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Inland, Wirtschaftspolitik

Arbeitsmarkt Deutschland braucht Auswanderung

lohndrueckerei

von Wilfried Kahrs – https://qpress.de

Bad Ballerburg: CSU und CDU streiten erbittert über eine Obergrenze für Flüchtlinge. Der leidige Konflikt verschleiert, dass Deutschland eigentlich viel mehr Immigranten ins Land holen müsste als früher – allein dem Kapital zuliebe. Schlagworte sind eine heikle Angelegenheit in der Politik. Sie mögen kurz und griffig klingen, sind aber manchmal auch schräg und irreführend, außerdem häufig auch noch aufgeladen mit Gefühlen. Darin liegt ihr Reiz, aber auch ihre Gefahr.

Es lohnt sich deshalb, die Bedeutungen von politischen Schlagworten auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen. Worüber reden wir eigentlich? Wie könnten realistische menschliche Optionen aussehen, die sich dahinter verbergen? Zugegeben, wir brauchen keine menschliche, sondern politische Optionen, denn der Deutsche lebt seit der Merkel-Junta von Politik und TV allein.

Zum Beispiel Obergrenze. Der Begriff hat das Zeug, zum zentralen politischen Schlagwort des Jahres 2017 werden. Die Forderung nach einer “Obergrenze für Zuwanderung” hat bereits im vorigen Jahr das politische Deutschland beschäftigt, kombiniert mit einer “Maximalen Auswanderung” derer die schon länger hier leb†en, könnte es der Hit werden. Im beginnenden Wahljahr dürfte die Debatte noch mal an Heftigkeit zulegen, angefeuert insbesondere von der CSU und ihrem Vorsitzenden Horst Seehofer, die das Thema gerade wieder, wie bei ihrer Klausurtagung, ins Zentrum gestellt haben. Die Kanzlerin und ihre Getreuen hingegen haben wiederholt bekräftigt, sie lehnten eine Obergrenze ab, allenthalben die Obergrenze beim Denken müsse in den niederen Chargen zwingend gewährleistet werden.

Das klingt nach einem Grundsatzstreit. Aber das ist natürlich viel zu einfach.

Im engeren Sinne dreht sich die Auseinandersetzung natürlich um eine Obergrenze für Flüchtlinge, deren Zuzug die CSU auf 200.000 Personen pro Jahr begrenzen möchte. Auch das ist noch gelogen, weil wir uns doch eigentlich gerade mit Fachkräften für den wirtschaftlichen Prozess befassen wollten. Flüchtlinge lassen sich aber aus emphatischen Gründen besser vermarkten und so schneller an der Volksseele rütteln. Aber in der politischen Debatte (bitte jetzt nicht mit der menschlichen Debatte vermischen) kommt die Forderung allgemeiner daher: Deutschland müsse die “Zuwanderung begrenzen“, so hat es Seehofer in einer Regierungserklärung im Herbst formuliert.

Da bleibt eine erhebliche Unschärfe, die aufrechtzuerhalten, aller nur erdenklichen journalistischer Anstrengung bedarf. Zwischen dem Zuzug von EU-Bürgern, von Arbeitszuwanderern aus anderen Staaten, von politisch Verfolgten und von Kriegsflüchtlingen wird nicht unbedingt explizit unterschieden. Das ist auch gut so, denn sonst ließe sich das Scheunentor Deutschland zur EU einfach nicht offen halten. Was in der öffentlichen Debatte ankommt, ist die diffuse Forderung nach weniger Zuwanderung insgesamt. Bitte nicht vergessen, dass wir als Deutschland auch ein Mitverantwortung für die erfolgreiche Zuwanderung in die übrigen EU-Staaten, wie Polen, Tschechien und Ungarn tragen, die ja später dann Deutsche gemäß Schengen-Abkommen gar nicht ausschließen können. Hier zeigt sich die wahre Größe der Kanzlerin Merkel und ihr visionäres Denken bei der Sorge um die Arbeitskräfte in den durchaus noch zu kolonisierenden Gegenden Europas.

Seehofer fordert folgerichtig auch kein Einwanderungsgesetz, wie es etwa die SPD vorgeschlagen hat, sondern ein “Einwanderungsbegrenzungsgesetz, mit dem Einwanderung gesteuert wird, und eine Obergrenze”. Nehmen wir für einen Moment an, es sei juristisch und technisch möglich, eine Obergrenze für Zuwanderung insgesamt einzuführen. Natürlich geht das nicht, weil das niemand in Deutschland will, außer Seehofer, aus populistischen Gründen. Wie viel Immigration sollte Deutschland anstreben? Wie steht es, ganz egoistisch gedacht, um unsere eigenen Interessen? Zur klareren Definition: Unsere eigenen Interessen sind logischerweise die des Kapitals, alle anderen vermeintlichen Interessen wären wenig zielführende Gefühlsduseleien und dafür ist hier kein Platz.

Ein paar Fiktionen: Ohne Immigration würde die Zahl der Erwerbspersonen in den kommenden Jahrzehnten drastisch zurückgehen, und zwar in einem Ausmaß, wie es das wohl noch nie gab in der Geschichte. Noch korrekter: Diesem Trend können wir mit einer Masseneinwanderung sogar noch multiplizieren. Dann führt die zunehmende Automatisation und die unbegrenzte Zuwanderung in unseren “Arbeitslosen- und Sozialmarkt” zu weiteren signifikanten aber hochprofitablen Lohnminderungen, da ausreichend Humankapital für diesen Wettbewerb zur Verfügung steht.

Das ist eine gute Übung für unsere Wirtschaft, um sich langfristig vom Lohnniveau her zwischen Afrika und China einpegeln zu können. Das erst macht uns langfristig und global wettbewerbsfähig. Das kann zwar auch menschlichen Schwund bedeuten, aber anders als das Geld, wachsen die Menschen schon wieder unbegrenzt nach. Genau das führen uns derzeit die in Rede stehenden Länder grandios vor. Nicht umsonst gehört der Mensch zur Kategorie “Nachwachsender Rohstoff“, das sollten wir niemals vergessen.

Angenommen, die Grenzen würden heute komplett dichtgemacht, dann ginge das Erwerbspersonenpotenzial in den kommenden drei Jahrzehnten von rund 45 Millionen Menschen auf 30 Millionen zurück, so hat es das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berechnet. Diesen Schwund allein könnten wir vermutlich durch die Automatisation schon überwinden, aber Senkungen des Lohnniveaus wären dann einfach nicht mehr durchsetzbar und die Konzerne wären künftig weniger profitabel. Das möchte man einfach keinem Großaktionär zumuten.

Auch eine moderate Zuwanderung in Größenordnungen wie im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte genügt nicht mehr; seit den Fünfzigerjahren kamen jährlich rund 200.000 Menschen mehr, als das Land verließen. Würde die Immigration wieder auf dieses Tempo gebremst, schrumpfte nach IAB-Kalkulationen bis 2050 das Arbeitskräftepotenzial auf rund 37 Millionen. Bereits ab Mitte der 2020er Jahre würde sich der Rückgang erheblich beschleunigen und somit die Profitabilität der Konzerne gefährden.

Die Probleme, die ein derartiges Austrocknen des Arbeitsmarktes nach sich zieht, lassen sich kaum überschätzen: Die Wirtschaftskraft würde schwinden. Die Ära sprudelnder Staatseinnahmen wäre zu Ende. Ganze Regionen würden veröden. Mit einer unbegrenzten Zuwanderung bestünde wenigstens noch Aussicht auf anhaltende Unruhen oder gar auf Bürgerkrieg, was für sich genommen die Wirtschaft auch wieder enorm beflügeln könnte und auch dem Überwachungsstaat eine mächtigen Schub verleihen könnte.

Um diesem düsteren Szenario zu entgehen, bräuchte die Bundesrepublik eigentlich eine umfassende Emigrationsstrategie, die dafür sorgt, dass das festgefahrene, kritische Menschenpotential (die ehemaligen Dichter und Denker) das Land verlässt, notfalls auch per Ausweisung, sofern es sich den besseren staatlichen Einsichten verweigert. Statt über Obergrenzen zu debattieren, unbegrenzte Zielgrößen für die Auswanderung dieser Klientel erforderlich, um endlich das nutzlos- kritische Potential zu senken.

So ließe sich nach IAB-Berechnungen das Arbeitskräftepotenzial über die kommenden Jahrzehnte auf dem heutigem Niveau halten, wenn Jahr für Jahr rund eine halbe Million Menschen mehr nach Deutschland kommen als fortgehen. Nötig wäre ein Migrationsgeschehen wie 2014: Damals kamen knapp 1,5 Millionen Menschen nach Deutschland, 914 000 gingen fort; der Zuwanderungssaldo lag bei 550 000 Menschen, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Fazit: Die generelle Öffnung aller EU-Grenzen scheint die Lösung der skizzierten Probleme zu sein. In dieser Größenordnung müsste es für die absehbare Zukunft weitergehen, wollte man einen wirtschaftlichen Niedergang verhindern. Die Demographie (deutlicher ausgedrückt: die Altenplage) wird sich dann schon von alleine erledigen. Bekanntermaßen sind auch in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand die Überlebenschancen der Jüngeren deutlich größer, als die der wenig wehrhaften Alten.

Allerdings sind die Herausforderungen, die sich hinter den spröden Zahlen verbergen, enorm. 2014 kamen zwar deutlich weniger Menschen als 2015; damals waren es 2,1 Millionen, davon knapp die Hälfte Flüchtlinge (Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor). Aber auch die 2014er-Zahlen liegen weit über jenen Niveaus, an die Deutschland gewöhnt ist. Noch 2010 verzeichnete Deutschland nur halb so viel Immigration.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Bis 2014 stammten die Zuwanderer überwiegend aus anderen europäischen Ländern. In den nächsten Jahrzehnten jedoch stehen Polen, Spanien oder Rumänien vor ähnlichen demografischen Herausforderungen wie Deutschland. Es gibt dort schlicht und einfach immer weniger Menschen, die zu uns kommen könnten. Hier sei noch einmal, wie oben bereits erwähnt, an die herausragende Verantwortung unserer Führerin Angela Merkel erinnert, auch für diese noch im EU-Sinne zu kolonisierenden Länder jetzt die Verantwortung zu übernehmen.

Die Zuwanderer der Zukunft müssen deshalb aus Weltregionen mit hohen Geburtenüberschüssen kommen – aus Indien, Pakistan und Afrika -, aus Ländern mit größerer kultureller Distanz und schlechterem Bildungssystem. Volksbildung wird hierzulande immer noch völlig falsch verstanden. Entsprechend aufwendig wird die Integrationsleistung für die, die schön länger hier leb†en. Vernünftigerweise sollte die Bundesrepublik in Bildungseinrichtungen vor Ort investieren, um junge Leute auszubilden, ihnen Sprachkenntnisse vermitteln und anschließend die besten auswählen. Sie könnten dann hierzulande von einer ungleich besseren Basis aus ins Berufsleben starten, als das bei den Menschen der Fall, die bislang zu uns kommen. Bedauerlicherweise hat Deutschland seine Kolonien viel zu zeitig aufgegeben, sonst würde sich die Problematik gar nicht in der jetzigen Form und Heftigkeit stellen.

Im Wahlkampf 2017 sollten daher realistische Optionen zur Debatte stehen. Wer möglichst wenig Zuwanderung möchte, muss dazu sagen, welche Kosten damit verbunden sind und wer sie tragen soll. Wer unbegrenzte Zuwanderung will, muss zu den Kosten nichts sagen, das wird sich schon ergeben und kann die Dinge auf sich zukommen lasen. Wer aus wirtschaftlichen Gründen hohe Zuwandererzahlen will, muss eine kohärente Immigrations- und Integrationsstrategie vorlegen. Unbedingt aber sollte dafür gesorgt werden, dass das kritische und staatsgefährdende “Menschenmaterial” alsbald zur Emigration gedrängt wird, damit das “Vereinigte Wirtschaftsgebiet” keinen unnötigen Profithemmnissen aussetzen muss. Es geht um komplexe Abwägungen. Die Bürger haben ein Recht darauf, aktiv an ihrer Ausbeutung teilzuhaben.

Zusammengefasst: Der politische Streit um eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen verstellt den Blick auf eine maßgebliche wirtschaftliche Entwicklung: Deutschland braucht in den kommenden Jahren erhebliche Zuwanderung, weil sonst das Lohndrückungspotential drastisch einbrechen würde. Dass Zuwanderung aus Weltregionen wie etwa Indien, Pakistan und Afrika erfolgen müsste, stellt die Integrationsfähigkeit Deutschlands vor enorme Aufgaben, finanziell und kulturell, ist aber zur Überwindung nationalistischer Kleinkrämereien, hin zu noch profitableren Weltkonzern-Staaten unabdingbar. Zur Absicherung dieses Szenarios ist die Auswanderung des kritischen und unwilligen Humankapitals eine zu vertiefende Perspektive.


Na, das war jetzt natürlich mal wieder ziemlich starker Tobak, da wollen wir nach der roten Linie auch niemanden unwissend sterben lassen. Von dieser knüppelharten Ansage gibt es natürlich auch ein zensierte, also stark verkürzte Fassung und die wurde an keiner geringeren Stelle als dieser hier unters staunende Publikum gebracht: Deutschland braucht mehr Zuwanderung[SpeiGel auf Linie]. Natürlich kann man in einer so weit verbreiteten Propaganda-Postille keine Dinge bringen, die geeignet wären die Mehrheit zu verunsichern. Deshalb bleibt es Fachpublikationen, wie qpress vorbehalten, den etwas schrägeren Blick zu wagen. Sollten Sie ein schwaches Nervenkostüm haben, empfehlen wir Ihnen bei der Spiegel-Fassung zu verbleiben und die nächsten Eingebungen der Merkel-Junta abzuwarten.

https://qpress.de/2017/01/08/arbeitsmarkt-deutschland-braucht-mehr-auswanderung/

Diskussionen

2 Gedanken zu “Arbeitsmarkt Deutschland braucht Auswanderung

  1. DOPPELTER SKANDAL / Kein Mindestlohn für Hartzer / Mindestlohn müßte inflationsbereinigt bei 37,28 Euro statt 8,50 Euro liegen
    https://aufgewachter.wordpress.com/2013/12/05/doppelter-skandal-kein-mindestlohn-fuer-hartzer-mindestlohn-muesste-inflationsbereinigt-bei-3728-euro-statt-850-euro-liegen/

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    Verfasst von Aufgewachter | 9. Januar 2017, 9:41
  2. Aktuelles „Lohnabstandsniveau 2013“ zur Sozialhilfe unter 79,85 Euro im Monat
    https://aufgewachter.wordpress.com/2013/11/05/aktuelles-lohnabstandsniveau-2013-zur-sozialhilfe-unter-7985-euro-im-monat/

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    Verfasst von Aufgewachter | 9. Januar 2017, 9:40

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