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Asien, Ausland

Glasjew – Die organische Natur Eurasiens

glasjew

von Sergej Glasjew – http://vineyardsaker.de

Übersetzung eines Interviews mit Sergej Glasjew (Quelle)

Sergej Glasjew: „Wir stehen an der Schwelle eines grundsätzlich neuen Modells weltwirtschaftlicher Beziehungen“

Die Wahl Donald Trumps und die Absage der USA an die Transatlantische Partnerschaft können die EU oder mindestens den Teil ihrer selbständigsten Mitglieder an die Seite Russlands – in das Euroasiatische Bündnis – führen. Darüber, was bei uns im Allgemeinen geschieht, worin die Unterschiede bestehen und welche Perspektiven es gibt, redete der „Militär-Industrielle Kurier“ mit dem Berater des russischen Präsidenten, Sergej Glasjew.

„Es gibt Lokomotiven des Wirtschaftswachstums, die außerhalb der Grenzen unseres Landes liegen, aber sehr wichtig für uns sind.“ Glasjew

– Sergej Jurjewitsch, können wir die Wirtschaften des Euroasiatischen und des Europäischen Bündnisses heute vergleichen?

– Es gibt nichts Einfacheres. Nehmen Sie die Statistik, stellen Sie die Parameter gegenüber. Der wesentlichste Unterschied ist die Höhe der Prozentsätze für Kredite. In der Europäischen Union sind sie bei Null mit offenem Zugang zur Kreditwirtschaft. Bei uns sind die Sätze auf weltweitem Rekordniveau. Deshalb dauert dort in der EU – ungeachtet bestimmter Schwierigkeiten – die Modernisierung an, neue Technologien finden den Eingang in die Wirtschaft und die Ingenieurschulen entwickeln sich aktiv. Und bei uns – nur wegen der überhöhten Prozentsätze – sitzt die forschungs- und kostenintensive Industrie immer noch nur in den Startlöchern und wartet auf ihre Budget-Zuweisungen, was natürlich einen anwachsenden technologischen Rückstand zur Folge hat.

In Europa ist die Haushalts-Politik darauf angelegt, die Entwicklung voranzutreiben, es gehen zum Beispiel drei Viertel der Gelder weg zur Unterstützung der Bildung, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Wir leben leider bis jetzt in einem Modell von hundertjähriger Dauer, in dem die Hauptmittel für die Bürokratie verbraucht werden und dafür, was man einen Polizeistaat nennt. Für die Entwicklung bleibt nicht mehr als ein Viertel der Ausgaben übrig.

Gerade in der Kredit- und Finanzwirtschaft und in der steuer- und haushaltsmäßigen Ebene steckt der Schlüsselunterschied zwischen der EU und der EAWU, der Euroasiatischen Wirtschaftsunion. Wobei in Europa die Steuern hauptsächlich auf die Superreichen, eigentlich auf den Superkonsum, und bei uns auf die Produktion erhoben werden. Unser realer Sektor lebt unter um vieles schlimmeren Bedingungen, als die Konkurrenten. Deshalb gibt es ein solches Gleichgewicht des Handels mit Europa: wir exportieren den Rohstoff und bekommen die fertigen Waren zurück. Denn bei uns zu produzieren ist teuerer, die Kredite sind faktisch unzugänglich und die Steuern sind höher.

– Wie viel sollte man – Ihrer Meinung nach – für die bewaffneten Strukturen ausgeben und dabei speziell für die Verteidigung?

– Man muss nicht einfach das Budget in die funktionalen Richtungen verteilen und mit den Entwicklungszielen koordinieren. Wenn die Gelder für den Inhalt des bürokratischen Apparates verbraucht sind – dann ist das eine Sache. Eine andere Sache ist – wenn man es für die defensive Wissenschaft ausgibt. Dafür muss man mehr verbrauchen, viel mehr als jetzt – um konkurrenzfähig zu sein und außerdem finanziert man doch damit den wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Bei uns gibt es überschüssige Kosten für die Bürokratie, die Zahl der Beamten je Einheit des Bruttosozialproduktes ist wahrscheinlich die höchste in der Welt, zehn Prozent mehr, als es in der Sowjetunion gab. Hier muss man verringern und die Kosten für die Entwicklung vergrößern. Sie sollten nicht weniger als zwei Drittel des Budgets bilden. Und heute sind sie ungefähr ein Viertel. Vor allem wird die Erhöhung der Haushaltszuweisungen für die Wissenschaft gefordert – etwa um dreimal – um den weltweiten Standards zu entsprechen. Für die Bildung sollten wir ungefähr anderthalb Mal mehr als jetzt und für das Gesundheitswesen ungefähr doppelt so viel verbrauchen. Dann werden wir uns dem durchschnittlichen Niveau in der Welt annähern.

– Kann sich die Euroasiatische Wirtschaftsunion ohne die Ukraine realisieren?

– Sie realisiert sich auf jeden Fall. Mit der Ukraine hätte sie, natürlich, mehr Wirtschaftsraum, sie wäre konkurrenzfähiger, die Synergieeffekte wären höher.

– Welche Rolle spielt die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) heute in der Welt?

– Was, Sie wollen sofort über die Welt reden?! Ihre Rolle ist in erster Linie in unserer Wirtschaft groß. Das ist ein riesiger allgemeiner Markt, der Anteil Russlands beträgt ungefähr 80 Prozent nach dem Produktionsumfang. Jeder Teilnehmerstaat – Kasachstan, Weißrussland, Armenien, Kirgisien – hat starke Seiten.
Ihre Kombination ermöglicht es uns, jene Kooperation wieder herzustellen, die es früher gab und die notwendig war, um neue gemeinsame Projekte zu bauen und Investitionen im allgemeinen Interesse und derart zu realisieren, dass die Wirtschaftsaktivität steigt.
Das gibt zusätzliche Konkurrenzvorteile.

Ich kann zum Beispiel darauf verweisen, dass sofort nach der Schaffung des Zollbündnisses und der Abnahme der entsprechenden Barrieren der Umfang des gegenseitigen Handels um anderthalb Mal in nur einem Jahr gewachsen ist. Und heute bleibt vor dem Hintergrund des allgemeinen Fallens des Warenumsatzes diese Tendenz erhalten und ist für uns weiter eine perspektivische und wichtige Richtung der Entwicklung.

Es gibt die Lokomotiven des Wirtschaftswachstums, die außerhalb des Landes liegen, aber sehr wichtig für uns sind, beispielsweise der weißrussische landwirtschaftliche Maschinenbau, der mit russischen Motoren und anderen Bestandteilen vervollständigt wird. Dieses Beispiel führt uns vor, dass ein beliebiger Erfolg in jedem unserer Staaten ein Plus für uns alle ist.

– Für Russland ist es vorteilhaft, mit den Mitgliedern der EAWU zu handeln, und auch bei ihnen zu kaufen?

– Bei uns hier ist ein großer Raum für die Arbeit, weil der Anteil des gegenseitigen Handels, wenn wir nur über Russland reden, nur 13% ausmacht, bei Weißrussland – ist es ungefähr die Hälfte. Und dieses Wirtschaftsmodell führt uns vor, wie man die Vorteile der euroasiatischen Integration und die Abwesenheit von Zollgrenzen verwenden kann.
In der russischen Wirtschaft bleibt die viel zu hohe Neigung zur Seite der Förderindustrie der chemischen Rohstoffe erhalten, auf deren Anteil ein großer Teil des Warenumsatzes nicht nur im Außenhandel, sondern auch innerhalb der EAWU fällt. Deshalb muss die Betonung auf der Entwicklung des Maschinenbaues und anderer forschungsintensiver Zweige liegen, wo noch eine ausgeprägte Basis existiert, die auf die ganze ehemalige Sowjetunion ausgerichtet ist. Nur wegen des Fallens der Maßstäbe der Produktion konnten sie die erwünschte Rentabilität nicht erreichen.

Sagen wir, unsere Flugzeugindustrie arbeitete auf einem Drittel der Welt, und heute, wie Sie sehen können, kann sogar solch ein großes Territorium, wie die Russische Föderation, die Produktionskapazitäten nicht auslasten. Die moderne Wirtschaft ist auf den Weltmarkt ausgerichtet, aber darauf muss man sich erst einen eigenen Raum erobern, in dem man dann versucht, Konkurrenz zu vermeiden. Und dafür müssen wir in erster Linie in dem allgemeinen Wirtschaftsraum trainieren.

Und überhaupt können wir feststellen, dass die Epoche der liberalen Globalisierung zu Ende geht. Der gewählte amerikanische Präsident hat die Unterzeichnung des Abkommens über die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft mit der Europäischen Union abgesagt, er hat auch den Austritt der USA aus dem TTP erklärt. Das heißt, sie geben weitere Versuche, Grenzverläufe anzupassen auf. Gleichzeitig unterlassen sie es, die Standards des IWF über alle Wirtschaften zu stülpen – sie haben endlich begriffen, dass das keinen Effekt mehr bringt. Wir stehen an der Schwelle der Bildung eines grundsätzlich neuen Modells von weltwirtschaftlichen Beziehungen, die erlauben, die Bedeutung der nationalen Souveränität wieder herzustellen und wo jeder Staat versuchen kann, ein Maximum an Konkurrenzvorteilen zu realisieren.

Bei uns in der EAWU bleibt eine in erster Linie juristische Konkurrenz erhalten, weil die europäische Integration, nach deren Beispiel wir begannen, das Bündnis zu bauen, heute wie ein hartes bürokratisches Imperium erscheint. Diese Härte führt zur Zerbrechlichkeit, der Abwesenheit von Flexibilität, der Nichtachtung der nationalen Besonderheiten. Der Versuch, alle über einen Kamm zu scheren, hat dazu geführt, dass Großbritannien gerade die Europäische Union verlässt. Und das ist nur der Anfang. Die Europäische Union wird entweder dezentralisiert auseinander fallen, oder sogar zerstört werden.

Vor diesem Hintergrund ist unsere euro-asiatische Integration organischer, sie berücksichtigt die Originalität der Länder, wir vereinigen nur die Wirtschaftsräume und versuchen nicht, die politischen Systeme zu vereinheitlichen. Wir dringen nicht in die Steuer- und Haushaltspolitik ein und wir schaffen kein Währungsbündnis. Wir vereinigen nur jene Funktionen zur Regulierung der Wirtschaft, von denen ein allgemeiner Vorteil für die Kosten durch die Größe des Maßstabes der Produktion, der Kooperation, der Kombination der Konkurrenzvorteile angenommen werden kann. Dieses euroasiatische Modell ist heute attraktiver und perspektivischer, als die harte bürokratische Struktur der EU, die nur auf Nötigung gegründet ist.

P.s. Am WE tagte die EAWU-Führung in Peter. Lukaschenko fehlte, als eines von drei Gründungsmitgliedern. Er pokert mit WWP um die Gaspreise. Die Situation in Weißrussland ähnelt der Ukraine 2013.

http://vineyardsaker.de/2016/12/28/glasjew-die-organische-natur-eurasiens/#more-157

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