebt. So kann man sich einem süßen Fatalismus hingeben statt sich immer weiter abzustrampeln. Andererseits schmeichelt es auch der eigenen Eitelkeit, dass man letztlich mit dem gesamten Kosmos verbunden ist, denn der Kosmos ist immens riesig, und er macht sich keinen Kopf.

c) Risiken

Religion, Wahrsagerei, Horoskope – das Risiko ist eigentlich überall dasselbe: Man gibt Verantwortung für das eigene Leben ab, wenn man irgend etwas davon ernst nimmt. Auf der sicheren Seite ist man dann aber doch am ehesten mit der Religion. Wer sich zu einer großen, starken Religion bekennt, die im eigenen Kulturraum viel Macht und Einfluss hat, läuft weniger Gefahr, verbrannt, verbannt, ausgestoßen, von Hochhäusern geworfen oder sonstwie diskriminiert zu werden. Religionen haben einen hohen Organisationsgrad, auch das macht sie für viele Menschen so reizvoll: Je mehr Menschen sich derselben Illusion hingeben, desto wahrer fühlt sie sich an. Wahrsager und Astrologen hingegen orientieren sich eher am Individuum, sie haben es nie geschafft, Lebensregeln aufzustellen und zu überwachen, sie haben niemals eine verbindliche Ideologie geschaffen, die den Aufbau autoritärer Strukturen ermöglicht. Wer sich zum falschen Wahrsager bekennt, ist noch nie von den Anhängern anderer Wahrsager erschlagen, gevierteilt oder verspottet worden, auch im Bereich der Horoskopgläubigen ist von blutigen Eroberungsfeldzügen, Hexenjagden, flächendeckender Gewalt gegen Kinder, von Sprengstoffattentaten und Moralpredigten wenig bekannt. Aus dieser Sicht ist es also ratsam, sich doch eher eine Religion auszusuchen – Inhalte sind dabei eigentlich egal, denn die Inhalte sind immer absurd.

d) Fazit

Im ewigen Wettstreit der fantasiebegabten Lebenserklärer geht also ein Punkt an die Nutzung von Religionen, wohingegen die Wahrsager sich nirgends richtig aufzudrängen vermögen. Aus finanzieller Sicht sowie als Seelenretter liegt die Astrologie vorne: Man kann sie praktisch umsonst bekommen, und sie legt uns ein inneres Achselzucken nahe, wenn es um letzte Dinge geht: Du kommst aus dem Universum, du gehst wieder ins Universum. Viel mehr gibt es da ja auch nach viel Nachdenken nicht zu sagen. Plus, man kann das Horoskop nebenbei beim Frisör lesen, da liegt es irgendwo zwischen überflüssigen Meldungen über überflüssige Stars, und ungefähr genau so ernst sollte man es auch nehmen. Aus Gründen der Ausgewogenheit sollten zukünftig aber auch noch ein paar saftige Wahrsagereien daneben stehen sowie die neuesten Erkenntnisse kostümierter alter Männer.

https://hpd.de/artikel/papst-vs-wahrsager-14692

Advertisements

Diskussionen

2 Gedanken zu “Papst warnt vor Wahrsagern: Religion oder Aberglaube: Was bringt uns mehr?

  1. Und wer warnt vor den Kinderbumsern?

    Gefällt mir

    Verfasst von reiner tiroch | 18. August 2017, 14:50

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Archive

%d Bloggern gefällt das: