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Ausland, Naher Osten

Wer profitiert vom ‚Sarajewo Moment‘ der Türkei?

karlowsbeerdigung

von Pepe Escobar – https://einarschlereth.blogspot.com

Ich habe in meinen Artikeln zu Putin und Erdogan (hier und hier) und mehreren Kommentaren darauf verwiesen, dass die Orientierung der Türkei nach Eurasien und SCO und OBOR das einzig Sinnvolle ist. Dann machte Erdogan wieder eine 180° Wendung – möglicherweise auf Grund übler Behandlung durch die USA – aber nun scheint er den Kanal vom Westen endgültig voll zu haben. Sinnvoll wäre auch, wenn jemand dem Erdogan mal stecken würde, sich die Minoritäten-Politik Russlands genauer anzusehen, dann könnte er das Kurden-Problem auch vom Tisch fegen, das so viel Unglück schon über beide Völker gebracht hat. Und wenn manche meinen – ich will mich da nicht ausnehmen – dass Putin gegenüber Erdogan zu nachsichtig und nachgiebig gewesen sei, so hat der schlaue Fuchs mit Geduld und Spucke am Ende doch Recht behalten. Eine Sache ist nämlich bisher von allen Analytikern übersehen worden: Durch den Deal mit der Türkei bekommt Russland wieder Zugang zum Mittelmeer und seiner Basis in Syrien. Wir konnten ja schon mehrmals sehen, wie schwierig sich die Gestaltung des Nachschubs gestaltete – erst jüngst, als die russische Flotte halb Europa umsegeln musste, um vor Syrien in Stellung gehen zu können. Durch die Dardanellen ist es ein Katzensprung. Das wird die USRAELNATO auch besonders stark fuchsen.

Lasst uns gleich zum Kern der Sache kommen: Ankara 2016 ist nicht Sarajewo 1914. Dies ist kein Vorspiel zum 3. Welt-Krieg. Wer immer den Mord am russischen Botschafter in der Türkei Andrei Karlow geplant hat – ein kühler, ruhiger, gefasster Diplomat der alten Schule – riskiert einen mächtigen Rückschlag.

Der Mörder Mevlut Mert Altintas war ein 22-jähriger Absolvent der Polizei-Akademie. Er wurde von der Turkish National Police (TNP) suspendiert wegen des Verdachts von Verbindungen mit der Fethullahist Terrorist Organization (FETO) nach dem gescheiterten Putsch am 15 Juli gegen Erdogan, doch kehrte er im November in den Dienst zurück.

Es ist kein Geheimnis, dass die Gülenisten die TNP stark infiltriert haben; ein spezielles Ergebnis des Angriffs wird ein noch eifrigerer Schlag gegen das Gulen-Netzwerk. Die türkische Untersuchung wird sich nicht nur auf den großen Sicherheits-Lapsus im Ankara Zentrum für moderne Kunst konzentrieren müssen – sondern weit darüberhinaus. Es ist nicht sehr beruhigend, dass der türkische Innenminister Suleyman Soylu eine scharfe Erklärung drei Stunden nach dem Ergebnis abgab.

Der Killer in schwarzem Anzug und Krawatte schrie Schlagworte von Rache „Für Aleppo“ – das Requisit „Allahu Akbar“ gehörte auch dazu – auf Türkisch und gebrochenem Arabisch, was eine Verbindung zur Rhetorik einer islamistischen Gruppe bedeuten könnte, obwohl es keine schlüssige Beweisführung gibt.

Das Timing ist wichtig. Der Mord geschah nur drei Tage vor dem geplanten Treffen der Außenminister Russlands, der Türkei und Irans in Moskau für eine strategische Diskussion über Syrien. Sie standen schon zuvor in enger Verbindung darüber, wie man einen umfassenden Deal zu Aleppo – und darüberhinaus – gestalten könnte.

Und dies direkt nach dem entscheidenden vorausgehenden Putin-Erdogan Abkommen, was nicht weniger als tausende „moderater Rebellen“ umfasst, die auf Befehle der Türkei hören, die durch einen „Korridor“ aus Aleppo herauskommensollen. Ankara hat dem Plan voll zugestimmt. Das beseitigt die Möglichkeit, dass Ankara eine Provokation unter falscher Flagge begeht.

Präsident Putin seinerseits hat es sehr deutlich gemacht, dass er informiert werden möchte, wer den Killer „angeleitet“ hat. Das könnte als subtiler Hinweis gewertet werden, dass der russische Geheimdienst bereits eine ganze Menge weiß.

Das Ganze Bild

An der bilateralen Front arbeiten jetzt Moskau und Ankara im Konter-Terrorismus eng zusammen. Türkeis Verteidigungsminister wurde nach Russland eingeladen wegen Verhandlungen über Luftverteidigungssysteme. Der bilaterale Handel boomt wieder, der auch die Schaffung eines gemeinsamen Investitionsfonds umfasst. An der besonders wichtigen Energiefront wurde der Turkish Stream, trotz Obamas bessenem Versuch, ihn zu stoppen, das Subjekt eines Staatsgesetzes in Ankara zuvor in diesem Monat.

Die Atlantiker sind entsetzt, dass Moskau, Ankara und Teheran jetzt voll damit beschäftigt sind, einen Plan für Syriens Zukunft nach der Schlacht von Aleppo zu machen unter deutlichem Ausschluss der NATO-Golfländer-Kombination.
In diesem Kontext muss die Gefangennahme einer Bande von NATO-GCC hohen Geheimagenten – unter US-Führung in der „Koalition“ – durch syrische Spezialeinheiten in Aleppo gewertet werden.

Das syrische Parlamentsmitglied Fares Shehabi, Chef der Handelskammer in Aleppo, veröffentlichte die Namen der gefangenen Koalitions-Offiziere; die meisten sind Saudis; ein Katari; die Anweseheit eines Marokkaners und eines Jordaniers wird erklärt durch die Tatsache, dass Marokko und Jordanien „inoffizielle“ GCC-Mitglieder sind.

Und dann gibt es noch einen Türken, einen Amerikaner (David Scott Winer) und einen Israeli. Die NATO ist also nur durch zwei Leute vertreten, aber die NATO-GCC Verbindung ist eindeutig. Wenn diese Information weitergeht – und das ist noch ein großes „wenn“ – können dies sehr wohl Militärpersonal und Feldkommandeure sein, die formell die „moderaten Rebellen“ berieten und können nun ein großartiges Verhandlungs-Druckmittel in der Hand von Damaskus sein.

Sowohl die NATO als auch die GCC haben keinen Piep verlauten lassen; nicht einmal Leugnungen von nicht-Leugnungen sind aufgetaucht. Das könnte bedeuten, dass ein Schatten-Deal zur Freilassung der wertvollen Gefangenen läuft, was Damaskus noch mehr stärkt.

Es war Präsident Putin, der fast allein die de facto russisch-iranisch-türkische Achse dazu brachte, sich mit den Fakten in Syrien zu beschäftigen – parallell zur rhetorik-lastigen aber Lösungs-armen UNO-Charade, die immer noch in Genf läuft. Moskaut betont diplomatisch, dass die Arbeit der Achse die in Genf komplementiert. Tatsächlich ist dies die einzige Arbeit, die auf der Realität basiert. Und man nimmt an, dass definitive Parameter vor Ort unterzeichnet werden, bevor Trump im Weißen Haus einzieht.

In einer Nussschale: die fünfjährige (und noch laufende) NATO-GCC- Kombo-Show für das milliardenschwere Regierungswechselprojekt in Syrien ist elendig gescheitert. Der listige Erdogan scheint seine realpolitische Lektion gelernt zu haben. Das eröffnet an der atlantischen Front nichtsdestoweniger viele Wege, um geopolitischen Ärger  zu inszenieren.

Die neuen Seidenstraßen (OBOR)

Das Große Bild könnte für die neocon/neoliberalen Atlantiker absolut nicht schlimmer sein. Ankara steuert langsam aber sicher den eurasischen Weg an; bye bye EU und eventuell die NATO; willkommen auf den Neuen Seidenstraßen, aka der China-getriebene Gürtel. Ein Gürtel, eine Straße (OBOR); die russisch getriebene Eurasia Economic Union (EEU); die Shanghai Cooperation Organization (SCO); die russisch-chinesische strategisch Partnerschaft; und die Turkei als Knotenpunkt in der Eurasien-Integration.

Da all das geschehen wird, hat Erdogan geschlossen, dass Ankara bei dieser Russland-China-Iran langfristigen Strategie dabei sein muss, um Syrien zu befrieden und auch zu einem Knotenpunkt der Neuen Seidenstraßen zu machen. Zwischen dem hier und einer „Allianz“ fließender Interessen mit Katar, Saudiarabien und den USA bedarf es keiner großen Überlegung.

Aber täuscht euch nicht. Es wird Blut fließen.

Quelle – källa – source

Aus dem Englischen: Einar Schlereth

https://einarschlereth.blogspot.com.tr/2016/12/wer-profitiert-vom-sarajewo-moment-der.html#more

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