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Debatte, Ideologien

Verfassungsfeind Jahwe

von Klaus Ungererhttps://hpd.de

Immer wieder stößt man auf die seltsame Vorstellung, das Grundgesetz basiere auf den Zehn Geboten, mit denen der biblische Gott seine Follower auf sich einschwor, immer wieder gern werden sie als ein früher Moralkodex der Menschheit beschrieben. Und eines stimmt auch: In der Tat ist das ein sehr, sehr alter Text. Nicht nur sein Inhalt, wenn man ihn sich denn mal anschaut, mutet uns im dritten Jahrtausend befremdlich bis bizarr an – fast noch mehr irritieren die Verrenkungen, Verkürzungen und Verbiegungen, die man von religiöser Seite der eigenen Kernbotschaft angetan hat, um sie scheppernd in die Jetztzeit zu retten und mit ihr alle Ansprüche der Gottesverkünder.

Der Monogott des Alten Testaments war eine neue Erfindung, mit seinem harschen Turbonarzissmus beendete er die Pluralität der Götterpantheons antiker Prägung. Richtig eingesetzt, konnte er eine ungeheure Hilfe sein, eine größere Volksmasse auf ihre Führung einzuschwören. Und wo konnte das Experiment besser gelingen als beim Volk Israel, welches, aus allem herausgerissen, auf einer langen, existenziell bedrohlichen Wüstenwanderung war? Moses verschwand also auf einem Berg und kam nach einer Weile mit ein paar selbstgeklopften Steinplatten wieder. Die Originalplatten seien kaputt gegangen.

Auf den Steinplatten fand sich kein Gesetzestext, sondern eine Sammlung moralischer Richtlinien. Sozusagen ein früher Vorläufer der christlichen Botschaft und von Kants kategorischem Imperativ. So wird es uns gerne vorgebetet. Problembereinigt sieht evangelische Kirche hier die „Grundlage der christlichen Ethik“, und das das öffentlich-rechtlich finanzierte Fernsehen ZDF behauptet im Web: „Eine wichtige Grundlage der Charta der Vereinten Nationen und des Grundgesetzes sind die 10 Gebote.“ Hunderttausende von Konfirmanden, Firmlingen und Reli-Schülern bekommen derlei Jahr für Jahr aufgetischt.

Dabei lohnt sich ein Blick in die Bibel. Ein Abgleich mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten, die uns hoffentlich etwas bedeuten. Man muss nicht sehr lange nachdenken: Zehn vollkommen zufällig aus Waschmaschinen-Gebrauchsanweisungen herausgeclippte Sätze hätten mehr Übereinstimmung mit unseren Grundwerten als die Gebote, die Moses da in seine Steintafeln gehämmert hat.

Man kann diese Gebote einmal auf sich wirken lassen, eine Bibel hat man ja irgendwo herumstehen, da blättert man etwa zum Fünften Buch Mose, da stehen sie dann. Und es stimmt: Unterschlägt man den verklarenden Kontext, in dem sie dort aufgeschrieben sind, so wirken sie wie eine Art Leitkulturkatalog von einem halb senil-wohlmeinenden, halb tyrannischen Obermacker, den eine panische Angst davor plagt, von den Erdenbewohnern keine Verehrung zu erfahren – ein Grundlagentext des Patriarchats ganz ohne Zweifel. Dass er sich eigentlich nur an Moses‘ Zeit- und Volksgenossen wendet, wird dabei schon in der ersten Zeile klar:

„Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“

Das ist natürlich eine tolle Leistung, mit der der Allmächtige sich hier brüstet, nachdem er die Versklavung seines Lieblingsvolks zunächst überhaupt zuließ. Klar für uns heutige Leser ist aber auch: Die allermeisten von uns sind nie in Ägypten gewesen, und auch in Knechtschaft zum Glück nur die wenigsten. Uns kann er also gar nicht meinen. Gott spricht hier durch Moses zu Moses‘ Zeitgenossen, und er nutzt dabei den aus Mafiafilmen bekannten Patenmodus: Ich habe dir geholfen, du schuldest mir jetzt was. Dass Moses diese Verpflichtung gut zupass kommt bei seinem Versuch, das Volk Israel hinter sich zu sammeln, mag ein Gläubiger für Zufall halten.

Auf das erste folgt ein Schwung weiterer Gebote, die keinem anderen Zweck dienen als das verletzliche Ego des Weltenlenkers zu streicheln. Man solle keine anderen Götter haben, seinen Namen nicht missbrauchen, den Sabbat heiligen, wobei Jahwe nicht anzumerken vergisst: „Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen“ – womit alle diejenigen gemeint sind, die eine anderen Glauben erwählen.

Von Religionsfreiheit keine Spur in Jahwes Reich, auch nicht von Individualschuld, bei Gott wird noch die ganze Sippe bestraft. Aber er kann sich solche rigiden Regeln eben auch erlauben, denn das Volk Israel befindet sich weit weg vom Rest der Welt in der Wüste. Hier kann Gott, mit Moses‘ Hilfe – oder umgekehrt -, herrschen wie Sektenführer Jim Jones in der nach ihm benannten Siedlung. Bilder darf man sich keine machen, weder von den Dingen im Himmel, noch auf der Erde, noch im Wasser. Gott, so viel ist klar, ist kein Freund der schönen Künste. Möglicherweise ist es auch die menschliche Erkenntnis, die ihm missfällt, damit hat er ja schon immer Probleme gehabt.

Als Nächstes sind Vater und Mutter zu ehren – ein Gebot, das sich einerseits irgendwie von selbst versteht. Andererseits wird gerade in der Bibel deutlich, dass auch Eltern sich die Liebe und den Respekt ihrer Kinder verdienen sollten: Wenig ist ja verstörender als die Geschichte von Gottes Follower Lot, der seine Töchter zunächst Vergewaltigern anbietet und später zum Vater seiner Enkel wird.

Nun gut, aber vielleicht hat Gott sich mit seinen ersten Geboten auch erst mal in Form geblubbert. Was nun folgt, ist dann relativ konzis: Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist.

Das also ist, laut Kirchen, laut ZDF, die moralische Grundlage für unser Zusammenleben? Bei genauerer Betrachtung bleibt eigentlich nur ein Gebot übrig, das sich mit unseren Vorstellungen von Menschenrechten und Gerechtigkeit deckt: „Du sollst nicht stehlen“. Und seien wir ehrlich: Das steckt im Wort „Stehlen“ irgendwie schon drin, dass man das nicht tun soll, oder? Diebstahl ist wohl in fast allen menschlichen Gesellschaften als Vergehen empfunden und oft genug empfindlich bestraft worden.

Mit dem übrigen Trumm spielt Moses‘ Gott in erster Linie Gedankenpolizei. Er sagt den Menschen, was sie nicht zu begehren haben. Das sieht unsere aufgeklärte Neuzeit zum Glück anders: Hier darf jeder denken, was er will. Begehren auch. Denn ein Zusammenleben ohne Begehren, ohne Neid, ist wohl nur unter Engeln vorstellbar, den Wasserträgern Gottes. Den Menschen hingegen hat er einen Willen und eine Vorstellungskraft mitgegeben und sie gleichzeitig dafür bestraft. Dieser Gott ist einer des schlechten Gewissens, er röstet das Zuckerbrot überm Höllenfeuer, und bis heute hat er nicht zufriedenstellend erklärt, warum der Verzehr einer Frucht in einem Garten die Rechtfertigung dafür ist, die gesamte Menschheit mit maßloser Rache zu überziehen. Dass hier Frauen als Besitz des Mannes gelistet werden, gleichgeordnet dem Acker und dem Vieh; dass der liebe Gott überhaupt nur zu besitzenden Männern zu sprechen scheint, macht ihn zu einem elitären, sexistischen Knochen, dessen Denke im Rahmen unserer Toleranzgebote nichts zu suchen hat.

Bleibt noch eins. Denkt man. Du sollst nicht töten. Ist das nicht super, ist das nicht megafortschrittlich gedacht vom lieben Gott? Ja, hm, nein. Denn es wird ja zunächst gar nicht klar, was damit gemeint ist. Du sollst wen oder was nicht töten – Marienkäfer? Rinder? Kamele? Knechte, Frauen und Vieh? Ein genaueres Reinlesen in die Bibel ergibt eine traurige Antwort: Die zehn Gebote wenden sich exklusiv an die besitzenden Männer des Volks Israel, sie sind deren Clubkarte zum Inner Circle – und nur dieser wird offensichtlich durch das Tötungsverbot wirklich geschützt. Es ist eine mafiöse Struktur, die sich hier manifestiert, es kräht die Oberkrähe, man hacke einander kein Auge aus. Dass die Zehn Gebote immer wieder als wertvoller Moralkodex verkauft werden, liegt schlicht daran, dass man sie, durch die Jahrtausende, nach Belieben eingedampft und umgedeutet hat. Gerne verweist man auch darauf, dass hier ja kein Gesetzestext mit Strafenkatalog vorliege, sondern eher eine moralphilosophische Abhandlung, welche das Zusammenleben der Menschen durchdenke und ermögliche. Das lässt sich allerdings nur mit gekreuzten Fingern behaupten – nachdem man den biblischen Kontext dieser zehn Gebote wohlweislich weggeschnitten hat.

Im Fünften Buch Mose nämlich stehen diese Zehn Gebote so gar nicht als Denkanregung. Das Buch der Bücher liefert sie in einem größeren Zusammenhang von göttlichen Anweisungen. Über viele Seiten werden hier weitere Maßgaben von höchster Stelle verkündet, die auch den Geist der göttlichen Gesetze klarer werden lassen. Etwa wird sehr deutlich, was für den großen Paten „Du sollst nicht töten“ heißt: Du sollst deine Kumpels nicht töten. Alle anderen – aber bitte, aber gerne! Leute anderer Nationalität und also anderer Religion? Nur zu! In einer mosntrösen Litanei spricht Gott immer wieder davon, welche Völker er auszurotten gedenkt, weil sie andere Götter verehren, er verbietet den Seinen, sich mit Angehörigen dieser Völker zu verheiraten, er ordnet die völlig Zerstörung ihrer religiösen Stätten an – programmatisch wenig Unterschied zum „Islamischen Staat“ heute. Wer seinen Willen vollstrecken soll, auch daran lässt der Hasser im Himmel keinen Zweifel:

„Aber in den Städten dieser Völker hier, die dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat, sondern sollst an ihnen den Bann vollstrecken, nämlich an den Hetitern, Amoritern, Kanaanitern, Perisitern, Hiwitern und Jebusitern.“ Doch Gott lässt nicht nur entlang ethnischer Vorgaben metzeln. Auch mit Häretikern aus den eigenen Reihen sollen seine Anhänger kein Mitleid haben. Wer ihnen einen anderen Glauben nahe zu bringen wagt, und sei es „dein Bruder, deiner Mutter Sohn, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau in deinen Armen oder dein Freund, der dir so lieb ist wie dein Leben“, hat sein Leben verwirkt. „Deine Hand soll die erste wider ihn sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volks. Man soll ihn zu Tode steinigen, denn er hat dich abbringen wollen von dem HERRN, deinem Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat.“

Der Vorschriften, die die Zehn Gebote ergänzen, sind viele. Sie changieren zwischen manischem Blutdurst und fast schon wieder charmanter Kuriosität: So gibt es die göttliche Weisung, beim Hausbau einen Zaun aufs Dach zu setzen, damit niemand zu Tode stürzt. Es gibt eine akribische Auflistung von Vögeln, die nicht zum Verzehr geeignet sind: die Rohrdommel, der Storch, der Schwan – die Fledermaus. Gott, der Herr, kümmert sich sogar um die korrekte Durchführung des Stuhlgangs: „Und du sollst draußen vor dem Lager einen Platz haben, wohin du zur Notdurft hinausgehst. Und du sollst eine Schaufel haben und wenn du dich draußen setzen willst, sollst du damit graben; und wenn du gesessen hast, sollst du zuscharren, was von dir gegangen ist.“

Kaum hat man ihn in seiner eigentümlichen Art fast schon ein wenig lieb gewonnen, haut Gott allerdings wieder die nächste infernalische Hate Speech raus. Manchmal gelingt es ihm, Blutdurst und Bizarrerie miteinander zu vereinen: „Wenn zwei Männer gegeneinander handgreiflich werden und des einen Frau läuft hinzu, um ihren Mann zu erretten von der Hand dessen, der ihn schlägt, und sie streckt ihre Hand aus und ergreift ihn bei seiner Scham, so sollst du ihr die Hand abhauen, und dein Auge soll sie nicht schonen.“

Immer wieder aber kocht im Verfasser der Zehn Gebote die unbändige Wut eines Zweijährigen hoch: Ungehorsame Söhne sollen vor den Toren der Stadt gesteinigt werden. Menschen, die außerhalb der Ehe Sex haben, sollen gesteinigt werden. „Mischlinge“ sollen nicht der Religion beitreten können. Gegen Ende dieser Gesetzestexte macht Gott sehr deutlich, dass die Zehn Gebote durchaus nicht als moralische Denkanregung gemeint sind. Sondern mit massiven Strafen bewehrt. Für jeden Verstoß im Glauben an ihn selbst droht der Oberschöpfer immer furchtbarere Konsequenzen an, er kollert sich in eine Tirade epischen Ausmaßes hinein. Die lange Liste an Unglücken und Krankheiten, die dem Ungläubigen da aufgeregt an die Backe geflucht werden, lässt die Frage zu: Warum ist Gott eigentlich so leicht zu verunsichern? Warum bringt der leiseste Zweifel an seiner Existenz ihn derart in Rage? Die Küchenpsychologie würde mutmaßen, dass nur der getroffene Hund bellt – in diesem Fall also ein nichtexistenter, der die Schande seiner Nichtexistenz mit eminenter Wut zu übertönen versucht.

Schon ein kurzer Blick in das Fünfte Buch Mose erfüllt den aufgeklärten Menschen mit Unverständnis, mit Widerwillen, im besten Fall mit Erheiterung. Es gibt wohl sehr wenige religiöse Texte, die dem Geist des Grundgesetzes entschiedener entgegenstehen: Fremdenhass, Frauenverachtung, Nichtachtung des menschlichen Lebens, religiöser Faschismus – der Gott der Zehn Gebote ist ein Meister in diesen Disziplinen. Es bedarf schon einiger Predigerkunst, das immer wieder vergessen zu machen.

https://hpd.de/artikel/verfassungsfeind-jahwe-14406

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