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Debatte, Religion

„Islamophobie“ – der Blasphemievorwurf der westlichen Linken

ghazzali

von Kacem El Ghazzalihttp://hpd.de

Es ist völlig klar, dass der Islam Aufklärung benötigt. Doch die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, diesen Aufklärungsprozess in Gang zu setzen. Was also tun? Zuvorderst ist es wichtig, dass man sich auf einige Basisbanalitäten verständigt. Zum Beispiel darauf, dass nicht „islamophob“ ist, wer den konservativen Alltagsislam im Allgemeinen und den Islamismus im Besonderen kritisiert. Im Gegenteil: Kritik ist die Voraussetzung jeglicher Aufklärung im Islam. Ein Kommentar von Kacem El Ghazzali.

Die Geschichte lehrt uns, dass die europäische Aufklärung nicht von heute auf morgen vonstatten ging. Es war nicht so, dass Europa eines schönen Tages aufgewacht ist und sich plötzlich anschickte, eine säkulare und pluralistische Gesellschaft zu formen. Um die neue Welt zu errichten, durchschritt Europa einen dialektischen Prozess der Aufklärung, der gekennzeichnet war von harten geschichtlichen Auseinandersetzungen.

Ein ähnlicher Prozess, wenn auch noch auf bescheidenerem Niveau, ist hier und da durchaus auch in der islamischen Welt zu beobachten. Unglücklicherweise sieht sich dieser Prozess jedoch hartnäckigstem Widerstand ausgesetzt. Nicht nur seitens fundamentalistischer Muslime, sondern auch seitens westlicher Intellektuellen, regressiver Linken und politische Rechten.

Es ist jedenfalls schon erstaunlich, dass ausgerechnet jene Liberalen aus dem Westen, die für sich das Erbe der Aufklärung in Anspruch nehmen, nicht selten davon sprechen, dass Islamisten und Djihadisten den Islam missbrauchen würden. Was macht sie so sicher, dass sie bar jeder Evidenz und Erfahrung unentwegt behaupten, die Fundamentalisten seien nicht islamisch und hätten nichts mit dem Islam zu tun? Missbrauchte etwa auch der Prophet Mohammed den Islam, als er, wie es im Koran und den Hadithen nachzulesen ist, religiöse Kriege gegen Nichtgläubige und Juden geführt oder Apostaten zum Abschuss freigegeben hatte?

Diesem Aufklärungsverrat zum Trotz finden sich heutzutage in der islamischen Welt Gelehrte und Intellektuelle, die sich nicht scheuen, die Dinge beim Namen zu nennen und im selben Atemzug offen auszusprechen, dass es im Islam massive Probleme gibt. Elham Manea zum Beispiel, eine jementisch-schweizerische Dozentin für Politikwissenschaften an der Universität Zürich, argumentiert, dass der Prophet Mohammed zwei Gesichter habe: ein friedliches, aber auch ein gewalttätiges. Manea sagt, es bringe nichts, den Kopf in den Sand zu stecken und zu behaupten, dass der Islamismus den Islam missbrauche. Um ein Gegenmittel gegen den grassierenden Fundamentalismus zu finden, sei es vielmehr zentral, anzuerkennen, dass der Islamismus nicht etwas Fremdes; etwas der weit verbreiteten traditionellen Auslegung des Islam Hinzutretendes sei.

Natürlich ist Kritik am Islamismus und Islam in Zeiten des neuen westlichen Populismus ein sehr kompliziertes Thema. Es gibt selbstverständlich Menschen, die versuchen, unsere Arbeit und unsere Bemühungen zu instrumentalisieren, Menschen, mit denen wir nicht viele Gemeinsamkeiten teilen (politisch, intellektuell, historisch ..).

Was wir tun sollten, ist, solchen Menschen recht zu geben, wo sie Recht haben und zu kritisieren, wo sie falsch liegen. Vermeidung und Zensur der Kritik am Islam, nur weil die Populisten und Demagogen dies tun, ist das größte Versagen aller Liberalen und Freidenker.

Europa, Islam und „Islamophobie“

Ist der Westen heute also konfrontiert mit der Rückkehr eines neuen religiösen Fundamentalismus in einem neuen Gewand? Ja, aber dieses Mal ist es nicht die Kirche, sondern die Moschee, die ihren globalen Allmachtsanspruch anmeldet. Der islamische Fundamentalismus betrifft daher nicht nur die islamischen Länder, sondern er stellt ein weltweites Problem dar.

Trauriges Beispiel für diese Tatsache sind die weltweiten Terroranschläge im Namen des Islam, wie etwa jüngst in Nizza. Und ebenfalls, auch hierzulande, die religiös begründeten Sonderwünsche einiger Muslime, nicht zuletzt an öffentlichen Schulen.

Vollkommen absurd in diesem Zusammenhang wird es, wenn diejenigen, die diesen Forderungen kritisch gegenüberstehen, der „Islamophobie“ bezichtigt werden. Eine bewährte Taktik der Zensur, wie sie insbesondere die Islamisten immer wieder anwenden, um jegliche auf Logik und auf vernünftigen Argumenten basierende Diskussion oder jede Kritik im Vorneherein abzuwehren und um ihre Kritiker auf Vorrat schlecht aussehen zu lassen.

Was dabei äusserst seltsam anmutet, ist, dass Teile der westlichen Liberalen dem Islam immer wieder in die Falle gehen. Wenn es um den Islam geht, vertreten sie unter dem Banner des Multikulturalismus und der falsch verstandenen Toleranz oftmals genug eine regressive, ja eine reaktionäre Position.

Würde jene regressive Linke dieselben Positionen einnehmen, wenn christliche Fundamentalisten aus religiösen Gründen ein Verbot des gemeinsamen Schwimmunterichts von Mädchen und Jungen oder ein Handschlagverbot für Knaben mit weiblichen Lehrpersonen fordern würden?

Die Ideologie der Islamisten richtet sich letztlich gegen alles, was uns einst lieb und teuer war: die in der Aufklärung errungenen Werte der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Statt also auf diejenigen regressiven Linken zu hören, die wie beim djihadistischen Anschlag in Paris und  auf Charle Hebdo noch beinahe jeden islamistischen Terroranschlag verharmlost oder gar legitimiert haben, sollte der Westen besser Denkerinnen und Denker wie Elham Manea, Ahmed Mansour, Hamed Abdel Samad und andere liberale, säkulare Muslime und Ex-Muslime unterstützen. Diese kennen den Islam nicht nur besser, sondern sie haben auch unter seinen religiösen Gesetzen gelebt und sich für Jahre eingehend mit ihm auseinandergesetzt.

Diese (ex-)muslimischen Aufklärerinnen und Aufklärer sind der Auffassung, dass, um die Aufklärung im Islam zu initiieren, zunächst die unleugbare Tatsache anerkannt werden muss, dass der Islam selbst, also auch der Prophet und der Koran, nicht unfehlbar ist und Gegenstand von Kritik sein muss.

  • Kacem El Ghazzali

    Der Autor ist einer der wenigen Marokkaner, die ihren Atheismus öffentlich vertreten. Er lebt deswegen seit 2011 als Flüchtling in der Schweiz. Der Schriftsteller ist Vertreter der International Humanist and Ethical Union am UNO-Menschenrechtsrat in Genf sowie Ko-Direktor der Raif Badawi Foundation for Freedom.

http://hpd.de/artikel/islamophobie-blasphemievorwurf-westlichen-linken-13875

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Diskussionen

2 Gedanken zu “„Islamophobie“ – der Blasphemievorwurf der westlichen Linken

  1. Der Autor macht den verbreiteten Fehler, wenn er von „dem Islam“ spricht. Wie auch im Falle anderer Religionen gibt es kaum etwas, was alle Muslime zu allen Zeiten in allen Ländern eint. Die Einheit bzgl. der sogenannten „Fünf Säulen des Islams“ (Glaubensbekenntnis, Gebet, Wallfahrt nach Mekka, Almosen, Fasten) hat keine Relevanz für das Zusammenleben mit Anders- oder Garnicht-Gläubigen. Man betrachte z.B. die Lage in Tatarstan an der Wolga (Russische Föderation), wo Muslime und (orthodoxe) Christen offensichtlich nicht nur friedlich nebeneinander her leben , sondern zusammen leben. Solche „Zustände“ gefallen natürlich Islamisten und anderen reaktionären Kräften nicht, aber zu tun als repräsentierten diese die Gesamtheit oder auch nur die Mehrheit der Muslime, ist falsch. Interessanterweise hat übrigens eine wissenschaftliche Erhebung gezeigt, dass selbst in der Türkei unter Erdoğan die „Frömmigkeit“ der Muslime in den letzten Jahren weniger geworden ist. Natürlich machen die Extremisten besonders viel Krach und verüben empörende Verbrechen gegen Unschuldige. Daraus aber zu schließen, sie seien auch nur im Entferntesten die Vertreter des wahren Islams, ist ebenso abwegig, wie es in den 70ern gewesen wäre, die RAF für die anerkannten Vertreter des deutschen Marxismus zu halten. Ich schreibe das wohlbemerkt nicht alleine auf der Basis der Lektüre von Büchern zum Islam und seiner Geschichte, sondern auch auf der Basis des privaten Kontaktes zu gläubigen Muslimen verschiedener sozialen und regionaler Herkunft. Das Alles bedeutet natürlich nicht, dass unsere Gesellschaft die bewusste Verletzung unserer Gesetze mit irgendwelcher weltanschaulicher/religiöser Begründung akzeptieren darf – weder durch Muslime noch durch christliche „Lebensschützer“ etc. etc..Wie der Autor an anderer Stelle durchaus zutreffend schreibt: „Diesem Aufklärungsverrat zum Trotz finden sich heutzutage in der islamischen Welt Gelehrte und Intellektuelle, die sich nicht scheuen, die Dinge beim Namen zu nennen und im selben Atemzug offen auszusprechen, dass es im Islam massive Probleme gibt.“ Ja, es gibt „im“ Islam massive Probleme so wie es eben auch massive Probleme (ökonomische, politische, kulturelle) in der islamischen Welt gibt, und wie es diese auch „im“ Christentum gibt, wenn man z.B. die Bedeutung evangelikanischen Wirkens in verschiedenen lateinamerikanischen (katholischen) Staaten bedenkt, wo faschistische oder faschistoide „Führer2 wie Rios Montt in Guatemala oder heute der neue brasilianische Präsident ihr Hochkommen nicht zuletzt deren Bemühungen verdankt haben und verdanken. Bevor der Autor zu diesem wahren Satz vorgedrungen war, schrieb er aber: „Es ist jedenfalls schon erstaunlich, dass ausgerechnet jene Liberalen aus dem Westen, die für sich das Erbe der Aufklärung in Anspruch nehmen, nicht selten davon sprechen, dass Islamisten und Djihadisten den Islam missbrauchen würden. Was macht sie so sicher, dass sie bar jeder Evidenz und Erfahrung unentwegt behaupten, die Fundamentalisten seien nicht islamisch und hätten nichts mit dem Islam zu tun? Missbrauchte etwa auch der Prophet Mohammed den Islam, als er, wie es im Koran und den Hadithen nachzulesen ist, religiöse Kriege gegen Nichtgläubige und Juden geführt oder Apostaten zum Abschuss freigegeben hatte?“ Hier erklärt er aber umstandslos die Positionen islamischen Fundamentalisten und Traditionalisten, die dazu neigen, der Koran und die Hadithe aus ihrem historischen Zusammenhang zu reißen und wörtlich zu nehmen, für die Position „des“ Islams. Analog könnte man z.B. die Position der (katholischen) Kreuzfahrer, die als sie Jerusalem eroberten, nicht nur alle Juden und Muslime, derer sie habhaft wurden, abschlachteten, sondern ebenso die Mitglieder „orientalisch-christlicher“ Gemeinschaften, als Ausdruck „des“ Christentums erklären.

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    Verfasst von A.Holberg | 14. Januar 2019, 10:29
  2. Liebe Kacem El Ghazzali, Islam ist in Jahr 595 geplant. Es waren Interessen an Werk. Es war viel Geld und die besten Kämpfer der Welt (Normanen und nordische Männern) gerufen. Durch Mittel-Meer wurde Botschaft in Mekka gebracht. In Mekka war damals eine Familie an der Macht, teil dieser Familie war Katholik. Eine Frau aus dieser Familie der sehr Reicht war hat ein Auftragt bekommen, und ausgeführt. Ein Katholischen Mönch hat die bezen der Galube gefestigt.

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    Verfasst von hans | 13. Januar 2019, 21:45

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