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Geschichte, Kultur

Die irische Hungersnot von 1850

von Bill Bigelow – https://einarschlereth.blogspot.de

Bild: Die Armen konnten zu hunderten an das Tor der Reichen klopfen … vergebens. Von George Frederic Watts (Views of the Famine)

Hier kommt die wahre irisch-amerikanische Geschichte, die nicht in den Schulen gelehrt wird. Wales, Schottland und Irland waren die ersten Kolonien Englands. Diese drei Völker und Länder bildeten praktisch den Grundstock des Kolonialreichs, in dem „die Sonne nicht unterging“. Dabei sind sie mit unerhörter Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit gegen das eigene Volk und in noch viel gröberem Maß gegen die fremden Völker vorgegangen. Am Ende konnten die Briten rund um die Erde von Irland, die USA über Indien, Afrika im Blut ihrer Untertanen waten. Zur selben Zeit gelang es ihnen – wie ihren US-Kollegen später noch viel besser – sich immer als die ‚gentlemen‘ (die sanften, liebenswürdigen Herren) zu präsentieren. Mittel hierzu beschreibt hier unten Bill Bigelow: Unterschlagung oder Vernichtung der Geschichte, Kultur und Sprache der unterworfenen Völker oder auch gründliche Verfälschung. Ihr könnt graben, wo ihr wollt. Ihr werdet immer und überall an die liebenswürdigen Maßnahmen der Einprozenter stoßen. Dennoch lassen sich die Völker wieder und wieder und immer noch einmal von ihnen verführen und in nie enden wollende Kriege hetzen.

„Tragt grün am St. Patricks-Tag oder ihr werdet gezwackt.“ So lässt sich das irisch-amerikanische „curriculum“ zusammenfassen, das ich in der Schule gelernt habe. Ach ja, ich erinnere noch einen Hinweis auf die sogenannte Kartoffel-Hungersnot, aber die war wirklich nur flüchtig.

Traurig ist, dass die heutigen Schulbücher immer noch den Hunger ignorieren, trotz der Tatsache, dass er verantwortlich war für unvorstellbares Leiden und den Tod von mehr als einer Million irischer Bauern und dass er die größte Welle irischer Imigration in der US-Geschichte in Gang setzte. Die Schulbücher machen auch keinen Versuch, den Studenten zu helfen, eine Verbindung zwischen vergangenen und heutigen Hungersnöten herzustellen.

Doch es gibt keinen Mangel an Material, dass diese dramatischen Ereignisse im Klassenzimmer zu Leben erweckt werden können. In meiner Zeit als Gymnasiallehrer beginne ich mit der ergreifenden Wiedergabe von „Skibbereen“, wo dieser Vers auftaucht:

… Oh ich erinnere so gut, jenen blassen Dezembertag,

als der Gutsbesitzer und der Sheriff kamen,

um uns alle zu vertreiben.

Sie setzen das Dach in Brand, mit ihrem verdammten englischen Spleen.

Und das ist noch ein Grund, warum ich das alte Skibereen

verließ.

[Skibbereen ist ein kleines Städtchen an der Südküste Irlands, die Hauptstadt von York genannt. D. Ü.]

Als Kontrast bietet Holt McDougals US-Geschichtsbuch „Die Amerikaner“ zwei Sätze über den „Großen Kartoffel-Hunger“. Prentice Halls „America: Pathways to the Present“ bringt kein Zitat über jene Zeit. Der Text nennt den Hunger eine „schreckliche Katastrophe“, als wäre es ein Naturunglück gewesen wie ein Erdbeben. Und in einem einzigen grässlichen Abschnitt gibt Houghton Mifflin „The Enduring Vision: A History of the American People“ die Schuld für die „Opfer des Hungers“ einer „Kartoffelfäule“ und das einzige zeitgenössische Zitat kommt unpassenderweise von einem Gutsbesitzer, der die überlebenden Pachtleute als „ausgehungert und Geister-Skelette“ beschreibt. Und Lehrbücher zu sozialen Studien erlauben es regelmäßig den Iren nicht, für sich selbst zu sprechen und ihren Horror zu erzählen.

Diese kläglichen Wissens-Splitter berauben die Studenten nicht nur der reichen Lektionen in irisch-amerikanischer Geschichte, sondern sie sind auch ein Beispiel dafür, was falsch ist an der heutigen Lehrbuch-Zuverlässigkeit, die von Mammut-Unternehmen produziert werden.

Erstens, glaubt wirklich irgendjemand, dass Studenten irgendetwas aus den dumpfen und leblosen Texten der Schulbücher behalten? Die heutigen Schulbücher enthalten keine Geschichten von wirklichen Leuten. Wir treffen niemanden, lernen nichts über das Leben von irgendjemandem, begegnen keiner Ungerechtigkeit, keinem Widerstand. Das sind Lehrbücher der Langeweile. Als jemand, der beinahe 30 Jahre am Gymnasium Unterricht in sozialen Studien gegeben hat, kann ich bezeugen, dass Studenten ganz bestimmt nicht mehr wissen wollen über Ereignisse, die so ohne Drama, Emotionen und Menschlichkeit sind.

Diese Texte werfen auch keine kritischen Fragen für Studenten auf. Zum Beispiel ist es für Studenten wichtig zu lernen, dass der Ernte-Ausfall in Irland nur die Kartoffel betraf in den schlimmsten Hungerjahren, während andere Nahrungsprodukte gar nicht litten. Michael Pollan merkt in „The Botany of Desire“ an: „Irland war mit Sicherheit das größte Experiment für Monokulturen, das je unternommen wurde, und gewiss der überzeugendste Beweis für ihren Irrsinn.“ Aber wenn nur eine Kartoffelsorte, der Lumper, versagte, und die anderen Ernten gut waren, warum haben die Menschen dann gehungert?

Thomas Gallagher hebt in „Paddy‘s Lament“ hervor, dass im ersten Hungerwinter 1846-47, als vielleicht 400 000 irische Bauern starben, die Gutsbesitzer Getreide, Vieh, Schweine, Mehl, Eier und Geflügel im Wert von 17 Millionen £ exportierten, die diese Toten vor dem Tod hätten retten können. Während der ganzen Hungerzeit gab es reichlich in Irland produzierte Nahrungsmittel, doch die Gutsherren exportierten sie auf Märkte im Ausland.

Die Schulbücher könnten und sollten die Studenten bitten, über den Widerspruch von Hunger mitten im Überfluss nachzudenken. Und sie sollten fragen, warum dieses Muster auch in unserer Zeit noch gilt.

Mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach dem „Großen Hunger“ leben wir mit ähnlichen, vielleicht noch grelleren Widersprüchen. Raj Patel eröffnet sein Buch „Stuffed and Starved: Markets, Power and the Hidden Battle for the World‘s Food System“:
„Heute, wo wir mehr Nahrung produzieren denn je zuvor, sind mehr als ein Mensch unter zehn hungrig. Der Hunger von 800 000 000 Menschen stößt gleichzeitig auf ein historisches Novum: dass ihre Zahl auf unserem Planeten übertroffen wird von einer Milliarde Menschen mit Übergewicht.“

Patels Buch berichtet über die „Fäule im Kern unseres modernen Nahrungs-Systems“. Es ist eine lehrplanmäßige Reise, den unsere Studenten unternehmen sollten – Nachdenken über die Muster der Armut, Macht und Ungleichheit, die vom Irland des 19. Jhd. bis zum 21. Jhd. in Afrika, Indien, Appalachen und Oakland reichen; die untersucht, was geschieht, wenn Nahrung und Land als bloße Waren in einem globalen System von Profit angesehen werden.

Aber in den heutigen Lehrbüchern der Mammut-Unternehmen ist man in keinerWeise daran interessiert, die Neugier der Studenten über diese Ungleichheit zu wecken wie die britischen Großgrundbesitzer an der Ernährung ihrer Pächter. Nehmt Pearson, den globalen Verlags-Giganten. Auf seiner Webseite verkündet das Unternehmen (mehrfach) dass „wir Fortschritt messen mit drei Maßstäben: Einkünfte, flüssige Mittel und Ertrag des investierten Kapitals“. Das Pearson Imperium hat weltweit Umsätze von 9 Mrd. Dollar – das sind neun tausend Millionen Dollar, wie ich meinen Studenten erläutern muss. Multis wie Pearson haben kein Interesse, kritisches Denken zu fördern über ein ökonomisches System, in dem Profit an erster Stelle steht.

Wie schon erwähnt, gibt es keinen Mangel an Lehrmaterial über die irische Hungersnot, das Kopf und Herz anrühren kann. In einem Rollenspiel „Hunger on Trial“ (Hunger auf dem Prüfstand), das ich schrieb und meine Studenten in Portland, Oregan lehrte – gleichzeitig auch auf der Zinn Education Project website – untersuchen Studenten, wer oder was für Hunger verantwortlich ist. Die britischen Grundbesitzer, die Pacht von den sterbenden Armen verlangten und andere Nahrungsmittel exportierten? Die britische Regierung, die diese Exporte zuließ und den irischen Bauern kaum Hilfe bot? Die Anglikanische Kirche, die nicht die eigensüchtigen Grundbesitzer anklagte oder selbst den Armen half? Ein Verteilersystem, das irische Bauern der Logik des Kolonialismus und des kapitalistischen Marktes opferte?

Dies sind reichhaltige und beunruhigende ethische Fragen. Es sind genau die Art von Problemen, die Studenten zum Leben erwecken und ihnen erlauben einzusehen, dass Geschichte nicht einfach eine Chronologie von toten Fakten ist.

Also vorwärts: Greift meinetwegen zu einem Guinness, legt etwas Grün an und legt die „Chieftains“ auf. Aber lasst uns die Iren mit unserer Neugierde beehren. Lasst uns sicherstellen, dass unsere Schulen mehr Respekt zeigen, indem sie die sozialen Kräfte untersuchen, die Iren verhungern ließen und eine Million von ihrem Land verjagten und heute ebenfalls Menschen verhungern lassen oder entwurzeln.

Bill Bigelow unterrichtete am Gymnasien in Portland und war Co-Direktor des online Zinn Erziehungs-Projekts, inspiriert von dem Historiker Howard Zinn, das kostenlos Material für eine Geschichte des Volkes zur Verfügung stellt, das in den normalen Schulbüchern nicht zu finden ist.

Aus dem Englischen: Einar Schlereth

https://einarschlereth.blogspot.de/2017/03/die-irische-hungersnot-von-1850.html

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