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Ausland, Welt

So beginnen Kriege zwischen großen Mächten

von Emile Simpson – http://www.luftpost-kl.de

Nicht auf einen Schlag, sondern wegen der grundlegenden strategischen Konfusion, die in Washington über die Verbindungen zwischen Syrien, Katar, dem Iran und Russland herrscht

Zum ersten Mal seit Beginn des Syrien-Krieges im Jahr 2011 haben die USA im Mai 2017 direkte Angriffe auf Truppen oder Milizen der syrischen Regierung durchgeführt – nicht nur einmal, sondern mindestens viermal. Es geht weniger darum, wie Syrien darauf reagieren wird, sondern um Russlands Antwort auf den jüngsten US-Angriff den Abschuss eines syrischen Bombers durch einen Kampfjet der U.S. Air Force. Daraufhin haben die Russen nämlich angekündigt, dass sie künftig jedes Flugzeug der US-geführten Koalition angreifen werden, das den syrischen Luftraum (westlich des Euphrat, s.
https://www.tagesschau.-
de/ausland/syrien-usa-russland-107.html
) verletzt.

Wie kann verhindert werden, dass sich daraus einKrieg zwischen den USA und Russland im Mittleren Osten entwickelt?

Die aktuellen politischen Allianzen im Mittleren Osten sind unbeständig wie die wechselnden Bilder eines Kaleidoskops. Bevor wir uns der Rolle der USA und Russlands zuwenden, müssen wir zuerst die fünf losen Gruppierungen untersuchen, die sich seit Beginn des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 herausgebildet haben; dabei lassen wir die kleineren Mitspieler erst einmal unberücksichtigt.

Die erste Gruppierung besteht aus den sunnitischen Monarchien in Saudi-Arabien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Jordanien und Bahrein, den säkularen arabischen Staaten Ägypten – das seit 2013 von dem Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi (s.https://de.wikipedia.org/wiki/Abd_al-Fattah_as-Sisi ) regiert wird, Algerien, Marokko und Tunesien sowie dem östlichen Teil Libyens unter General Chalifa Haftar (s. https://de.wiki-pedia.org/wiki/Chalifa_Haftar ).

Zur zweiten Gruppierung gehören die Türkei, Katar und Ableger der Muslimbruderschaft wie die Hamas in Gaza, die Anhänger des Präsidenten Mohammed Mursi (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Mursi ) , der Ägypten vor 2013 regiert hat, und der international anerkannte westliche Teil Libyens..

Die dritte Gruppierung bilden der Iran, seine schiitischen Verbündeten in der Regierung des Iraks, das Assad-Regime in Syrien und die Hisbollah im Libanon.

Zur vierten Gruppierung gehören die dschihadistischen sunnitischen Netzwerke des Islamischen Staates, verschiedene Al-Qaida-Ableger und eine ganze Anzahl kleinerer Splittergruppen.

An fünfter Stelle ist Israel zu nennen, das in keine der obengenannten Gruppierungen integriert ist, aber aus Eigeninteresse eng mit Staaten der ersten Gruppierung kooperiert.

Aus drei Schlüsselentwicklungen, die seit dem Beginn des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 eingetreten sind, lässt sich erklären, welche Rolle die USA und Russland in diesem Bündnisgeflecht spielen, und wie diese zwei großen Mächte in die Konflikte im Mittleren Osten hineingeraten sind.

Die erste Entwicklung ist die wachsende Spannung zwischen der Durchsetzung der Menschenrechte und der Stabilität. Die von den USA und ihren westlichen Verbündeten vorgenommenen humanitären Interventionen zur Unterstützung von Aufständischen haben bewirkt, dass der Regimewechsel in Libyen gelungen ist, während er in Syrien nicht durchgesetzt werden konnte. Weil die Aufstände durch die Einmischung radikaler Islamisten zum Desaster zu werden drohten, konnte Russland sein Eintreten für Haftar in Libyen und Assad in Syrien damit begründen, dass es ein islamistisches Chaos verhindern wolle.

Die Situation in Ägypten hat sich ganz ähnlich entwickelt. Weil sich die Beziehungen der Obama-Regierung zum Sisi-Regime wegen der Menschenrechtsverletzungen, die bei der Entmachtung der Muslimbruderschaft begangen wurden, verschlechtert haben, konnte Russland wieder mehr Einfluss auf Kairo gewinnen. Daraus erklärt sich auch die gegenwärtige diplomatische Unterstützung Ägyptens für das russische Eingreifen in Syrien.

Die zweite Entwicklung geht auf den Atomdeal zurück, auf den sich die Obama-Regierung 2015 mit dem Iran eingelassen hat, um ihn gewaltlos an der Entwicklung einer eigenen Atombombe zu hindern; dieser Deal wird von der Trump-Regierung aber nur zögerlich akzeptiert. Moskau war zwar den vor dem Deal gegen den Iran verhängten Sanktionen beigetreten, hat aber nach deren Aufhebung seine Beziehungen zu Teheran so stark verbessert, dass es bei der im November 2016 ausgehandelten OPEC-Vereinbarung (weitere Infos dazu unter http://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/opec-ver-
knappt-das-oel-ein-kleiner-durchbruch-mit-verfallsdatum/14917152.html
) als Vermittler zwischen Saudi-Arabien und dem Iran agieren konnte.

Im Gegensatz zu Moskau vertritt die Trump-Regierung eine harte Linie gegen Teheran. Das hat verschiedene Gründe: Auch nach dem Deal setzt die iranische Regierung ihre Raketentests und die Unterstützung schiitischer Milizen im Irak, in Syrien, im Jemen und im Libanon fort, die traditionelle US-Verbündete wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel gern unterbunden hätten, auch wenn viele Israelis den Atomdeal mit den Iran begrüßt haben.

Die dritte besorgniserregende Entwicklung ist der wachsende Einfluss, den sich islamistische sunnitische Netzwerke über soziale Medien und andere Online-Werkzeuge verschafft haben. Die schnelle Ausbreitung des Islamischen Staates wäre ohne diese Netzwerke überhaupt nicht möglich gewesen. Diese effektiven dschihadistischen Netzwerke haben in angeschlagenen Staaten schnell Fuß gefasst und im Westen der Iraks, im Norden Syriens und im südlichen Jemen große Gebiete mit überwiegend sunnitischer Bevölkerung unterjocht.

Durch das Zusammenwirken dieser drei Entwicklungen ist das gegenwärtig zwischen den USA und Russland bestehende Patt in Syrien entstanden.

Die US-geführte Koalition hat zwar Fortschritte bei der Bekämpfung des Islamischen Staates im Irak und in Syrien gemacht. Weil es der Trump-Regierung – wie vorher der Obama – Regierung – aber hauptsächlich darum geht, den Islamischen Staat zu besiegen, hat sie bisher keine positive politische Vision für die vom Islamischen Staat befreiten Gebiete entwickelt. Mit anderen Worten, die USA haben zwar eine militärische, aber keine politische Strategie, und je mehr der Islamische Staat zurückgedrängt wird, desto sichtbarer wird dieser Mangel.

Weil die Trump-Regierung einen härteren Kurs gegen den Iran steuert, will sie natürlich auch verhindern, dass die vom Iran unterstützten schiitischen Milizen, die einen großen Teil der Bodentruppen Syriens und des Iraks stellen, die vom Islamischen Staat befreiten Gebiete besetzen.

Deshalb ordnet die Trump-Regierung sowohl die sunnitischen Dschihadisten als auch die schiitischen Milizen dem radikalen islamistischen Terrorismus zu, und deshalb geht sie auch gegen die paramilitärischen schiitische Milizen in Syrien vor [s. http://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-syria-usa-exclusive-idUSKBN1951YX ]. Außerdem hat Trump bei seinem Besuch in Riad Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten dazu gedrängt, eine Blockade gegen Katar zu errichten, um dessen angebliche Unterstützung für schiitische Milizen zu unterbinden.

Weil den USA eine positive politische Vision für den Mittleren Osten fehlt und die Bekämpfung des Islamischen Staates und die Eindämmung des Irans unkoordiniert nebeneinander erfolgen, ist die jetzige regionale Konfusion entstanden: Denken Sie an einen Schäferhund, der zwar laut, aber ziellos herumbellt. Auch deshalb gleicht der Mittlere Osten jetzt einer aufgescheuchten Schafherde.

Sogar die US-Regierung selbst scheint über die Implikationen ihrer strategielosen Politik verwirrt zu sein, denn sie hat mit sehr widersprüchlichen Signalen auf die Katar-Krise reagiert: Während Präsident Trump die Blockade Katars noch enthusiastisch begrüßte, bemühte sich sein Außenministerium hinter den Kulissen bereits darum, den Konflikt zu deeskalieren, damit wieder Ruhe einkehrt. Was Washington wirklich erreichen will, scheint derzeit niemand zu wissen.

Obwohl die Katar-Krise durch Vermittlung der USA vermutlich bald beigelegt werden kann, wird Doha trotzdem versuchen, seine Abhängigkeit von den USA zu verringern – durch engere Beziehungen zur Türkei, die schon eine Basis in Doha hat, durch den Ausbau seiner kommerziellen Verbindungen zu Russland, die durch eine Beteiligung des Emirates an dem russischen Ölkonzern Rosneft (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Rosneft ) bereits bestehen, und durch Festigung seiner auch jetzt schon sehr guten Beziehungen zum Iran, die für die gemeinsame Erschließung eines Gasfeldes im Persischen Golf unerlässlich sind.

Das Fehlen einer positiven politischen US-Strategie wirkt sich auch im Irak und in Syrien sehr nachteilig aus. Im Irak war der (von Obama veranlasste) Abzug des US-Militärs praktisch eine Einladung an die schiitischen iranischen Milizen, in den Irak einzumarschieren und so die Position des Irans zu stärken. Jetzt bleibt als Alternative nur noch die Errichtung eines kurdischen Teilstaates im Norden des Iraks. Offiziell wollen die USA aber immer noch die Einheit des Iraks erhalten.

In Syrien ist die Situation noch komplexer. Während sich ein großer Teil der irakischen Kurden vernünftige Beziehungen zur Türkei wünscht, lehnt die türkische Regierung einen mehr oder weniger unabhängigen kurdischen Teilstaat im Norden Syriens entschieden ab. Die US-geführte Koalition ist aber auf ihre kurdischen Bodentruppen in diesem Teil Syriens angewiesen, denn sie halten den größten Teil des vom Islamischen Staat zurückeroberten Gebietes. Ob die USA die Gründung eines kurdischen Staates im Norden Syrien zulassen würden, wissen wir nicht. Ein kurdischer Staat im Norden Syriens ist eigentlich
unmöglich, denn das von den Kurden beanspruchte Gebiet gehört zu Syrien. Auch die hier herrschende Konfusion heizt den Konflikt zwischen den USA und Russland an.

Kehren wir zu unserer ursprünglichen Frage zurück: Wird es wegen der Konflikte im Mittleren Osten zu einem großen Krieg zwischen den USA und Russland kommen?

Meiner Ansicht nach brauchen die USA eine positive politische Strategie, weil sich sonst die direkten Zusammenstöße zwischen den von den Russen unterstützten schiitischen Milizen und den US-Streitkräften fortsetzen werden und schnell der Fall eintreten könnte, dass die Russen einen US-Kampfjet oder die US-Streitkräfte einen russischen Kampfjet abschießen. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass sich Washington oder Moskau dann zu einem ausgewachsenen Krieg entschließen würden. Aber Konflikte lassen sich nun mal nicht rational steuern, überhaupt nicht. Denn Gewalt kann einen so hohen emotio-
nalen Druck erzeugen, dass ein Konflikt außer Kontrolle gerät und sich in eine Richtung entwickelt, die niemand vorhergesehen hat.

Außer der Gefahr, dass der Konflikt mit Russland eskaliert, wenn die USA die direkten Angriffe auf schiitische Milizen fortsetzen, könnte auch der Atomdeal mit dem Iran platzen. Damit würde ein Krieg der USA gegen den Iran wieder wahrscheinlicher. Der Iran würde aber vermutlich schon vorher eine iranische Marionette wie Nuri al-Maliki (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Nuri_al-Maliki ) als irakischen Regierungschef einsetzen, der die US-Streitkräfte zum Verlassen des Iraks auffordern würde. Washington müsste dann entweder seine Truppen abziehen oder den Irak mit mehr Soldaten erneut besetzen.

Um eine Eskalation in diese Richtung zu vermeiden, sollte die Trump-Regierung jetzt eine positive politische Vision für den Mittleren Osten entwickeln und sich nicht länger nur auf die Bekämpfung des Islamischen Staates und die Eindämmung des Irans beschränken. Dazu muss sie zuerst eine klare US-Position zur Zukunft der von den Kurden gehaltenen Gebiete im Irak und in Syrien erarbeiten.

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Links in runden Klammern versehen. Den Link in eckigen Klammern hat der britische Autor Emile Simpson ( http://www.belfercenter.org/person/emile-simpson ) selbst eingefügt. Die Mär, dass die USA und der Westen aus Sorge um die Menschenrechte zu „humanitären Interventionen“ gezwungen und dadurch in „Aufstände“ im Mittleren Osten und in Libyen hineingezogen worden seien, ist als reine Propaganda abzuhaken. Wichtig sind aber die Ausführungen über die verschiedenen, sich teilweise überschneidenden Zweckbündnisse und die Aufforderung an die
Trump-Regierung, ihre gefährliche, konfuse Politik zu überdenken und ihr Spiel mit dem Feuer einzustellen.)

https://foreignpolicy.com/2017/06/21/this-is-how-great-power-wars-get-started/?utm_source=Sailthru&utm_medium=email&utm_campaign=ed%20pix&utm_term=
%2AEditors%20Picks

http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP11017_030717.pdf

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “So beginnen Kriege zwischen großen Mächten

  1. dann liest man so Idiotische und saudumme Meldungen, dass der Ami unbeabsichtigt und ganz ausversehen in den Krieg tappen kann, gell?

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    Verfasst von reiner tiroch | 3. Juli 2017, 13:55

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