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Debatte, Internationales

Dresden und die Busse von Syrien

busse

von http://domiholblog.tumblr.com/

Deutsche Erinnerungskultur

Wer schielt, sieht mehr. Wird Erinnerungskultur durch Denkmäler ausgedrückt, braucht es dazu Kunst. Diese sollte nie eindeutig oder beliebig sein. Ist Kunst problembewusst, verursacht sie etwas im Betrachter. Ein Denkmal soll zum Ge-denken uns die Vergangenheit mit unseren eigenen Erfahrungen vergegenwärtigen. So entsteht der Bezug des Vergangenen auf die Gegenwart hin und auf das Handeln der Gegenwärtigen. Wenige künstlerische Arbeiten sind gleichermassen von hoher künstlerischer Qualität wie sozial relevant. Kunst ist auch selten leicht zugänglich. Kunst strengt an.

Es gab eine Zeit, da musste man in Deutschland dafür kämpfen, dass das Reich Adolf Hitlers thematisiert wurde. Die Eltern hatten sich teilweise für den Nationalsozialismus entschieden oder gar am System mitgewirkt. Nach dem verlorenen Krieg wurde deshalb das Thema gemieden. Heute scheint das Gegenteil der Fall. Denkmalsetzung als soziale Strategie?

Man kann tatsächlich von einer spezifisch deutschen Erinnerungskultur sprechen. Andere Völker erinnern sich an ihre Siege und gelegentlich wird auch die permanente Beschwörung einer Niederlage zum einigenden Schlachtruf. Die Deutschen aber, sollen sich an ihre Verbrechen erinnern. Doch gleichgeschaltetes Denken gibt es nicht. Auch das Denkmal aktualisiert im Betrachter sehr unterschiedliche Erfahrungen. In der Erinnerungskultur treffen individuelle Lebensentwürfe auf die soziale Konstruktion einer Stätte oder Veranstaltung.

Eine gesellschaftlich wertvolle Erinnerungskultur sollte daher vor allem verstandesmässig begründet sein. Über das zu Gedenkende nachdenken, lesen und diskutieren, lässt in uns Gefühle viel besser entstehen, als jedes Kunstwerk. Das setzt jedoch immer voraus, dass wir die Wahrheit kennen.
Sehr geehrte Bomber

Grossbritanniens Patriotismus ist ungebrochen. Der brutale Kolonialismus tritt dabei gerne in den Hintergrund. Anscheinend auch die Flächenbombardierung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, denn im Juni 2012 wurde mit der Einweihung eines Denkmals die Frage beantwortet, wie der Toten der Bomberflotte zu gedenken sei. Mit königlicher Imprimatur, denn die britische Monarchin nahm, begleitet von sechs ihrer Familienmitglieder an der Einweihung teil. An exponierter Stelle in London steht nun ein 80 Meter langer, klassizistischer Säulenbau aus grauem Portland-Stein mit dem Stück eines Bombers im Giebel eingearbeitet. Im zentralen Pavillon thront auf einem hohen Sockel das Gruppenstandbild der Besatzung eines Bombers – dargestellt als seien sie gerade zurückgekehrt von einer Mission. Wessen wird hier gedacht? Dem Heldenmut der im Durchschnitt 22 Jahre alten Freiwilligen, die nur eine 50:50 Überlebenschance hatten? 55’573 von ihnen starben bei den Bomber-Flügen. Oder ehrt das Monument die Bomberflotte und ihre Städte zerstörende Einschüchterung? Findet man die Antwort eingemeisselt ins Gebäude? Dort steht eine Aussage des britischen Premiers Winston Churchill vom September 1940: «Die kämpfende Truppe ist unsere Rettung, aber allein die Bomber liefern uns das Instrument zum Sieg.»

Als 1992 in London eine Statue für den Chefstrategen des Bombenkrieges, Luftmarschall Arthur Travers Harris enthüllt wurde, musste man sie eine Zeit lang bewachen. Es war Harris, der den Spitznamen «Bomber Harris» erhielt, der im Kampf gegen Nazi-Deutschland dem Flächenbombardement den Vorzug gab – statt mit vielleicht grösserer Wirkung gezielt Dinge, wie Ölraffinerien oder Industrieanlagen anzugreifen. Den Erfolg, den die Zerstörung von Kultur und Zivilem bringen konnte, erlebte Harris bereits 1919 in Afghanistan. Dort warf die britische Luftwaffe täglich etwa eine Tonne Bombenmaterial auf die Städte ab. Harris war als junger Luftwaffen-Offizier dabei. Die Briten zerstörten auch königliche Grabmäler, doch was den Amir endgültig zum Verhandlungstisch brachte, war die Bombardierung der Frauengemächer seines Palastes. Ein Jahr später konnten die Briten einen Aufstand von 100’000 Stammes-Angehörigen im Irak unter 97 Tonnen an Bomben begraben. Ab diesem Zeitpunkt nahm London die Bomberflotte als Kriegswerkzeug ernst.

Die tragische Konsequenz von Hitlers «totalen Krieg» war die teils totale Zerstörung von Deutschlands gebauter Kultur. Als die königliche Luftwaffe Dresden und andere Städte terrorisierte, war das massenhafte Töten von Zivilisten noch nicht international geächtet. Erst nach dem Krieg ersetzte Beschämung die Begeisterung. Hatte man sich etwa, verleitet von Hass, auf die Ebene des dämonisierten Gegners begeben? Anders als die übrigen Militärgattungen, erhielten die Überlebenden der Bomberflotte keine Erinnerungsmedaillen. Harris wurden Ehrungen versperrt. Seine Statue in London wurde erst auf Betreiben der Königinmutter errichtet. Die Flieger waren der Sündenbock – die wahre Schuld lag höher in der Hierarchie. Glaubt man Notizen, die sich im August 1942 der sowjetische Führer Josef Stalin nach einem Treffen mit Churchill machte, erklärte dieser unter anderem: «Wenn es sein muss, hoffen wir, fast jedes Haus in jeder deutschen Stadt zerstören zu können.» Das Memorandum vom 28. März 1945 an den Vorsitzenden des britischen Generalstabs, General Ismay, zeigt den Premier nachdenklicher: «Der Moment scheint mir gekommen, wo die Frage der Bombardierung deutscher Städte einfach zum Zwecke der Erhöhung des Schreckens, auch wenn wir andere Vorwände nennen, überprüft werden sollte. Die Zerstörung Dresdens bleibt eine ernste Frage an die alliierte Bombardierungs-Politik.»
Moralische Bomben

Vor 72 Jahren – zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 – wurde Dresden von der britischen, kanadischen und US-amerikanischen Luftwaffe mit 2’670 Tonnen Bomben (darunter Luftminen und Brandbomben) zerstört. In den Jahren zuvor hatte Deutschland Europa terrorisiert. War ein brutales Massaker jetzt die Rechnung dafür? In knapp 15 Stunden, vom Abwurf der ersten britischen Markierungsbomben um 22:03 Uhr bis zum Abflug der letzten US-Tagbomber gegen 12:38 Uhr, ging die bis dahin fast unbeschädigte Elbmetropole in einem Feuersturm zugrunde. Darüber, wie viele Menschen ums Leben kamen, wird gestritten.

Seit 2008 hält man die Zahlen für wissenschaftlich gesichert. Eine vom ehemaligen Dresdner Oberbürgermeister eingesetzte Historikerkommission kam nach vier Jahren Arbeit zu einem deutlich unter bisherigen Schätzungen liegenden Resultat. «Im Ergebnis der Untersuchungen der Kommission sind bislang etwa 18’000 Dresdner Luftkriegstote nachgewiesen worden. Die Kommission geht von maximal 25’000 Menschen aus, die während der Februar-Angriffe in Dresden ums Leben gekommen sind», liest man in der offiziellen Erklärung. Es gebe auch keine Anhaltspunkte dafür, dass eine grosse Anzahl von Menschen «rückstandslos verbrannt» sei. Schwedische Zeitungen nannten unmittelbar nach dem Ende der Angriffe jedoch 100’000 bis 200’000 Tote. Im hochbürokratisierten Nazi-Deutschland verschwand allerdings niemand spurlos. Die Behörden meldeten noch während der Aufräumungsarbeiten mehrfach hintereinander die aktuelle Zahl der geborgenen Leichen. Zuletzt wurden 22’096 Tote gemeldet. Der Propagandaminister Joseph Goebbels rundete auf und ergänzte mit einer Null am Ende. Mit der Zahl von 250’000 Opfern erklärte er den Angriff zum Verbrechen «anglo-amerikanischer Luftgangster».

Hohe Opferzahlen fanden auch nach dem Krieg Verwendung – sowohl bei propagandistischen Auseinandersetzungen, als auch in offiziellen Verlautbarungen der DDR. Ab 2000 wird in Deutschland von rechtsextremen Kreisen – meist im Zusammenhang mit dem Ausdruck «Dresdner Bombenholocaust» – die Zahl von 480’000 Toten verwendet. Selbst von einer Million Toten wird in manchen Medien gesprochen. Dazu kommt noch eine Verschwörungstheorie, welche kleinere Opferzahlen auf Bestrebungen zurückführt, Fliegerbomben nicht mit der Zerstörungskraft atomarer Schläge gleichzusetzen, da sich die Abrüstungs-Diskussion ansonsten auch mit der konventionellen Kriegsführung befassen müsste.

Wenn auch über Zahlen gestritten wird, in einem ist man sich fast einig: Das Flächenbombardement war nicht mehr kriegsentscheidend. «Shock and awe» (Schrecken und Ehrfurcht) wie man das seit dem US-amerikanischen Irak-Krieg so nennt, war nach der Bombardierung von Hamburg längst abgehakt. War Dresden Opfer eines strategischen Bombardements aus militärischen Überlegungen oder der ab 1942 von den Alliierten durchgeführten Bombardierungs-Strategie – das «moral bombing»? Das Wort «moral» deutet nicht auf eine «moralische» Motivation hin, sondern auf den Durchhaltewillen des Feindes als Ziel. Die systematische Zerstörung deutscher Mittel- und Grossstädte sollte den Kampfgeist brechen. Der von Bomber Harris entwickelte Ablauf war meist wie folgt: Erst Sprengbomben, um Dächer und Fenster zu zerstören, dann Brandbomben, die einen Feuersturm entfachen sollten und schliesslich Bomben mit Zeitzündern, welche die Feuerwehr vom Löschen der Brände abhielten. Die Alliierten hofften anscheinend auch, dass man die Bevölkerung in den Aufstand bombardieren kann. Dresden hatte jedoch im Dritten Reich den höchsten Bevölkerungs-Anteil an Parteibuch-Nazis.

Welches Ziel vorrangig angestrebt wurde, bleibt innerhalb der Fachliteratur umstritten. Ein internes Memorandum der britischen Luftwaffe vom Januar 1945 deutet immerhin auf einen Teil der Motivation: «Dresden, die siebtgrösste Stadt Deutschlands und nicht viel kleiner als Manchester, ist auch bei weitem das grösste, nicht-bombardierte, urbane Gebiet des Feindes. In der Mitte des Winters, mit Flüchtlingen, welche gen Westen strömen und Truppen, welche Rast brauchen, steht ein Dach über dem Kopf hoch im Kurs. Das Vorhaben des Angriffs ist es den Feind dort zu treffen, wo er es am meisten spüren wird, hinter einer bereits teilweise zusammengebrochenen Front, um die Benützung der Stadt für ein weiteres Vorrücken zu verhindern und im Übrigen um den Russen, wenn sie ankommen, zu zeigen, was die Bomberflotte anrichten kann.»

Darf man Churchill mit Hitler auf eine Stufe stellen? Anders gefragt: Gibt es «moralische» Kriegsverbrechen? Nur gut sind inzwischen die Weltmächte von der Idee der Kampfgeist-brechenden Bombardierung abgerückt. Dass es wirklich funktioniert, liess sich bisher auch nirgends schlüssig belegen. Einen Teil der Zivilbevölkerung gezielt auszulöschen, erlaubt die Weltmeinung als «zivilisierte» Kriegführung ohnehin nicht mehr. Die Bombardements der jüngeren Geschichte wie in Jugoslawien, Irak, Afghanistan oder Libyen beruhen auf anderen Überlegungen. Trotzdem – die massive «Schrecken und Ehrfurcht» einflössende Bombardierung strategischer Ziele mit den entspannt in Kauf genommenen «Kollateralschäden» durch USA und NATO oder das, was sich derzeit Saudi-Arabien mit westlichen Jets und Bomben ausgerüstet im Jemen leistet – all das hat doch irgendwie immer noch einen Hauch von Bomber Harris an sich.
Gedenken und Opfermythos

72 Jahre später bleibt in Dresden das Datum der Bombardierung ein Trauma. Man ringt allerdings mit der Frage des «richtigen» Gedenkens. Es ist eher der Umkehrschluss, welcher die Debatten anheizt: Was ist «falsches» Gedenken und wer darf das bestimmen? Der Kompromiss der letzten Jahre ist ein Ritual. Am 13. Februar kommen über 10’000 Bürger im Zentrum zusammen und bilden Hände haltend eine Menschenkette, während die Kirchenglocken läuten.

Das Zentrum, also die gute Stube von Dresden ist der Neumarkt. Dort wurde 1743 eine evangelisch-lutherische Kirche als Monumentalbau des Barocks fertiggestellt: Die Frauenkirche. Zwei Tage nach dem Bombenangriff stürzte der gewaltige Kuppelbau in sich zusammen. Über vier Jahrzehnte erinnerte die Ruine an den Krieg. Der Trümmerberg wurde gesichert und bepflanzt – seit den 1960ern zum «Mahnmal» mit Gedenktafel. Seit 1982, als sich dort erstmals die Jugend mit Kerzen versammelte, wurde der Ort auch zum Symbol der ostdeutschen Friedensbewegung.

Zwischen 1993 und 2005 wuchs aus dem riesigen Trümmerberg der historisch getreue Wiederaufbau. Damit verschwand allerdings auch das Mahnmal. So manches verschwindet in Dresden. Neumarkt-Neubauten im Pseudo-Barock und die wiederaufgebaute Geschichtslosigkeit der Altstadt lassen die Erinnerung an den Krieg verschwinden. Eine umstrittene Brücke lässt ein ungestörtes Panorama verschwinden. Am Wiener Platz und an der Prager Strasse – ehemalige Wahrzeichen der DDR-Moderne – lässt man durch Neubauten und Verdichtung die Erinnerung an einen grosszügigen «Realsozialismus» verschwinden.

Erledigt sich mit Verschwindenlassen das Gedenken? 2012 bombardierten Dresdner Stadtrat-Fraktionen der Vorschlag ein Mahnmal für den 13. Februar zu errichten, mit knallharter Kritik. Eine Stadträtin bemängelte schon mal die Idee der Finanzierung aus einem Programm, welches doch dafür gedacht sei, Bürgerinitiativen beim Kampf gegen den Rechtsextremismus zu unterstützen. Eine solche Initiative äusserte sich ebenfalls und fand, dass die Parteien, welche den Vorschlag für ein Mahnmal machten, immer noch an einer «überholten Erinnerungskultur» hängen würden. «Die Mehrheit der Bürger und vor allem die jungen Dresdner sind aber schon lange viel weiter», erklärte zuversichtlich der Vereins-Vorsitzende.

Von der politisch linken Seite im Stadtrat kamen noch deutlichere Worte: «Es gibt keinen Bedarf, den 13. Februar noch stärker ins Gedächtnis zu rufen.» Ein Mahnmal habe etwas von «Opfermythos». Auch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert scheint das so zu sehen. In einem Zeitungsinterview Anfang Februar 2017 erklärte er: «Es gibt immer noch Versuche, die Geschichte umzudeuten und Dresden in einem Opfermythos dastehen zu lassen. Dresden war keine unschuldige Stadt.» In Facebook-Kommentaren liest man unter weit drastischeren Beschimpfungen: «Hilbert pflegt den Schuldkult».

«Ich erkläre hiermit diesen Schuldkult für beendet, für endgültig beendet», donnerte jedoch Anfang 2017 ein Dresdner Landgericht-Richter auf einer Veranstaltung der Partei ‹Alternative für Deutschland› (AfD). Danach wurde ihm vorgeworfen gegen die Erinnerung an den «Holocaust» in Deutschland zu hetzen. Im engeren Sinne versteht man unter Holocaust die staatlich angeordnete, systematische Ermordung von rund sechs Millionen Juden Europas zwischen 1941 und 1945. An dieses enorme Verbrechen wird auch in der wiedervereinigten Hauptstadt Berlin erinnert. Dort steht seit 2005 im Zentrum ein Denkmal bestehend aus 2’711 Beton-Stelen auf einer rund 19’000 Quadratmeter grossen Fläche. Einer der Hauptredner der AfD-Veranstaltung bezeichnete jedoch genau dieses Holocaust-Mahnmal als «Denkmal der Schande». Gegen beide Oratoren wurde danach von den Behörden offiziell wegen Verdachts des Tatbestands der «Volksverhetzung» ermittelt. Mehr als vielleicht irgendwo sonst auf der Welt ist in Deutschland die Diskussion um die Vergangenheitsbewältigung ein Thema für die Justiz. Auch das fällt auf: Denkmäler oder Vorschläge dazu werden von der einen Seite als «Opfermythos» und von der anderen Seite als «Schuldkult» kritisiert.

So viel muss man wissen: Der 2013 gegründeten AfD wird von ihren Gegnern das Nazi-Etikett aufgeklebt. Politikwissenschaftler ordnen die in der Wählergunst steigende Partei immerhin als «rechtspopulistisch» ein. Seit 2014 demonstriert auch die oft als «islamkritisch» bezeichnete PEGIDA-Bewegung. Auch sie wird von Politikwissenschaftlern und Leitmedien-Kommentatoren am rechten Rand des politischen Spektrums angesiedelt. Dresden ist zweifelsohne eine Stadt in der derzeit öfter als anderswo in Deutschland auch waschechte Neo-Nazis mit Parteibuch und Knüppel auftreten. Doch auch im Umgang mit diesem Phänomen zeigt sich eine gewisse Schizophrenie. Zum Scheinwerfer auf die eigene rechtsextreme Szene gesellt sich das bewusste Wegsehen beim rechtsextrem motivierten Chauvinismus und Autoritarismus innerhalb der ukrainischen Putschisten-Regierung, welche von der deutschen Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel politisch und materiell unterstützt wird.
Wuchtigkeit des Gedenkens

Im Februar 2017 gibt es in Dresden gleich zwei öffentliche Kunstwerke zu bewundern. Beide wollen zum Gedenken an Krieg und dessen Folgen anregen. Beide haben allerdings nichts mit den Bomben auf Dresden zu tun. Die Installation «Lampedusa 361» (eröffnet am 11. Februar) besteht aus 90 grossformatigen Fotos – ausgebreitet auf dem grosszügigen Theaterplatz. Es sind Aufnahmen von Gräbern von Flüchtlingen (darunter auch syrische Kriegsopfer), die unlängst im Mittelmeer ertrunken sind.

Was heftige Auseinandersetzungen auslöste, war das zweite Kunstwerk. Es hat einen erklärten Bezug zum Krieg in Syrien und wurde kurz vor dem Gedenktag an Dresdens Bombardierung am bedeutungsvollen Neumarkt aufgestellt. Die am 7. Februar eröffnete Installation soll bis zum 3. April stehen bleiben. Das Werk des Künstlers Manaf Halbouni hat den Charakter eines monumentalen Mahnmals und nennt sich folgerichtig «Monument». Drei Stadtbusse wurden dazu hochkant gegenüber der Frauenkirche aufgestellt. Da stehen sie jetzt und können nicht anders – gleich neben dem Lutherdenkmal. Die Fahrzeuge für diese Inszenierung episch, wagnerischer Wuchtigkeit wurden passend von den Bayreuther Verkehrsbetrieben gesponsert. Es ist ein detailgetreuer Nachbau von etwas, das vor zwei Jahren in der schwer umkämpften syrischen Stadt Aleppo errichtet wurde.

In seinen künstlerischen Erklärungen scheint Halbouni Verbindungen zu Dresdner Zivilisten ziehen zu wollen, die sich 1945 «ebenfalls» vor Angriffen «schützen» mussten. Demnach soll sich sein «Monument» auch als Mahnmal für Dresdens Bomben-Opfer verstehen. Vorgeschlagen von renommierten Dresdner Kunstinstitutionen und vom «Opfermythos»-Gegner und Oberbürgermeister abgesegnet, wurden die Schrott-Säulen jedoch zum Streitobjekt. Zur Einweihung versammelten sich schätzungsweise 400 Menschen – nicht alle zum Jubeln. Die Feier wurde durch gegenseitige Beschimpfungen getrübt. Die Einen fanden das Kunstwerk «spektakulär» – die Anderen riefen «Volksverräter» und «Schande». Ein Stimme rief «entartete Kunst ist das» – die Diffamierungs-Formel für moderne Kunst der Nazi-Jahre. Der Neumarkt wurde von Polizisten gesäumt, welche alle Teilnehmer aufforderten, Plakate und Banner wegzupacken.

Die Redner, die das Kunstwerk einweihen wollten, wurden ausgebuht. «Hilbert, hau ab», wurde dem Oberbürgermeister zugerufen. «Die Menschen, die gepöbelt haben, wollten einfach niemanden zu Wort kommen lassen», empört sich der Künstler später in einem Interview. Auch der Pfarrer der Frauenkirche wurde aufgefordert «abzuhauen». «Nein, ich haue hier nicht ab», erwiderte der Kirchenmann und predigte: «Wir wollen mahnen und ein Zeichen der Hoffnung setzen. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Dialog auf diesem Platz zu führen und wir werden uns nicht daran hindern lassen. Wir begrüssen auch die Auseinandersetzung und den Dialog um dieses Monument, vor dieser Kirche, auf diesem Platz.»

Der Vizeministerpräsident des Bundeslandes Sachsen (wo Dresden liegt) suchte diesen Dialog: «Ich bin doch hier, um mit Ihnen zu reden», beschwor er eine Frau. «Das Kunstwerk finde ich abartig», meinte diese. «Was haben Sie denn gegen die Busse?», fragte schockiert ein Student einen älteren Mann.
Was wäre wenn

Halbouni hat Kunst studiert, war in Dresden Meisterschüler und hat speziell und aktuell in Sachsen auch kommerziellen Erfolg. Zu seinem Monument wurden Halbouni jedoch immer wieder die gleichen Fragen gestellt: Was gibt ihm das Recht, sich mit dem lokalen Dauerthema des Umgangs mit dem Gedenken zu befassen? Ist er überhaupt Dresdner? Sein Vater ist zwar Syrer, aber die Mutter ist Deutsche – aus Dresden. Halbouni, Jahrgang 1984, wurde in Damaskus geboren und wohnte dort auch über 23 Jahre – hatte aber schon als Kind immer wieder Dresden besucht. Seit neun Jahren lebt er dauerhaft in dieser Stadt. Durch seine inzwischen verstorbene Mutter hat der Künstler die doppelte Staatsbürgerschaft. Sein Deutsch ist perfekt.

Sein Vater promovierte – mit Hilfe des syrischen Steuerzahlers – an der Technischen Universität Dresden, ist Architekt und lehrt heute in Damaskus an der Universität – bezahlt vom syrischen Steuerzahler. In einem Interview berichtet Halbouni, dass er alle zwei Tage mit dem Vater telefonieren würde und fügt mysteriös ein, dass Freunde und Nachbarn verhaftet worden seien. Will er sich eine Aktivisten-Biografie andichten? Die biografischen Details zeigen ihn nämlich als Teil einer privilegierten Klasse und dass er und seine engere Familie politisch unauffällig waren und sind. Dass er nicht mehr in seiner Heimatstadt lebt, wäre nach seiner Darstellung nicht das Ergebnis einer freiwillig getroffenen Entscheidung gewesen. Ansichtssache. Halbouni war jedenfalls damals in Damaskus in Mitten eines vom syrischen Steuerzahler finanzierten Studiums an der ‹Universität der Schönen Künste›: Bildhauerei. Den zweienhalb-jährigen Wehrdienst wollte er nach eigenen Angaben allerdings nicht leisten und so zog er nach Deutschland. Dort setzte er seine vom deutschen Steuerzahler subventionierten Studien ungestört fort und machte 2014 – ausgerechnet mit einem Militärfahrzeug als Projekt – sein künstlerisches Diplom.

«Ich vermisse Damaskus – die Farben und Gerüche, die Strassen und Plätze, die Märkte, die Menschen», plärrt Halbouni 2015 in einem Interview. Neben seinem Vater, lebt auch sonst noch ein Teil seiner Familie in Syrien – andere Familienmitglieder haben sich jedoch in Hamburg, den Niederlanden und Jordanien abgesetzt. Das Thema Krieg, Flucht und Verlust der Heimat beschäftigt den Künstler. Anscheinend auch das Aufkommen der PEGIDA-Demonstrationen. «Ich hatte das Gefühl, ich verliere meine Heimat ein zweites Mal. Ich mache hier meine Arbeit, ich habe niemandem etwas getan. Es macht keinen Spass mehr», jammert er 2016 gegenüber einem Journalisten. Halbouni will als Künstler reagieren.

Zum Beispiel mit dem Projekt «Sachse auf der Flucht». Ab Januar 2015 stellte er als Kunstwerk jeweils am Montag einen Mercedes auf den Dresdner Theaterplatz und belädt ihn mit typisch deutschen Accessoires. Damit drehte er die Flüchtlings-Diskussion auf den Kopf – spielte jedoch nebenbei auch auf die grosse Ost-West-Wanderung nach 1989 an. Er findet Aufmerksamkeit. Im Sommer 2015 fährt er einen Polo Baujahr 1991 als Kunstprojekt nach London – zum renommierten ‹Victoria and Albert Museum›. Ein zweiter wird bei der ‹Biennale› in Venedig präsentiert. Eines der Autos kommt ins Dresdner Verkehrsmuseum – das andere wird von der Sächsischen Kulturstiftung gekauft. Der Rubel rollt. Steuergelder für Kunst oder für Gegenpropaganda zur wachsenden Flüchtlings-Feindlichkeit?

Halbouni schwingt zu «Monument» selbstsicher und souverän eine Rede. Ein Selbstdarsteller? «What if» (was wäre wenn) heisst ein weiteres Projekt, welches für einen Militärdienst-Vermeider ebenfalls überraschend martialisch anmutet. Hier stellt er sich den Ablauf der Weltgeschichte einmal anders vor. Die fiktive Figur des Generals «Yusef Hadid» leistet im Auftrag der «Armee der Vereinigten Arabischen Staaten» einen Beitrag zur «Befreiung Europas». Dazu erstellt der Künstler fiktive «Kampfkarten» und stelzt im Ausstellungsraum in einer mit Orden dekorierten Fantasieuniform herum.
Obstgarten des Kastells

«Wissen Sie was», erklärt Halbouni einem Journalisten zum Schluss eines Gesprächs: «… hier in Dresden herrscht Unwissenheit und Arroganz. Diese dumpfe Masse macht mir Angst.» Was hier folgt ist ein Versuch der «dumpfen Masse» die «Unwissenheit» über Aleppo zu nehmen.

Seit 2011 brechen westliche Regierungen das Völkerrecht und lassen den syrischen Regierungsgegnern unter der Bezeichnung «Rebellen» oder «Freie Syrische Armee» (FSA) bedeutende Mengen an Geld und Waffen zukommen. Das offizielle Damaskus bevorzugt allerdings den Ausdruck «Terroristen». Dass es unter den unzählig vielen Freischärler-Gruppen viele Gotteskrieger gibt, zweifelt inzwischen auch im Westen heute niemand mehr an. Es gibt keine geeinte politische Führung, welche für das Verhalten der Bewaffneten zur Verantwortung gezogen werden könnte. Die Gründe dafür sind verschieden. Einerseits sind die Gruppen verschiedenen staatlichen Unterstützern hörig – andererseits haben die jeweiligen Kriegsherren unterschiedliche Visionen für das «neue Syrien». Allerdings gibt es auch Milizen, die entweder völkerrechtlich bindend durch die Vereinten Nationen oder innerhalb der Rechtsprechung einzelner Staaten als Terroristen definiert werden.

Während 2013 wurde Aleppo zur geteilten Stadt. Berlin hatte seinen «Checkpoint Charlie» – Aleppo den «Garagen-Übergang». Solche «Grenzübergänge» gab es nach Eindringen der Bewaffneten anfänglich dutzende. Um 2013 blieb im Rebellen-gehaltenen Stadtviertel Bustan al-Qasr praktisch nur noch ‹Karaj al-Hajz› übrig – der Übergang bei der ‹Reserve-Fahrzeug-Garage›. Bustan al-Qasr – der ‹Obstgarten des Kastells› – ist ein dicht besiedeltes Wohngebiet. Und dort stand auch die Inspiration für Halbounis Kunstwerk. Seit Mitte 2012 konnte man aus diesem Stadtteil von einer Seite zur anderen – vom Rebellen-Gebiet ins Regierungs-Gebiet oder in die Gegenrichtung wechseln. Ohne diesen Übergang hätte man einen Umweg von 200 bis 450 Kilometer machen müssen. Auf einer Brücke über den Fluss Queiq erreichte man den Regierungs-Stadtteil Al-Masharqa. Täglich wagten Aleppiner den Weg in beide Richtungen – sie hatten keine andere Wahl. Man zog aus verschiedenen Gründen los: Zur Arbeit, zum Hochschul-Eintrittsexamen, zum Verwandtenbesuch, zur Apotheke oder um Lebensmittel einzukaufen.

Der Weg war gefährlich, denn es wurde geschossen. Beide Konfliktparteien hatten Heckenschützen postiert. In den 100 Metern Niemandsland wurden nicht nur Kontrahenten getroffen, sondern auch Zivilisten. Das Rumballern war menschenverachtend. Selbst Zivilisten, die auf Gemüse-Karren tote Verwandten auf ihre Seite transportieren wollten, mussten rennen.

Diese Stadt wollte mehrheitlich von «Revolution» nichts wissen. Das ist eindeutig belegt. Viele der «Aufständischen» kamen 2012 aus der Provinz. Sie räumten Märkte aus, beschlagnahmten Besitz, funktionierten Viertel zu Festungen um und machten Wohngebiet zum Schlachtfeld. «Die Freie Syrische Armee sind Diebe – wir wollen die reguläre Armee», wurde ihnen bei Protesten zugerufen. Doch die Rebellen zeigten auch eine gewisse Logik, bei der Auswahl der Bezirke, welche sie zuerst eroberten. In Shaar, Bab al-Hadid und Bab al-Nairab hatte die radikal-islamistische Muslimbrüder-Bewegung starken Rückhalt in der Bevölkerung. Auch Bustan al-Qasr ist eine religiös-konservative Gegend. Der erste Protest gegen die Regierung fand dort Anfang August 2011 statt – von der Huzaifah ibn al-Yaman Moschee ausgehend.

Die Regierung kann nicht für alles den äusseren Einflüssen die Schuld zuweisen. Die Unterstützung für den Religions-Chauvinismus der Brüder wuchs aus der Perspektivlosigkeit in Armenviertel, welche durch die Einwanderung aus dem ländlichen Umland entstanden. Die Muslimbrüder-Rebellion wurde 1982 auch in Aleppo brutal erdrückt – die Toten hinterliessen jedoch Spuren in der folgenden Generation. Rebellen, welche zur Mehrheit die «Ideale» der Muslimbruderschaft verinnerlicht hatten, durften sich in solchen Bezirken eher willkommen fühlen und konnten auch leichter die Loyalität mit den Riyals und Dollars ihrer Sponsoren kaufen.
Essen im Fernseher

Zwischen dem (Fastenmonat) Ramadan von 2011 und demjenigen von 2013 wurde das Leben auf den Kopf gestellt. Am Garagen-Übergang ging es ab jetzt ums Überleben und das nicht nur wegen der gelegentlichen Feuergefechte. Die Hauptstrasse welche Aleppo mit Damaskus verbindet, war durch Rebellen unterbrochen. Lebensmittel, Treibstoff, Medizin und andere wichtige Güter kamen nicht mehr durch. Auf der Regierungs-Seite wurde frisches Gemüse und Obst zum Luxus – Milch, Brot und Fleisch waren viel zu teuer. Marken-Tabakwaren konnten sich nur noch Reiche leisten – der Rest rauchte Etwas, das nach verbranntem Sägemehl roch. Die öffentlichen Busse fuhren kaum noch und wenn, dann für Fahrkarten, die das Dreifache kosteten. Autofahren kostete zwei Durchschnitts-Monatslöhne für einen vollen Tank.

Die Hilfslieferungen der Regierung waren, milde ausgedrückt, mangelhaft. Wer sich stundenlang vor einer Bäckerei aufgereiht hatte, musste oft froh sein, wenn ihm das Brot nicht vor der Nase von einem Trupp hungriger Soldaten weggeschnappt wurde. Die Stadt zur Not aus der Luft beliefern, war nicht nur vom Volumen her kaum machbar. Es gibt Videos, in denen Rebellen erst Salven auf einen Helikopter feuern und dann die am falschen Ort abgeworfenen Säcke voll Brot jubelnd verbrennen. Als Antwort auf die Blockade blieb Ärmeren nichts anderes übrig, als den gefährlichen Weg nach Bustan al-Qasr zu wagen. Dort konnte man, kurz nach dem Kontrollpunkt, an einer mit Händlern unter Sonnenschirmen gesäumten Strasse einkaufen gehen.

«Lass dich doch vom Regime ernähren», riefen die Rebellen hämisch den Zivilisten zu und nahmen ihnen das Eingekaufte weg. Über dem Kontrollpunkt hing im Vorfeld zum Ramadan von 2012 ein grosses blaues Banner auf dem vermerkt wurde, dass Esswaren, Milch oder Medizin auszuführen streng verboten sei. Die Regierungsgegner gaben profitgierige Händler aus Regierungs-Gebieten als Grund an. Man wollte demnach Preissteigerungen im eigenen Gebiet entgegenwirken.

Eine Taktik der Rebellen, den noch nicht «befreiten» Teil auszuhungern lässt sich jedoch belegen. Am 26. Juni 2013 unterschrieb ein Abu Omar als Vorsteher des ‹Religiösen Komitees von Aleppo› einen Erlass, welcher die Lieferung von Mehl an «nicht-befreite Gebiete» strengstens verbot. Vier Tage später erklärte das gemeinschaftliche ‹militärische Hauptquartier› der Bezirke Bustan al-Qasr und Al-Kallaseh, dass über den heiligen Monat Ramadan keine Lebensmittel, Rauchwaren, Treibstoff und Medizin durchgelassen würden.

Viele Aleppiner hatten jedoch Familienmitglieder auf beiden Seiten und deshalb wurde wieder am Garagen-Übergang protestiert. Mit «ihr könnt nicht das syrische Volk demütigen» und «ihr seid Diebe», beschimpfte man dort die Rebellen. Die selbsterklärten «Befreier» drohten jedoch mit gezogenen Messern und es fielen Schüsse – mindestens ein toter Zivilist ist belegt und Verletzte gab es allemal.

Die Sperre wurde danach zeitweise dennoch erleichtert und wenigstens Gemüse für den Eigenbedarf durchgelassen. Das Ausführen von Fleisch, Milch oder Eier war weiterhin verboten. Fleisch unter der Jeans an die Beine gebunden oder Eier in den Hosentaschen, waren von nun an einige der verzweifelten Methoden die verbotene Nahrung zu schmuggeln. Ein Video zeigt einen Grenzwächter, als er einen Mann mit einem grossen, altmodischen Fernseher auf einem Karren zu sich winkt. Er bricht das Gehäuse auf und findet Plastik-Säcke voll Esswaren. Der Erwischte zuckt zu den Fragen die Schultern und erklärt, dass er einfach nur essen wolle. «Macht dich Bashar [der syrische Präsident Dr. Assad] hungrig», lacht der Rebelle und beschlagnahmt die Waren.

Einen Mann, der mit einem Selbstmordgürtel voll geschmuggeltes Hackfleisch erwischt wurde, haben die Rebellen damit bestraft, indem sie ihm das Fleisch auf den nackten Körper schmierten und in 40 Grad Sommerhitze den Fliegen aussetzten. Genüsslich filmten sie ihn dabei und nutzten die übrigens auch aus Deutschland gelieferte Satelliten-Technologie um den Mann im Videoportal ‹YouTube› vor einem Welt-Publikum lächerlich zu machen.

Je nachdem, welche Miliz gerade die Oberherrschaft über den Kontrollpunkt hatte, wurde mehr oder weniger Nahrung durchgelassen. Das führte auf der Regierungs-Seite oft innerhalb eines Tages zur Preis-Verdoppelung oder leeren Geschäften. Offensichtlich waren den Bewaffneten die noch zu «befreienden» Bürger hinter der willkürlich entstandenen Grenze völlig egal. Bei regelmässigen «Protesten», bestehend aus bärtigen Männern und vielen Buben, wurde sogar die gänzliche Schliessung der Grenze gefordert, um «Informanten» fern zu halten.

Allerdings war auch Damaskus nie dazu bereit, zum Wohle der Bevölkerung mit dem internen Feind eine gewisse Normalität auszuhandeln. Man fürchtete wohl die staatliche Autorität zu untergraben und eine inakzeptable Situation zu zementieren. Im Übrigen sperrte auch die Regierung ab und zu, die Grenze. Meist für ein paar Tage ohne aber je die Gründe zu nennen.

Die militärische Situation änderten sich jedoch und die Rebellen-Gebiete wurden nun von Regierungstruppen eingekreist. Mitte Oktober 2016 wollten sich einige Bewaffnete von Bustan al-Qasr ergeben. Auch einige der inzwischen von den Milizen praktisch als Geiseln gehaltenen Zivilisten machten den Versuch auszureisen. Um das zu Verhindern, feuerten die Rebellen auf ihren eigenen Garagen-Übergang.

Mitte November demonstrierten die Bewohner des Stadtteils wieder mal gegen die Bewaffneten. Längst ging es nicht mehr um hungernde Verwandte auf der Regierungs-Seite. Es ging jetzt um Egoismus und Habgier der Kriegsherren, welche die Hilfslieferungen horteten. Menschen hungerten, weil Rebellen nicht teilen oder Kriegsherren sich bereichern wollten. Nachdem die «Befreier» endlich vertrieben waren, fand man volle Lagerhäuser mit Lebensmitteln und Medikamenten – geliefert auch durch Hilfsorganisationen aus dem über fünf Jahre lang Krokodilstränen weinenden Deutschland.

Ihre Massnahmen und ihr Benehmen beim Garagen-Übergang schadeten dem Ansehen der Rebellen bis zum Punkt, wo selbst so Mancher, der 2011 eine «Revolution» grundsätzlich befürwortet hatte, heute nichts mehr davon wissen will. Was nie half: Viele der arroganten Wächter am Kontrollpunkt waren keine Einheimischen der Stadt und die waschechten Gotteskrieger kamen oft nicht mal aus Syrien.

Als kurz vor Weihnachten die letzten Freischärler Aleppo verlassen mussten, hielt sich die Trauer in Grenzen. Der ausgehandelte Ablauf war, wie aktuell vielerorts in Syrien: Rebellen mit syrischer Staatsbürgerschaft hatten die Wahl sich ordnungsgemäss zu ergeben, ihre Papiere regeln zu lassen und ins zivile Leben zurückzukehren. Die, die das nicht wollten und alle fremden Gotteskrieger durften mit einer leichten Waffe und eventuellen Familienangehörigen in die als Rebellen-Hochburg geltende Provinz Idlib ausreisen. Dafür wurden die inzwischen berühmten grünen Reisebusse bereitgestellt. Die relativ neuen Fahrzeuge werden allmählich zu einem Symbol. Regierungs-Loyalisten ersetzten beispielsweise auf einer syrischen Staatsfahne die zwei grünen Sterne mit grünen Bussen und verbreiteten auf Sozialen Medien das Bild als «Meme» (Witz der Internet-Popkultur).
Die Bus-Hoch-Stapler

«Ich habe die Bilder damals gesehen und gedacht: Wahnsinn, was Menschen tun, um sich vor Angriffen zu schützen», erklärte Halbouni zur Frage, was ihn inspiriert habe. War «schützen» wirklich das Motiv und wer genau waren diese «Menschen»?

Der Kontrollpunkt am Garagen-Übergang, wurde seit August 2012 unter anderem befestigt, indem man quer über die Strasse einen roten Stadtbus auf einen gelben setzte. Nur auf der Seite konnte man passieren. Was ist Schützen – was Einzäunen? Was damals oft zum «schützen» gegen Kugeln genügte, waren eigentlich nur Vorhänge und Bettwäsche. Über den umkämpften Strassen hingen enorme, zusammengenähte Laken. Scharfschützen sollten Kämpfer der Gegenseite herauspflücken, aber tote Zivilisten wollte man schon aus politischen Überlegungen nicht als Kollateralschaden riskieren. Vor allem Regierungs-Soldaten hatten ausserdem oft Verwandte im Rebellen-Gebiet und ballerten alleine deshalb nicht einfach wahllos auf so ein Stück Stoff.

Nirgendwo sonst in Aleppo wurden wohl so viele Fahrzeugwracks zum Festungsbau verwertet, als wie in Bustan al-Qasr. Einige Beispiele: Gelber Bus mit je einem zur Seite gekippten roten und gelben Bus oben drauf; roter Stadtbus quer über die Strasse die Gebäude auf beiden Seiten berührend; gelber Bus geknickt und zur Seite gekippt auf einem Schutthaufen mit drei weiteren Bussen wie gigantische Ziegel versetzt oben drauf; weisser Bus zur Seite gekippt, hoch oben auf Gebäudeschutt thronend; zur Seite gekippter gelber und roter Bus aufgestapelt mit Wachhäuschen an der Seite; zwei zur Seite gekippte gelbe Busse auf einer Schutthalde aneinander gereiht; zur Seite gekippter gelber Bus mit einem aufs Dach gedrehten roten Bus oben drauf; blauer und roter Bus zur Seite gekippt, auf Erdhaufen aufgestapelt.

Nicht fehlen in jeder Aufzählung der Barrikaden des Stadtteils darf natürlich die inzwischen berühmte Gruppe eines roten, grünen und gelben Buses, welche Anfang 2015 inmitten einer Häuserschlucht hochkant nebeneinander gestellt wurden um die Strasse so versperrten, dass nur ein Durchgang auf einer Seite möglich war. Alle diese Barrieren und Bollwerke aus öffentlichen Verkehrsmittel standen im Bezug zum Garagen-Übergang. So wurde nämlich sicher gestellt, dass der Grenzübergang nicht umgangen werden konnte und zugleich wurde das Wohngebiet und der Weg zum Kontrollpunkt militärisch befestigt. Soll man tatsächlich glauben, dass Freischärler, die mit gezieltem Eindringen ein dicht besiedeltes, urbanes Gebiet erst zum Schlachtfeld machten und dann, nach dessen Einnahme, zur Festung umbauten, an Zivilisten interessiert waren?

Wer genau verantwortlich war für das ganze Viertel oder den Grenzübergang, änderte sich über die Jahre. Auf sozialen Medien und Bildunterschriften lokaler Fotografen konnte man Milizen-Namen, wie ‹Jabhat al-Shamiyah›, ‹Liwa al-Tawhid›, ‹Ahrar al-Sham› und ‹Jabhat al-Nusra› lesen. Alles waschechte Radikal-Islamisten. Ein eindeutiger Hinweis auf die vom Westen als unterstützungswürdig eingestufte FSA findet sich kaum.

«Der Garagen-Übergang hilft der Finanzierung der Kampf-Truppen», wird im Sommer 2013 der ortsansässige Fotograf Mahmud Jabali in einem Artikel der gemeinnützigen «journalistischen Organisation» ‹Syria Direct› zitiert. Diese – eher Rebellen-freundliche Organisation – wird unter anderem von den Regierungen der USA und Kanada finanziert – aber auch von der Konrad Adenauer Stiftung, welche ihrerseits über deutsche Steuergelder finanziert wird. Es ist eine dieser «respektierten» Quellen westlicher Journalisten. Von Syria Direct erfahren wir im Juli 2013 auch, dass der Garagen-Übergang vom aktuellen Buhmann des Westens, dem «Islamischen Staat» (IS oder ISIS), kontrolliert sei. Aus dieser Zeit gibt es tatsächlich Berichte, dass Zigaretten am Kontrollpunkt beschlagnahmt und zerstört wurden. Für diese streng-religiösen Grenzwächter war Rauchen verpönt. Über Dauer und Umfang der Kontrolle des Übergangs durch ISIS bestehen Unklarheiten. Tatsache ist allemal, dass die Terrormiliz von Mitte 2013 bis Anfang 2014 eine recht starke Präsenz im Aleppiner Rebellen-Gebiet aufweisen konnte.

ISIS war nicht die erste und nicht die letze Miliz, welche den mit Bussen befestigten Übergang kontrollierte oder kontrollieren wollte. Geld verdient haben sie alle. Der Zoll auf Güter musste jeweils in Höhe eines «gottgefälligen» Betrags errichtet werden. Als die Regierung die Khanasir-Strasse unter ihre Kontrolle bringen konnte, verlor der Übergang seine Bedeutung für Güter und von da an wurde eben der Personenverkehr zur Quelle für Zolleinnahmen. Am höchsten Punkt der Wucherei waren es 3’000 syrische Lira pro Person für jedes Überschreiten der Grenze. Milizen-Chefs, welche den Übergang kontrollierten, wurden reich. Einer, der Pech hatte, war Zakaria al-Atik, ein Mann um die 40 mit Kampfnamen Abu Ghayyath. Ein Scharfschütze machte seiner Karriere als Zoll-Eintreiber ein Ende.

Im September 2013 kamen Meldungen aus Bustan al-Qasr, dass die Bevölkerung petitioniert habe, den Übergang nicht mehr von der Miliz Ahrar al-Sham alleine, sondern von der Scharia-Behörde (Behörde für religiöses Gesetz) führen zu lassen. Im deren Gremium sassen damals ausser Repräsentanten von Ahrar al-Sham auch jene von Liwa al-Tawhid und Jabhat al-Nusra. Letzteres ist der damalige Name des syrischen Ablegers der völkerrechtlich bindend zu ächtenden Al-Kaida. Die Gründung von Ahrar al-Sham zeigt allerdings ebenfalls auf Verbindungen zum internationalen Terror hin. Muhammad Bahayah – auch bekannt als Abu Khalid al-Suri und Abu Omeir al-Shami – war 2011 Mitbegründer. Mitte 2013 wurde er jedoch offiziell als Gesandter der Al-Kaida genannt. Seine Verbindungen zum Terrornetzwerk gehen noch auf die Zeit von Osama bin Laden zurück, dessen Bote er war – angeblich sogar in Verbindung mit dem Anschlag vom 11. September 2001 in New York.

Im November 2014 wurde Ahrar al-Sham erstmals von deutschen Behörden namentlich genannt. Neun festgenommene Islamisten aus Köln und Umgebung und zwischen 22 und 58 Jahre alt, wurde die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat vorgeworfen. Bei einem Pakistaner und einem Deutschen innerhalb der Gruppe fiel auf, dass sie – laut Bundesanwaltschaft – sowohl für ISIS, als auch für die aus Nicht-Syrern bestehende, Al-Kaida-nahe ‹Junud al-Sham› – aber auch für Ahrar al-Sham «tätig» gewesen wären.

Im Oktober 2016 schliesslich, wurde nach zehn Monaten Recherche vom Staatsschutzsenat des Stuttgarter Oberlandesgerichts die Miliz Ahrar al-Sham zur «terroristischen Vereinigung» erklärt – erstmals vor einem Gericht innerhalb der EU. Eine «Gesamtschau verschiedener Indizien» habe das Gericht zu diesem Urteil geführt, erklärte der vorsitzende Richter. Der Prozess würde so auch «ein schlagendes Licht auf die Defizite der Zusammenarbeit im Kampf gegen den internationalen Terrorismus» werfen, klagte er. Der Prozess galt als Pilotverfahren. Wegen Unterstützung der somit festgestellten Terror-Gruppe wurden zwei deutsche und zwei libanesische Staatsangehörige verurteilt. Brisant ist dabei auch, dass in einem durchgesickerten Geheim-Dokument des deutschen Parlaments ‹Bundestag› vom 11. Juni 2015, Ahrar al-Sham als eine Gruppierung beschrieben wird, welche seit Mitte November 2014 Empfänger von Waffenlieferungen durch das NATO-Mitglied Türkei sei.

Vom Rebellen-nahen Fotografen Karam al-Masri kam in einem Artikel der US-amerikanischen Zeitschrift ‹Time› vom 27. März 2015 die direkte Bestätigung, wer genau die Bus-Hoch-Stapler waren, welche die Vorlage für das Dresdner «Monument» lieferten: Ahrar al-Sham. Eine von Masris Aufnahmen vom 14. März zeigt im Original auch deutlich die Logo-Fahne der Miliz. Ganz oben auf den mittleren Bus wurde eine oben abgewinkelte Metallstange angebracht. Durch die L-Form der Stange konnte man auch bei Windstille deutlich das Logo auf der daran aufgehängten Flagge erkennen: Das Emblem der «terroristischen Vereinigung».
Die Freiheitsstatue

«Rechter Mob gegen Aleppo-Kunstprojekt», betitelt am 7. Februar 2017 die Zeitung ‹Tagesspiegel› ihren Bericht. Viele Dresdner wollten aber weder «Rechte» noch «Mob» sein und ärgerten sich deshalb auf Sozialen Medien. Dort wurde schliesslich auch die Information breit getreten, dass die Vorlage für das Werk von einer radiklal-islamistischen Miliz aufgestellt wurde. Dazu wurde auch das Bild mit der Flagge von Ahrar al-Sham verbreitet.

Loyalisten der syrischen Regierung andererseits, sehen im Kunstwerk den Versuch den Rückblick auf ein halbes Jahrzehnt Krieg historisch zu verfälschen. Es tobt nun mal auch der Propaganda-Krieg. Die erfolgreiche Dämonisierung der syrischen Regierung und mediale Beweihräucherung eines angeblichen «Volksaufstands» machte es bisher für die Merkel-Regierung innenpolitisch unproblematisch Syrien mit brutalen Sanktionen wirtschaftlich zu zerstören, Oppositionelle grosszügig zu finanzieren und mit der Deutschen Luftwaffe die syrische Eigenstaatlichkeit zu verletzen.

Das Propaganda-Potential der Installation am Neumarkt zeigt sich deutlich in den Leitmedien. Nach den Protesten gab sich der Künstler schockiert: «Ich bin immer noch geplättet» meinte er und erklärte gegenüber Tagesspiegel dass sich sein «Monument» auch als Mahnmal für Dresdens Bomben-Opfer verstehe. «Mich reizte, was man auf allen Bildern sah: Die Energie, mit der diese Busse aufgerichtet wurden und das intakte Strassenleben davor, wo Handel getrieben wird und Kinder spielen», beschrieb er einer anderen Tageszeitung. Immer wieder und überall wird er zitiert, dass er in seiner künstlerischen Bearbeitung die Verbindungen zu Dresdner Zivilisten ziehen wolle, die sich 1945 ebenfalls vor Angriffen schützen mussten. Zwei Sätze, die dazu vielerorts Wort für Wort im Kopieren-Einfügen-Journalismus über das Kunstwerk fallen, scheinen wohl aus einer Pressemitteilung zu stammen: «Damals hatte die Zivilbevölkerung drei Busse ebenso hochkant aufgerichtet, um sich vor Angriffen des Militärs zu schützen. Der Künstler versteht seine etwa zwölf Meter hohe Skulptur als moderne Freiheitsstatue.»

Kann man eine Sperrwand aus Fahrzeugschrott noch positiver scheinen lassen als mit «Freiheitsstatue»? Dahinter – gemäss Halbouni – friedliches Leben und davor Angriffe des syrischen Militärs. Verteidiger und Aggressor werden so klar definiert. Doch für viele Aleppiner bedeuteten die Busse nicht Freiheitsstatue, sondern Berliner Mauer: Erzwungene Trennung von Verwandten über Jahre hinweg; Hunger und Entbehrungen – strategisch gewollt und daher künstlich erzeugt; und brutale Willkür, Schikanen und Erniedrigungen durch arrogante und korrupte «Behörden».

Oberbürgermeister Hilbert, der ein Monument für Dresdens Bomben-Tote als Opfermythos zu betrachten scheint, bezeichnete Halbounis Kunstwerk als «grosse Bereicherung» für seine Stadt. Die «Skulptur» würde Dresdner daran erinnern, «dass auch in unserer Stadt Menschen verfolgt, erniedrigt und getötet wurden». Rechtspopulisten würden auf das Vergessen bauen, warnte er. Umso wichtiger sei es, dem Erinnern ein «Monument» zu setzen. Dort wo Halbounis Erklärungen aussetzen, binden Interpretationen seiner Unterstützer an. Solche Beschreibungen eines Syrien-bezogenen Mahnmals lassen schnell den Verdacht aufkommen, dass man hier elegant die für Deutschlands Regierende innenpolitisch so wichtige Dämonisierung der syrischen Regierung über den Vergleich mit Hitler-Deutschland in den Köpfen der Bürger festigen will.

In Interviews gibt sich Halbouni erstaunlich naiv und uninformiert zum Konflikt in seiner ursprünglichen Heimat. Zur Erinnerung: Dies ist ein Krieg, um den sich eine massive mediale Kriegsführung rankt. Der Rundfunkanstalt ‹MDR› erklärt er: «Ich habe zum ersten Mal im März 2015 den Artikel aus dem ‹Guardian› [britische Zeitung] über die Busbarrikade gelesen und da stand nicht ganz genau drin, wer die Busse errichtet hatte.» Zur Frage, dass die Flagge auf den Bussen einer in Deutschland verbotenen Terrororganisation gehörte, antwortet er: «Auf den Fotos, die ich bisher kannte, war die Fahne nicht drauf.» In einem Zeitungs-Artikel wird er zitiert: «Welche Gruppen in Syrien gegeneinander kämpfen, hat mich bei dieser Arbeit null interessiert. Dummerweise habe ich bei der Barrikade nicht genau recherchiert, wer sie aufgebaut hat, das gebe ich zu.» Halbouni wirkt irritiert: «Der Krieg in Syrien ist komplett unübersichtlich, und man weiss einfach nicht, wer da wann seine blöde Flagge aufgesteckt hat. Das interessiert mich auch ehrlicherweise nicht so sehr.»

Dann jedoch hört man von Halbouni im MDR-Gespräch etwas, das stutzig machen darf: «Auf anderen Fotos, die ich mir von Freunden aus Aleppo habe schicken lassen, war auch keine Fahne zu sehen.» Ob das Bild mit der Flagge also für das Kunstwerk und das, was damit ausgedrückt werden soll, nicht beispielhaft sei, fragt der Journalist. «Natürlich nicht», antwortet Halbouni: «Weil diese Barrikade, wie gesagt errichtet wurde, um die Zivilbevölkerung zu schützen, nicht um irgendeine kämpfende Partei zu unterstützen.» Der Journalist will wissen woher diese Information stammen würde. «Tatsächlich von Menschen, die in Aleppo waren – die dabei waren, als die Busse errichtet worden sind», erklärt Halbouni seine Quellen – gibt sich jedoch dann gleich wieder etwas naiver und listet als Beweise für die Bedeutung der Busse «Zeitungsartikel» im Netz und den Artikel «einer amerikanischen Zeitung». Halbouni scheint von unerschütterlichen Tatsachen auszugehen. Nachdenklich macht allerdings, dass er sich einerseits isoliert gibt, mit transatlantischen Medien als einzige Quelle – andererseits hat er aber angeblich auch Kontakt zu «Freunden aus Aleppo».
Blöde Flagge

Die Flaggenfrage sorgte für so viel Aufregung, dass es sich Halbouni nicht verkneifen konnte, mit noch mehr Kunst darauf zu reagieren. Man darf jetzt eine eindringliche Videobotschaft auf YouTube bewundern: «Ich bin Syrer, ich bin Deutscher und Dresdner, aber unabhängig davon bin ich Künstler. Ich spreche die Sprache der Kunst. Deshalb kann nur diese für mich sprechen», so Halbouni, der im Video vor dunklem Hintergrund eine Flagge schwingt, die ständig ihre Farbe wechselt. «Mein Name ist Manaf Halbouni und ich glaube an eine Welt, in der wir in Freiheit und ohne Befürchtung leben können», erklärt ein Mann, der es schwer zu finden scheint zu Syrien Farbe zu bekennen.

Dass Halbounis «blöde Flagge», wie er es ausgedrückt hatte, eben doch nicht so uninteressant ist, zeigen die krampfhaften Versuche von Journalisten und Politikern, die «terroristische Vereinigung» entweder zu verharmlosen oder ihre Rolle beim Aufstellen der Busse in Frage zu stellen.

Am 9. Februar stellte beispielsweise Tagesspiegel, wo zwei Tage vorher gegen den «rechten Mob» skandiert wurde, etwas verspätet die Frage, wer die Strassensperre gebaut habe. «Nun gibt es Hinweise, dass militante Salafisten sie errichteten, nicht Zivilisten», konnten überraschte Sachsen des «rechten Mobs» lesen. Allerdings «haben die Ahrar ash-Sham [sic] die Fahrzeuge aufgestellt zum Schutz für Zivilisten, nicht zu ihrem eigenen Schutz», beruhigt Tagesspiegel sogleich, mit Hinweis auf den «Augenzeugen» und Fotografen al-Masri. Die Behauptungen «gewisser deutscher Ideologen», wonach die Barrikade eine «strategische Sperre» der Terrormiliz gewesen sei, wären nichts als «obskure Märchen».

Die «terroristische Vereinigung» also doch unbefleckter Menschenfreund? Tagesspiegel beschreibt in anscheinend völliger Ignoranz der jüngsten Geschichte von Bustan al-Qasr, dass Aufnahmen «einen noch völlig intakten Strassenzug» zeigen würden, in dem Anfang 2015 «offensichtlich noch keine schweren Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen» in Syrien stattgefunden hätten. Das Indiz, dass die Sperre als Schutz funktionierte?

In einem weiteren Artikel untergräbt Tagesspiegel dann auch noch die eigene, vorangegange Feststellung: Hat Ahrar al-Sham die Busse «selbst aufgestellt» oder «an ihnen nur eine Fahne gehisst», wird unschuldig gefragt. Ein Kollege von Masri – der ebenfalls Rebellen-nahe Fotograf Ammar Abdullah – habe 2015 ein Foto von der Bus-Sperre mit der Flagge der Miliz gemacht – aber auch weitere Bilder, auf denen diese nicht zu sehen sei. Deutsche Gründlichkeit: Flattert die Standarte des Bundespräsidenten nicht auf dem Dach von Schloss Bellevue, ist er auch nicht dort.

Ammar Abdullah hatte kurz zuvor die Tageszeitung ‹Sächsische Zeitung› davon überzeugt, dass die Busse nicht von Ahrar al-Sham aufgestellt worden seien, sondern von der «Provinzverwaltung Aleppos und Anwohnern». Mit «Provinzverwaltung» halten die Rebellen den Schein einer vom Militärischen unabhängigen, zivilgesellschaftlichen Ordnung aufrecht. Das dient der politischen Absicherung von Hilfe durch den Westen. Die Realität ist allerdings, dass der wacklige Verwaltungsapparat der Kämpfer auch von ihnen geführt wird, militärischen Prioritäten gehorchen muss und dort, wo es wirklich nur ums Zivile geht, oft den zukünftigen Gottesstaat vorbereitet.

Um ihre Aussagen bewerten zu können, muss man auch begreifen, dass sowohl Masri, als auch Abdullah völlig offen zu ihrer Unterstützung der «Revolution» stehen. Tagesspiegel zitiert Abdullah, der schon fast im Chor mit Halbouni fragt: «Ist es denn so wichtig, wer die Bus-Blockade gebaut hat?»

«Ist Ahrar al-Sham eine Terrororganisation?» Diese Frage stellte in seinem Artikel der Redakteur des Tagesspiegels, Matthias Meisner, am Tag des Gedenkens (oder auch nicht) des Dresdner Bomben-Terrors. Über die Rolle der Miliz im syrischen «Bürgerkrieg» gäbe es «unterschiedliche Einschätzungen», werden die Leser «informiert». Durch die Erinnerung an eine Bemerkung der Bundesanwaltschaft zu den 2014 festgenommenen Kölner Islamisten, scheint er Ahrar al-Sham als was Positives verkaufen zu wollen – wäre die Miliz doch mit ISIS «verfeindet». Was Meisner zu übersehen schein: Die rheinischen Gotteskrieger wollten sowohl ISIS, als auch Ahrar al-Sham unterstützen. Das könnte doch auch darauf hindeuten, dass grundsätzlich beide Gruppen nichts unterscheidet.

Meisner zitiert als «Experten» den Nahost-Korrespondenten der deutschen Zeitschrift ‹SPIEGEL›, Christoph Reuter. Dieser würde es für «sehr weit hergeholt» halten, Ahrar al-Sham als Terrorgruppe zu bezeichnen. Reuter sähe die Gruppe als «konservativ, der Muslim-Brüderschaft nahe stehend». Soll diese Aussage die Miliz harmloser erscheinen lassen? Die Muslimbrüder werden immerhin von Russland, Ägypten, Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten offiziell unter dem Begriff «Terrororganisation» geführt. Nota bene – die letzten drei Länder sind enge regionale Partner des Westens. Auch in den USA wird immer wieder auf höchster politischer Ebene darüber diskutiert ob man die Brüder nicht endlich auf die Terror-Liste setzen wolle.

Neun Tage vor Reuters Erklärungen gab eine Behörde in Sachsen bekannt, dass die Muslimbrüder versuchen würden ihren Einfluss in Deutschland auszubauen. An finanziellen Mitteln fehle es nicht, meinte der Präsident des ‘Sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz’ gegenüber Journalisten: “Die gehen mit einem Haufen Geld durch die Lande und kaufen Liegenschaften.” Derzeit würden massiv Gebäude aufgekauft, um Moscheen oder Begegnungsstätten für Muslime einzurichten. So auch in Dresden. Werte, wie Religionsfreiheit oder Geschlechter-Gleichheit, würde die Bewegung ablehnen und deshalb werde die Entwicklung vom Verfassungsschutz beobachtet.

«Ahrar al-Sham habe weder Anschläge im Ausland verübt noch Ausländer entführt», wird Reuter weiter zitiert. So lange man also in Deutschland nichts zu fürchten hat, ist Terror in Syrien Nebensache? Immerhin beschuldigt die auch im SPIEGEL regelmässig zu Syrien zitierte nichtstaatliche Organisation «Amnesty International» die Miliz in einem Bericht vom July 2016 schwerster Kriegsverbrechen.

Sachsens stellvertretender Ministerpräsident Martin Dulig äusserte sich ebenfalls ärgerlich zum Versuch einer Umdeutung der drei Busse: Es sei etwas, das «von Leuten gemacht wurde, die ein Interesse daran haben, das eigentliche Mahnmal, das eigentliche Anliegen zu desavouieren.» Der Künstler habe «eine klare Aussage für Frieden und für Hoffnung» ausgedrückt. «Ihm ging es um das Symbol als Schutzwall vor dem Kugelhagel. Und sie sollten jetzt vor der Frauenkirche stehen, weil beides Hoffnungszeichen sind.», wetterte der Politiker und meinte weiter: «Eine Uminterpretation ist nur von denen gewollt, die mit dieser Friedensbotschaft nicht umgehen können.»
Wissen und Schuld

An «Friedensbotschaften» wäre ja nichts auszusetzen. «Nie wieder Krieg» lautete nach den Gräueln des Ersten Weltkriegs das Motto der Pazifisten-Kundgebungen der Weimarer Republik. Dieser Schlachtruf wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der Arbeiterbewegung erneut aufgegriffen, doch nach 1990 riss der Washingtoner Serien-Interventionist die Welt in den Abgrund endloser Kriege. Aktuell treibt man uns immer öfter in Konflikte. Die Gefahr eines Weltkriegs winkt. Auch Deutschland ist entspannt mitten drin, spielt eine führende Rolle bei der Stationierung von NATO-Truppen an der russischen Grenze und beteiligt sich im Nahen Osten – je nach Sichtweise – an dessen Zerstörung. Das Wissen in der Öffentlichkeit um die Rolle von Deutschland in Syrien hält sich in Grenzen.

Es gibt einen Namen, der in Deutschland Schuldgefühle wecken soll: Auschwitz. Doch jeder fünfte Jugendliche weiss angeblich heute nichts davon. Viele der deutschen Kriegs-Generation behaupteten schon nach 1945: «Wir wussten von nichts». Auschwitz lag weit weg im Osten, aber der Mord geschah auch in der Nachbarschaft. Dreissig Konzentrationslager (KZ) und Vernichtungslager gab es in Deutschland. Diese hatten 1’300 Aussenlager. Dazu kamen noch 2’300 Lager mit teils Vernichtungslager-Komponente für Behinderte. Für Zwangsarbeiter gab es weitere 20’000 Einrichtungen. In Grossdeutschland standen also fast 24’000 Lager. Auch nach Dresden wurden 500 Juden als Rüstungsindustrie-Zwangsarbeiter gebracht – über das KZ Auschwitz-Birkenau.

Juden-Verfolgung im Dritten Reich war öffentlich – die Deportationen offensichtlich. Hass musste nicht von oben angeordnet werden. Daran erinnerte sich auch 2016 die Holocaust-Überlebende Henny Brenner in einem Zeitzeugen-Gespräch im Stadtmuseum Dresden. Sie wuchs in der Elbmetropole auf und musste den Judenstern tragen. Ihr Albtraum waren aber die ganz normalen Mitbürger: «Es sind hinterhergelaufen ganze Schulklassen: Judenschwein, Judensau, guckt mal. Es hat eine Frau in der Bosbergstrasse – ich kann Ihnen die Ecke zeigen – immer auf mich gewartet, regelmässig, und mich angespuckt: Runter vom Bürgersteig.» Denunziantentum war weit verbreitet: Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sollen die Reichs-Behörden nur zwölf Prozent ihrer Opfer selbst ermittelt haben. Nach dem Totalen Krieg stand das Deutsche Nichtmehr-Reich jedoch unter Total-Amnesie. Die bevorzugte Geschichts-Lesart der der Wirtschaftswunder-Generation: Hier böse Nazis – dort unwissende Deutsche. Aber was haben Reichsbürger eigentlich nicht «gewusst», wenn ihre Führung von «Vernichtung», «Ausrottung» oder «Endlösung» sprach?

Wie gedenkt man dem Verbrechen «richtig»? Als unlängst der AfD-Vorsitzende im deutschen Bundesland Thüringen, Björn Höcke, das Holocaust-Mahnmal kritisierte, bezeichnete er den Gemütszustand der Deutschen als den «eines brutal besiegten Volkes»: «Anstatt die nachwachsende Generation mit den grossen Wohltätern, den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, … wird … die deutsche Geschichte, mies und lächerlich gemacht.»

Viele Dresdner fühlen sich um ihren Gedenktag betrogen. Was will die Elite mit gleichzeitiger «Opfermythos»-Kritik und dem Aufstellen von «Monumenten» für fremde Konflikte erreichen? Das rechte Lager stärken? «Dresden war keine unschuldige Stadt», erklärte der Oberbürgermeister. Monumente dürfen demnach also nur Unschuldige bauen? Was aber, wenn Deutschland Schuld trägt am Leiden von Aleppo?

Seit 2011 hilft die Merkel-Regierung mit zig Millionen von Steuer-Euros bei der Finanzierung der syrischen Exil-Opposition. Seit 2012 bietet sie syrischen Freischärlern militärische Unterstützung in Form nachrichtendienstlicher Arbeit, Kommunikationsmittel und sogenannter «nichttödlicher Waffen». Deutsche wollen heute mit überwältigender Mehrheit ihr Land nicht als «Führer» verstehen. Tatsache ist aber, dass Deutschland europäische Führungs-Macht ist. Als wirtschaftlich stärkste und als geistige Zentralmacht kann Berlin die Zentrifugalkräfte einer höchst unterschiedlichen Europäischen Union bändigen. Hätte eine wahrhaft neutrale Haltung den Krieg in Syrien verhindern können?

Im harmonischen Zusammenspiel mit Washington unterstützt Berlin seit bald sechs Jahren den Versuch eines Damaszener Regierungs-Sturzes. Bereits im August 2011 forderte Merkel, abgestimmt mit weiteren Werte-Europäern, den Rücktritt des syrischen Präsidenten. Dieser habe «jede Legitimität verloren». Die Verantwortungslosigkeit wurde zum Startschuss für einen brutalen Krieg in einem Mittelmeeranrainerstaat und die schlimmste Flüchtlingskrise für Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Den Regierungsgegnern wurde signalisiert, dass mit dem passenden Vorwand der Werte-Westen, wie kurz zuvor in Libyen, auch die syrische Regierung aus dem Amt bomben würde. Am 6. Januar 2012, als in Syrien schon überall Dschihad-Fahnen flatterten, trompetete die Werte-Kanzlerin abermals grossdeutsch: «Präsident Assad hat an der Spitze seines Landes nichts mehr verloren.» Die bewaffnete Opposition – einschliesslich die «terroristischen Vereinigung» Ahrar al-Sham – hatte damit absolut keinen Anreiz mehr zu verhandeln – Krieg wurde «alternativlos».

Merkels Werte-Reich arbeitete zum Thema Syrien anscheinend unter der Hypothese: Weihnachten sitzen wir in Damaskus. Unter dem recht eindeutig klingenden Titel «der Tag danach» führte nämlich ab Januar 2012 die aus dem Haushalt des Kanzleramts finanzierte ‹Stiftung Wissenschaft und Politik› zusammen mit einer US-Bundeseinrichtung und dem US-Aussenministerium in Berlin-Wilmersdorf mehrere Geheimtreffen mit einer Gruppe von bis zu 50 syrischen Oppositionellen. Während Berliner Diplomaten in der Öffentlichkeit heuchlerisch auf «friedliche Lösungen» hofften, konferierten nebenan syrische Oppositionelle – einschliesslich Vertreter der islamistischen Muslimbrüder-Bewegung – über den Endsieg.

Witterte die Merkel-Regierung etwa fette Wiederaufbau-Geschäfte für deutsche Firmen? Im Rahmen der internationalen Kontaktgruppe ‹Freunde des syrischen Volkes› übernahm jedenfalls die Bundesrepublik einen Teil der Verantwortung für die ‹Arbeitsgruppe Wirtschaftlicher Wiederaufbau und Entwicklung›. Deutsche Diplomaten äusserten sich höchst erfreut darüber, dass sich die syrische Opposition beim Treffen in Berlin klar zur Martkwirtschaft bekannt hatte.

Die deutsche Regierung hielt sich zwar mit der Bewaffnung bedeckt, doch das Völkerrecht macht keinen Unterschied zwischen tödlichen Waffen und den von Mutti Merkel gelieferten Schutzwesten plus ähnlich harmlos klingender militärischer Ausrüstung. Half Deutschland auch beim damals überraschend effizienten Vorrücken der Rebellen auf Aleppo? Im August 2012, wurde nämlich der Einsatz eines deutschen Spionageschiffes vor der Küste Syriens publik. Mit modernster Technik ausgestattet würde es syrische Milizen mit nachrichtendienstlichen Erkenntnissen versorgen. «Wir können stolz darauf sein, welchen wichtigen Beitrag wir zum Sturz des Assad-Regimes leisten», erklärte dazu ein Mitarbeiter des deutschen Geheimdienstes ‹Bundesnachrichtendienst› der Zeitung ‹Bild am Sonntag›.
Das Schweigen der Mehrheit

Braucht das Gedenken ein Mahnmal oder genügt Ovids «principiis obsta» (wehret den Anfängen)? «Alles was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit», erklärte 2005 der damalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Todeslagers Auschwitz.

Während Strassenkrawalle und Saalschlachten ums Gedenken toben, regiert die Elite in Berlin ungeniert. Deutschlands «stolzer Beitrag» in Syrien hatte Folgen und die klopfen seit drei Jahren als Flüchtlinge an die Türe Europas. «Wir haben schon so viel geschafft, wir schaffen das», betet Pastorentochter Merkel in einer TV-Ansprache. In einer Nacht im September 2015 wurde der Migranten-Flut die Tür geöffnet. Glücklicherweise lassen seither Journalisten laufend den Namen Syrien fallen. Das macht betroffen.

Die Presse scheint auch verhindern zu wollen, dass die Diskussion um die Folgen des «stolzen Beitrags» nicht aufs rechte Gleis gerät. So verlieren beispielsweise ab 2015 die Deutschen überall ihr Geld und nette, ehrliche Flüchtlinge aus Syrien finden es. In extra fetten Überschriften, wie «Syrischer Flüchtling (16) beeindruckt Polizisten» bis zur Wahnsinnsmeldung «Flüchtling liefert 150’000 Euro ab» laufen seit drei Jahren die Leitmedien-Redaktionsstuben irgendwelchen Fundbüro-Meldungen nach. Auch Bademeister helfen das Bild vom netten Flüchtling zu festigen – mit einer Flut von Geschichten aus dem Freibad, wie beispielsweise: «Ein syrischer Flüchtling rettet nun Leben in Berlin» oder «Syrischer Bademeister sorgt in Tübingen für Ruhe».

Von «Ruhe» ist bei AfD, PEGIDA & Co. nichts zu spüren. Für jede Meldung der Leitmedien aus Fundbüros und Freibädern der Republik gibt es auf sozialen Netzwerken, Blogs oder alternativen Medien zehn Meldungen über Vergewaltigungen, Diebstahl und Prügeleien. Mit Gusto werden dabei die Unholde und Täter als Syrer identifiziert. Zum Terror in der Umkleidekabine kommt in den letzten Jahren auch der waschechte Terror – so wie ihn eben die Politik definiert und als Begründung nimmt im Orient Bomben abzuwerfen.

Allerdings dauerte es, bis die Elite darauf aufmerksam machte, dass eben doch nicht alle jungen Männer aus Syrien Geldbörsen-retournierende Bademeister sind. «IS-Kämpfer kommen nicht als Flüchtlinge nach Deutschland», beruhigten Leitmedien noch im August 2015 auf der Basis einer Antwort des Innenministeriums im Bundestag. Für Entspannung sorgten Zeitungs-Überschriften, wie «Geringe Gefährdung für Deutschland» oder «Keine Hinweise auf Terroristen unter Flüchtlingen». Die Quelle dieser Meldungen war höchst offiziell: «Wir haben derzeit keine konkreten Hinweise darauf, dass unter den Flüchtlingen Terroristen sind», erklärte beispielsweise im September 2015 der Chef des Bundesnachrichtendienstes – also jener Organisation, die «stolz» auf ihren «wichtigen Beitrag» zum Sturz der syrischen Regierung war.

«Die Mär vom eingeschlichenen Terroristen», konnte man noch im Oktober 2015 als Titel in einer renommierten deutschen Tageszeitung lesen. Doch dann mussten Europas Metropolen spektakuläre Terror-Angriffe erleben und immer wieder fiel der Name «Syrien». «Wir wissen ja, seit den Anschlägen – spätestens von Paris – aber aus bestimmten Registrierungen schon vorher, dass auch der IS die Flüchtlingsbewegungen benutzt haben kann, oder offensichtlich genutzt hat, um auch terroristische Kräfte dort mit einzuschleusen», windete sich die Kanzlerin Mitte 2016 bei einer Pressekonferenz. Später, bei einer Veranstaltung ihrer Partei fühlte Merkel die Nähe zur Levante: «Wir spüren plötzlich, dass zwischen uns und Syrien eine ganz enge Verbindung ist, weil es eine Reihe von Terroristen gibt, die sind in Europa aufgewachsen, auch in Deutschland, werden dann in Syrien ausgebildet, kommen zum Teil wieder zurück, zum Teil wurde sogar die Flüchtlingsbewegung genutzt um dort Terroristen mit einzuschleusen ….»

Anfang 2017 meldete eine deutsche Nachrichtensendung, dass ihre Recherchen zeigen würden, wie deutsche Behörden bereits frühzeitig von der Terrorgefahr durch den Flüchtlingsansturm wussten. Brisant, denn im Dezember 2016 rammte ein durch ISIS inspirierter Terrorist mit einem Sattelzug in einen Berliner Weihnachtsmarkt, was 55 Passanten teilweise schwer verletzte und zwölf Menschen das Leben kostete.

Der Syrien-Krieg hat Deutschland erreicht. Doch wieder wollen nur wenige etwas von einer Schuld wissen – oder ein «Wissen» eingestehen. Wieder fehlte das «wehret den Anfängen». Wieder brachte das Schweigen der Mehrheit den Krieg. Denn seit 2011 weiss man von der Kanzlerin selbst, was Deutschland in Syrien will: Regierungs-Sturz. Seit 2012 müssen auch Befürworter dieser Politik zugeben, dass in Syrien Gotteskrieger für den Regierungs-Sturz kämpfen. Seit 2012 war klar, dass Deutschlands «stolzer Beitrag» die Sache von Islamisten vorantreiben hilft. Seit spätestens 2013 hätte sich auch der letzte deutsche Romantiker endlich fragen sollen, ob den Syrern westliche Werte aufzuzwingen wirklich so viele Tote wert sein darf. Und seit 2015 lässt eine Flutwelle von Bademeistern die deutsche Syrien-Politik absaufen.

Die Deutschen schweigen mehrheitlich weiter. Wenn heute die Wutbürger bei PEGIDA marschieren oder bei der «Monument»-Einweihung in Dresden pöbeln, dann schimpfen sie nicht gegen Merkels Syrien-Politik, sondern nur gegen die Resultate davon. Wir sind die guten Deutschen – nicht die Nachfolger der Nazis. So scheint andererseits die pseudo-linke Willkommenskultur zu rufen. Solidarität genügt dort als politische Haltung. Eine tiefer gehende Diskussion der Gründe der Flüchtlingsflut? Fehlanzeige – auf beiden politischen Seiten.

«Heute Bagdad – gestern Dresden», stand 1991 noch auf Schildern eines Protests gegen den ersten Irak-Krieg der USA. Doch die Zeiten ändern sich. Schweigen ist wieder Gold. Ende August 2013 dachte ein SPIEGEL-Artikel genüsslich darüber nach, was die «möglichen Ziele eines US-Militärschlags» in Syrien sein könnten. US-Präsident und Nobelfriedenspreisträger Barack Obama war wegen seiner «roten Linie» kurz davor «Schrecken und Ehrfurcht» einzusetzen. Während die US-Amerikaner wieder mal für eine «Koalition der Willigen» warben, forderte Russland Beweise für die völkerrechtlich ohnehin unhaltbare Kriegs-Begründung. Dass sich Anfangs September Salim Idriss, der militärische Chef der FSA, zu Gesprächen ausgerechnet in Deutschland aufhielt, plauderte bei seiner Anhörung vor dem US-Senat der damalige US-Aussenminister John Kerry versehentlich aus. In diesem Zeitraum erfuhr die Weltöffentlichkeit über die US-Leitmedien auch, dass die beabsichtigte Bombardierung «massiv» ausfallen würde. Bomber Harris liess grüssen – Deutschland schwieg.
Tumult und Trauer

Unter Überschriften, wie «Rechter Hass gegen Kunst», stellt nach dem 7. Februar die Qualitätspresse klar, wer es ist, der hasst und dass es bei Tumulten auf dem Neumarkt um «Kunst» gegangen sei. Weiter wird darauf bestanden, dass das Werk eigentlich auch ein Mahnmal für Dresdens Bomben-Opfer wäre.

Dresdens Bombardierung dauerte drei Tage – Aleppos Leiden fünf Jahre. Der türkische Journalist Fehim Taştekin zitierte im Januar in einem Artikel Umm Khatice, eine Frau aus Bustan al-Qasr, die ihm berichtet habe, dass ihre Familie vermied, das Haus zu verlassen und sie über fünf Jahre im Elend gelebt hätten: «Wir waren es, die gehungert haben – nicht die bewaffneten Gruppen. Diese Schlägertypen beschlagnahmten die Hilfslieferungen und verteilten sie an ihre Unterstützer oder haben sie verkauft. Viele Menschen hatten um zu überleben keine andere Wahl, als bei ihnen mitzumachen.» Irgendwie erinnert diese Aussage doch an Dresden – aber an das Dresden der Nazi-Schläger und Henny Brenners Leiden.

«Ich mache das für die Stadt, ohne dafür Geld zu bekommen», trompetete Halbouni Ende Dezember 2016 mit dem 5’000 Euro dotierten ‹Marion-Ermer-Preis› in der Tasche. Mit diesen Bussen in Dresden läuft es eben ein bisschen so, wie es auch beim Garagen-Übergang üblich war: Die Einen profitieren, die Anderen zahlen.

So viel er über Kritiker auch jammert, Halbouni profitiert. Bekannt wie ein bunter Hund – das ist für einen Künstler selten schlecht. Es profitieren auch Andere: Jedes Kunstwerk hat einen Preis. Wem gehört «Monument» – wer profitiert vom Verkauf? «In Dresden wird gerade intensiv über Kunst diskutiert. Darüber freuen wir uns», meint die für die Kulturhauptstadt-Bewerbung zuständige Bürgermeisterin. Schon wieder etwas, das profitiert. Was aber zahlt der Steuerzahler? Schlosserei, Architekt, Statiker, Tieflader, Kran, Strassensperre – wer bezahlte was? Das umstrittene Kunstwerk steht aktuell unter dauerhaftem Polizeischutz – wie viel kostet das? Wurden die Busse entkernt? Was passiert im Brandfall? Gibt es eine Versicherung und wer bezahlt die? Inzwischen soll angeblich Öl aus einem der Busse auslaufen.

Finanzielle Unterstützung für «Monument» kam vor allem vom ‹Kunsthaus Dresden› sowie von der ‹Stiftung Kunst und Musik für Dresden›. «Wir haben uns mit den Förderern geeinigt, nichts zu den Kosten zu sagen, da vor allem viel ideelles Engagement dahintersteckt», liess Christiane Mennicke-Schwarz, die Leiterin des Kunsthauses wissen. Von einer fünfstellige Summe wird allgemein gesprochen und von ungenannten «Spendern» und «Stiftungen».

Die Namen der «Förderer» kennen, würde die Frage, ob hinter dem Werk tatsächlich von Anfang an ein Propaganda-Gedanke gestanden haben könnte, wohl kaum beantworten. Oberflächlich würden die Mäzene garantiert harmlos erscheinen. Die Regierung in Berlin scheint jedoch allem Augenschein nach, im Einklang mit den kommunalen Behörden und Kultureinrichtungen, das Werk zu befürworten. Diese Regierung führt aber – völkerrechtlich gesehen – aktuell einen Krieg gegen Syrien und jeder Krieg braucht nun mal Propaganda. Halbouni plante jedenfalls gemäss ‹Dresdner Neueste Nachrichten› schon seit einem Jahr sein «Monument». Falls er selbst subtile Werbung für die «Revolution» als Hintergedanken hatte, dann hätte sein Projekt wegen der politischen und militärischen Situation damals noch weit mehr Sinn ergeben. Nach Aleppos Befreiung von den «Befreiern» – dazu noch mit vielen Bildern feiernder Bürger – ist die Wirkung als Propaganda für Rebellen heute eher gedämpft – selbst wenn die «blöde Flagge» von Ahrar al-Sham nie bemerkt worden wäre.

Halbouni wird bezüglich seines Kunstwerks jedoch weit schwerwiegender verdächtigt und angegriffen: Nach den Gerüchten über die «blöde Flagge» wurde «recherchiert» und man stiess prompt auf Bilder der Kampfkarten vom Kunstprojekt «What if». Auf den Karten europäische Orte mit arabischen Namen! Er will Europa dem Islam unterwerfen! So tönte es aus der PEGIDA-Ecke. Blödsinn. Es ist ein Kunstprojekt und sogar ein recht spannendes: «Schrecken und Ehrfurcht» mal andersrum. Das Gedankenspiel eines alternativen Weltverlaufs. Chapeau Herr Künstler! Aber wer sich mit Kunst im politischen Tagesgeschäft schmutzig macht, darf sich nicht beklagen, wenn auch mal Dreck kleben bleibt.

Vier Tage nach der Einweihung stellt sich Halbouni auf einen Betonsockel und schwingt vor 150 Menschen eine Rede. Er sei kein Islamist. Trinke er doch (das lokale Bier) ‹Radeberger›. Er wolle sich nicht in Politik einmischen. Politik sei kompliziert. Er wollte nur erinnern: an Krieg, an Frieden, an Aleppo. Er entschuldigt sich, die Flagge nicht bemerkt zu haben.

War diese Kunst jemals zur propagandistischen Unterstützung von Rebellen gedacht, ist es jedenfalls in die Hose gegangen. Die Saalschlachten über Flaggen und Bedeutungen zwingen das von einer grossen Koalition geführte und ins politische Koma beruhigte Deutschland zu mehr Syrien-bezogener Unruhe. Zur leidigen Frage ob tatsächlich «Terroristen» involviert gewesen sein könnten, tönt es bereits jetzt schon nach Kapitulation: «Das Monument … ist ein Mahnmal gegen Krieg und Gewalt in jeglicher Form – auch gegen die Gewalt von Terroristen», ergänzte kürzlich Mennicke-Schwarz eine Stellungnahme von Halbouni zur leidigen Fahnen-Frage. Es gab sie also doch – die «Terroristen».

Peter Grimm ist deutscher Journalist und Filmemacher und gehörte in den 1980er Jahren zur Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Auf seinem Internet-Auftritt zitiert er Halbouni, der erklärt hatte, dass er «das Kunstwerk nicht neu bewerten» müsse, weil «eine der dort kämpfenden Parteien die Busse dort aufgerichtet hat, um eine Schutzbarrikade für die Zivilbevölkerung zu errichten, um die Sicht von Scharfschützen zu blockieren». Dazu meint Grimm: «Was vor Schüssen schützt, ist also erst einmal gut, egal unter welcher Fahne? Wenn die Stadt dieser Logik konsequent folgt, kann sie ja zum nächsten 13. Februar ein Denkmal für den unbekannten Luftschutzwart errichten. Dessen Dienst diente doch auch dazu, Menschen vor Bomben zu schützen, oder?»

«Monument» reiht sich also nahtlos in den Dauer-Streit über das Gedenken in Dresden ein. Aber Strassenkrawalle ums «richtige Trauern» über Krieg, während das Land aktuell wieder Krieg führt? Ein Vorschlag: Schafft doch Gedenken ganz ab und macht endlich mal richtig Frieden.

http://domiholblog.tumblr.com/

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