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Ausland, Naher Osten

Islam und Klerikalismus im Erweiterten Nahen Osten

von Thierry Meyssan – http://www.voltairenet.org

Bild: Ein Politiker kann Atheist, agnostisch oder gläubig sein. Die Tatsache, dass er behauptet, Gott zu dienen, macht aus seiner politischen Partei noch keine Kirche.

Es ist im Westen Mode über „die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie“ oder über „Islam und Säkularismus“ zu diskutieren. Diese Themen legen nahe, dass der Islam naturgemäß klerikal wäre. Es wäre also keine Religion, sondern eine politische Strömung. Somit wären die „radikalsten“ Muslime Terroristen und umgekehrt. Aber seit einem Monat spaltet sich der Erweiterte Nahe Osten mit einer überwiegend moslemischen Bevölkerung zwischen Anhängern dieser Religion und Unterstützern einer Politik, die sie manipuliert.

Einige unserer Leser haben eine frühere Chronik über die Entwicklung der muslimischen Welt missverstanden. Ich werde also die Fragen zum Islam klarstellen, bevor ich die aktuelle Situation so genau wie möglich beschreibe.

Erstens, wenn Sie eine feste Vorstellung von dem Islam haben, dann kennen Sie nur eine seiner Formen, so sehr unterschiedlich ist diese Religion von Marokko bis in den Xinjiang. Ob auf liturgischer oder rechtlicher Ebene, es gibt kaum Ähnlichkeit zwischen dem Islam von Sharjah und Java.

Diese Religion kann mit einer wörtlichen Auslegung des Korans oder durch seine kontextualisierte Lektüre oder noch mit einem kritischen Blick auf die Echtheit der koranischen Texte betrachtet werden.

Während der ersten vier Jahrhunderte des Islam einigten sich alle Muslime auf die Notwendigkeit, den Koran zu interpretieren, was zur Entwicklung von vier verschiedenen Rechtsordnungen (Hanafi, Maliki, Shafiite und Hanbali) führte, je nach den lokalen Kulturen. Aber am Ende des zehnten Jahrhunderts, als diese Religion weit verbreitet war und man Angst hatte, sie könne sich am Ende noch spalten, verbot der sunnitische Kalif die Auslegungen weiter zu treiben. Nur die Schiiten haben sie fortgesetzt. Seitdem passt sich der Islam so gut wie möglich an die Anforderungen seiner Zeit an.

Entgegen allem Anschein, wenn man sich weigert den Text zu interpretieren, kann man ihn, so wie er geschrieben wurde, nicht verstehen, sondern nur über seine eigene Kultur. Da, wie man weiß, Mohammet in Arabien lebte, denken die Saudis ganz natürlich, dass sie den Sinn des Koran verstehen, als ob ihre Gesellschaft und ihre Sprache sich seit 1400 Jahren nicht verändert habe. Für sie, sowie im 18. Jahrhundert für Mohammed Ben Abdel Wahhab, hat Mohammed die Werte des nomadischen Tribalismus gestärkt. Sie sind „Wahhabiten“.
Zum Beispiel verurteilt der Koran die Idole: die Wahhabiten zerstörten also die Statuen der Götter, was Mohammed aber nie gemacht hat, was aber der Beduinenkultur entspricht. Im achten Jahrhundert konfrontierten die byzantinischen Christen in ähnlicher Weise saudische „Bilderstürmer“, die die Dekorationen der Kirchen im Namen Christi zerstörten. Der nomadische Tribalismus kennt den Begriff der Geschichte nicht. Die Wahhabiten haben das Haus des Propheten in Mekka zerstört, weil es ein Wallfahrtsort geworden war, laut ihnen also ein Ort des Götzendienstes. Aber das ist noch nicht alles. Sie haben die alte und schöne Stadt Mekka in den letzten Jahren vollkommen zerstört, weil sie diesen alten Dingen kulturell kein Interesse zugestehen.

Wenn man sich auf die wörtliche Auslegung bezieht, ist man ein „Fundamentalist“. In der Regel will man wie die Gefährten des Propheten leben. Man ist also ein „Salafist“, da man versucht, den frommen Vorfahren („Salaf“) zu gleichen. Diese im 19. Jahrhundert in Ägypten geborene Bewegung entstand als Reaktion auf den Wahhabismus und war extrem liberal. Aber sie ist sehr repressiv geworden.
Zum Beispiel verbietet die Mehrheit der heutigen Salafisten den Alkoholkonsum, aber manche Scheiche behaupten stattdessen, dass ein gemäßigter Alkoholgenuss legal sei. Jeder findet seine Argumente im Koran, der scheinbar drei widersprüchliche Passagen zu diesem Thema enthält.
Alle Religionen sind dieser Unmöglichkeit ausgesetzt, eine Vergangenheit zu reproduzieren, die niemand wiederherstellen kann. Zum Beispiel führte im 20. Jahrhundert bei den Christen die charismatische Bewegung zu widersprüchlichen Verständnissen der Sexualität, je nachdem, ob man sich direkt auf die Evangelien oder die Moral der Briefe des Paulus beruft.

In den letzten Jahren, unter dem Einfluss der Arbeit von europäischen Kommentatoren über die Ausarbeitung der biblischen Texte, hinterfragen einige Autoren die Echtheit der koranischen Texte.
Zu allererst ließ der Kalif von Damaskus, um seine Autorität zu bezeugen, alle Mohammed zugeschriebene Texte sammeln, aus denen er dann den Koran zusammenstellte, und ließ alle anderen Anthologien verbrennen. Der Name “ Mohammed“ aber bezeichnet nicht eine bestimmte Person, sondern es ist eine Bezeichnung der Weisen. Es ist daher möglich, dass der Koran Worte mehrerer Propheten wiedergibt, was durch die Anwesenheit von verschiedenen literarischen Stilen in den kanonischen Texten durchaus als bestätigt erscheint.
Archäologen haben der kanonischen Version vorangehende koranische Texte entdeckt. Manchmal gibt es signifikante Unterschiede zwischen diesen mit separaten Alphabeten geschriebenen Texten. Darüber hinaus wurde der kanonische Koran damals mit einem vereinfachten Alphabet geschrieben, der erst später, im 8. Jahrhundert ausgebessert wurde. Diese Transkription ist an sich auch eine Interpretation, und es ist möglich, dass sie manchmal auch falsch war.
Natürlich übernehmen einige Suren des Korans ältere Texte, die von den Christen in der Region verwendet wurden. Sie waren nicht in arabischer Sprache geschrieben, sondern in Aramäisch und einige ursprüngliche Worte sind in der endgültigen Fassung erhalten geblieben. Ihre zeitgenössische Deutung ist Objekt vieler Missverständnisse. Also, nichts für ungut für die Daesch-Selbstmordattentäter, die ihren Lohn im Himmel erhoffen – das Wort „huri“ bedeutet „weiße Trauben“ und nicht „Jungfrauen mit großen Augen.“

Bis da sind die Dinge ziemlich einfach: der Islam ist die Religion des Koran. Aber die Tradition gesteht der goldenen Legende des Propheten, die Hadid, fast die gleiche Bedeutung zu. Es geht um Werke, die oft hunderte Jahre später von Leuten geschrieben wurden, die die Taten, die sie uns erzählen, nicht erlebt haben können. Diese sind viel zahlreicher, als sie in einem einzigen Leben erlebt werden konnten. Sie zeigen sehr unterschiedliche und gegensätzliche Meinungen. Manche sind von schauerlich armem geistigem Niveau und können für alles Mögliche verwendet werden. Der diesen phantasievollen Schriften unangemessene Kredit verfälscht zutiefst die koranische Botschaft.

In der Praxis verschleiern alle diesen Diskussionen eine wesentliche: Wenn die Religion das ist, was den Menschen mit Gott verbinden will, ist sie unbedingt der Ort des Betruges. Denn wie kann man behaupten Gott zu kennen, wenn er von einer radikal anderen Natur und uns überlegen ist? Und wenn man davon ausgeht, dass Er sich durch die Propheten ausgedrückt hat, wie kann man so tun, als hätte man verstanden, was Er uns sagt? Man beachte, dass in diesem Zusammenhang die Frage nach der Existenz Gottes – d.h. von einem uns überlegenen Wesen – vollkommen bedeutungslos geworden ist. Das ist zum Beispiel, was bei den Christen der Heilige Gregor von Nazianz oder der Heilige Franz von Assisi gesagt hat.

Auch noch in dieser Hinsicht, die Menschen die sich Gott zu nähern suchen – d.h. nicht Sein Gesetz anwenden, sondern die menschliche Natur verändern wollen, um sie bewusster zu machen – neigen dazu, ihre Erfahrungen auszutauschen und somit Kirchen zu gründen. Für ihren Betrieb brauchen sie permanente Leute, Priester oder Imame. Im Christentum erschien diese Funktion erst ab dem dritten Jahrhundert, d.h. mehrere Generationen nach dem Tod von Jesus. In allen Religionen werden diese Kleriker schließlich einen Status zwischen Laien und Gott einnehmen. Aber keiner der Gründer der großen Religionen hat selbst Kirchen gegründet noch einen Klerus.

Während Europa einen großen Rückschlag mit den großen Invasionen (Hunnen und Goten) erlitt, die das römische Reich zerstört haben, kannte die muslimische Welt auch einen solchen Rückschlag mit den Mongolen-Invasionen (Dschingis Khan und Timur). Wenn dieses Trauma in Europa aber nur drei Jahrhunderte dauerte, wurde es künstlich durch die osmanische und europäische Kolonisierung in der arabischen Welt verlängert. Obwohl dies nichts mit der Geschichte des Christentums oder des Islam zu tun hat, gibt es Kleriker die behaupten, dass diese Rückschläge die Folge der Sünde waren, die weit verbreitet war. Um zum goldenen Zeitalter zurückzukommen, genügt es einfach ihrem Unterricht zu folgen und nicht wieder neu aufzubauen.

Unaufhaltsam engagieren sich die Kleriker in Politik und behaupten ihre Sicht der Dinge im Namen Gottes. Es folgt daher eine Rivalität zwischen ihnen und den Weltlichen. So kam in Frankreich das säkulare Reich, sobald das Trauma von den großen Invasionen überwunden war, obwohl von „göttlichem Recht“, in Konflikt mit dem klerikalen Papsttum. In der arabischen Welt, die nur eine Minderheit in der muslimischen Welt ist, entstand dieser Konflikt mit der Entkolonialisierung und den Unabhängigkeitsbewegungen. Die Nationalistischen Führer (Nasser, Ben Barka) kollidierten mit der Muslim-Bruderschaft. Während des Kalten Krieges wurden die ersten durch die Sowjets und die zweiten von der NATO unterstützt. Die Auflösung der Sowjetunion schwächte das nationalistische Lager und führte zu einer islamistischen Welle. Ja noch mehr, der „Arabische Frühling“ war eine NATO-Operation, um die Nationalisten zum Wohle der Muslim-Bruderschaft dauerhaft zu beseitigen. Die Massen, die diese Bewegungen unterstützt haben, suchten keineswegs eine Demokratie. Im Gegenteil, sie glaubten, dass mit der Machtübernahme der Muslim-Bruderschaft, sie eine ideale Gesellschaft schaffen würden und in ein neues islamisches goldenes Alter kommen würden. Sie haben seither klein beigegeben.

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Die politische Partei der Muslim-Bruderschaft wurde im Jahre 1951 durch die britischen Geheimdienste auf den Ruinen der gleichnamigen Organisation von Hassan el-Banna wieder aufgebaut. Sie ist die Matrix des Terrorismus in der muslimischen Welt; sie hat alle Köpfe der Terrororganisationen, von Osama Ben Laden bis Abu Bakr al-Baghdadi ausgebildet. Diese politische Partei und ihre bewaffneten Organisationen arbeiten mit den imperialistischen Mächten zusammen. Es gibt nichts Religiöses darin.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Muslim-Brüder und ihre Dschihad Organisationen, Al-Qaida und Daesch, nicht radikalisierte Muslime sind, wie man es im Westen gern behauptet. Es sind keine religiöse sondern politische Bewegungen. Die Tatsache, dass sie den ganzen Tag Passagen aus dem Koran zitieren, bedeutet nicht dass sie religiös sind. Sie sind nur Klerikale.

Die Wende gegen den „arabischen Frühling“ hat im Juni 2013 in Ägypten begonnen, wo 33 Millionen Bürger fünf Tage lang gegen die Diktatur des Bruders Mohamed Mursi und für die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Armee marschierten. Alle politische Parteien und Religionsgemeinschaften – ohne Ausnahme – haben sich mit der Armee gegen die Muslim-Bruderschaft zusammengeschlossen, d.h. gegen den Klerikalismus und für den Säkularismus. In den darauffolgenden Monaten überreichte der Chef der Streitkräfte, General Abdel Fattah al-Sissi, der zum Präsidenten gewählt werden wollte, Saudi Arabien am Sitz der Gebrüder beschlagnahmte Dokumente. Sie zeigten, dass die Mitglieder der Bruderschaft, von Katar aus, einen Sturz der Saud vorbereiteten. Die Antwort von Riad ließ nicht auf sich warten: Verhaftung von einigen Mitgliedern der Bruderschaft in Arabien, Bombenanschläge in Katar und bedingungslose Unterstützung für die Wahl von General al-Sissi.

Die Situation der Saud war umso komplizierter, da
- nicht die ganze Bruderschaft an der Verschwörung beteiligt war;
- sie selbst seit 1961 über die Muslim-Liga Sponsoren der weltweiten Bruderschaft waren;
- ihr Regime auf Wahhabismus fundiert, also klerikal wie die Muslim-Bruderschaft ist.

Die Saud haben den Nayef freien Lauf gegeben, um die Putschisten zu unterdrücken und die Ordnung wiederherzustellen. Sie handelten wie in 1990, während des Aufstands von den Sururisten. Damals gelang es einem der Führer der Muslimbruderschaft, Mohammed Surur, die saudischen Wahhabiten zu überzeugen, die Macht zu übernehmen. Es dauerte fünf Jahre, um die Rebellion zu besiegen [1].

Es ist diese Vergangenheit, die wieder aufgetaucht ist, als im Mai 2017 Präsident Donald Trump nach Riad gekommen ist, um die moslemischen Machthaber anzuspornen, mit der Muslim-Bruderschaft aufzuräumen. Die Saud entschieden sich diesmal für die Antwort, nicht nur mit der Bruderschaft zu brechen, sondern auch den politischen Islam aufzugeben. Um es klar zu stellen: Wenn man die Partei des Säkularismus wählt, ändert man nichts an einem Fundamentalisten, einem Salafisten. Die Monarchie des König Salman befindet sich in der gleichen Lage wie die französische Monarchie unter Philippe le Bel. Um diese entscheidende Entwicklung zu festigen, akzeptierte der Saud-Familienrat mit 31 Ja-Stimmen gegen 4 Nein die Abdankung von König Salman vorzubereiten, die Regel des erstgeborenen Sohns für den Thron aufzugeben, zwei Generationen zu überspringen und Prinz Mohammed Ben Salman zum nächsten König zu machen.

Katar und die Bruderschaft näherten sich dann sofort der Türkei und Pakistan an. Vor allem machten sie ein Bündnis mit Iran, von dem sie noch die Hüter der Revolution auf den Schlachtfeldern von Syrien und Jemen bekämpfen, aber dessen Regierung von Scheich Rohani ihre klerikale Konzeption des Islam teilt.

Diese Umkehrung des Iran legt den Gegensatz zwischen seiner politischen Macht und der militärischen Macht offen. Sie stützt sich auf den Pakt zwischen Hassan el-Banna, Gründer der ersten Bruderschaft der Muslimbruderschaft und dem jungen Ayatollah Khomeini. Ein Pakt, laut dem die Brüder keinen religiösen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten anfachen würden, ein Versprechen, das mit Daesch gebrochen wurde. Er beruht vor allem auf den Mehrdeutigkeiten der Revolution von 1979, eine nicht nur säkulare, antiimperialistische Bewegung, sondern auch ein klerikaler Identitäts-Prozess, und auf der Entwicklung der Funktion des Führers Ali Khamenei, zugleich Führer der Welt Revolution und verantwortlicher Kommunalpolitiker des Gleichgewichts zwischen den Fraktionen.

Angesichts der dreizehn von Saudi Arabien und Ägypten dem Katar gesendeten Forderungen, ist es unwahrscheinlich, dass sich der Konflikt zwischen säkularen und klerikalen schnell löst. Es stellt sich die Frage, ob die Westler verstehen, was jetzt in dem „Erweiterten Nahen Osten“ gerade vorgeht. Sie, die Präsident Ahmadinedschad als einen Klerikalen bezeichneten, sie, die glaubten, dass Bruder Mursi seine Wahl nicht manipuliert habe und durch einen Staatsstreich gestürzt worden wäre; sie, die behaupten, dass Libyen und Syrien nicht von außen angegriffen wurden, sondern das Theater einer demokratischen Revolution gewesen wären.

Durch ewiges lügen verliert man den Kontakt zur Realität.

Übersetzung
Horst Frohlich

http://www.voltairenet.org/article196968.html

 

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Islam und Klerikalismus im Erweiterten Nahen Osten

  1. Wenngleich Vieles am o.a. Artikel nebulös bleibt- sei es als Ergebnis der bei Muttersprachlern romanischer Idiome oft anzutreffender Tendenz zu einem blumigen Stil, sei es als Ergebnis unzureichender Übersetzungskünste -, möchte ich den Autor doch in einem zentralen Punkt deutlich unterstützen, zumal es gerade in der LZ seit längerem den stets missglückenden Versuch gibt, das Gegenteil zu belegen (u.a. durch den lachhaften Hinweis darauf, dass man doch den Koran gelesen habe – natürlich nicht auf Arabisch!): „den“ Islam gibt es nicht.
    Was den Konflikt zwischen den beiden einzigen „wahhabitischen“ Staaten der Region (NB. bezeichnen sich die „Wahhabiten“ keinesweg als solche, sondern als „muwahhidoun“ -Anhänger des einzigen Gottes, weswegen sie z.B. stets militant gegen den im „Volksislam“ seit Jahrhunderten wuchernden Heiligenkult vorgegangen sind), Saudi Arabien und Qatar, anbelangt, so ist es offensichtlich, dass der Konflikt in erster Linie um den ökonomischen und politischen Vorherrschaftsanspruch Saudi Arabiens (& VAE) und dessen Zurückweisung durch Qatar geht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Saudi Arabien überdies seit jeher die „demokratischen“ Tendenzen der „Muslimbruderschaft“ argwöhnisch beäugt, die auf eine Machtübernahme mittels „demokratischer“ Wahlen setzt, während Saudi Arabien „die“ staatliche Verkörperung der Ablehnung einer solchen „Sünde“ ist. Recht hat der Autor übrigens auch, wenn er darauf hinweist, dass die muslimischen Terroristen à la Al-Qida, Daesh (IS) etc. etc. nicht primär religiös motiviert sind. Der französische Orientalist Olivier Roy hat bereits vor geraumer Zeit betont, dass es sich hier nicht um „radikale Muslime“, sondern um „muslimische Radikale“ handele (ungeachtet natürlich dessen, wofür sie sich selbst halten mögen). „Radikal“ sind sie natürlich nur im politischen Sinn, nicht im marxistischen sozio-ökonomischen Sinn, akzeptieren sie als Reaktionäre doch notwendigerweise bewusst oder auch nicht die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der weltweit (vor-)herrschenden kapitalistischen sozio-ökonomischen Ordnung, innerhalb derer sie bestenfalls einen besseren Platz suchen. In diese Sinn sind sie ungeachtet ihrer blutigen Strategie und Taktik nur Reformisten, die alte kulturelle „Sicherheiten“ anbieten, um die durch ihre historische Kränkung („Erben der einst blühenden islamische Zivilisation“) und soziale Marginalisierung aufgebrachten Massen zu mobilisieren. Dass der Imperialismus sie gegebenenfalls auch instrumentalisiert, ist offensichtlich, bedeutet aber keineswegs, dass sie keine eigenständige Agenda verfolgen (die alte Frage: wackelt der Hund mit dem Schwanz oder der Schwanz mit dem Hund).

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    Verfasst von Anton Holberg | 3. Juli 2017, 15:03

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