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Ausland, Lateinamerika

Der Weg in Richtung Halbkolonie (Argentinien)

von Ricardo Aronskind – http://freiesicht.org/

Das chilenische oder peruanische Modell der Unterordnung ist das Beispiel, dem die Regierung von Präsident Mauricio Macri folgt

Der strategische Kurs der Regierung von Cambiemos 1 läuft darauf hinaus, Argentinien zu einer Halbkolonie des globalen Kapitalismus zu machen. Zu einem weiteren Territorium für die weltweite Akkumulation des Kapitals mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft des Landes. Sie bringen eine extreme Reduzierung der Kapazitäten des Nationalstaates mit sich, öffentliche Politiken durchzuführen, die seine Entwicklung und Autonomie innerhalb der globalen Ordnung steigern. Dabei ist das chilenische oder peruanische Modell der Unterordnung das Beispiel, dem die Regierung von Präsident Mauricio Macri folgt.

Das Wort Halbkolonie erscheint heutzutage als archaischer Begriff.

Es gibt fast keine Kolonien mehr auf der Welt, die Herrschaftsformen haben sich beträchtlich verändert und die Ideologie der „Globalisierung“ entwickelt sich insbesondere durch die Negierung nationaler Problematiken und die brutalen Machtasymmetrien in der aktuellen Welt.

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff verwendet, um ein „intermediäres“ politisches Phänomen zwischen einer offen kolonialen Situation, in der ein Land oder ein Territorium von einer ausländischen Macht besetzt und regiert wird und einer vollständig souveränen Situation zu bezeichnen, in der ein Land die Macht über seine politischen, ökonomischen und sozialen Geschicke hat.

Die Halbkolonie hat die Besonderheit, eine formell souveräne politische Entität zu sein, aber ein solches Maß an Abhängigkeit und Unterordnung unter externe Faktoren (Nationen, Unternehmen, Verträge, multilaterale Organismen) aufzuweisen, dass sie faktisch ihre Souveränität nicht ausüben kann und auf gewisse Weise von extra-territorialen Akteuren gelenkt wird.

Wir haben den Eindruck, dass das Land unter Macris Regierung dabei ist, eine Semikolonie des 21. Jahrhunderts zu werden. Man könnte argumentieren, dass Argentinien seit 1976 Schwierigkeiten hat, seine Souveränität in vollem Maße auszuüben und es von daher an seiner Situation nichts Neues gibt. Und dass es bereits vorher Probleme der Abhängigkeit und der äußeren Einmischung in seine eigenen Angelegenheiten hatte.

Unsere Hypothese dagegen ist, dass die Gesamtheit der Maßnahmen der gegenwärtigen Regierung explizit darauf abzielt, die Kapazitäten des Nationalstaates zur Umsetzung öffentlicher Politiken im Sinne von Entwicklung und Autonomie innerhalb der weltweiten Ordnung auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

Kurz gesagt: Nach der Anwendung der neoliberalen Politiken von Cambiemos und je mehr es gelingt, sie vollständig umzusetzen, wird das Gesamtbild eine Verschärfung der Abhängigkeit und ernsthafte Beschränkungen zeigen, um Entscheidungen von nationaler Bedeutung ohne die Billigung „globaler“ Mächte treffen zu können.

Die semikoloniale Ideologie der Regierungsspitze

Eine der ersten (und einzigen) Andeutungen im Hinblick auf die internationale Politik, die Mauricio Macri in seiner Präsidentschaftskampagne formulierte, war die der Ablehnung der chavistischen Regierung von Venezuela. In der internationalen Politik stellte diese Erklärung ein unmissverständliches Signal der Ausrichtung auf die USA dar und ein Angebot, sich ihnen zur Verfügung zu stellen um „je nach Gusto zu befehlen“. Außerdem erklärte Macri seine ideologische Sympathie mit dem chilenischen Modell, das vom gesamten globale Establishment als „das“ neoliberale Modell präsentiert wird, das in ganz Lateinamerika Verbreitung finden müsse. Chile hat es nicht vermocht, sich allzu weit von dem von der Pinochet-Diktatur eingeführten neoliberalen Modell zu entfernen, welches das Land zudem in der Region isoliert hat.

Die erklärte Absicht einer Annäherung an die Pazifik-Allianz ist ein weiteres Beispiel der ideologischen Orientierung Macris: dabei handelt es sich um einen Block von Ländern, deren Hauptverbindungsachse darin besteht, dass es sich um periphere Ökonomien handelt, die mit den USA ‒ der größten Macht des Planeten! ‒ Freihandelsabkommen unterzeichnet haben. Man kann sich kaum eine ungleichere und asymmetrischere Situation vorstellen und eine derart dauerhafte Übernahme der Rolle von Anhängseln der nordamerikanischen Wirtschaft vorzustellen.

Andere diplomatische Gesten wie die Bitte um Vergebung des Präsidenten an den König von Spanien für die nationale Unabhängigkeit oder die von Wirtschaftsminister Prat Gay formulierte Bitte um Entschuldigung an die spanischen Unternehmer für die Nationalisierung der YPF 2 markieren ein klares Profil des Desinteresses, ja fast der Scham, das nationale Interesse zu verteidigen sowie eine obsessive Besorgnis, der „Welt“ (den westlichen Mächten) und den „Märkten“ (den Multinationalen und dem globalen Finanzsektor) zu gefallen.

Auf einer eher konzeptuellen Ebene markieren die systematische Entleerung aller patriotischen Daten und Figuren – die lächerliche Version über die „Angst“ der Patrioten vor der Unabhängigkeit, ja sogar die Ersetzung historischer Figuren auf den im Lande zirkulierenden Geldscheinen durch Tiere, die ideologische Feindseligkeit der Regierung gegenüber jeglichem Bezug auf die Wurzeln und die Besonderheiten des Landes.

Aber es handelt sich nicht nur um augenscheinliche Sympathien auf der Ebene der Ideen, sondern um ein systematisches Handeln der Regierung, das auf die Schaffung einer semikolonialen Realität abzielt.

Die Schaffung der Grundlagen einer Halbkolonie

Wir wollen auf einige Elemente hinweisen, die zusammenkommen und in eine einzige Richtung weisen: die nationale Schwächung, den Verlust an produktiven Kapazitäten, den schwachen Staat.

1. Die Auslandsverschuldung: hier muss man nicht weiter ins Detail gehen, Argentinien ist im Jahr 2016 das Land gewesen, das weltweit die meisten Schulden gemacht hat und fährt damit in erschreckender Geschwindigkeit fort, indem es versucht, den Weg der Entschuldung, den die Regierung Kirchner eingeschlagen hatte, zurück zu gehen. Es ist nicht nötig (oder vielleicht doch?), die Argentinier an die katastrophalen Auswirkungen der Verschuldung, welche von der Diktatur hervorgerufen worden war, auf den Lebensstandard und die sozialen Verhältnisse des Landes zu erinnern.

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass „die internationale Finanzgemeinschaft“ dringend Länder von der Art Argentiniens benötigt, die zu sehr hohen Zinsraten viele Schulden aufnehmen, und diese schließlich mit Produktion, mit produktiven Aktiva oder mit natürlichen Ressourcen bezahlen. Regierungen mit auch nur der geringsten nationalen Perspektive greifen nur mit sehr präzisen Zielsetzungen auf eine Verschuldung zurück, nicht aber um laufende Kosten zu finanzieren.

2. Der Angriff auf die nationale wissenschaftliche und technologische Entwicklung: hier ist auf ganzer Linie eine bestimmte Politik zu beobachten: vom expliziten Boykott des normalen Funktionierens der öffentlichen Bildung mittels Einstellung der Finanzierung auf allen Ebenen, dem Angriff auf die Lehrkräfte, die Kürzungen beim Conicet 3, über den Zusammenbruch der Fonds für die von der Forschung benötigten Mittel, den dramatische Wandel bei der Verwendung des argentinischen Satellitensystems, das europäischen Interessen unterstellt wird, bis hin zum Stopp der Bauarbeiten am Kernkraftwerk in Atucha. Man könnte kaum anders vorgehen, wenn man den Aufbau einer Halbkolonie beabsichtigt: der Mangel an eigenen Kenntnissen und Kapazitäten ist grundlegend für die Rechtfertigung der strukturellen technologischen Abhängigkeit und der daraus folgenden Unterordnung unter die Länder, die die besagten Mittel liefern.

3. Der Kauf von Waffen im Ausland: es ist darüber diskutiert worden, ob dies wegen der Existenz irgendeiner Konflikthypothese oder für den Einsatzes bei der inneren Repression gemacht wurde. Die erste Annahme ist dabei wohl auszuschließen, da es eine solche Hypothese von Konflikten mit Nachbarländern nicht gibt. Hier bleibt nur ein ungelöster Brennpunkt, nämlich die britische Besetzung der Malwinen, aber die Regierung Macri hat beschlossen, das Thema endgültig zu den Akten zu legen, um sich beim Vereinigten Königreich beliebt zu machen, wie es aufgrund ihrer semikolonialen Ideologie nicht anders sein kann.

Was die Repression im Innern angeht, so wird diese nicht mit Raketen und Bombern, sondern mit anderen Materialien durchgeführt, die bereits in großen Mengen angeliefert werden – man kann sie schon im Einsatz beobachten. Letztlich wird Kriegsmaterial eingekauft, weil die internationalen Waffenhändler Waffen absetzen müssen, wo sie nur können. Und die argentinische Regierung sieht es als notwendig, allen Machtfaktoren ihren „guten Willen“ zu zeigen. So ganz nebenbei befriedigt man dabei auch eine alte Forderung der Streitkräfte – die Nachrüstung – dafür werden die eigenen Projekte der Produktion für die Verteidigung eingestellt, die mit bestimmten importierten Produkten konkurrieren könnten.

4. Der Import kostspieliger Sicherheitssysteme: typisch für eine rückständige Regierung, die sich nicht ernsthaft vornimmt, die Probleme der öffentlichen Sicherheit anzugehen, also greift man zum Fetisch der Technologie, um die Bevölkerung, um die Wähler zu täuschen, indem man zeigt, dass man etwas unternimmt. Im diesem Fall brüsten sich die Gemeinden, die Stadt Buenos Aires, die Provinzregierungen und die nationale Regierung mit dem massiven Erwerb elektronischen Gerätes „der neuesten Generation“, um die „Sicherheit“ (oder die Unsicherheit) der Bevölkerung zu verstärken. Zugleich tut man absolut gar nichts, um die Qualität der öffentlichen Institutionen drastisch zu verändern, die sich der Problematik stellen müssten, die „technologische“ Ausgaben – immer sind es Importe und stets von ganz bestimmten Zulieferern – ist nur eine weitere Gefälligkeit an die äußeren Freunde und vollkommen losgelöst von einer echten Besorgnis, die Probleme, die die Gesellschaft betreffen, effektiv zu lösen. Jede Gelegenheit ist gut, importierte Waren zu kaufen und sich ganz nebenbei auch noch zu verschulden.

5. Das australische Modell: verschiedene staatliche Behörden haben in ihre internen Dokumente das „Ziel“ aufgenommen, das australische Wirtschaftsmodell nachzuahmen. Natürlich klingt es in den Ohren eines Teils der Bevölkerung besser, es Australien gleichzutun als Chile oder Peru, welches die wirklichen Modelle der Regierung sind. Das australische Argument ist jedoch nützlich, um die Politik der Deindustrialisierung zu begründen, was in jenem pazifischen Land tatsächlich geschehen ist.

Es gilt festzuhalten, dass Australien 19 Millionen Einwohner weniger hat als Argentinien und viermal so viele Bodenschätze besitzt, was es ihm ermöglicht hat, in Verbindung mit der dynamischsten Region des Planeten sein produktives Profil zu verändern. Dem Modell von Macris Deindustrialisierung mangelt es nicht nur an Strategien zur Umstrukturierung, sondern es beruht auch in starkem Maße auf dem Landwirtschaftssektor, dem Erdöl, dem Gas und dem Bergbau ‒ Aktivitäten, die generell in Händen des Großkapitals oder multinationaler Konzerne liegen und nur sehr geringe Auswirkungen auf die interne Produktions- und Beschäftigungsstruktur haben. Es handelt sich um ein mehr von Außen (seitens der Interessen der Multinationalen, die in diesen Sektoren operieren) und weniger von den Bedürfnissen der 44 Millionen Einwohner aus gedachtes Modell. Typisch für eine Halbkolonie.

6. Die Ausstellung einer Schuldverschreibung für 100 Jahre: wenn sich auch der Großteil der öffentlichen Meinung bislang gleichgültig gegenüber der gigantischen Verschuldung gezeigt hat, die dem Land zugemutet wird – ohne jegliche Rückzahlungsstrategie – so hat in breiten Sektoren doch die Ausstellung einer öffentlichen Schuldverschreibung für 100 Jahre für Aufsehen gesorgt, die zudem eine exorbitante Verzinsung von 7,9 Prozent beinhaltet. Man muss jedoch insbesondere die Ursache für eine solche Emission beachten: nordamerikanische Pensionsfonds verlangen diese langfristigen Anleihen, denn sie ermöglichen es ihnen, langfristige Titel zu halten, die ihnen für ihre speziellen Operationen der Pensionszahlungen nützlich und in diesem Fall höchst rentabel sind.

Daher versuchen sie mittels internationaler Banken zu befördern, dass die Regierungen von Ländern, die bereit sind sich zu verschulden, Emissionen dieser Art von Verschuldung vornehmen. Und hier war die Regierung Argentiniens zur Stelle und bot ihnen eine Emission in Höhe von 2,75 Milliarden US-Dollar, um sich beliebt zu machen und eventuell Einfluss auf das Ratingunternehmen (Morgan Stanley) auszuüben, bei dem die Entscheidung lag, ob das Land sich an der „Grenze“ befindet oder dabei ist, oder sich in ein „Schwellenland“ zu verwandeln, immer aus dem Blickwinkel der internationalen Finanzen betrachtet. Wir müssen deutlich machen, dass keine dieser Aktivitäten irgendeine Verbindung zur Erzeugung von Reichtum hat, sondern dazu dient, auf Kosten des Landes finanzielle und spekulative Gewinne zu erzielen.

7. Diplomatisches Scheitern innerhalb der G-20: die Treffen des argentinischen Präsidenten mit der britischen Premierministerin Theresa May und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron sind nicht zufällig gescheitert, obwohl dies Problemen der Tagesordnung oder der Reiseplanung zugeschrieben wurde. Die aktuelle Regierung legt bei all ihren internationalen Kontakten mit wichtigen Ländern einen Willen zur Unterwerfung an den Tag, der folglich nicht allzu viele Verhandlungen erforderlich macht. Und sich auf einem internationalen Gipfel, auf dem die Zeit knapp ist, mit Präsidenten fotografieren zu lassen, die von selbst unterwürfig sind und nur die Absicht verfolgen, die internationale Bedeutung ihrer Länder herunterzuspielen, mag Führern, die sehr wohl nationale Ziele vertreten, unnötig erscheinen.

8. Die Repression und die Räumung von PepsiCo:4 über die Ablehnung hinaus, die die bedingungslose Ausrichtung der Regierung auf jedwede unternehmerische Sache verdient, ob real oder fiktiv wie im vorliegenden Fall, muss ihr Handeln auch in Bezug auf das offizielle strategische Projekt für das Land betrachtet werden.

Die Regierung Macri möchte mit dieser Aktion allen Multinationalen der Welt vermitteln, dass es hier in Argentinien eine Regierung gibt, für die das Recht auf Eigentum und die Freiheit der Unternehmer, arbeitsrechtlich zu tun was immer sie wollen, oberste Priorität hat. Für die aktuelle Regierung gibt es keinen Zweifel daran, dass zwischen dem Lebensunterhalt der argentinischen Arbeiterinnen und Arbeiter und der Maximierung der Gewinne eines multinationalen Konzerns ‒ der sogar Produkte aus dem Ausland importiert, damit der Konflikt seine Profite nicht schmälert ‒ letzteres das Entscheidende ist. Eindeutig kommt hier das semikoloniale Kriterium wieder völlig offen zum Ausdruck.

9. Der Versuch, ein Abkommen mit der Europäischen Union Ende 2017 zu erreichen: hier handelt es sich um einen weiteren zentralen Baustein, um eine immer mehr unumkehrbare Situation im Hinblick auf Unterentwicklung und Abhängigkeit zu schaffen. Wie sich herausgestellt hat, ist das zur Unterzeichnung anstehende Abkommen zwischen dem Mercosur5 und der EU – auch wenn es noch der parlamentarischen Verabschiedung bedarf ‒ für die nationalen Interessen äußerst schädlich und nur für eine kleine Gruppe von Exporteuren spezifischer Waren von Nutzen. Die Industrie und der interne argentinische Markt wären erneut die Opfer der Sehnsucht der Regierung danach, „in der Welt zu sein“. Die negativen Auswirkungen auf breite örtliche produktive Sektoren wird als „unvermeidlich“ und als „Preis dafür, in der Welt zu sein“ dargestellt werden. Zweifellos werden die Europäer, die mit aller Härte verhandelt haben um ihre Interessen im industriellen, landwirtschaftlichen und Dienstleistungssektor zu verteidigen, der argentinischen Regierung sehr dankbar sein – bieten sie ihnen doch einen Markt an, auf den sie alle Produkte werfen können, die sie aufgrund der internen Stagnation sonst nicht absetzen könnten. Argentinien dagegen liefert eine Schlacht um sein Schicksal, angeführt von Generälen, die sich bereits im Voraus ergeben, dies aber nur dem Feind mitgeteilt haben.

Die vollendeten Tatsachen der herrschenden Klasse Argentiniens

Jeder neoliberale Zyklus hat einen höheren Grad an Abhängigkeit des Landes hervorgebracht: die zivil-militärische Diktatur (1976-1983) hat eine enorme Auslandsverschuldung eingeleitet, die unter dem Gesichtspunkt der Modernisierung, der Wettbewerbsfähigkeit und des Fortschritts absolut nutzlos war und die wir noch immer nicht haben bezahlen können. Diese Verschuldung, welche die Makroökonomie und die nationalen Wirtschaftspolitiken strukturell bestimmt hat, hat 23 Jahre lang der systematischen Intervention der internationalen Finanzorganismen den Boden bereitet, was die zentralen Definitionen über die Verwendung der öffentlichen Mittel angeht.

Der Zyklus unter Präsident Carlos Menem (1989-2001) brachte dagegen einen folgenschweren Prozess der Auslandsverlagerung der großen lokalen Unternehmen mit sich. Am Ende des neoliberalen Zyklus befanden sich 70 Prozent der 500 größten Betriebe des Landes in ausländischer Hand, was bedeutete, dass:

a) ein Gutteil dessen, was die großen lokalen Mischkonzerne taten, nicht hier, sondern in ihren Mutterunternehmen entschieden wurde; b) sie einen Teil ihrer Gewinne systematisch ins Ausland verschoben und verschieben (bis dahin, in der Krise von 2008 ihren Mutterunternehmen von den Ländern der Peripherie aus finanziell zu helfen); c) sie sich in ihren Ursprungsländern mit allen möglichen Zubehörteilen versorgen und so die lokale Produktion durch Importe ersetzen; d) sie von ihren jeweiligen Staaten in jedwedem Konflikt im Land unterstützt werden. Außerdem wurde das Bankensystem in extremer Weise ins Ausland verlagert. Das geschah mit der Rechtfertigung, dass dies für die Sparer solider und vertrauenswürdiger sei … wie diese dann anlässlich des Corralito 6 von 2001 feststellen konnten.

Gleichzeitig wurde festgelegt, dass die Konflikte mit allen ausländischen Interessen im Ausland vor nordamerikanischen Gerichten und vor dem Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten der Weltbank geregelt werden sollen.

Nicht genug damit, verfügt die WHO, die seit 1995 den internationalen Handel reguliert, immer mehr Macht, um Sanktionen und Strafen gegen die Länder zu verhängen, die es wagen, ihre internen Märkte zu schützen und ihre eigene Entwicklung voranzutreiben.

Die neoliberale lokale Rechte, die es bei ihren beiden vorherigen Versuchen nicht geschafft hat, ein gangbares und stabiles Wirtschaftsmodell für das Land zu formulieren, hat Mechanismen durchgesetzt, die die nationale Ökonomie systematisch mit der Welt verknüpfen und die uns dauerhaft an äußere Interessen binden (die wiederum die mit ihnen verbundenen lokalen Interessen abstützen).

Damit wird erreicht, dass die internen Veränderungen, die man vornehmen möchte, um die Unterentwicklung zurückzudrängen, auf sehr starke äußere Interessen mit enormen Kapazitäten stoßen, Lobbyismus zu betreiben und Druck auszuüben. Letztlich sind es die Großmächte, die sie verteidigen und zu Garanten dafür werden, dass die von der lokalen herrschenden Klasse geschaffenen vollendeten Tatsachen „unverrückbar“ werden.

Mit anderen Worten: die lokale Rechte, und der Macrismus ist genau das, ist darauf aus, dass es in der Zukunft keine Möglichkeit geben soll, populare Politiken voranzutreiben, unabhängig davon, wer in Argentinien regieren mag.

Deswegen gefällt auch in neoliberalen Kreisen das Beispiel Peru so sehr: in den letzten Jahrzehnten folgten „technokratische“, „sozialdemokratische“, „nationalistische“, „neoliberale“ Regierungen aufeinander, aber alle sind ökonomisch gesehen neoliberal und deshalb im Sozialen der Dynamik und den Interessen der großen transnationalen Bergbauunternehmen unterworfen. Im tiefsten Sinne des Wortes gibt es keine Demokratie. Es ist keine Demokratie „niedriger Intensität“, sondern nur deren mumifizierter Leichnam.

Die lokale Rechte zielt gemeinsam mit der brasilianischen Rechten darauf ab, den Prozess der regionalen Integration auszuhöhlen, indem sie diese in verschiedenen Freihandelsabkommen mit Drittmächten auflöst. Sie streben nicht nach Autonomie und eigenen Projekten, sie streben nicht nach Entfaltung aller Potentiale unserer Region, sondern danach, sich in passiver Form dem viel größeren und dynamischeren Kapital anzuschließen, das es in anderen Regionen gibt.

Wessen Halbkolonie wäre Argentinien? Der gegenwärtige Kapitalismus zeigt eine Reihe neuartiger Phänomenen mit einem außerordentlichen Maß an gegenseitiger Durchdringung und Überkreuzung verschiedenen Kapitale und Interessen, zusammen mit einer Unterordnung der Staaten der wichtigsten Hauptländer unter ihre jeweiligen Privatsektoren. Aufgrund der von den Konzernen benutzten ausgefeilten juristischen Struktur wird es immer komplizierter, klar aufzudecken, wer schließlich die Eigner des Kapitals sind. Verschiedene Arten von Zusammenschlüssen, geteilte Aktienpakete, Beziehungen gegenseitiger Ergänzung oder Abhängigkeit bilden eine globale Unternehmensverflechtung, die heutzutage die Herkunft oder den Ursprung vieler Firmen nicht mehr deutlich erkennen lässt. Hingegen ist das kollektive Credo dieser Interessen deutlich: der höchste politische Wert bei der neoliberalen Globalisierung ist die Freiheit des Kapitals, die Welt in Übereinstimmung mit seinen Unternehmensinteressen zu ordnen.

Welches Bild ergibt sich also ? Das einer Halbkolonie des globalen Kapitalismus. Ein weiteres Gebiet des weltweiten Akkumulationsraumes des Kapitals. Eine Globalisierung, die offenkundig keine adäquaten Institutionen besitzt, um diese neuen transnationalen Realitäten zu steuern, weil sie sich in Wirklichkeit nicht einmal selbst regieren kann, wie die aufeinander folgenden Krisen und Debakel der letzten Jahrzehnte zeigen. Periphere Regierungen, die bloße Manager einer globalen Logik sind, der sie jenseits des Schicksals ihrer Bevölkerungen Gehorsam und Treue schulden.

Wir glauben, dass dies der strategische Kurs der Regierung von Cambiemos ist.

Dabei besitzt eine halbkoloniale Regierung wie die, die wir vor uns sehen und die versucht, eine dauerhafte halbkoloniale Situation zu schaffen, keinerlei Fähigkeit, auch nur im Mindesten eine Antwort auf die elementarsten Probleme der Mehrheiten der Bevölkerung zu geben, weil sie selbst genau die Ursache vieler dieser Probleme ist.

So werden die Bedingungen dafür geschaffen, dass diese Mehrheiten in irgendeinem Moment ihres politischen Reifungsprozesses beschließen, den Kurs ihrer Geschichte zu ändern, was notwendigerweise beinhaltet, die Wesensmerkmale der nationalen Souveränität wieder aufzunehmen.

Diese Aufgabe wird nicht einfach sein und sie würde sowohl durch die Koordinierung und die Solidarität mit anderen Völkern und Erfahrungen unserer Region als auch durch die demokratischen und egalitären Veränderungen sehr begünstigt werden, die in den Zentren der globalen Macht selbst bereits gefordert werden.

Ricardo Aronskind ist Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Buenos Aires (UBA) sowie Dozent für Wirtschaftsgeschichte und Arbeitswissenschaft

  • 1. Cambiemos (Verändern wir) ist das konservative Regierungsbündnis von Präsident Mauricio Macri
  • 2. Yacimientos Petrolíferos Fiscales, das staatliche Erdgas- und Erdöl-Unternehmen
  • 3. Nationaler Rat für wissenschaftliche und technische Forschung
  • 4. Der Betrieb von PepsiCo im argentinischen Vicente López wurde am 20. Juni ohne Ankündigung geschlossen, 600 Angestellte entlassen. Etwa 100 Beschäftigte besetzten das Fabrikareal, bei der Räumung wurden sie von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen angegriffen. Ein Arbeitsgericht hat die Massenentlassungen mittlerweile für illegal erklärt. Siehe Amerika 21: Proteste gegen Entlassungen bei PepsiCo und Polizeigewalt in Argentinien
  • 5. Dem regionalen Wirtschaftsbündnis Gemeinsamer Markt des Südens (Mercosur) gehören Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay an, Venezuela ist derzeit suspendiert
  • 6. Corralito: System zur Beschränkung des Bargeldumlaufs
Übersetzung: 
http://freiesicht.org/2017/ricardo-aronskind-der-weg-in-richtung-halbkolonie-argentinien/
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