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VERSUCHE DER VERNICHTUNG

von  R. ISCHTSCHENKO – http://vineyardsaker.de

Der dritte und letzte von drei aktuellen Ischtschenko Texten, übersetzt von Artur (Quelle)

Das russisch-chinesische Projekt und die Versuche seiner Vernichtung

Präsident Putin nimmt an der Zeremonie des gemeinsamen Fotografierens mit Teilnehmern des runden Tisches des internationalen Forums „Ein Gürtel, ein Weg“ teil. 15. Mai 2017.

Es war nicht schwer anzunehmen, dass im Laufe des Forums „Ein Gürtel, ein Weg“ das Thema der neuen Großen Seidenstraße die Gespräche der russländischen und chinesischen Regierung dominieren würde; vor allem wenn, wie schon oft erwähnt wurde, dieses Projekt Xi Jinpings vollständig mit dem des durch Wladimir Putin beworbenen Projekts des großen Eurasiens („vom Atlantik bis zum Stillen Ozean“) korreliert. Übrigens ließ sich der Präsident Russlands in Peking nicht die Gelegenheit entgehen zu bemerken, dass das russländische und chinesische Projekt sich gegenseitig ergänzen. In Gegenzug dazu verlautbarte die Volksrepublik China, dass Russland und China das Fundament der globalen Stabilität darstellen.

Diese mehr als durchsichtige Demonstration der Einheit der Ziele und die Absicht der Partnerschaftsfestigung rief in der westlichen Presse Hysterie hervor. In den besten diplomatischen Traditionen der „freien Welt“ versuchte man Russland und China gegeneinander aufzuhetzen, dabei Zusammenstöße ihrer Interessen in Zentralasien prognostizierend, wohin sich angeblich die chinesische Expansion richtete.

In Russland ist in Teilen der Politik und der Expertengruppen ebenfalls eine alarmistische Stimmung verbeitet, nach der angeblich chinesische Pläne existieren, nicht nur Zentralasien, sondern auch ganz Sibirien bis zum Ural zu erobern. Diese Stimmungen werden künstlich von unseren westlichen „Freunden und Partnern“ eingebracht und unterstützt; diese stoßen mit großem Vergnügen Russland und China Richtung Konfrontation in Perioden der gegenseitigen Beziehungsverschlechterung, sind aber plötzlich über die russländischen Interessen und über die Unversehrtheit der hinter-uralischen Besitztümer Moskaus besorgt, wenn die russländisch-chinesische Zusammenarbeit sich verbessert. Im chinesischen Auditorium erzählen übrigens die selben Quellen auf die selbe Weise über den „russländischen Imperialismus“, welcher „traditionell“ das Uigurische Autonomiegebiet Xinjiang und die Mandschurei „begehrt“.

Verständlich, dass die Möglichkeit der Schaffung eines eurasischen, politisch-ökonomischen Bündnisses, dessen Basis eine russländisch-chinesische Union werden kann, die USA äußerst beunruhigt. Washington würde in so einem Fall die Kontrolle über die wichtigsten Routen des Welthandels verlieren, welche sich von Meeresstraßen in die Steppen Eurasiens verlagern würden. Dann an der Peripherie des Welthandels, würden die USA einen bedeutenden Teil ihrer Investitionsattraktivität verlieren; ihnen würde die Stabilisierung und Wiedererrichtung ihrer an einer Systemkrise leidenden Wirtschaft deutlich schwerer fallen. Ohne die Möglichkeit der Kontrolle der Handelswege wird sich Amerika sehr schnell in eben die „Obervolta mit Raketen“ (Hänselei, welche die USA im Medienkrieg gegen die UdSSR benutzten [AdÜ.: „Obervolta“ – wirtschaftlich unterentwickelte, ehemalige Kolonie Frankreichs; Spruch stammt von Helmut Schmidt]) verwandeln; und danach auch schon in eine ohne Raketen.

Deswegen bekämpften und werden die USA die Realisierung des russländisch-chinesischen, eurasischen Wirtschaftsprojekts bis zum Letzten bekämpfen.

Bis ungefähr 2015 benutzten die USA für die Vernichtung des Projekts eines geeinten Eurasiens drei folgerichtige Handlungen:

1. Der „Arabische Frühling“ sollte den Nahen Osten für lange Zeit (auf Jahrzehnte) destabilisieren, ihn zum Nährboden islamistischer Radikaler machen, welche einen permanenten Krieg gegen jegliche Anzeichen von Zivilisation führen. Die darauf folgende Zerstörung Nordafrikas (von Tunis bis Ägypten), Syriens, und danach der Türkei [AdÜ.: siehe versuchter Putsch 2016] hätte zur vollständigen Blockierung der südlichen Flanke der neuen Großen Seidenstraße geführt.

2. Für die vollständige Untergrabung der transeurasischen Handelskontakte zwischen Ost und West stimulierten die USA die Ukrainekrise. Sie sollte, erstens, die russländischen Ressourcen auf Jahrzehnte binden, um somit die Aktivität Moskaus in den für die USA sensiblen Bereichen unmöglich zu machen, übrigens auch im Nahen Osten. Zweitens sollte die ukrainische Krise einen Keil zwischen Europa und Russland treiben, um so die Europäische Union aus dem Projekt des Großen Eurasiens zu streichen. Ohne Europa und ohne eines garantierten, landbasierten Transits würde das Projekt unrentabel werden. Die Nördliche Seestraße allein, welche zudem noch als Minimum Jahrzehnte zur Schaffung der ersten nutzbaren Infrastruktur benötigt, wäre nicht in der Lage, die benötigten Volumen an Warentransporten sicherzustellen.

3. Die Projekte der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) und der Transpazifischen Partnerschaft (TTP) sollten eine Alternative zu den zerrissenen transeurasischen Beziehungen darstellen, dabei den gesamten Welthandel an die USA bindend. Auf diese Weise wäre auf einer langfristigen Basis die handelswirtschaftliche und militärpolitische Dominanz Washingtons auf dem Planeten sichergestellt.

Dieser hübsche Plan zerfiel in dem Moment, als Russland nicht in das ukrainische Fangeisen lief, mit minimalen Mühen das Kiewer Regime blockierte und es somit zur Selbstzerstörung verurteilte. Die Ukraine war als schwarzes Loch für Ressourcen geplant; das heißt, dadurch das sie keine inneren Ressourcen besaß (welche vom Westen gezielt zerstört wurden), sollte sie in immer größerem Umfang äußere Ressourcen verschlingen. Nachdem es ihr nicht gelang, die russländischen Ressourcen an sich zu binden, versuchte sie, sich an den westlichen Ressourcen festzusaugen; damit wurde die Ukraine sofort uninteressant für die USA und die EU.

Gleichzeitig formatierte Russland, welches sich seine Möglichkeiten zur Durchführung einer aktiven Außenpolitik in strategisch wichtigen Regionen sicherte, erfolgreich, und wieder mit nur minimalem Ressourcenaufwand, die syrische Krise um. Der Bürgerkrieg in Syrien dauert noch an, aber die radikalen Islamisten können diesen nicht mehr gewinnen. In Ägypten wurde die Stabilität wiederhergestellt, in der Türkei wurde die Destabilisierung verhindert. Sogar in Lybien wird periodisch die russländische Flagge demonstriert.

Die Südflanke der neuen Großen Seidenstraße wurde nicht nur gesichert: Russland wird zum militärpolitischen Garanten der Stabilität aller Staaten dieser Region; nicht nur das, es fängt an, diese in vielversprechende Transitprojekte einzubinden („Turkstream“, oder die Verstärkung der Position Ägyptens im Aquatorium des Roten Meeres). Als Resultat einer indirekten Antwort auf die direkten Handlungen der USA konnte Russland die gesamte eurasische Transitzone, vom Nördlichen Schelfmeer bis zum Roten Meer und dem Persischen Golf unter seine direkte oder indirekte Kontrolle stellen. Dabei werden die Partnerstaaten nicht durch Gewaltandrohung in der Union gehalten, sondern sehen in der Partnerschaft mit Russland eine Kaution für ihre Stabilität, Sicherheit und ihren Wohlstand.

Nicht überraschend, dass direkt danach, nachdem die Wende des syrischen Bürgerkrieges zugunsten Assads offensichtlich wurde, und der Staatsstreich in der Türkei durchfiel (genauso wie die Versuche, den Kreml in eine militärische Konfrontation mit Ankara zu ziehen), die Projekte TTIP und TTP leise verstarben.

Wie allerdings schon früher erwähnt wurde, werden die USA sich niemals mit einer strategischen Niederlage abfinden, welche sie an den Rand des Welthandels schiebt und sie sowohl im ökonomischen, als auch im politischen Sinne marginalisiert. Solange besitzen sie noch Varianten eines Gegenzugs; nicht mehr solch ästhetische und komfortable wie die obengenannten, aber dennoch recht effektive.

Über die erste dieser – der Versuch, Russland und China zu zerstreiten – haben wir schon gesprochen; hier werden diplomatische Mittel bemüht. Im Einzelnen wurden China Begünstigungen angeboten, hätte es eingewilligt, an der politisch-diplomatischen Front in der Verschärfungperiode der ukrainischen und syrischen Krise aktiv gegen Russland aufzutreten. Heute wird im Gegenteil Russland die Möglichkeit großer Konzessionen vonseiten des Westens in Syrien und in der Ukraine angedeutet, sollte es den Plan Trumps der militärisch-politischen Isolierung der VRC unterstützen.

Diese Angebote haben eine Schwachstelle: in Moskau und in Peking versteht man hervorragend, dass die bevorstehende Wirtschaftsentwicklung beider Länder und das (relativ) schmerzlose Durchschreiten der globalen Systemkrise von der Beständigkeit ihrer Union abhängt; Russland und China sind einfach komplett aufeinander angewiesen. Ebenso ist der russländischen und chinesischen Führung völlig klar, dass, nach der Beseitung eines der Staaten mithilfe des anderen, der Westen sich sofort an die Unterdrücking seines gestrigen Verbündeten machen wird. Dementsprechend bleiben die diplomatischen Knickse und die verführerischen, politischen Angebote Washingtons ohne Antwort.

Etwas erfolgreicher wird die Strategie der Informationsoffensive realisiert, welche in Form von Versuchen der Formierung der öffentlichen Meinung erscheint: in Russland in eine antichinesische, in China in eine antirussische. Allerdings ist die Kontrolle beider Staaten über ihre Informationssphären und die Unterstützung der Regierung durch ihre Bevölkerung ausreichend, damit die Informationsaktivität dieser Art nicht die marginale Sphäre der Verschwörungstheorie verlässt.

Für die USA bleibt nur ein letztes, für sie nicht das angenehmste, aber dennoch ein ausreichend effektives Mittel zur Untergrabung transeurasischer, handelswirtschaftlicher Projekte. Alle diese Projekte setzen den Bestand noch eines großen Partners voraus – die Europäische Union. Die EU ist ein gigantischer Absatzmarkt für russländische und chinesische Waren, und ein potenzielles Lager von Hochtechnologien. Im Allgemeinen ist der Transit chinesischer Waren über durch Russland kontrollierte Handelswege nur nach Europa möglich und setzt einen Gegentransit europäischer Waren in Richtung der asiatischen Märkte voraus.

Wenn es nicht gelungen ist, aus diesem Schema weder Russland, noch China zu entfernen; wenn es nicht gelungen ist, den landbasierten Transit durch das Anzünden des Nahen Ostens und der osteuropäischen Peripherie der Eurounion zu blockieren, so bleibt die Möglichkeit der Liquidierung der EU als Handelspartner des russländisch-chinesischen Bündnisses. Danach kann man versuchen, den eurasischen Handel in Richtung amerikanische oder unter amerikanischer Kontrolle stehende Märkte unzuorientieren.

Das ermöglicht nicht, die russländisch-chinesische Partnerschaft komplett zu zerstören, wird sie aber deutlich weniger rentabel machen und die Anzahl der Berührungspunkte zwischen diesen zwei Ländern verringern, sodass das Interesse jedes dieser Länder an einer Partnerschaft mit den USA wächst.

Solange ruft – leider – die Situation in der EU keinen großen Optimismus hervor. Die Traditionalisten des gegenwärtigen Wahlzyklus stellten sich als unfähig heraus, an die Macht zu kommen, und bis zum nächsten Zyklus könnte die EU nicht überleben. Die zentrifugalen Prozesse in der Eurounion beschleunigen sich, die nationalen Regierungen setzen sich aus offensichtlich schwachen Anführern zusammen, und Zeit zum Treffen entsprechend gewichtiger Entscheidungen bleibt immer weniger.

Zweifellos würde das Zerfallen der EU Russland und China nicht der Möglichkeit zum Ausbau der Beziehungen mit seinen ehemaligen Mitgliedern auf einer gegenseitigen Basis berauben.

Allerdings wird die neue europäische, politische Realität deutlich weniger prognostizierbar sein; die Konflikte zwischen ehemaligen Partner des geeinten Europas werden stark anwachsen, und die Mechanismen zur Entschärfung von Gegensätzlichkeiten werden verschwinden. Desweiteren werden die osteuropäischen Grenzstaaten der EU einen potentiellen Instabilitätsgürtel bilden, aus welchen Washington versuchen wird einen neuen „Cordon sanitaire“ zu bilden, um Westeuropa vom restlichen Eurasien abzuschneiden.

Letztendlich wird im sich entfaltenden russländisch-chinesisch-amerikanischen Rennen um das Schicksal Europas die Wahl der europäischen Politiker die entscheidende Rolle spielen. Wenn sie nicht wollen, dass ihre Länder das Schicksal Lybiens, Syriens und der Ukraine wiederholen, werden sie die richtige Wahl tun.

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