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Kultur, Satire

Mehrheit der Deutschen will lieber Freiheit aufgeben

freiheit

von Wilfried Kahrs – https://qpress.de

Bad Irrsinn: Es ist einfach nur gut, das wir stets über brandaktuelle Umfragen auf dem Laufenden gehalten werden. Insbesondere, wenn diese etwas darüber aussagen, was WIR eigentlich wollen. Für viele Menschen ist das ein echtes Problem. Würde man ihnen nicht auf diese klare und unmissverständliche Art und Weise suggerieren, was sie mehrheitlich zu wollen haben, würden sie schier verzweifeln. So kommt dann auch die letzte Meinungs-Suggestivumfrage in Sachen Sicherheit einmal mehr zu dem glasklaren Ergebnis, dass die Bundesbürger mehrheitlich “mehr Sicherheit” wollen.

Logischerweise geht das immer nur als ziemlich hartes Tauschgeschäft gegen die Währung “Freiheit“, das ist ein alter Hut. Aber wer braucht heutzutage schon noch “Freiheit”? Das ist doch nur was für Leute die sich so etwas auch leisten können. Ergo geben wir doch besser gleich alles das auf, was wir ohnehin nicht haben können, um hernach mit dem was wir definitiv nicht haben, wenigstens in Sicherheit zu sein. Das ist übrigens für diejenigen, die sich dennoch die Freiheit leisten können, gar kein Problem, weil sie vorzugsweise auch diejenigen sind, die über unsere Sicherheit entscheiden. So einfach kann das Leben sein.

Sehen wir uns dazu jetzt einmal den Reigen der Wiederholungen in der freien und unabhängigen Presse an. Hierbei geht es vornehmlich darum, wie schön undifferenziert die alle zu ein und demselben Ergebnis kommen können. Immerhin bekommt der Bürger dabei einen Endruck davon, was er eigentlich ist: nicht der Staat, sondern eine Bedrohung für denselben. Sicher, das liegt vornehmlich an dererselben Studie, auf die da Bezug genommen wird. Muss man denn da in der Bewertung auch gleich zu demselben Ergebnis kommen? Hier die erste Schlagzeile: Terrorismus • Sicherheit • Deutschland | Umfrage: Mehrheit der Deutschen für mehr Videoüberwachung[N-TV]. Naja, Videoüberwachung ist ja noch keine Sicherheit, aber dazu später mehr.

Zeitlos geht es natürlich nicht, deshalb hier sogleich die zweite Schlagzeile: Innere Sicherheit | Mehrheit der Deutschen für stärkere Videoüberwachung [ZEIT]. Da werden auch schon Ross und Reiter genannt, wir zitieren mal:

Nach dem Anschlag in Berlin und dem Tod des mutmaßlichen Attentäters befürwortet eine Mehrheit der Deutschen eine verstärkte Videoüberwachung im öffentlichen Raum. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Deutsche Presse-Agentur sprachen sich 73 Prozent für eine Aufstockung der Polizeikräfte aus, 60 Prozent sind für mehr Videoüberwachung.

Mehrheit der Deutschen will lieber Freiheit aufgebenWas soll man dazu noch sagen? Noch so ein Anschlag und wir sind dann schneller bei 99 Prozent Zustimmung zu allen Repressionen als wir da noch meinungsbefragen können. Seltsam auch, wie einheitlich im Zweifel die daraus hervorblitzenden Schlussfolgerungen sind. Wenn in diesen Berichten eines nicht vorkommt, dann ist es Kritik an dem Verlangen nach Sicherheit. Vermutlich verbietet sich das für einen würdigen Journalismus. Da wird man so würdige und aussagekräftige Volksbefragungen doch nicht kritisieren oder gar infrage stellen? Wir sind da ernstlicher bemüht, genau zu ergründen welche Ergebnisse da in Auftrag gegeben wurden. Die Umfrage selbst ist weniger von Interesse.

Damit die gesunde Volksmeinung in den nächsten Wochen und Monaten auch auf die nunmehr vorgegebenen Werte kommen kann, müssen wir nur noch unendlich dieses Meinungsbild replizieren und über alle Kanäle wiederholen. Wir wissen, es ist so lange zu wiederholen, bis es endlich wahr wird. Bestens wir bringen dazu auch das Original: Mehrheit der Bürger spricht sich nach Anschlag von Berlin für mehr Polizei und Videoüberwachung aus [YouGov]. Schade dass wir den Auftrag nicht bekommen haben, wir hätten bestimmt noch bessere Ergebnisse erzielt.

Traue keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast

Das schöne an solchen Umfragen ist, wie auch bei der erwähnten, dass man einfach die Zahl der Befragten nicht angibt. Dann schreibt man fix die beauftragten Ergebnisse auf (in Prozentzahlen natürlich). Wir hätten es ja fairerweise auch so gemacht, dass wir rund 10.000 Leute befragt hätten (vornehmlich für die Abrechnung mit dem Auftraggeber) und die paar Hundert, die sich für eine Verschärfung von Sicherheit und Überwachung ausgesprochen hätten, die hätten wir sogar zu 79 % gesetzt und den Rest der Befragten einfach ignoriert. Aber das Institut sieht seriös aus, immerhin heißt es “YouGov” … was sicher implizieren soll das wir da mitregieren können.

Abschließend vielleicht noch erste Erkenntnisse aus England (als PDF, weil die öffentlich-rechtlichen regelmäßig solche Inhalte löschen). Dort hat man inzwischen resigniert feststellt, dass es trotz vieler Videokameras kein signifikantes “Mehr” an Sicherheit gibt. Wenn man aber späterhin Bewegungsprofile der Menschenmassen erstellen möchte, sind Videokameras mit einer Gesichtserkennung sicher eine prima Idee. Das wäre also ein beträchtlicher Schritt in Richtung Überwachungsstaat, halt als Kollateralschaden. Aber wer will heute so etwas bösartiges da hineininterpretieren wollen? Sicher nur verschrobene Verschwörungstheoretiker! Wichtig wird demnächst also erst einmal, dem wehklagenden Ruf des Volkes nach mehr Sicherheit durch mehr Überwachung Rechnung zu tragen. Spötter sagen, dass wir nur dafür den Terror brauchen.

https://qpress.de/2016/12/28/mehrheit-der-deutschen-will-lieber-freiheit-aufgeben/

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