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Ausland, Naher Osten

SAUDISCHER BIG-NOTHING-BURGER

von https://nocheinparteibuch.wordpress.com

Das „unverhandelbare“ 10-tägige Ultimatum von Saudi Arabien und seinen drei Partnern VAE, Bahrain und Ägypten, mit dem die vier Staaten nach dem Schließen ihrer Grenzen und ihres Luftraums vor einem Monat mehr Druck auf Katar machen wollten, scheint sich gerade als Big-Nothing-Burger zu entpuppen.

Nach fruchtlosem Ablauf des Ultimatums am Sonntag Abend erklärte Saudi Arabien zunächst, das Ultimatum werde um zwei Tage verlängert, bis der saudische Außenminister und seine drei Partner sich am Mittwoch in Kairo zur Besprechung des weiteren Vorgehens gegen Katar zusammensetzen. Nach der mit Spannung erwarteten gestrigen Besprechung in Kairo erklärten die vier Außenminister dann eingebettet in anti-katarische Rhetorik, dass sie sich nach der negativen Antwort von Katar auf ihr Ultimatum auf keine weiteren Maßnahmen gegen Katar einigen konnten. An einem noch zu bestimmenden Tag in der Zukunft wollen sie sich in Bahrain wiedertreffen, um da nochmal zu schauen, ob ihnen doch noch was einfällt, wie sie Katar noch etwas mehr ärgern können. Auch kam es am heutigen Donnerstag Morgen nicht zu einem durchaus denkbaren Angriffskrieg von Saudi Arabien gegen Katar. Dass sowohl der saudische König Salman als auch sein Sohn Kronprinz Mohammed ihre Teilnahme am G20-Gipfel in Hamburg kurzfristig abgesagt haben, liegt anscheinend nicht daran, dass sie als Oberbefehlshaber im Land sein wollen, wenn sie Katar angreifen, sondern daran, dass sie ihre Position in Saudi Arabien gegenwärtig für so fragil halten, dass sie im Fall einer Auslandsreise einen Putsch befürchten.

Nach einem Monat des mit falschen Vorwürfen, Katar stünde der Regionalmacht Iran nah, begonnenen saudisch geführten Boykotts gegen Katar lohnt sich ein Rückblick darauf, wie sich die Beziehungen zwischen Katar und Iran seitdem entwickelt haben. Eine der wichtigsten und härtesten Maßnahmen der Saudis und ihrer Partner war es, ihren Luftraum für katarische Flugzeuge zu schließen. Katar hat einen erheblichen Teil seiner Profite aus der Gasförderung in seine Fluggesellschaft Qatar Airways investiert, deren Geschäftsmodell im wesentlichen darin besteht, Katar als internationales Flugdrehkreuz für Reisende von Europa und aus dem Osten der USA nach Fernost und umgekehrt zu nutzen. Kurz gesagt geht das so: Qatar Airways sammelt Reisende in unterschiedlichen Städten Europas und dem Osten der USA ein, um sie nach Katar zu fliegen, wo sie dann auf andere Flüge von Qatar Airways in unterschiedliche Städte des fernen Ostens umsteigen, und umgekehrt. Könnte Qatar Airways nicht mehr nach West- und Mitteleuropa fliegen, würde das das Geschäftsmodell und wohl auch die Fluglinie selbst zerstören.

Die übliche und kürzeste Strecke vom persischen Golf nach West- und Mitteleuropa und in den Osten der USA führt über Saudi Arabien und Ägypten, und diese Staaten haben den Luftraum für Qatar Airways geschlossen. Möchte man nicht über Kriegsländer wie den Irak fliegen, womit sicher viele Kunden gerade von einer Premiumlinie wie Qatar Airways vergrault würden, gibt es gegenwärtig von Katar und dem persischen Golf nach West- und Mitteleuropa nur eine Alternative zum saudischen Luftraum: nämlich über den Iran und die Türkei zu fliegen. Und genau das geschah dann auch, und zwar unmittelbar nachdem Saudi Arabien und Ägypten ihren Luftraum für Qatar Airways geschlossen hatten.

Unmittelbare Folge davon ist erstmal, dass nun Iran anstelle von Saudi Arabien und Ägypten die branchenüblichen Gebühren für die Überflugrechte von Katar bekommt. Und man darf getrost davon ausgehen, dass das nicht alles ist. Man darf annehmen, dass die Genehmigung zur Nutzung des iranischen Luftraumes von einer Botschaft begleitet war, die sinngemäß gelautet haben könnte: Liebe Kataris, ihr bittet uns, Brüderlichkeit zu zeigen und eurer geliebten und gehätschelten Fluglinie durch Öffnung unseres Luftraumes den Allerwertesten zu retten. Wir machen das, aber wir erwarten auch von euch brüderliches Verhalten uns gegenüber, und da gibt es leider von unserer Seite auf einigen Feldern einige Dinge zu bemängeln.

Keine vier Wochen später hat der französische Ölmulti Total, zu dessen wichtigsten Kunden auch Katar gehört, mit dem Iran einen fast fünf Milliarden US-Dollar schweren Deal zur Entwicklung eines größeren Segmentes des South-Pars-Gasfeldes abgeschlossen. Das South-Pars-Gasfeld, das Iran sich mit Katar teilt und die Quelle des katarischen Reichtums ist, ist zwar das größte Feld der Welt, aber das Gas ist technisch nicht ganz einfach zu fördern, was unter anderem ein Grund dafür ist, dass die iranische Förderung aus dem Feld der von westlichen Firmen durchgeführten katarischen weit hinterherhinkt. Mit dem Deal hat Iran nach dem Ende der UNO- und EU-Sanktionen vor eineinhalb Jahren einen Durchbruch geschafft, westliche Ölriesen trotz Sanktionsdrohungen des US-Senats dazu zu bewegen, in die Förderung im Iran zu investieren. Dazu, warum das ausgerechnet jetzt mit Total geklappt hat, kann man zwar nur spekulieren, aber es ist sicher nicht undenkbar, dass das Zustandekommen des Geschäfts erst dadurch möglich wurde, dass Total von Katar plötzlich die Botschaft erhalten hat, dass Katar nun brüderliche Beziehungen zum Iran pflege und Katar deshalb ein solcher Deal zwischen Total und Iran zur Ausbeutung des gemeinsamen Gasfeldes jetzt durchaus recht wäre. Man darf durchaus Hoffnungen haben, dass der Deal mit Total die Wirkung eines Eisbrechers entfaltet und im Gefolge des Total-Deals, der einen gewissen Schutz durch die französische Regierung gegen US-Ungemach signalisiert, weitere westliche Unternehmen in den Iran gehen.

Unmittelbar nach dem Deal zwischen Total und Iran kam aus Deutschland jedenfalls die Nachricht, dass sich der deutsche Autobauer Volkswagen, wo unter anderem das Land Niedersachsen und der Staat Katar wichtige Aktionäre sind, nach 17 Jahren Abwesenheit entschlossen hat, wieder Autos im Iran zu verkaufen. Und aus Italien kam gestern die Nachricht, dass die staatliche italienische Eisenbahngesellschaft Ferrovie dello Stato beabsichtigt, nächste Woche einen Milliardendeal mit der iranischen Eisenbahngesellschaft zum Bau einer Schnellzugstrecke zwischen Qom und Arak abzuschließen. Es mag dahingestellt bleiben, wie viele der jüngsten iranisch-europäischen Megadeals auf den plötzlichen saudischen Boykott Katars zurückgehen. Was jedenfalls klar ist, ist, dass Iran in den letzten Tagen einige bemerkenswerte Fortschritte dabei gemacht hat, aus der wirtschaftlichen Isolation der Sanktionszeit herauszukommen.

Neben der Sperrung ihres Luftraums besteht ein wesentlicher Teil der gegen Katar gerichteten Maßnahmen der Saudis und ihrer drei Vasallen darin, dass sie einen totalen Warenboykott gegen Katar verhängt haben. Anders ausgedrückt: die Saudis bestrafen Katar dadurch, dass sie die bislang von saudischen Unternehmen belegten Regalplätze in katarischen Geschäften gezielt leer lassen, damit türkische, iranische und indischeUnternehmen sie auffüllen und übernehmen können. Katar ist zwar mit rund zwei Millionen dort lebenden Menschen recht klein, aber dank der – gemessen in BIP pro Kopf – höchsten Wirtschaftsleistung der Welt ein ausgesprochen attraktiver Markt. Aufgrund seiner geografischen Nähe zu Katar könnte davon besonders der Iran profitieren. Nächste Woche soll dazu eine Schiffslinie vom iranischen Hafen Bushehr nach Katar eröffnet werden, mit der Iran vor allem Frischware in Kühlcontainern zur lang angestrebten Steigerung des iranischen Nicht-Ölexports nach Katar transportieren möchte.

Nicht viele Freunde in der Bevölkerung hüben wie drüben dürften das saudische Königshaus und seine drei Vasallen sich mit der Anordnung gemacht haben, derzufolge all ihre Staatsangehörigen Katar binnen zwei Wochen zu verlassen hatten und alle katarischen Staatsangehörigen ihre Länder auch. Man muss sich vergegenwärtigen, was das für die betroffenen Menschen bedeutet: Job, Studium, Wohnung, alles musste von den Betroffenen binnen zwei Wochen aufgegeben werden, um der saudischen Anordnung zur Isolierung Katars zu entsprechen, von Familien mit gemischter Staatsangehörigkeit ganz zu schweigen.

Während die Saudis und ihre drei Vasallen nun also Katar soweit sie können isoliert hatten, hat Katar mitgeteilt, seine Gasproduktion in rund sieben Jahren um 30% steigern zu wollen. Das wurde von einigen Teilen der Fake-News-Industrie als katarische Kampfansage an Trump dargestellt, der eine große Energieoffensive angekündigt hatte, um die USA zur führenden Energienation der Welt zu machen. Tatsächlich sieht es wohl vielmehr so aus, dass Katar seinen Plan zur drastischen Steigerung seiner Erdgasproduktion mit den Bossen von ExxonMobil, Shell und Total abgestimmt hatte, die sich in den letzten Tagen alle die Klinke beim Emir in Katar in die Hand gegeben haben und verlauten lassen haben, dass sie sehr gerne die technische Durchführung der Ausweitung der katarischen Gasförderung übernehmen werden. Multi-Milliarden Dollar schwere Förderprojekte winken da, und das in einer Zeit, wo es ansonsten bei neuen Projekten eine ziemliche Flaute gibt.

Dass ausgerechnet der US-Ölmulti ExxonMobil, der sowohl in Saudi Arabien als auch in Katar in leitender Position bei der Förderung ist, und dessen Boss Tillerson US-Präsident Trump als seinen Außenminister abgeworben hat, führend beim Durchkreuzen der saudischen Absicht zur Isolierung Katars gewesen ist, dürfte der größte Schock der letzten Tage für die saudischen Machthaber gewesen sein. Das legt nämlich die Vermutung nahe, dass Trump nicht, wie er es öffentlich zur Schau gestellt hatte, auf Seiten der Saudis steht, sondern er die saudischen Machthaber in eine Falle gelockt hat. Spannend könnte nun werden, ob es den saudischen Machthabern gelingt, aus dieser Blamage noch mal rauszukommen.

https://nocheinparteibuch.wordpress.com/2017/07/06/saudischer-big-nothing-burger/

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