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Ausland, Naher Osten

Auschwitz-Überlebender Hajo Meyer: „ Ich kann mich mit der palästinensischen Jugend identifizieren“

von Adri Nieuwhof Άντρι Νιούχοφ آدری نیووٌف http://www.tlaxcala-int.org

Hajo Meyer, Autor des Buches: „Das Ende des Judentums“ wurde 1924  in Bielefeld geboren. 1939 floh er alleine  im Alter von 14 in die Niederlande, um dem Naziregime zu entfliehen. So konnte er nicht mehr zur Schule gehen. Ein Jahr später, als die Deutschen die Niederlande besetzten, lebte er in einem Versteck mit einem schlecht gefälschten  Ausweis. Hajo wurde im März 1944 von der Gestapo gefasst und eine  Woche später ins KZ Auschwitz deportiert. Er war  einer der letzten Überlebenden des Lagers von Auschwitz. Hajo G. Meyer starb am 23. August 2014 (Nachruf hier). Hier ist ein Interview mit ihm von 2009

 AN : Was würden Sie gern von sich sagen, um sich den Lesern von Electronic Intifada vorzustellen?

Hajo Meyer: Ich musste das Gymnasium in Bielefeld nach der Kristallnacht (das zweitägige Pogrom gegen die Juden) im November 1938 verlassen. Es war eine schreckliche Erfahrung für einen wissbegierigen Jungen und seine Eltern. Deshalb kann ich mich voll mit der palästinensischen Jugend identifizieren, die ihre Ausbildung nicht abschließen kann.

Was spornte Sie an, ihr Buch „Das Ende des Judentums“ zu schreiben?

In der Vergangenheit haben europäische Medien sehr viel über rechtsextreme Politiker wie Jörg Haider in Österreich und Jean-Marie Le-Pen in Frankreich gesprochen. Aber als Ariel Sharon in Israel 2001 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, schwiegen die Medien. Doch in den 80ern verstand ich das zutiefst faschistische Denken dieser Politiker. Mit dem Buch wollte ich selbst Abstand davon nehmen. Ich selbst wurde im Judentum erzogen und hatte die Gleichheit der Beziehungen unter allen menschlichen Wesen als einen Grundwert gelernt. Das nationalistische Judentum lernte ich erst kennen, als ich hörte, wie die Siedler ihre Angriffe gegen die Palästinenser in Interviews verteidigten. Als ein Verleger mich darum bat, über meine Vergangenheit zu schreiben, entschied ich mich, dieses Buch zu schreiben, um mich in gewisser Hinsicht mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Ein Volk, das ein anderes Volk entmenschlicht, kann dies tun, weil es dies entweder von seinen Eltern gelernt hat oder von seinen politischen Führern gehirngewaschen worden ist. Und dies geschieht in Israel seit Jahrzehnten. Der Holocaust wird zu politischen Zwecken missbraucht. Auf die Dauer zerstört sich das Land selbst, indem es auf seine jüdischen Bürger einwirkt und sie paranoid werden lässt. 2005 illustrierte Sharon, der damalige Ministerpräsident, dies in der Knesset, als er sagte: Ich weiß, wir können niemandem vertrauen. Wir können nur uns selbst vertrauen. Dies ist die kürzeste Definition von jemandem, der an einer klinischen Paranoia leidet.

Eine der größeren Verstimmungen in meinem Leben ist, dass Israel sich mit einem Trick selbst als „jüdischer Staat“ bezeichnet ist. Aber in Wirklichkeit ist er ein zionistischer Staat. Er wünscht sich das größtmögliche Land mit der geringstmöglichen Zahl an Palästinensern. Ich habe vier jüdische Großeltern. Doch bin ich Atheist. Ich teile das jüdisch-sozio-kulturelle Erbe und ich habe die jüdische Ethik gelernt. Ich will aber nicht von einem zionistischen Staat vertreten werden. Sie haben keine Ahnung vom Holocaust. Sie manipulieren ihn und lassen ihre Kinder paranoid werden.

In Ihrem Buch schreiben Sie über die Lehren, die Sie aus Ihrer Vergangenheit gezogen haben. Können Sie erklären, wie ihre Vergangenheit Ihre Wahrnehmung von Israel und Palästina beeinflusst hat?

Ich war nie ein Zionist. Nach dem Krieg sprachen zionistische Juden über das Wunder, „unsern eigenen Staat“ zu haben. Als ein überzeugter Atheist dachte ich, wenn dies ein Wunder Gottes ist, würde ich wünschen, dass er das kleinste denkbare Wunder vollbracht hätte, indem er den Staat 15 Jahre früher geschafft hätte. Dann wären meine Eltern nicht gestorben.

Ich könnte eine lange Liste mit Ähnlichkeiten zwischen Nazi-Deutschland und Israel aufführen. Die Enteignung von Land und Besitz, die Verweigerung von Bildung, die Einschränkung des Zugangs zu einer Ausbildung, die Zerstörung jeglicher Hoffnung, die Verfolgung des Ziels, Menschen aus ihrem Land zu jagen. Und was ich persönlich noch schrecklicher finde, ist, seine Hände durch das Töten schmutzig zu machen, und Umstände zu schaffen, wo die Menschen sich gegenseitig töten. Dann wird der Unterschied zwischen Opfer und Täter geringfügig. Indem Zwietracht in eine Situation gesät wird, wo es keine Einigkeit gibt, indem man die Kluft zwischen den Leuten erweitert – wie es Israel im Gazastreifen tut.

In Ihrem Buch schreiben Sie über die Rolle der Juden in der Friedensbewegung in und außerhalb Israels und über die israelischen Militärdienstverweigerer. Wie schätzen sie ihren Beitrag ein?

Natürlich ist dies positiv, wenn Teile der jüdischen Bevölkerung Israels die Palästinenser als menschliche und ebenbürtige Wesen ansehen. Doch stört es mich, wie wenige Israelis sich gegen den Zionismus auflehnen. Wir sind darüber empört, was in Hitlerdeutschland geschah. Falls man nur die geringste Kritik übte, kam man nach Dachau ins KZ. Wenn man aber mehr Kritik zum Ausdruck brachte, wurde man getötet. Juden in Israel haben demokratische Rechte. Sie dürfen auf der Straße protestieren – aber sie tun es nicht.

Was halten Sie vom neuen Gesetzesentwurf der israelischen Minister zum Verbot des Gedenkens an die Nakba, d.h. an die Enteignung des historischen Palästina? Das Gesetz schlägt Strafen bis zu 3 Jahren Gefängnis vor.

Es ist einfach nur rassistisch und schrecklich. Mir fehlen die Worte. Es ist ein Ausdruck von dem, was wir schon kennen. [Die israelische Nakba – Gedenken-Organisation] Zochrot wurde gegründet, um gegen Israels Bemühungen zu wirken, alle Spuren   zu löschen, die an palästinensisches Leben erinnern. Den Palästinensern wird verboten, öffentlich der Nakba zu gedenken …. Man kann sich wohl den Nazis nicht mehr angleichen und faschistischer sein als das. Vielleicht hilft es ja, damit die Welt aufwacht.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

[Lacht] Wissen Sie, wie alt ich bin? Ich bin fast 85 Jahre alt. Ich sage immer zynisch zu mir selbst und mit Selbstironie, dass ich noch eine Wahl habe: Entweder bin ich immer müde, weil ich noch so viel tun will oder ich setze mich still hin und warte auf den Zeitpunkt, an dem ich gehen muss. Nun: ich plane, müde zu sein, weil ich noch so viel zu sagen habe.

Übersetzt von  Ellen Rohlfs

Herausgegeben von  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди  –  Fausto Giudice Фаусто Джудиче

Danke Tlaxcala
Quelle: https://electronicintifada.net/content/auschwitz-survivor-i-can-identify-palestinian-youth/8268
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 01/06/2009
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=20050

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