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Geschichte, Kultur

Haymatlos: „Die Welt ist unser Vaterland“

von – Kemal Yalçın – http://freiesicht.org

VORBEMERKUNG 

Es gibt Zeiten, in denen Menschen oder Völkern etwas zustößt, was sie sich vorher kaum vorgestellt hätten. Wer hätte gedacht, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Mann namens Adolf  Hitler die Macht ergreifen, mit seiner rassistischen Ideologie ein blutiges Terrorregime begründen und dann über das deutsche Volk und die ganze Welt unfassbares Unheil bringen würde?

Wer hätte vorhersagen können, dass in Deutschland an den Juden ein Völkermord verübt werden würde, bei dem Millionen von Menschen, die eine andere politische, weltanschauliche oder religiöse Überzeugung hatten, in Konzentrationslagern oder Gaskammern ermordet werden würden?

Wer hätte gedacht, dass Hunderte von Wissenschaftlern, antifaschistischen, fleißigen, ehrlichen, revolutionären Deutschen in der armen Türkei der 30er Jahre Zuflucht finden würden und diese Menschen 1944 als Staatenlose in Corum, Kırşehir und Yozgat interniert werden würden?

Wer hätte voraussehen können, dass der Gewerkschafter Eduard Bischoff, der Bruder von Berta Kröger, der damaligen Abgeordneten des Hamburger Landesparlaments, zusammen mit seiner Frau und  seinen beiden Kindern in der anatolischen Stadt Corum interniert werden würde, wo sie dann ein Leben in Not und Elend führen mussten.

Leider hielt die Geschichte  all dieses Unheil bereit, worunter die Menschen im 20.Jahrhundert gelitten haben.

Die faschistische Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei  (NSDAP) hatte man anfangs nicht so ernst genommen. Ihre politischen Reden hatten sowohl sozialistische als auch nationalistische Inhalte.

An der Organisation dieser Arbeiterpartei waren nicht nur Arbeiter beteiligt, sondern auch Lumpen oder Arbeitslose und viele andere, die sozial benachteiligt waren. Bei Streiks und Aufständen handelten sie häufig gemeinsam mit den Kommunisten.

Für die Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg und die dadurch entstandene  materielle Not machte man die deutschen Juden verantwortlich, deren Zahl nicht mehr als 500.000 betrug, was nur acht Tausendstel der Gesamtbevölkerung ausmachte.  Die Nazis hetzten die Leute auf der Straße, die arm und arbeitslos waren, gegen diese wenigen Juden auf.

In kurzer Zeit ging von Deutschland eine Welle des Antisemitismus  in andere Länder der Welt aus. Das hätte keiner voraussehen können.

Hitlers Judenhass sowie seine Feindschaft den Andersdenkenden gegenüber rückte in den Vordergrund seiner Politik, unmittelbar nachdem er die Macht

ergriffen hatte. Wie die Pest verbreitete sich der Rassismus in Deutschland und in ganz Europa. Alle menschlichen Werte und  die universalen Menschenrechte, von deren  Unantastbarkeit man so überzeugt war, wurden zerstört.  In Deutschland wurde eine Gewaltherrschaft, ein Terrorregime gegründet.

Zwischen den Jahren 1933-1939 vor Ausbruch des II. Weltkriegs mussten etwa 250000 – 280000 antifaschistische, fortschrittliche deutsche Bürger ins Exil gehen, weil sie unter diesem Regime ihres Lebens nicht mehr sicher waren und auch nicht arbeiten konnten.  Die meisten von ihnen waren Juden mit deutscher Staatsbürgerschaft.

Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden alle Menschenrechte außer Kraft gesetzt, das Geistesleben an Hochschulen wurde zerstört, die objektive Wissenschaft wurde abgeschafft. Ungefähr 3100 Wissenschaftler, Intellektuelle, Schriftsteller, Philosophen, Politiker, Künstler oder Musiker fühlten sich unter diesen Umständen  bedroht und verließen deshalb Deutschland, das nun zum Machtbereich Hitlers geworden war.

In kurzer Zeit wurden die besten Wissenschaftler und Künstler Deutschlands aus dem Dienst entlassen, zum Teil wurden sie in Konzentrationslager verbracht, wo sie kaum Überlebungschancen hatten. Diejenigen, denen die Flucht gelang, gingen in andere Länder ins Exil.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen, die auf  ihren Gebieten zu den Besten gehörten, trotzdem aber ihrer Ämter beraubt wurden,  die  auf  Leben und Tod kämpfen mussten, wurde 1933, kurz vor den Feierlichkeiten anlässlich des 10.Gründungsjahres der türkischen Republik in die Türkei eingeladen, mit dem Auftrag, an der Gründung der Istanbuler Universität mitzuwirken. Sie unterschrieben einen Arbeitsvertrag mit der Türkischen Republik und wurden unter der Garantie des Staates nach Istanbul geholt. Nach mutigen Anstrengungen der türkischen Regierung wurden einige Wissenschaftler aus den Konzentrationslagern geholt,  die so in die Türkei emigrieren konnten. Bei der Gründung der Istanbuler Universität erhielten insgesamt 42 deutsche Wissenschaftler, 4 Professoren und 38 außerordentliche Professoren, einen Arbeitsauftrag.

Später wurden auch  an der Universität Ankara deutsche und österreichische Wissenschaftler eingestellt. In dem Zeitraum 1933-1955  waren beinahe 100 Wissenschaftler an den Universitäten Istanbul und Ankara  tätig. Die meisten von ihnen waren Deutsche.

Die Zahl der exilierten Forscher, Professoren, Dozenten, Assistenten und Lehrbeauftragten, die mit ihren Familien in die Türkei geflüchtet waren, betrug anfangs 500 – 600. Allerdings sind nicht alle im türkischen Exil geblieben.

Etwa 70 junge Assistenten verließen nach drei Jahren die Türkei und gingen in die USA oder andere Länder.

Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Menschen aus anderen Berufen hatten in der Türkei Zuflucht gefunden: Kaufleute, Journalisten, Musiker, Künstler, Einzelhändler, Handwerker, Rechtsanwälte, Architekten, Ingenieure, Ärzte oder Krankenschwestern. Etwa  200 – 300 Deutsche versuchten unter den schwierigen Bedingungen für sich und ihre Familien ein neues Leben in der armen Türkei aufzubauen.  1939 waren insgesamt 1100 deutsche Emigranten in der Türkei.

Einige Wissenschaftler und Architekten aus Österreich, weniger zahlreich als die Deutschen, hatten ebenso Zuflucht in der Türkei gefunden. Anfang des II. Weltkriegs wurde vom Architekten Herbert Eichholzer eine zwölfköpfige kommunistische Zelle  in Istanbul gegründet. Diese Zelle hielt sich 1939-1940  in Istanbul auf, dann kehrte sie nach Österreich zurück. Während des Kampfes gegen die Nazis wurden elf von ihnen gefangengenommen und hingerichtet.

Die damalige dürftige, aber stolze Türkei, die edlen, gewissenhaften, hilfsbereiten, aufrichtigen Bürger der anatolischen Städte boten den von anderen Ländern zurückgewiesenen Deutschen Zuflucht und Sicherheit. Sie teilten ihr Brot mit den wertvollen Kindern Deutschlands, die vor Hitlers Faschismus geflohen waren.

In diesem Buch sind auch die wahren Geschichten jener Menschen, die diese Exilsituation in der Türkei erlebt haben, dargestellt worden.

Die Türkei ließ  nicht nur deutsche Wissenschaftler, sondern auch einen Teil der osmanisch-türkischen Juden, die sich zu damaliger Zeit als Migranten oder Studierende in verschiedenen europäischen Ländern aufhielten, Zuflucht finden. Ganz spezielle Methoden wurden für dieses Ziel angewandt. Die Konsulate wurden beauftragt diesbezüglich diplomatische Schritte zu unternehmen.

Auf diese Weise konnten auch die nächsten Verwandten, die Kinder der Emigranten aus den Konzentrationslagern herausgeholt und in die Türkei gebracht werden.

Auf eine Bitte des Chemieprofessors Arndt, dessen Sohn während des Krieges gegen die Deutschen gekämpft und  in Polen gefangengenommen worden war, reagierte der damalige Ministerpräsident Refik Saydam persönlich, indem er Gespräche mit Deutschland führte, um den Sohn des Professors aus dem

Konzentrationslager herauszuholen. Tatsächlich konnte er ihn dann auch zu seinem Vater bringen.

Im Juni 1933 lebten in Deutschland 1973 Juden mit türkischem Pass. Sie wurden Osmanisch-Türkische Juden genannt. Ihre Zahl betrug 600 nur in  Berlin. Außerdem lebten auch in Paris ganz viele osmanisch türkische Juden. Im Herbst 1942 zählte man 3045 Juden, die dort eingetragen waren. In ganz Frankreich lebten etwa zehntausend Juden mit türkisch osmanischem Hintergrund.

Die Nazis haben viele von diesen Juden in den Ländern, die sie besetzt hatten, in die Konzentrationslager deportiert und in den Gaskammern ermordet oder in den Öfen verbrannt. Nach dem Krieg hat man in den Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Bergen-Belsen, Ausschwitz, Majdanek  u.a. ausführliche Namenslisten in den Registern gefunden. In Majdanek bei Lublin  in Polen, wo später eine Gedenkstätte für Naziopfer errichtet  wurde, hängen Fahnen, unter anderen auch die türkische Fahne, als Andenken an die Länder, zu denen die Ermordeten gehörten.

Von den Exilanten, die 1933 in die Türkei geflüchtet und gleich nach dem II. Weltkrieg nach Deutschland zurückgekehrt waren, leben heute nur noch sehr wenige. Cornelius Bischoff ist einer von diesen wenigen Menschen. Ich habe  ihn in  Hamburg besucht. Eine weitere Person, mit der ich mich  in Wien treffen durfte, war Barbara Holzmeister.

Mit seiner Familie kam Cornelius Bischoff 1939 als Elfjähriger in die Türkei. Glücklicherweise waren sie dem Tod entkommen. Die Internierung in Corum blieb ihnen jedoch nicht erspart. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück. Über seine Lebensgeschichte, beziehungsweise die Geschichte seiner Familie, über seine Zeit in Istanbul und Corum berichtete er bis ins kleinste Detail. Er gab mir alle Dokumente, Fotos und Briefe, die er besaß.

Barbara Holzmeister wurde in Istanbul geboren, ihre Kindheit und frühen Jugendjahre verbrachte sie in Istanbul und Ankara. Sowohl Cornelius als auch Barbara hatten in Tarabya in Istanbul gelebt.

Barbara erzählte mir ebenfalls über ihre Zeit in der Türkei und über ihre Familiengeschichte. Sie hat mir Fotos und andere Unterlagen gegeben, damit ich diese Dokumente in meinem Buch verwenden konnte.

Cornelius Bischoff hat seine Beziehung zur Türkei niemals abgebrochen. Türkisch hatte er damals in Istanbul gelernt und  in Corum lernte er  auch die anatolische Aussprache. Er spricht Türkisch fließend wie seine Muttersprache. Cornelius Bischoff, der  Übersetzer der Romane von Yasar Kemal, hat auch

„Die Ballade von Ali aus Keşan“ von Haldun Taner und „Gülibik der Hahn“ von Cetin Öner in die deutsche Sprache übersetzt.

Cornelius Bischoff gab sich große Mühe, die türkische Literatur in Deutschland bekannt zu machen. Er ist der bedeutendste Initiator der Bemühungen um den Bau einer kulturellen Brücke zwischen Deutschland und der Türkei.

Aus diesem Grund habe ich seinem Leben einen großen Platz eingeräumt, natürlich auch seinen wichtigsten Bezugspersonen, Yasar Kemal, Zülfü  Livaneli und Orhan Peker.

In diesem Buch habe ich ebenfalls die Lebensgeschichte von  Prof. Dr. Ernst Eduard Hirsch, dem außerordentlichen Professor, der 1933 unmittelbar nach der Auflösung seines Arbeitsverhältnisses von der Universität Frankfurt in die Türkei eingeladen worden war und große Leistungen bei der Gründung beider Universitäten, Istanbul und Ankara,  vollbracht hatte.

Ich habe auch über Personen geschrieben, die im Leben von C. Bischoff und E.E. Hirsch eine Rolle spielten.

Dem Hauptarchitekten Clemens Holzmeister, der schon 1926  auf  die Einladung Atatürks, (des ersten  Staatspräsidenten der Türkischen Republik) nach Ankara gekommen war, um die neue Hauptstadt  zu planen, so wie dem Professor Eduard Zuckmayer, der nach Kriegsende  nicht in seine Heimat zurückkehren wollte und 32 Jahre lang am Gazi-Institut die Abteilung  für Musik leitete, räumte ich in meinem Buch weiten Raum ein. Paul Hindemith, der bedeutende Künstler, der ebenso von Atatürk eingeladen worden war, Ernst Praetorius, Carl Ebert und sein privater Übersetzer Sabahattin Ali sind andere Namen, über die ich auch im Themenzusammenhang berichtet habe.

Eine andere bedeutende Persönlichkeit in meinem Buch ist Prof. Ernst Reuter, der bei der Gründung der Fakultät für Politische Wissenschaften der Universität Ankara  ganz wichtige Aufgaben übernommen hatte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er Bürgermeister der Stadt Berlin.

1944, nachdem die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei abgebrochen worden waren, wurden diejenigen Deutschen, die nicht nach Deutschland zurückgehen wollten, staatenlos. Diese Menschen wurden als „Heimatlos“ bezeichnet.  Auf den Ausweisen, die sie erhielten, stand  unter

Anführungszeichen das Wort „Haymatloz“, wie man das deutsche Wort im Türkischen schreibt. Diese ausgebürgerten Menschen wurden dann in Kirsehir, Corum und Yozgat interniert. Später ging  das Wort haymatlos  als ein Lehnwort  in türkische Wörterbücher ein.

Nach dem Krieg kehrten fast alle deutschen Wissenschaftler, die in der Türkei Zuflucht gefunden, als Lehrbeauftragte an den Universitäten in Istanbul und Ankara gewirkt hatten, zurück nach Deutschland, zu ihren Universitäten, um

ihre akademische Tätigkeit wieder aufzunehmen. Aber diejenigen, die in die USA geflüchtet waren, blieben auch dort, von dort kehrten nur wenige zurück.

Wissenschaftler, Künstler,  Musiker u.a., die aus ihrem Exil in der Türkei heimgekehrt waren, erinnerten sich  mit Dankbarkeit an das Land.  Sie arbeiteten dann wie ehrenamtliche Kulturbotschafter der Türkei.

Prof. Dr. Kessler, der an der Wirtschaftlichen Fakultät der Universität Istanbul tätig gewesen war,  betonte in einer Rede  nach seiner Rückkehr:„ Ich werde dem edlen türkischen Volk, das eine ritterliche Seele besitzt, immer dankbar dafür sein, dass es uns diese Möglichkeit geboten hat“. Er  hatte dabei  im Namen vieler Deutschen gesprochen, die damals ins Exil in die Türkei getrieben worden waren. In diesem Buch werden natürlich nicht alle Lebensgeschichten derer geschildert, die sich  1933-1945 im türkischen Exil befanden. Es wäre nicht möglich gewesen, so ein umfangreiches Thema in einem Buch zu behandeln.

Mein Ziel war es, das abenteuerliche Exilleben jener Deutschen, die vor Hitlers Faschismus in die Türkei geflüchteten waren, an Hand von Zeugenaussagen zu erforschen, in eine Geschichte zu verwandeln, um es der deutschen, aber auch der türkischen Gesellschaft möglich zu machen, das damals Geschehene zu vergegenwärtigen. Ferner wollte ich auf die damaligen zwischenmenschlichen Beziehungen hinweisen, die auf Freundschaft und Liebe beruhten.

Ich wünschte, dass besonders Jugendliche  in der Türkei und in Deutschland auf das damalige vorbildliche menschliche Verhalten und auf das Thema überhaupt aufmerksam werden.

Mögen die Menschen  nie wieder so ein Unheil, nie wieder Gewalt, Konzentrations- und Vernichtungslager oder Gaskammern  erleben!

Wenn ich mit meiner Arbeit einen kleinen Beitrag zur Entwicklung  der deutsch-türkischen Beziehungen in Freundschaft, Liebe und Respekt leisten kann, würde ich mich sehr freuen.

Das Buch ist am 10. Juni 2011 beim Verlag İş Bankası Kültür Ya­yın­ları in İstanbul erschienen.

http://freiesicht.org/2017/kemal-yalcin-haymatlos-die-welt-ist-unser-vaterland/

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