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Geschichte, Kultur

Zum 208. Geburtstag Charles Darwins

darwin

von Colin Goldnerhttps://hpd.de

Zeit seines Forscherlebens hatte Charles Darwin (1809-1882) damit zu kämpfen, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in Einklang zu bringen mit der herrschenden Doktrin des christlichen Abendlandes einer gottgegebenen und gottgewollten Vorrangstellung des Menschen über alle Natur. Nicht zuletzt hatte er vor seinen naturwissenschaftlichen Studien ein komplettes Theologiestudium absolviert.

Bereits 1838 hatte Darwin einen ersten Entwurf seiner Theorie über die Entstehung der Arten erstellt, aber erst mehr als zwanzig Jahre später getraute er sich, seine Arbeiten zu veröffentlichen, deren zentrale Aussage die der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen war. (Und selbst in seiner letztlich im Jahre 1859 publizierten Abhandlung On the origin of species drückte er sich um die Einbeziehung des Menschen in seine Argumentation herum; erst im Schlusswort findet sich eine eher vage Andeutung: „Licht wird auch fallen auf den Menschen und seine Geschichte“.(1) Die Theorie der Entstehung des Menschen aus affenähnlichen Vorfahren wurde, als solche ausformuliert, erst vier Jahre später von einem Freund Darwins, dem Biologen Thomas Henry Huxley vorgelegt. Es sei, so Huxley „kein vernünftiger Grund vorhanden , daran zu zweifeln, dass der Mensch in dem einen Falle durch allmähliche Wandlung eines menschenähnlichen Affen, oder in dem anderen Falle ebenso als eine Abzweigung desselben ursprünglichen Stammes wie jene Affen entstanden sein könnte“.(2)

Im Frontispiz seines 1863 erschienenen Buches Evidence as to Man’s Place in Nature stellte Huxley demonstrativ Abbildungen von Menschenaffenskeletten in eine Reihe mit dem Skelett eines Menschen. Darwin selbst brauchte weitere zwölf Jahre, bis er mit seiner zweiten großen Schrift The Descent of Man, veröffentlicht im Jahre 1871, nachzog.(3) Zur Abstammung des Menschen schrieb er, immer noch in vorsichtiger Wortwahl: „Da vom körperlichen Äußeren und vielleicht auch von der Intelligenz her die Menschenaffen dem Menschen am ähnlichsten sind, liegt es nahe, anzunehmen, dass die biologischen Vorfahren des Menschen so ähnlich ausgesehen haben und ähnliche Eigenschaften gehabt haben müssen, wie diese Affen, dass beide Gruppen vielleicht sogar dieselben Vorfahren haben.“(4)

Darwin-Karikatur aus " The Hornet" vom 22. März 1871
„A Venerable Ourang-Outang: A Contribution to Unnatural History.“ Darwin-Karikatur aus “ The Hornet“ vom 22. März 1871, Foto: © Archiv GAP

In Wissenschaftskreisen stieß Darwins Evolutionslehre auf große Zustimmung, führende Zoologen wie Carl Vogt, Gustav Eberhard Jäger oder Ernst Haeckel trugen zu ihrer relativ raschen Verbreitung bei. Wie etwa der Arzt und Philosoph Ludwig Büchner in seinen Vorlesungen über die Darwin’sche Theorie von der Verwandlung der Arten von 1868 ausführte, sei „durch eine Fülle von Thatsachen bewiesen, dass weder körperlich, noch geistig ein absoluter oder qualitativer, sondern dass nur ein relativer und quantitativer Unterschied zwischen Mensch und Thier besteht.“ Keineswegs könne man weiterhin den Menschen als den „Mittelpunkt und alleinigen Zweck der gesamten organischen Schöpfung, als das Ebenbild Gottes oder als den Herrscher der irdischen Welt“ betrachten.(5)

Rasch formierten sich auch die Kritiker. Während der Bonner Medizinhistoriker Moritz Ernst Adolph Naumann sich in einer Schrift von 1869 noch betont seriös mit der Abstammungslehre Darwins auseinandersetzte (letztlich aber nicht von seiner Überzeugung abrückte, „dass der Mensch weder direct vom Affen herstamme noch auch nur mit demselben einen gemeinschaftlichen Stammvater besitze“(6), hatten andere nur Spott dafür übrig: Darwin und seine Anhänger wurden auf jede nur erdenkliche Art diffamiert und verhöhnt. Allerdings erschienen seine Schriften den Vertretern der herrschenden Ordnung so bedrohlich, dass schon ab Mitte der 1860er vielerorts Verbote erlassen wurden, sich an Schulen damit zu befassen; in preußischen Bildungseinrichtungen durften sie ab 1879 nicht einmal mehr erwähnt werden. Ein entsprechendes Verbot galt in mehreren Bundesstaaten der USA noch bis in die 1960er hinein (und wird von vielen Lehrern an öffentlichen Highschools bis heute fortgeführt (7)).

Erwartungsgemäß stieß und stößt Darwins Evolutionslehre vor allem in fundamentalreligiösen Kreisen auf erbitterten Widerstand. Der lutherische Missionsprediger Richard Wurmbrand beispielsweise schwadronierte 1976 in einer bis heute vielfach neuaufgelegten und in unzählige Sprachen übersetzten Hetzschrift: „Kein Wunder, dass Marx so großen Gefallen an Darwins Buch ‚Die Abstammung des Menschen’ fand, ein weiterer meisterlicher Schlag, um die Menschen ihren göttlichen Ursprung und ihr göttliches Ziel vergessen zu machen. (… )Später vollendete Freud das Werk dieser beiden satanischen Giganten.“(8) Anderweitig streute Wurmbrand die frei dahererfundene (bis heute aber vielkolportierte) Behauptung, Darwin habe sich kurz vor seinem Tod von der Evolutionsbiologie abgewandt und sei zum Schöpfungsglauben zurückgekehrt.(9) Ähnliches verbreitet der Islam-Gelehrte Dr. Karim M. Islamabadi, der behauptet, es gebe im Koran „hinreichend Beweis dafür, dass die Ankunft des Menschen auf der Erde keineswegs aus einer graduellen Wandlung vom Affen“ herrühre, wie Darwin fälschlich angenommen habe; vielmehr sei der Mensch entstanden „aus dem Willen Gottes“.(10) Erdoğan läßt grüßen…(11)

Und selbst unter aufgeklärteren Zeitgenossen ist das Wissen um die Evolution keineswegs selbstverständlich: noch bis in die jüngste Vergangenheit hinein behaupteten „Intelligent-Design-Kreationisten“ wie Wolf-Ekkehard Lönnig vom Kölner Max-Planck-Institut oder Siegfried Scherer von der TU München, es gebe keinerlei stichhaltigen Beweis für Darwins Theorien von Artenwandel und Makroevolution, was den Schluss zulasse, eine „intelligente Macht“ (=Gott) müsse die Arten erschaffen haben.(12)


Quellen:

(1) Darwin, Charles: On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life. London , 1859 (deutsch: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. Stuttgart, 1963, S. 676)

(2) Huxley, Thomas Henry: Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur (übers.v.Gerhard Heberer) Stuttgart, 1963, S. 40 (orig.: Evidence as to Man’s Place in Nature. London 1863)

(3) Darwin, Charles: The descent of man, and Selection in Relation to Sex.. London , 1871 (deutsch: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl. Stuttgart, 1982 )

(4) zit.in: Rapsak, Rudolf: Das 19. Jahrhundert. Wien, 2001, S. 125f.

(5) Büchner, Ludwig: Sechs Vorlesungen über die Darwin’sche Theorie von der Verwandlung der Arten. Leipzig, 1868, S.206f.

(6) Naumann, Moritz Ernst Adolph: Die Naturwissenschaften und der Materialismus. Bonn, 1869, S. 96

(7) Voß, Oliver: US-Lehrer zweifeln an Evolution. in: www.focus.de/wissen/mensch/kreationismus-us-lehrer-zweifeln-an-evolutionaid594587.html vom 30.01.2011

(8) Wurmbrand, Richard: Das andere Gesicht des Karl Marx. Seewis/CH, 1976, S.79f.

(9) vgl. Stuhlhofer, Franz: Charles Darwin. Weltreise zum Agnostizismus. Berneck/CH, 1988, S.90f

(10) Islamabadi, Karim, M.: Darwin’s Theory of Evolution Disproved. in: www.islamicvoice.com/march.99/science.htm#DAR, 3/1999

(11) vgl. Chefai, Florian: Türkei streicht Evolution aus Lehrplan. in: https://hpd.de/artikel/tuerkei-streicht-evolution-dem-lehrplan-14025 vom 25.01.2017

(12) vgl. Kutschera, Ulrich: Die kruden Thesen deutscher Anti-Darwinisten. in:

www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,607704,00.html vom 15.02.2009

https://hpd.de/artikel/zum-208-geburtstag-charles-darwins-14078

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