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Asien, Ausland

Globalisierung auf Chinesisch

von Rostislav Ischtschenkohttp://vineyardsaker.de

Der Präsident Russlands, Wladimir Putin, wird am 14.-15. Mai am in Peking stattfindenden internationalen Forum „Ein Gürtel, ein Weg“ teilnehmen. Faktisch stellt dies ein Format eines offiziellen Besuchs der Volksrepublik China dar.

„Ein Gürtel, ein Weg“ – ist eine chinesische Initiative, darauf abzielend, die Idee einer neuen Großen Seidenstraße durchzusetzen, welche dazu prädestiniert ist, Eurasien in einem gemeinsamen Wirtschaftsgürtel zu verbinden. Für China ist diese Idee, welche die maximale Entwicklung land- und seebasierter Verbindungen zwischen dem Westen und dem Osten Eurasiens vertritt, von strategischer Bedeutung. Der freie, mit nur minimalen Transporthürden verbundene Zugang chinesischer Waren zu den Märkten der Europäischen Union, und der der chinesischen Wirtschaft zu der notwendigen Rohstoffbasis; das sind die geradezu einzigen Mittel, mithilfe derer Peking seine stabile Wirtschaftsentwicklung erhalten, seine soziale Stabilität verstärken und dem Neustart der Weltwirtschaft behilflich sein kann.

Der essentielle, grundlegende Unterschied des „Reichs unter dem Himmel“ von Russland liegt darin, dass China, welches Europa und den USA den Titel der „Weltfabrik“ abnahm, kritisch vom Zugang zu zahlungsfähigen Märkten abhängt. Die von Russland für den Weltmarkt angebotenen Waren (der Bau von Nuklearenergieobjekten, die Produktion von Weltraumtechnologien, Militärtechnik, Spezialtechnik, Lebensmitteln und Rohstoffen) sind größtenteils exklusiv und in einem Umfeld von begrenzter Konkurrenz und unbegrenzter Nachfrage immer gefragt. China hingegen, welches alles für alle herstellt (von Handtüchern und Kleidung, bis zu Tablet-Computern und Automobilen), ist auf beständige Absatzmärkte angewiesen.

Dementsprechend berührt die Systemkrise, in welcher sich nun die verwestlichte Weltwirtschaft befindet, die lebenswichtigen Interessen Chinas viel stärker als die Russlands.

Unter den jetzigen Umständen, wenn die Zahlungsfähigkeit traditioneller Verbraucher chinesischer Produkte in Europa und den USA fällt, und das Projekt zur Schaffung von einer Milliarde zur Mittelschicht gehörenden Verbraucher in Südostasien noch fern von der Realisierung liegt (im besten Fall werden noch 10 lange Jahre benötigt), wird die Senkung von Transporthürden für das Sichern des Verbrauchniveaus der ausgestoßenen Produkte überlebensnotwendig für die chinesische Ökonomie.

Dabei ist das mittlere Einkommen in China stetig am Wachsen, und sein Absenken ist ohne ein Untergraben der sozialen Stabilität unmöglich. Folglich ist die Senkung der Produktionskosten auf Kosten von verbilligten Arbeitskäften, wie es zum Höhepunkt des chinesischen Wirtschaftswunders Brauch war, für Peking nicht mehr möglich. Der einzige Weg, den benötigten Effekt zu erzielen, sind transglobale Transportkorridore, welche Eurasien komplett durchdringen.

In diesem Zusammenhang decken sich die Interessen Pekings und Moskaus. Sie stimmen schon allein deshalb überein, da die kürzesten, billigsten und verlässlichsten (im Sinne des bereitgestellten Militärschutzes) Transportkorridore, welche die Asiatisch-Pazifischen Regionen mit Europa verbinden, über die Territorien Russlands bzw. über die zu Russland gehörende Nördliche Seestraße verlaufen.

Für Peking ist es unerlässlich wichtig, die Freiheit der für es wichtigen Transportkorridore vor US-amerikanischer Kontrolle zu gewährleisten; einstweilen kann das nur Russland garantieren. Zudem deutet die Entwicklung der Ereignisse im Nahen Osten darauf hin, dass in naher Zukunft auch die Südliche Seestraße, über den Suezkanal, sich unter vollständiger oder teilweiser Kontrolle durch Russland erweisen könnte. Durch den Suez, welchen man erst noch erreichen muss, ist die Warenlieferung an Südeuropa und den Balkan sehr bequem; für Lieferungen an Ost-, Zentral- und Westeuropa ist hingegen der russländische Kontinentaltransit geeigneter; Nordeuropa (bis hin nach Großbritannien) ist für Warenlieferungen schneller und billiger über die Nördliche Seeroute zu erreichen.

Auf seine Weise sollte für Russland die Konzentration eines Großteils des chinesisch-europäischen Transits über sein Territorium ebenfalls die Rolle eines wichtigen Wirtschaftsstimulus spielen. Transitkorridore benötigen die Schaffung und Wartung notwendiger, komplexer Infrastruktur. Das sind nicht einfach nur Häfen, Rohrleitungen, Schienen und Fahrbahnen (obwohl für diese ebenfalls stetig riesige Volumen an Baumaterialien, Metall, usw. benötigt werden); das sind auch Tankstellen, Motels, Gasthäuser, Cafés und die dazu begleitende Infrastruktur. Das sind auch Wohnhäuser für diejenigen, die alles warten werden, Schulen und Kindergärten für ihre Kinder, Sportstadien, Schwimmhallen, Theater, Restaurants, Einkaufszentren zur Lösung von Erholungs- und Alltagsproblemen.

Im Endeffekt sind das neue Städte und Siedlungen in genau dem schwach besiedelten Bereich des Landes hinter dem Ural, wo schon lange niemand mehr wegen Komsomol-Baustellen [AdÜ.: „Komsomol“ – „Kommunistischer Jugendverband“; UdSSR-Äquivalent heutiger „Au-pairs“] hinfährt und nicht viele vom „fernöstlichen Hektar“ [ÄdU.: Staatsprogramm zur Ausgabe von einem Hektar kostenlosen Lands für Umsiedler in den (größtenteils unerschlossenen) Fernen Osten] gelockt werden. Das sind zehntausende Arbeitsplätze. Das sind Staatsbudgeteinnahmen durch den Transit. Das sind chinesische und europäische Investitionen in die Entwicklung der russländischen Infrastruktur der aus dieser Sicht eher problematischen Regionen. Das sind Wartungsunternehmen, sowie Unternehmen zur Produktion dazu zweckmäßiger Waren. Zudem ist das das Verlagern der Produktion näher zum Verbaucher (zum Verringern der Transporthürden); also nach Russland. Nicht nur die chinesische Produktion; Europa ist schließlich nicht nur Käufer, sondern auch Verkäufer. Der Rückfluss von Waren (aus der EU nach China) benötigt schließlich ebenfalls Kostensenkungen.

Das wichtigste jedoch ist: das Einnehmen einer zentralen Position im Welthandelssystem garantiert politischen Einfluss. Alle Partner sind dann daran interessiert, mit dir befreundet zu sein. Zudem bekommen die Waren des traditionellen, russländischen Exports durch die Entwicklung der Transportinfrastruktur Zugänge zu neuen Märkten. 38 Milliarden Kubikmeter Gas, welche man plant, alljährlich über die Gasleitung „Stärke Sibiriens“ nach China zuzustellen, kompensieren in der Perspektive vollständig die Verluste „Gazproms“ durch die (aufgrund der Vernichtung der Nationalindustrie) plötzlich stark abfallenden ukrainischen Einkäufe.

Aus der Sicht der nationalen Sicherheit ist China genauso an einem soliden russländischen Hinterland interessiert, wie Russland an einem widerstandsfähigen chinesischen. Moskau reagiert solange recht vorsichtig auf die leicht durchschaubaren Andeutungen Pekings, möglichst bald einen gegenseitig verpflichtenden militärisch-politischen Pakt zu schließen. Die reale militärische und militärisch-technologische Partnerschaft hinterlässt jedoch bei niemandem Zweifel an dem hohen Niveau der Zusammenarbeit Chinas und Russlands in der Verteidigungssphäre; und das hilft beiden Ländern wesentlich bei den Diskussionen mit unseren „westlichen Partnern“.

Im Prinzip ist der Plan de Gaulles zur Erschaffung eines geeinten Europas vom Atlantik bis zum Ural, wieder aufgegriffen von Putin mit seinem Plan eines geeinten Eurasiens vom Atlantik bis zum Stillen Ozean, und der Plan der neuen Großen Seidenstraße, aktiv realisiert durch Xi Jinping – alles unterschiedliche Interpretationen ein und der selben Idee, deren Realisierung den eurasischen Kontinent zum Zentrum der Weltpolitik und -wirtschaft machen wird.

Das Besuchsprogramm des russländischen Präsidenten in der Volksrepublik China wird somit komplex und inhaltsvoll sein. Ungeachtet der Tatsache, dass die Zusammenarbeit Moskaus und Pekings nicht erst gestern begonnen hat und sich mit rasendem Tempo entwickelt, befinden wir uns erst ganz am Anfang eines großen und vielversprechenden Weges.

übersetzt von Artur (Quelle).

http://vineyardsaker.de/2017/05/27/r-ischtschenko-globalisierung-auf-chinesisch/#more-416

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