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Ausland, Naher Osten

„Sterbe, leide, Du Kahba!“

von Gideon Levy – http://www.tlaxcala-int.org

Dies ist die Lehre, die die Soldaten  der israelischen IDF vom Azaria-Prozess  gezogen haben: statt auf einen  „Terroristen“ zu schießen, die Person zu Tode bluten lassen, während man sie verflucht.

Ein entsetzlicher Vorfall ereignete sich am letzten Donnerstag in den besetzten Gebieten. Er war nicht weniger verabscheuungswürdig als das  Erschießen  eines unfähig gemachten Terroristen durch  Elor Azaria.  Beim Anschauen des Videoclips, das den Vorfall dokumentiert, dreht sich einem der Magen um.  Es ist abscheulich und  zum Verzweifeln – doch kein Medium in Israel  schenkte ihm Aufmerksamkeit, was  die Tiefe der Apathie wiederspiegelt, in die wir gesunken sind.

An jenem Tag stand eine Gruppe Soldaten rund um ein sterbendes  palästinensisches Mädchen, das sich vor Schmerzen wandte und blutend auf der Straße lag.  Die Soldaten wetteiferten mit einander, wer sie am besten verfluchen konnte. Dies sind Deine Soldaten, Israel, dies ist ihre Sprache, dies sind ihre Werte und Standards. Keiner dachte daran, ihr medizinische Hilfe zu leisten, keiner dachte daran, den Ausbruch  der abscheulichen Obszönitäten, die rund um das Mädchen, das zu Tode blutete,  flogen, zum Schweigen zu bringen. Dies war eine angemessene Gabe für die Jubiläumsfeierlichkeiten –  von den  gut aussehenden Fallschirmjägern an der westlichen Mauer bis zu diesem  brutalen Akt  am Mevo-Dotan-Kontrollpunkt. 50 Jahre Besatzung haben uns dahin gebracht.

Das Video zeigt ein palästinensisches Mädchen, das langsam auf den Kontrollpunkt zugeht. Vielleicht  hat jemand Stop gerufen, aber das konnte auf dem Tonband nicht gehört werden. Es kann auch kein  Messer  oder Ähnliches  bei ihr gesehen werden. Dann sieht man, wie das Mädchen wegläuft und zwei Israelis, offensichtlich Soldaten schnell hinterherlaufen. Dies ist nur der Anfang.  Männliche und weibliche Jugendliche zu „neutralisieren“ ( d.h. töten auf Hebräisch), die versuchen, Soldaten zu verletzten,  gewöhnlich um selbst zu sterben – das ist zur Routine geworden. In den meisten Fällen sind das schlicht und einfach Hinrichtungen. Es ist fast immer möglich, diese Angreifer, ohne sie zu töten, gefangen zu nehmen. Doch die Armee benimmt sich heroisch, wenn es sich um junge Mädchen handelt und  ihre Soldaten wissen jetzt nur, wie man tötet. Sie schossen sie zu Tode, wie es von ihnen erwartet war.

Und dann geschieht  folgendes: das Mädchen liegt auf der Straße, die bewaffneten Soldaten stehen um sie herum, wie bei einem heidnischen Ritus und schreien  eine Menge  Schimpfwörter. Das Video zeigt nur ihre Körper, nicht ihr Gesicht. Ein Bewaffneter  unter ihnen   trägt kurze Hosen und Sandalen, wahrscheinlich ein Siedler. Das Mädchen stöhnt vor Schmerzen, dreht  und wendet sich und jammert, während die Soldaten sagen: „Ich hoffe du stirbst, Tochter einer Hure, „f..ck you“, „stirb,  du Kahba (ar. für Hure). Sie würden sich nicht so benehmen, wenn sie um einen sterbenden Hund stehen würden.

Währenddessen hört man jemanden  fragen: „Wo ist das Messer?“, „berühr sie nicht!“ „Ihr seid phantastisch“ und  über ein  Handy: „Wo bist Du? Zu Hause?“

Ein paar Stunden später starb sie an ihren Verletzungen. Sie war 16 Jahre alt und hieß  Nouf Iqab Enfeat aus dem Westjordanland-Dorf von Yabad bei Jenin. Ein Soldat war leicht verletzt. Nur feige Soldaten töten ein Schulmädchen auf diese Weise.

Doch in diesem Fall wurde die  Routine-Hinrichtung von einer  „Requiem“-Feier begleitet. Man muss es sehen, um es zu glauben. Da gab es keinen einzigen Soldaten, der ein ganz klein wenig Mitleid oder Menschlichkeit besaß. Man musste  die von den Soldaten der Besatzungsarmee empfundene Menge an Hass  gegen die  Nation, die sie beherrschen, sehen. Man muss sehen, bis zu welchem Ausmaß sie ihre Menschlichkeit verloren haben. Wie kann sich jemand über ein sterbendes Schulmädchen freuen? Jemanden  zu verfluchen, der wie dieses Mädchen leidet, das ist nicht weniger schlimm als sie zu erschießen.

Das ist die Lehre, die die Soldaten der IDF vom  Azaria-Prozess  gezogen haben: statt zu schießen, die „Terroristin“ zu Tode verbluten lassen, während  man sie verflucht.  Das taten sie  nicht nur  aus Rachsucht für ihren Versuch, einen Soldaten zu stechen. Sie taten dies vor allem, weil sie Palästinenserin war. Sie hätten offensichtlich nie so gehandelt, wenn  es ein Siedlermädchen gewesen wäre, das versucht hatte sie zu verletzten.

Das war nicht die Tat eines einzelnen. Sie waren viele. Es war auch kein  ungewöhnliches Ereignis. Dies sind  Deine Soldaten, Israel.  Man sollte den Stabschef,  Gadi  Eisenkot, darauf hinweisen, der aus irgend einem Grund für jemand gehalten wird, der sich um das moralische  Image der IDF kümmert. Er hat fünf Kinder.  Was würdest Du denken, wenn sich jemand in dieser Weise  gegenüber Deinen Kindern benehmen würde? Was würde irgendein Vater oder Mutter in Israel denken?

Rechtfertigt ein Messer in der Hand eines verzweifelten Schulmädchens jegliche Form des Verhaltens? Ist es nicht schon klar, dass wenn man seine Kinder  als Soldaten  in die  besetzten Gebiete sendet, aus ihnen so etwas wird?

Falls die Soldaten an diesem Checkpoint nicht strafrechtlich verfolgt werden, dann wird  eines klar sein: Barbarei ist der wahre Moralkodex, der in der IDF herrscht.

https://i2.wp.com/tlaxcala-int.org/upload/gal_16145.jpg

Plakat zum Andenken an Nouf Iqab Enfeat, Yabad, Juni 2017. Foto Alex Levac

 



Danke Tlaxcala
Quelle: http://www.haaretz.com/opinion/.premium-1.793429
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 04/06/2017
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=20697

Übersetzt von  Ellen Rohlfs اِلِن رُلفس  –  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=20697

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