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Ausland, Nordamerika

US-Vizepräsident Mike Pence – ein christlicher Theokrat im Wartestand?

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von https://deutsch.rt.com

Das liberale Amerika und Europas Eliten sind sich einig: Gegen die Präsidentschaft Donald Trumps müssen alle Register gezogen werden. Die politischen Positionen seines Vizes Mike Pence dürften den meisten von ihnen allerdings noch wesentlich weniger behagen.

Seit fast zwei Wochen ist der Milliardär und Immobilienmogul Donald J. Trump gewählter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Seine offizielle Amtseinführung wird am 20. Januar 2017 stattfinden und von jenem Moment an wird er tatsächlich die Geschicke der Supermacht jenseits des Atlantiks lenken.

Das liberale Amerika befindet sich immer noch in Schockstarre. Großspender George Soros hat erst jüngst die „Democracy Alliance“ zusammengerufen, um mögliche nächste Schritte zu erörtern, die den im Weißen Haus und beiden Häusern des Kongresses auf die Plätze verwiesenen Demokraten einen möglichen Weg aus der Misere bahnen könnten.

Der Milliardär George Soros als Gast bei der

Einige Kommentatoren klammern sich noch an dürre Strohhalme wie ein mögliches Ausscheren von Wahlmännern im Electoral College. Militante Kräfte legen im Zuge von Protesten – in aller Regel ohnehin demokratisch regierte – Städte in Schutt und Asche. Strategischer denkende Köpfe wollen im Kongress Allianzen gegen Trump organisieren, um vielleicht eines Tages einen Vorwand für ein Amtsenthebungsverfahren zu finden und einige besonders Enttäuschte tragen ihr Herz auf der Zunge und twittern sogar darüber, den missliebigen Überraschungssieger durch ein Attentat aus dem Weg zu räumen.

Bei genauerer Betrachtung könnte jedoch allen Beteiligten klarwerden, dass sie ein vorzeitiges, unnatürliches Ende einer Trump-Präsidentschaft nicht wirklich wollen. Zumindest nicht wollen können – denn fiele Trump weg, wäre der Weg frei für seinen Vizepräsidenten, den früheren Gouverneur von Indiana, Mike Pence.

Einige von dessen Äußerungen über Syrien oder Russland, die im Unterschied zu Trump eine konfrontative Neigung erahnen lassen, mögen Labsal für die geschundenen Seelen liberaler Interventionisten und Neokonservativer gewesen sein. Dennoch wäre der zu erwartende Fallout eines vorzeitigen Endes der Trump-Präsidentschaft, das mit höchster Wahrscheinlichkeit dazu führen würde, dass Pence das Weiße Haus übernehmen würde, ein aus Sicht des liberalen Amerikas und auch der europäischen Eliten höchst unbehaglicher.

Jeremy Scahill hat dies in einem mit reichlich Schaum vor dem Mund angereicherten, ausführlichen Beitrag über Pence und dessen politischen Hintergrund in „The Intercept“ deutlich zum Ausdruck gebracht, in welchem er diesen als einen „christlichen Suprematisten“ schilt. Mike Pence wäre demnach jemand, der im Zweifel die „Seelen der mitfühlenden, human denkenden Menschen im Land und in der Welt“ mit noch ungleich größerer Unbill belasten würde als der Lebemann und Entertainer aus Queens dies selbst je bewerkstelligen könnte. Pence, so warnt Scahill, werde zu Unrecht als „vernünftiges Gegengewicht“ zu Trump und als „Brücke zum Establishment“ wahrgenommen.

Tatsächlich gibt es, was ihn betrifft, wenn überhaupt, jeden Grund, um ihn als noch erschreckender als den gewählten Präsidenten anzusehen.

Die Familie Donald Trumps, die in der Auswahl seines Running Mates ein entscheidendes Wörtchen mitzureden hatte, dürfte dem eindeutig der religiösen Rechten zuzurechnenden Mike Pence aus sehr zwingend erscheinenden wahltaktischen Gründen den Posten zugedacht haben.

Dass ein genuiner Kandidat der christlichen Rechten in den USA die Chance auf eine Nominierung als Präsidentschaftskandidat hat, gilt als unwahrscheinlich. Zwar konnten Kandidaten wie Pat Buchanan, Mike Huckabee oder Rick Santorum immer wieder in einzelnen Bundesstaaten Achtungserfolge erzielen, am Ende schaffte es das Establishment aber immer wieder problemlos, eine breite Koalition gegen sie zu bilden. Sie gelten bereits in der eigenen Partei als „not eligible“, als nicht mehrheitsfähig in der General Election.

Der deutsche Mainstream lässt keine Zweifel daran, was von Trump zu halten ist.

Andererseits kann aber auch kein republikanischer Kandidat ohne oder gar gegen die religiöse Rechte zum Präsidenten gewählt werden. Während George W. Bush 2004 seine Wiederwahl einer massiven Mobilisierung vonseiten evangelikaler Gruppen und einer Mehrheit unter den Katholiken verdankte, scheiterten John McCain und Mitt Romney vor allem am Desinteresse dieser Wählersegmente an ihrer Person. McCain hatte die Tiefreligiösen bereits durch abschätzige Bemerkungen im Wahlkampf vergrault, der Mormone Romney weckte vor allem unter den evangelikalen Protestanten den Glaubenskrieger und trieb sie in die Wahlenthaltung.

Nun war der in dritter Ehe verheiratete und für außereheliche Affären ebenso wie für Investitionen in Glücksspiel bekannte Donald J. Trump nicht gerade die prädestinierte Identifikationsfigur für streng religiöse Wähler. Interessant für diese Wählerschichten machte ihn vor allem seine Gegenkandidatin Hillary Clinton, die offenbar die Zeit für reif hielt, in den über die letzten Jahrzehnte hinweg insgesamt areligiöser gewordenen USA einen offensiven Kulturkampf gegen das so genannte „normative Amerika“ zu führen.

Clinton machte keinen Hehl daraus, dass sie Kindererziehung für eine primäre Aufgabe des Staates halten würde und den Eltern und Familien nur eine ergänzende Rolle zufiele. Sie machte stets deutlich, dass sie den Schwangerschaftsabbruch auch noch unmittelbar vor der Geburt als ein „Menschenrecht“ betrachtet und es für eine Selbstverständlichkeit hält, dass sich jedermann im Wege der staatlichen Krankenversicherung an der Finanzierung dieser Form von „reproduktiver Gesundheitsvorsorge“ zu beteiligen habe.

Religionen, die daran Anstoß nehmen, müssten eben „ihre Lehren ändern“, so Clinton. Und das sollte nicht bloß eine Anregung sein. Die von Wikileaks enthüllten Podesta-Mails offenbarten, dass die Demokraten mithilfe von Geldmitteln aus dem Soros-Etat progressive Gruppen gegründet hatten, die die Katholische Kirche infiltrieren und dort einen „Katholischen Frühling“ herbeiführen sollten.

Clintons Botschaft war eindeutig: Sie würde jedwedes religiös begründete Option-Out von staatlichen Vorgaben unter dem Banner des „Gemeinwohls“ welcher Art auch immer unterbinden. Anstelle der bislang gewohnten  wohlwollenden Neutralität des Staates gegenüber den Religionsgemeinschaften, die seit Gründung des Staates in den USA die Regel war, würde der Primat liberaler Politik unter Clinton auch im Bereich der Gewissensfragen durchgesetzt werden. Ganz im Sinne jenes Säkularismus-Verständnisses, wie es seit der Französischen Revolution in Europa vorherrscht, würde der Staat kein Recht auf ein „falsches Bewusstsein“ anerkennen, das von tradierten „reaktionären“ Vorstellungen herrühre.

In den kleinstädtischen, konservativ geprägten Gebieten der USA befürchtete man nun, dass Hillary Clinton nicht nur dem verfassungsmäßigen Rechts auf freien Waffenbesitz nach dem zweiten Zusatzartikel, sondern vielmehr sogar der im ersten Zusatzartikel verbürgten Glaubens- und Gewissensfreiheit ein Ende setzen würde. Die Möglichkeit, liberale Höchstrichter zu ernennen, würde auch alle rechtlichen Hindernisse in dieser Richtung beseitigen.

Proteste mit sonderbaren Forderungen gegen Donald Trump am Tag nach der Wahl.

Trump machte deutlich, die religiösen Rechte und Freiheiten der Amerikaner verteidigen zu wollen. Er versprach, Höchstrichter zu ernennen, die gegen eine Weiterentwicklung der Verfassung durch die Rechtsprechung eintreten und die den Beginn des verfassungsrechtlichen Schutzauftrages für das Recht auf Leben bereits auf den Zeitpunkt der Empfängnis datieren. Die Gesetzgebungsbefugnis in diesem Bereich würde demnach auf die Bundesstaaten übergehen, die dann auch eine restriktivere Gesetzgebung zur Abtreibung einführen könnten.

Vor allem versprach Trump, religiösen Familien und Gemeinschaften die Möglichkeit zu erhalten, sich staatlichen Gesellschaftsexperimenten und Social-Engineering-Vorhaben zu entziehen, etwa durch freie Bildungswahl oder die Beschränkung staatlicher Erzwingungsmöglichkeiten gegenüber Bürgern, die sich aus Gewissensgründen an bestimmten vom Staat vorgeschriebenen Maßnahmen nicht beteiligen wollen.

Wer seinem Kind keine schulische Sexualkunde zumuten oder die Evolutionstheorie lieber in seinen eigenen Worten erklären möchte, könnte die entsprechenden privatautonomen Schritte dazu veranlassen und notfalls weiter sein Kind selbst unterrichten. Wer keine Beiträge für Krankenversicherungsverträge leisten möchte, die Kosten für Mittel zur Empfängnisverhütung oder gar für Schwangerschaftsabbrüche erstatten, der würde dies weiterhin verweigern können. In einem Gemeinwesen wie den USA, in dem man darauf pocht, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei und wo die Vorstellung einer bestimmenden Rolle des Staates im Leben der Bürger Argwohn hervorruft, stellt dies auch eine geläufige amerikanische Lösung dar. Der Supreme Court hatte dies sogar in mehreren Fällen im Zusammenhang mit „Obamacare“ bestätigt.

Trumps Botschaft an die religiösen Wähler lautete demnach: „Ich verspreche euch nicht, ein guter Christ zu sein oder einen frommen Lebensstil zu praktizieren, aber ich werde mit aller Macht euer Recht verteidigen, dies ohne Wenn und Aber zu tun.“ Für die Amerikaner in den Kleinstädten und auf dem Land war diese Botschaft die passende, Hillarys militanter, europäischer Säkularismus hingegen wurde dort als extrem wahrgenommen. Christliche Blogs verglichen Trump mit dem altrömischen Kaiser Konstantin, einem Heiden, der dem Christentum Raum gab, sich frei zu entfalten, und auf diese Weise zu dessen Siegeszug beitrug – während Hillary Clinton ein neues Zeitalter des Diokletian mit Christenverfolgungen und tyrannischen Verhältnissen heraufbeschwören würde.

Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, dass die streng Gläubigen nicht ungeachtet der Aussicht, unter Hillary Clinton ihres Spielraumes beraubt zu werden, der wenig ausgeprägten religiösen Musikalität Trumps wegen am Ende doch wieder die Beteiligung an der Wahl verweigern, war es ein strategisch wichtiger Schachzug, ihnen im Amt des Vizepräsidenten auch eine positive Identifikationsfigur zu bieten.

Trumps Vize Mike Pence scheint sich jedoch nicht damit begnügen zu wollen, Bürgern, Familien und Gemeinschaften, die auf ein Leben nach biblischen Wertmaßstäben Wert legen, Schutz vor dem Zugriff des säkularen Staates zu gewähren. Vielmehr sei es ihm, schreibt Jeremy Scahill in seinem Essay für „The Intercept“, ein Anliegen, diese Wertmaßstäbe proaktiv zum Gegenstand staatlicher Politik zu machen und in letzter Konsequenz auch diese selbst religiösen Gesetzen unterzuordnen.

Der künftige Vizepräsident wuchs in einem katholischen Haushalt von Kennedy-Demokraten auf. Er konvertierte auf einem christlichen Musikfestival in Kentucky jedoch zum evangelikalen Christentum und gehört diesem seit dieser Zeit an. Pence beschreibt sich selbst als „Christ, Konservativer und Republikaner – in dieser Reihenfolge“.

Von den Titelseiten der Glamour-Magazine ins Weiße Haus. Melania Trump wird Amerikas neue First Lady.

Scahill, der bereits ein Buch über den, wie er ihn ortet, „geheimen Fundamentalismus im Herzen der amerikanischen Macht“ verfasst hat, mahnt, dass Trump für das „Komplott der wildgewordenen Zeloten“, die bereits seit langem eine „christliche Theokratie“ anstreben, nur die Funktion eines trojanischen Pferdes habe, während ihr Hauptinteresse Mike Pence gilt.

Für sie ist der Säkularismus der Feind“, meint der Autor. „Sie wollen eine von Gott gelenkte Regierung. Das ist [für sie] die einzig legitime Regierung. […] Wenn sie also vom Geschäft sprechen, sprechen sie nicht von etwas, das von Gott getrennt wäre, sondern von etwas, das in den Kreisen von Mike Pence als biblischer Kapitalismus bezeichnet würde, die Idee, dass dieses Wirtschaftssystem von Gott befohlen wäre.“

Pence, so der „Intercept“-Autor, habe im Unterschied zu Trump, der sich in vielen Themenbereichen erst entwickelt hätte, zeitlebens für das stark gemacht, was er als einen „christlichen Dschihad“ bezeichnet. Er habe nie einen Abstrich an seinem „Amerika-zuerst-Militarismus“ gemacht. Pence würde, so deutet Scahill an, den Schwangerschaftsabbruch zu einem Bundesverbrechen erklären und staatliche Mittel für die „Konversionstherapie“ locker machen wollen, deren Ziel es ist, Homosexuelle von ihrer Neigung zu „befreien“.

Mike Pence würde selbst die am weitesten reichenden Befugnisse für Sicherheitsbehörden billigen, die der Patriot Act hergibt. Er lehnt es demnach unter anderem ab, dass Bundesbehörden erst einen Beschluss auf der Basis des Gesetzes zur Überwachung in der Auslandsaufklärung (FISA) einholen müssen, um im Inland Hausdurchsuchungen durchzuführen oder Telekommunikationseinrichtungen zu überwachen.

Zwar hatte Pence als Gouverneur von Indiana unter dem Eindruck der Snowden-Enthüllung ein Gesetz unterschrieben, das den Gebrauch von Stingray-Telefonüberwachungstools einschränkte, andererseits hatte er sich jedoch auch für eine rückwirkende Immunität für Telekommunikationsunternehmen ausgesprochen, die in Überwachungsaktionen involviert waren.

Der Vizepräsident bekannte sich zwar zur Gesetzwidrigkeit von Folter, verteidigte aber die so genannten „verschärften Verhörmethoden“, die unter der Regierung George W. Bush angewandt worden waren. Diese, so Pence, hätten „Leben gerettet“ – im Unterschied zu beziehungsorientierten, auf Zwang verzichtende Verhörtechniken, die er als „Oprah-Winfrey-Methoden“ schmähte.

Was ebenfalls einen wesentlichen Unterschied zu Donald Trump darstellt, der in Fragen des Umgangs mit Whistleblowern wie Edward Snowden oder Julian Assange zumindest Gesprächsbereitschaft erkennen lässt, ist die rigide Haltung, die Pence diesen gegenüber an den Tag legt. Der künftige Vizepräsident, der von der ACLU im Jahr 2002 ein Rating von nur sieben Prozent im Bereich der Bürgerrechte bekam, sprach sich wiederholt gegen jedwede gesetzlichen Vorkehrungen zum Schutz von Whistleblowern aus. Mike Pence lehnt zudem eine mögliche Schließung des Gefangenenlagers in Guantanamo ab und will das System der Militärtribunale ausbauen.

Michael Flynn, ehemaliger Chef des Geheimdienstes des amerikanischen Militärs, der Defense Intelligence Agency (DIA), auf einer RT-Konferenz im Oktober 2015.

Mit Blick auf den Iran lehnt Pence zwar militärisches Vorgehen ab, spricht sich aber dafür aus, das Land „ökonomisch zu isolieren“. Sollte Israel, das sich durch einen möglichen Bau von Atomwaffen existenziell bedroht sieht, einen Präventivschlag gegen den Iran unternehmen, würde Pence, dies sagte er zumindest 2010, das Land der uneingeschränkten Solidarität vonseiten der Vereinigten Staaten versichern.
Innenpolitisch will Pence vor allem ein striktes Law-and-Order-Programm auf den Weg bringen. Proteste gegen vermeintlichen „institutionalisierten Rassismus“, die infolge des Todes mehrerer zum Teil unbewaffneter Afro-Amerikaner in mehreren US-amerikanischen Städten stattgefunden hatten, wies er als unberechtigt zurück und stellte sich vorbehaltlos hinter die Polizeibeamten. Diese seien „die Besten von uns“.

Mike Pence unterstützt eine Durchsetzung des in New York praktizierten „Stop-and-frisk“-Programms, das den Officers anlasslose Kontrollen von Fußgängern erlaubt, in allen Städten des Landes. Kritiker werfen der Polizei vor, dieses vorwiegend gegen Nichtweiße zum Einsatz zu bringen. Pence ist sich jedoch sicher:

Das Programm steht auf einem soliden verfassungsrechtlichen Fundament. […] Stop-and-frisk rettet im wahrsten Sinne des Wortes Leben, seit es in New York City eingeführt wird, und es wurde bereits in mehreren Städten eingeführt.

Einzig im Bereich des Quellenschutzes für Journalisten scheint Mike Pence liberaler zu sein als Trump, der bereits im Wahlkampf den Medien angekündigt hatte, dass seine Präsidentschaft für diese kein Zuckerschlecken werden würde. Pence hatte hingegen im Kongress einen Gesetzesvorschlag zum Quellenschutz eingebracht, als 2005 die ehemalige Journalistin Judy Miller in Beugehaft genommen wurde, nachdem sie sich geweigert hatte, als Zeugin im Zusammenhang mit der Enttarnung der CIA-Undercover-Agentin Valerie Plame auszusagen. Plame war unter anderem 2002 in den Niger entsandt worden, um dem angeblichen Versuch Saddam Husseins nachzugehen, die Uranverbindung Yellowcake zu erwerben. Der Entwurf erlangte jedoch keinen Gesetzesstatus.

Im Unterschied zu Donald J. Trump war Pence lange Zeit Befürworter des transpazifischen Freihandelsabkommens TPP – eine Position, die er seit seiner Nominierung zum Vize-Präsidentschaftskandidaten relativiert hat. Im Bereich der Klimapolitik hält der künftige Vizepräsident es zwar für wahrscheinlich, dass menschliche Aktivitäten einen Einfluss auf die Klimaentwicklung haben können. Wie Trump ist er aber der Auffassung, dass dieser nicht annähernd so groß sei wie die Befürworter weitreichender Klimaschutzverträge dies behaupten, und dass dieser vor allem keine weitreichende staatliche Reglementierung in der Energiepolitik oder zur Beschränkung wirtschaftlicher oder persönlicher Handlungsfreiheit rechtfertigen.

Eine wesentliche Rolle bei der Finanzierung von Wahlkämpfen, in die Mike Pence involviert war, spielte seit 2007 der Gründer des Söldnerverleihs Blackwater, der heute den Namen Academi trägt. Der ehemalige Navy SEAL, der seinen Hauptwohnsitz im österreichischen Neusiedl am See angibt, unterstützt seit Jahren konservative Initiativen in mehreren Bundesstaaten und war auch mit Pence und dem von 172 Kongressabgeordneten unterstützten Republican Study Committee übereingekommen, aktiv die Durchsetzung sozial- und fiskal-konservativer Agenden zu unterstützen. Aus der Familie von Eric Prince sollen insgesamt 150.000 US-Dollar in das Super PAC Make America Number 1 geflossen sein, das sich für das Ticket Trump/Pence eingesetzt hatte.

Edgar Prince, der Vater des Blackwater-Gründers, der den Autozulieferer Prince Machine Corporation und mehrere Einkaufszentren führte, hatte die christliche Rechte in den USA bereits in deren Anfangsjahren massiv finanziell unterstützt, unter anderem den Family Research Council von Gary Bauer oder James Dobsons Focus on the Family, die sich beide für die Stärkung traditioneller Familienwerte in der US-amerikanischen Öffentlichkeit engagieren. Eric Princes Schwester Betsy heiratete wiederum Dick DeVos, den Sohn des Amway-Gründers Richard DeVos und Eigentümer des Basketball-Teams Orlando Magic. Die miteinander verflochtenen Familien Prince und DeVos trugen bereits 1994 massiv zur damaligen „Konservativen Revolution“ bei, die Newt Gingrich im Wege der Midterm-Wahlen zum Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus machte.

Machen diese Verbindung Mike Pence nun aber tatsächlich zum „christlichen Theokraten“, wie es Jeremy Scahill in seinem Beitrag insinuiert?
Dass es in den USA tatsächlich christliche Organisationen gibt, deren Ziel es ist, die verfassungsmäßigen Rechte, die sie in den USA genießen, dafür zu nutzen, um an der Errichtung eines Staatswesens zu arbeiten, das auf religiöser Grundlage stehen soll, trifft zu.

Ähnlich wie es im Islam Kräfte gibt, die in Staaten, in denen Muslime eine Mehrheit stellen, die Verfassung durch das religiöse Recht der Scharia zu ersetzen trachten, gibt es ähnliche Bestrebungen auch im Christentum. Da es im Unterschied zum islamischen Extremismus allerdings keine namhaften staatlichen Akteure gibt, die diesen fördern oder bewaffnen würden, ist der militante christliche Extremismus zumindest in den Industrieländern relativ unbedeutend.

Beispiele für christliche Pendants zu IS oder al-Qaida sind die so genannten „Christlichen Rekonstruktionisten“ wie die Theologen R.J. Rushdoony und Gary North, die tatsächlich ein staatliches System auf der Basis des Alten Testaments anstreben, in dem beispielsweise Apostasie, Ehebruch, Hexerei, Blasphemie, Homosexualität oder sogar kindlicher Ungehorsam mit dem Tod bestraft werden sollen. Diese Bewegung befand sich jedoch bereits in den 1990er Jahren auf dem absteigenden Ast. Im Jahr 2008 wurde sie in einem Artikel für das Journal „Church History“ für tot erklärt.

Auch die so genannte „Dominion Theology“, die Rushdoony formuliert hatte und die neben dem Rekonstruktionismus auch bestimmte Erscheinungsformen des christlichen Nationalismus umfasst, spielt faktisch lediglich als Mittel des „Name-Callings“ auf liberalen Blogs eine Rolle. Zwar gibt es protestantisch-fundamentalistische Gemeinden, die für die Errichtung christlicher Gemeinden eintreten, die autark und ohne staatliche Einmischung nach alttestamentarischen Vorstellungen leben können – ihre Versuche, innerhalb der christlichen Rechten oder der Republikanischen Partei Einfluss zu gewinnen, waren jedoch weitestgehend erfolglos.

Auch mit Blick auf Jeremy Scahills Charakterisierung des künftigen US-Vizepräsidenten Mike Pence als „christlicher Theokrat“ dürfte das Bedürfnis nach Name-Calling die tatsächliche Substanz des wider ihn erhobenen Vorwurfs überlagern. Die beliebte Vorgehensweise, über die Verknüpfung personeller Verbindungen „guilt by association“ zu konstruieren, und die erkennbare Ablehnung der politischen Ziele des Trump-Vizes durch den Autor sind das Einzige, was der Beitrag auf „The Intercept“ nachweislich erkennen lässt.

Straßenszene in Damaskus: Es gibt nicht nur Krieg in Syrien.

Die bisherige politische Laufbahn des Mike Pence weist ihn klar als stramm konservativen Repräsentanten der Republikaner aus, der im Wesentlichen Inhalte vertritt, die innerhalb der christlichen Rechten Mainstream sind. Diese Auffassungen zu vertreten und politische Entscheidungen durchsetzen zu wollen, die auf diesen beruhen, ist jedoch in einem freien Gemeinwesen erlaubt und legitim. Ein Verstoß gegen verfassungsmäßige Rechte lässt sich darin ebenso wenig erkennen wie Bestrebungen, die staatliche Ordnung der USA als solche zu erschüttern.

Die wütende Kritik Scahills lässt einmal mehr die Ratlosigkeit erkennen, mit der areligiöse US-Liberale und aufgeklärte Europäer dem in vielen Ländern zu beobachtenden Phänomen gegenüberstehen, dass religiös-konservative Bestrebungen in den letzten Jahren deutlich selbstbewusster in der Öffentlichkeit auftreten und politische Kräfte, die eine Nähe zu traditionellen Vorstellungen der Religion suchen, an Rückhalt gewinnen. Der Erfolg der Trump-Koalition in den USA fällt ebenso in dieses Bild wie beispielsweise die Renaissance des Christentums in osteuropäischen Staaten – etwa Russland, Polen oder Ungarn – oder die Wahlerfolge der AfD in Deutschland.

Offenbar sehen viele Bürger eine Rückkehr zur überlieferten Religion oder religiös geprägten Kultur ihrer Länder als eine Form willkommener Selbstabgrenzung und sogar Emanzipation gegenüber dem Eindringen eines säkularisierten, liberalen Staates, der althergebrachte Werte durch humanistische und globalistische ersetzen will, auch in private Lebensbereiche. Traditionalismus und ein national gefärbter Konservatismus als Ausdruck der Rebellion gegen die globalen Eliten: Dies erwischt den westlichen Mainstream zunehmend auf dem falschen Fuß.
Was jedoch die Darstellung der politischen Positionen anbelangt, die Mike Pence vertritt, wird deutlich, dass sich das liberale Amerika mit dem Versuch, eine Präsidentschaft Donald J. Trumps zu unterminieren, möglicherweise selbst keinen Gefallen tun würde.

https://deutsch.rt.com/international/43383-us-vizeprasident-mike-pence-christlicher/

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