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Ausland, Naher Osten

Wohin steuert die Türkei?

von Safo Can – http://freiesicht.org

Momentan scheint es so, als hätte Erdogan keinen Plan B und seine „Berater“ ebenso wenig.

Nach Gründung der Republik stürzte die Türkei auf Drängen der Nato zum ersten Mal 1950 in den Krieg. Das war der Korea-Krieg von 1950 bis 1953. Die Belohnung für die 5.090 beteiligten Soldaten war die Nato-Mitgliedschaft im Jahre 1952. Der Krieg kostete fast 3 Mio. Menschen das Leben.

Die Türkei erhielt von den USA viele Waffen (Panzer, Lastwagen, Kanonen, Gewehre, Munition usw.) aus Restbeständen des 2. Weltkriegs. 1957 hetzte England die Türkei auf Syrien. Große Truppenkontingente marschierten an der syrischen Grenze auf. Der Einmarsch konnte durch die Bemühungen/Vermittlung der Sowjetunion gerade noch verhindert werden.

Dann folgten der Zypern-Krieg und zahlreiche Auslandskampfeinsätze unter Nato/UN Mandat. Jugoslawien, Afghanistan, Libyen …

Im eigenen Land führt die Türkei seit über 35 Jahren Krieg gegen die Kurden. In dieser Zeit operierte sie auch in Syrien und im Irak, mal 30 km, mal 60 km in den Territorien der Nachbarstaaten.

Zu Beginn des Kriegs in Syrien unterstützte die Türkei, als Verbündeter gegen das Assad Regime, die Dschihadistengruppen (IS, Al Nusra und Co) mit der Lieferung von Kämpfern aus aller Welt, Waffen, Lebensmitteln, Medikamenten und mit Chemikalien zur Herstellung von Bomben. Dies geschah allerdings lange Zeit schön verschleiert, bis es schließlich doch bekannt gemacht wurde. Alle wussten es, aber das gemeinsame Stillschweigen, Totschweigen verhinderte die Veröffentlichungen. Die Waffen aus Libyen, nach dem Tod Ghaddafis, genauso wie die Chemie des Westens und das Geld der Golfstaaten erreichten die Dschihadisten in Syrien ohne Zwischenfälle über die Türkei. Jeder rechnete mit einem kurzen Krieg wie in Libyen. Aber Assad erwies sich als hartnäckig. Jahre vergingen; die Gräueltaten der Dschihadisten wurden weltweit einfach akzeptiert. Die Berichterstattung wurde manipuliert und nur über „Gräueltaten“ des Assad Regimes wurde berichtet. So war es auch beim Einsatz des Nervengases Sarin von Al Nusra in der Nähe von Damaskus im Jahr 2013. Sofort wurde die syrische Armee beschuldigt und bis heute hält es an, obwohl seitens mehrerer Institutionen in den USA, England sowie in Schweden festgestellt wurde, dass das Saringas mit Hilfe des türkischen Geheimdienstes durch Al Nusra eingesetzt wurde.

Dann kam Russland ins Spiel und änderte die Spielregeln. Aus „Bastard Assad“ wurde „Bruder Assad“.

Momentan gibt es keinen Nachbarn oder alten Verbündeten mit dem Erdogan keinen Streit hat. Um die innere politische Krise zu überdecken, greift er alle an. Mit Israel will er Geschäfte machen und eine Pipeline von Katar bis Zypern ist sein großer Traum, war wohl auch ein Grund für den Syrien Krieg  (Assad hatte es abgelehnt). Andererseits will er auf Seiten der Palästinenser stehen. In Ägypten unterstützte er die Muslimbrüder/Mursi. Nach dem Militärputsch von Sisi spürte er den kalten Wind in seinem Gesicht. Dabei stand der wichtigste Verbündete, die USA, sofort hinter Sisi.

Nach dem angeblichen Militärputsch letzten Juli, geht Erdogan massiv gegen seinen alten “Koalitionspartner“, die Gülen-Bewegung vor. Mit dieser “Koalition“ hatte Erdogan mit der AKP im Parlament die Oberhand, aber im Staatsapparat und anderen Institutionen hatte die Gülen-Bewegung die Macht. Die Säuberung des Staatsapparats von der Gülen-Bewegung scheint Erdogan geglückt zu sein. Die von den USA unterstützten Mitglieder der Bewegung werden erst mal untertauchen, um zu gegebener Zeit, vielleicht in einer anderen Kombination, wieder aufzutauchen. Erdogan weiß das auch und betreibt deshalb die Einschüchterungspolitik gegenüber den demokratischen Kräften und der parlamentarischen Opposition.

In Syrien hat sich die Lage für Erdogan so verschlechtert, dass er mal für seine Verbündeten, mal gegen sie Stellung beziehen muss. Als die Türkei mit der so genannten “Freien Syrische Armee “im August 2016 in Syrien einmarschierte, wollten die USA ihre “Unterstützer-Truppen“ mitschicken, aber einige der dschihadistischen Gruppen lehnten dieses ab, so dass die US Amerikaner ihre Soldaten abziehen mussten. Nun unterstützt die USA die Kurden und stationiert ihrerseits Truppen bei den Stellungen der Kurden, um diese gegen mögliche Angriffe der Türkei zu unterstützen.

Aber die Türkei bleibt bester Verbündeter der USA und der Golfstaaten gegen den Iran. Mit der Katar-Krise verschärfte sich die Station noch mehr und die Schlinge um Erdogans Hals zieht sich enger.

Verkehrte Welt…

Erdogan bleibt nichts anderes übrig, als sich bei Russland einzuschmeicheln. Einerseits ist die Türkei nun gegen die Dschihadisten in Syrien als Verbündeter von Russland, dem Iran und Assad. Andererseits bleibt der Türkei am Verhandlungstisch wenig “Bewegungsfreiheit“, da die Kurden im Westen Syriens auch von Russland unterstützt werden und russische Soldaten neben den kurdischen Kämpfern stationiert wurden, um einen Angriff durch die Türkei zu verhindern. Nach den Gesprächen in Astana ist die Türkei – auf dem Papier – mit Assad, Russland und dem Iran verbündet, gegen den IS im Irak und unter US geführter Koalition. Aber tatsächlich bleibt die Türkei in Syrien und im Irak erst mal draußen. Paradox!

Da die Europäer im Syrien Krieg kein Mitspracherecht haben, konnte Erdogan nur auf die „Trumpfkarte-Flüchtlinge“ setzen. Aber auch das ist keine Option mehr. Während der Hardliner Erdogan seine Völker massiv unterdrückt, bieten die Europäer aufgrund ihrer wirtschaftlichen Interessen eine gute Angriffsfläche für seine Provokationen. Die passive Haltung der EU gegenüber Erdogan erlaubt es ihm, sich vor seinen Wählern als Sieger zu feiern.

Nun ist er in einen neuen Konflikt geraten. Das Ultimatum der Golfstaaten an Katar zwingt ihn, sich für eine Seite zu entscheiden. Es steht viel auf dem Spiel, einerseits die Milliarden von Katar und die türkische Militärbasis dort, andererseits die Milliardeninvestitionen der restlichen Golfstaaten.

Außerdem könnten diese irgendwann auch der Türkei die Unterstützung des Terrorismus vorwerfen. Da die Türkei von der sg. „Arabischen Nato“ ausgeschlossen ist, kann Erdogan nicht auf Zeit spielen. Wenn die Isolierung Katars aufgehoben wird und die Golfstaaten sich mit Katar versöhnen, bleibt er allein außen vor.

In Idlib greift die von den USA unterstütze Al Nusra, die immer mehr Zulauf von anderen dschihadistischen Gruppen bekommt, die von der Türkei unterstützen Gruppen an. Wenn die Türkei, die von den USA von der Raqqa-Operation ausgeschlossen worden ist, nun doch mit der Erlaubnis Putins in Idlib einmarschiert, muss sie gegen die von den USA und Israel unterstützte Al Nusra kämpfen. Im Nordosten bombardiert die Türkei bereits jetzt die Stellungen der von den USA unterstützen YPG (Kurden).

Es führen also fast alle Schritte, die die Türkei unternimmt bzw. unternehmen wird, zur Konfrontation mit den USA und deren Verbündeten im Irak. In Syrien blieb die Konfrontation mit Russland bislang aus.

Die größte Gefahr stellen jedoch die sich bereits in der Türkei befindlichen Dschihadisten sowie die nach der Befreiung von Idlib in die Türkei flüchtenden Dschihadisten dar. Eine beträchtliche Zahl der AKP-Anhänger unterstützen diese Dschihadisten. Es wird für Erdogan schwer werden, gegen sie vorzugehen. Sie beschuldigen die Türkei, mit dem Regime Syriens und mit Russland gemeinsam gegen die eigenen Glaubensbrüder zu arbeiten. Ein Kompromiss mit diesen Gruppen hieße, sie in die paramilitärischen Kräfte einzubinden, durch mafiöse Geschäfte zu finanzieren oder sie möglicherweise gegen Kurden und die demokratische Opposition einzusetzen. Der Kampf gegen diese Gruppen würde bürgerkriegsähnliche Zustände hervorrufen.

Momentan scheint es so, als hätte Erdogan keinen Plan B und seine „Berater“ ebenso wenig. Ob er den Versuch wagt, diese Krise mit einem Krieg (Einmarsch in die kurdischen Gebiete in Syrien oder im Irak) zu überwinden, bleibt abzuwarten. Ob dann seine Mehrheit von „50ig Prozent“ der WählerInnen immer noch hinter ihm stehen würde, ist fraglich. Gerade diese geraten in der wirtschaftlichen Krise immer mehr unter die Räder. Das Vertrauen in ihn und seine despotische Haltung ist erschüttert, auch bei den alten „Verbündeten“.

http://freiesicht.org/2017/wohin-steuert-die-tuerkei/

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Wohin steuert die Türkei?

  1. Die Türkei führt keinen Krieg gegen Kurden, das sind Hohle fraßen, die Kurden haben zu dem heutigen Zeitpunkt die größten rechte in der Geschichte der jungen Türkei ! Einseitige anti Türkei propaganda wo Mann hinschaut

    Gefällt mir

    Verfasst von Xhal | 8. Juli 2017, 11:54

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