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Ausland, Europa

EU mit Frankreich am Rande der Kapitulation

von R. Ischtschenko – http://vineyardsaker.de

Die Umformatierung der EU: Frankreich am Rande der Kapitulation

Am 10. Mai 1940, nach einem achtmonatigen „Scheinkrieg“, während dessen Dauer praktischerweise keine Kriegshandlungen an der Westfront geführt wurden, attackierten deutsche Truppen Frankreich. Am 22. Juni 1940 unterschrieb die Dritte Republik einen Waffenstillstand mit dem Dritten Imperium. Faktisch gesehen war dies eine Kapitulation.

Übrigens, hätten die Deutschen sich damals nicht beeilt, hätte die Geschichte des zweiten Weltkrieges, sowie die der Welt im Ganzen in einem anderen Szenario verlaufen können. Im Sommer 1940 planten unsere zukünftigen Verbündeten (die Engländer und die Franzosen) eine Aggression gegen die UdSSR; hunderte von Flugzeugen hätten von ihren Flugbasen in Syrien und im Irak aus die Erdölindustrie in Baku zerbomben sollen. Wäre dieser Schlag ausgeführt worden und es wäre nicht ausgeschlossen gewesen, dass unsere Verbündeten sich im selben Graben mit Hitler aufgefunden hätten. Auf jeden Fall konnte der Westen nicht gleichzeitig Krieg gegen Deutschland und die UdSSR führen; dementsprechend hätte er mit Hitler Frieden schließen müssen.

Damals geschah jedoch alles so, wie es geschah, und heute, nach 77 Jahren Geschichte, scheint es, wiederholt sich alles wieder. Nicht buchstäblich natürlich, aber die generellen Linien der Geschehnisse ähneln sich und sogar die Daten stimmen fast überein.

Am 7. Mai gewählt, tritt am 15. Mai der jüngste Präsident in der Geschichte Frankreichs, Emmanuel Macron, sein Amt an. Am 20. Juni finden in Frankreich die Parlamentswahlen statt. Am 7. Mai. teilte „Gazprom“ den Baubeginn des Meeresabschnitts der Gasleitung „Turkstream“ mit. Davor ließ die EU im Laufe des Aprils unter deutschem Druck alle Widerstände gegen den Bau von „Nordstream-2“ fallen.

Der Zusammenhang dieser Ereignisse ist indirekt und unübersichtlich, aber er existiert. Nicht umsonst nennt man die moderne EU auch das „Vierte Reich“, als Analogie zum Dritten Reich, welches Europa vor 77 Jahren unter fast denselben Grenzen wie heute vereinte.

Was sehen wir heute?

Frankreich erhält einen schwachen Präsidenten, mit einem starken, rechtsradikalen Opponenten. Diese Wahlen nannte man auch schon „Volksabstimmung für oder gegen Le Pen“. Nachdem sie ein für sie sehr gutes Resultat (um die 35%) erhalten hat, führt die Vorsitzende der Rechten ihre Nationalfront mit Enthusiasmus Richtung Parlamentswahlen an, bis zu welchen etwas mehr als ein Monat verbleibt.

Während der Wahlen des Parlaments wird es für die Franzosen nicht mehr die für die Präsidentenkampagne traditionelle Notwendigkeit des Zusammenschlusses geben, um die Rechten nicht an die Macht zu lassen. Natürlich wird die Nationale Front nicht nur nicht die Mehrheit der Mandaten erhalten, sondern auch keine einigermaßen solide Repräsentation; solange soll das prognostizierte Resultat 25-30 Plätze beinhalten. Die Rechten, heute jeweils zwei Plätze sowohl in der Nationalversammlung als auch im Senat der Fünften Republik besitzend, werden ihr Resultat jedoch nicht einfach nur verzehn- bzw. verfünfzehnfachen; sie werden auch eine hervorragende Tribüne für Propaganda erhalten. Die Gesellschaft wird anfangen, sich daran zu gewöhnen, dass die Nationale Front in der großen Politik – eine Selbstverständlichkeit ist.

Hauptsache in diesem Fall ist, dass Macron praktisch keine Chancen hat, eine stabile, pro-präsidentiale Mehrheit zu bilden. Der schwache Präsident wird höchstwahrscheinlich darauf angewiesen sein, mit der ihm opponierenden Koalitionsregierung zusammenzuarbeiten.

Im Laufe der gesamten Präsidentschaft von Albert Lebrun (1932 – 1940) schloss sich Frankreich auch gegen Rechte zusammen. Damit beschäftigten sich auch die Regierungen der Nationalfront (1936 – 1938) und das Kabinett, angeführt von Édouard Daladier (1938 – 1940). Alles endete jedoch damit, dass die letzte Regierung der Dritten Republik, mit Paul Reynaud als Vorsitz, im Zuge der Nationalversammlung die Macht an Marschall Henri-Philippe Pétain übergab, dem rechtesten der französischen Politiker, sowie Autor des Begriffs „Kollaborationismus“; er rief die französische Bevölkerung dazu auf, mit Hitler zum Aufbau einer „neuen Ordnung“ in Europa zusammenzuarbeiten.

Schon heute erinnert die „Front National“ nur wenig an die marginale Partei aus der Führungsepoche von Jean-Marie Le Pen. Zudem wiederholt die derzeitige Situation geradezu die der Vorkriegszeit. Schwache, uneffektive links-rechte Koalitionen, welche sich verbünden, um nicht Rechtsradikale an die Macht zu lassen, tragen nur zur Vergrößerung der Popularität der Letzteren bei.

Im nächsten Wahlzyklus wird die Nationale Front schon reale Ansprüche an die Macht erheben können, zudem gleichzeitig an den Präsidentenposten und an die Formierung einer Koalitionsmehrheit im Parlament.

Die Rechten könnten aber auch schon früher zur Macht durchbrechen. Letztendlich wurde Pétain Anführer Frankreichs durch die Umstände einer vernichtenden, außenpolitischen Niederlage. Die Fünfte Republik befindet sich am Rande genau so einer Katastrophe, analog zu der, welche die Dritte Republik ins Nichtsein beförderte. Macron sieht nicht wie ein moderner De Gaulle aus, welcher in der Lage gewesen wäre, diese Katastrophe zu verhindern. Wenigstens wird dieses mal alles ohne Krieg verlaufen.

Ich habe nicht umsonst an die Erfolge „Gazproms“ bei der Verlegung von Gasleitungen erinnert, welche es erlauben, Gas in die EU unter Umgehung von Transitländern zu liefern. Diese Gasrohre sind direkt an Deutschland und die Türkei angeschlossen, was deren Bedeutung für die Europäische Union stark erhöht. Ankara strebte lange Zeit in die EU und Frankreich war dabei stets der größte Gegner der Aufnahme. Die Beziehungen Paris’ und Ankaras werden zudem zusätzlich erschwert, da Frankreich, mit einer einflussreichen armenischen Diaspora, seit vielen Jahrzehnten ohne Erfolg die Anerkennung des Armenergenozids der Jahre 1915 – 1917 lobbyiert.

Gleichzeitig war Deutschland schon im Ersten Weltkrieg der Verbündete der Türkei; in den 60ern, 70ern Jahren siedelten Millionen von Türken dorthin um. Heute, ungeachtet aller Beziehungsschwierigkeiten zwischen Berlin und Ankara, sind beide dazu verpflichtet, in der Frage der syrischen Flüchtlinge zusammenzuarbeiten. Die Teilnahme beider an gemeinschaftlichen Gas-Projekten mit Russland, dank welchen Deutschland zum Gas-Hauptverteilungsknoten für Zentral- und Osteuropa, und die Türkei für Südeuropa und den Balkan wird, muss letztendlich zur Annäherung beider Länder beitragen. In der Gaspolitik ist Koordination äußerst wichtig.

Die EU wurde schon früher als ein deutsches Projekt bezeichnet; daher rührt auch der von mir genannte Terminus „Viertes Reich“. Die deutsch-türkische Dominierung in Fragen der Energieträgerlieferungen wird die Europäische Union endgültig zu einer Domäne Berlins machen (die Türkei wird höchstwahrscheinlich der EU niemals beitreten, sodass die deutsche Hegemonie in der Eurounion von nichts bedroht wird).

Ich erinnere daran, dass bis jetzt immer von einer deutsch-französischen Dominierung der EU die Rede war. Der selbe Macron sammelte Stimmen, rief dazu auf, sich gegen den Euroskeptizismus der EU zu verbünden, den „Brexit auf Französisch“ nicht zuzulassen, die Position Frankreichs als Anführer des vereinigten Europas zu sichern.

Währenddessen hat die französische Wirtschaft schon vor fünf Jahren aufgehört, diesen Ambitionen zu entsprechen; das Finanzsystem der Fünften Republik ist genauso untergraben. Im Gegensatz zu Le Pen, welche versprach, die Nationalwährung zurückzubringen, um die Staatsfinanzen zu sanieren, stellt Macron die Notwendigkeit des Verbleibes im Euro nicht infrage. Dies lässt jedoch dem finanz-ökonomischen System überhaupt keine Chancen.

Die ungefähr ab dem Jahr 2020 eintretende, volle Gas-Abhängigkeit Europas von Deutschland und der Türkei überführt Frankreich endgültig in den Zustand einer zweitrangigen Macht – in der Art eines großen Polens. Man kann erwarten, dass Paris mehr und mehr aus die Zukunft der Welt bestimmenden Verhandlungsformaten herausgedrängt werden wird (aus dem Normandie- und Minsk-Format, wo nicht die Zukunft der Ukraine, sondern die Europas besprochen wird; aus dem Genfer Format, wo der Westen nicht versucht, auf das Schicksal Syriens Einfluss zu nehmen, sonderns auf das des Nahen Ostens; Paris nach Astana [AdÜ.: Syrien-Konferenz in der kasachischen Hauptstadt] einzuladen hat inzwischen auch niemand mehr vor).

Die Stimme Frankreichs ist in der EU heute nicht mehr viel wert. Der Austritt Britanniens und der Interessenschwund vonseiten der USA an Europa hat die politische Stellung Deutschlands stark erhöht; Berlin ist schon lange der Hauptfinanzier Europas. Die Inbetriebnahme von „Nordstream-2“ wird die gesamte europäische Wirtschaft in Abhängigkeit von Deutschland stellen.

Damit die Niederlage Frankreichs im Kampf um Europa den Franzosen selbst ersichtlich wird, reicht die Eskalation einer beliebigen Konfliktsituation, also ein Auseinanderlaufen der Interessen Deutschlands und Frankreichs im Rahmen der EU, aus. Paris wird sich sofort in der einsamen Position des Opponenten des zum Vierten Deutschen Imperium vereinigten Europa widerfinden.

Der Schock eines Verlusts ohne jedweden Krieg wird keinesfalls geringer sein, als der Schock von der vor 77 Jahren stattgefundenen militärischen Niederlage. Ich denke, dass die Resultate, in der Art einer vollständigen Diskreditierung des ganzen politischen Systems und eines An-die-Macht-Kommens von solchen Rechten, dass vor ihrem Hintergrund die „Front National“ von Le Pen im Parlament den linken Flügel stellen wird, jedoch sehr ähnlich sein werden.

Allerdings wird diesesmal niemand eine Exilregierung gründen können.

http://vineyardsaker.de/2017/05/20/r-ischtschenko-eu-mit-fr-am-rande-der-kapitulation/#more-408

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Diskussionen

3 Gedanken zu “EU mit Frankreich am Rande der Kapitulation

  1. Die Rolle Deutschlands wird überschätzt. Deutschland ist getragen von US-amerikanischen Kapital-Verhältnissen und Interessen. Diese mögen sich gegen Frankreich wenden, um Frankreichs afrikanischen Interessen zu entreißen.

    Letztlich wird der afrikanische Kontinent der Rohstofflieferant für fast alle Staaten weltweit sein und deswegen ist es für die USA wichtig, Frankreich aus diesen Märkten herauszudraengen. Dafür wird die deutsche Karte benutzt, sie aber nicht deutsch!

    Die Sozialistische Partei Frankreichs hat seit Jahrzehnten die französischen Arbeiter in die Irre geführt und dem Kapital ans Messer geliefert. Die einzigen, die noch dagegen steuern könnten, wären die Kader der franzoesischen Rechten. Diese werden aber als Nazis und Faschisten verunglimpft und sind die einzigen Vertreter der französischen Arbeiterschaft geworden.

    Es wird von den USA (Kapital) alles unternommen, um die europäischen Staaten von den Rohstoffen Afrikas fernzuhalten, damit sie keine ernstzunehmende Konkurrenz zu den USA werden können. Das französische Kapital hat sich schon seit langem dem internationalen Kapital angeschlossen. Siehe z.B. die Verbindung zwischen Peugeot und GM!

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    Verfasst von Raimund Frenzel | 22. Mai 2017, 20:43
    • Dem (der USA) steht in Afrika aber China im Wege.

      Ich habe immer wieder die Hoffnung, dass die US-amerikanische Bevölkerung dem Leid und Verbrechen, welches die USA in die Welt hinaus trägt ein Ende setzt.
      Wahlalternativen gibt es aber auch dort anscheinend nicht und wenn „der Ami“ darauf hofft, kommts am Ende auch nicht besser (siehe Obama und nun Trump).
      Das Problem ist dabei immer wieder das selbe. Entweder sie sind käuflich oder sie gehören ohnehin schon der Elite an.
      Da haben wir es in D. schon besser. Wir müssen uns nicht zwischen Pest und Cholera entscheiden. Denn wir bekommen bei uns nur die käuflichen aufgetischt ,-)

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      Verfasst von Claus | 23. Mai 2017, 18:05
      • Es stimmt, dass die VR China in Afrika den USA den Rang streitig machen. Aber zurzeit haben sie keine Chance, weil die USA die wichtigen Fuehrungspositinen schon besetzt haben und außerdem mit den Finanziers vieler Projekte aus Saudi Arabien zusammenarbeiten.

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        Verfasst von Raimund Feenzel | 23. Mai 2017, 23:04

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