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Ausland, Naher Osten

Guten Morgen vom Twitter-Konto der israelischen Armee

twitterarmee

von Gideon Levyhttp://www.tlaxcala-int.org

Bild: Bildschirmabzug des offiziellen Twitter-Kontos  von Tsahal

Jeden Morgen postet die israelische Armee stolz auf ihrer  Twitter-Seite  Berichte von den Untaten der vergangenen Nacht: Gideon Levy hat sie entschlüsselt!

Wie bezeichnet man ein Regime, das jede Nacht Menschen aus ihrem Bett reißt? Wie soll man Massenverhaftungen ohne Mandat bewerten?

Wie difiniert man brutale Hausdurchsuchungen mitten in der Nacht, von denen manche  nur als Training gedacht sind?

Wie soll man solche  nächtlichen Aktionen bezeichnen, die jede Nacht von der Armee, der Grenzpolizei, und dem israelischen Sicherheitsdienst, Shin Beth, ausgeführt werden?

Wie soll man einen Staat nennen, in dessen Namen sie handeln – eine Demokratie, die einzige im Nahen Osten? Erinnert sich jemand an die finsteren Zeiten lateinamerikanischer Militärjunten, oder wird jemand wegen der Türkei besorgt? Willkommen  im israelischen Besatzungsgebiet Westjordanland, Nacht für Nacht, wenige Autominuten von Ihrem Zuhause!

Jeden Morgen berichtet die IDF (Tsahal)  stolz über Twitter die Untaten der vergangenen Nacht: „Im Laufe der Nacht haben unsere Kräfte Männer verhaftet, die wegen terroristischer volkstümlicher (!) Aktivitäten und gewalttätiger Ausschreitungen verdächtigt werden. Sie wurden den Sicherheitskräften zwecks Verhörs übergeben“.

„Gesuchte Männer“, „volkstümlicher Terror“, „Unruhen“- die Sprache ist poliert obwohl gespreizt,  und mit kindischen hebräischen Akronymen besetzt, die ein Geheimnis zu bergen scheinen.

Die Wortwahl ist stereotyp, die Die Verhafteten werden nicht genannt oder anders in ihrer Menschlichkeit anerkannt. Die Armee erscheint wie ein Jäger, der am Morgen seine Beute der vergangenen Nacht vorführt.

In der letzten Woche wurden in einer Nacht 23 Verhaftungen gezählt, 14 in der vorherigen Woche, in den Wochen davor 10 und 11. Nicht eine einzige Nacht ohne Entführungen dieser Art. Wer sind sie? Was haben sie gemacht? Wen kümmert es?

Es sollen Mitglieder der „Volksterrorbewegung“ sein, jetzt sind sie alle in den Händen der Sicherheitsdienste.

Manchmal werden kleine Leckerbissen angeboten:“ Heute Nacht haben unsere Kräfte in Nablus eine Wohnung und ein Lager abgeriegelt, das zur Vorbereitung von Sprengstoffattentaten diente .  Sprengstoffherstellung? Eine Wohnung? Ein Lager? Wer gibt  das Recht dazu? Nablus liegt in der Zone A und soll angeblich von den Palästinensern kontrolliert werden, aber wer kümmert sich um solchen Pipifax?

Manchmal geht es auch um Geld“: „Während der Operationen der Etzion-Territorialbrigade haben unsere Kräfte Tausende Schekel beschlagnahmt, die zur Finanzierung des Terrors dienen sollten. Sie wurden den Sicherheitsdiensten übergeben“. Manchmal grenzt es ans Groteske: „Die Sicherheitskräfte der Ephraim-Territorialbrigade haben ein Individuum wegen des Verdachts von gewalttätigem und ordnungswidrigem Verhalten verhaftet, weil er vor 2 Monaten auf ein Armeefahrzeug geklettert ist. Sie haben ihn einem Verhör unterzogen“. Er ist auf ein Fahrzeug geklettert? Soll man lachen oder weinen?

Wer solche Operationen kennt, weiß dass sie überhaupt nicht spaßig sind. Sie sind ekelhaft.

Hunderte von Tausenden  sind ständig solchem Schrecken ausgesetzt: Kinder werden zu Bettnässern, Eltern schließen  aus Angst kein Auge. Die Soldaten sprengen die Haustüren und dringen ein. Bevor Sie wissen, was los ist, sehen Sie sich Dutzenden von bewaffneten Männern gegenüber, manchmal das Gesicht verdeckt, in Ihrem Haus, in Ihrem Zimmer, im Kinderzimmer, im Bad! So fängt der Alptraum an: Durchsuchungen und Verhaftungen ohne jegliche Erklärung, ohne gerichtliche Anordnung.

Manchmal zieht man die Menschen aus ihren Häusern, um sie auf die Straße zu werfen, ohne dass sie sich ankleiden dürfen. Manchmal schlägt man einen Vater vor seinen Kindern, persönliche Gegenstände werden beschädigt; alles  wird von Schikanen und Demütigungen begleitet. Draußen sehen sich Nachbarn oftmals Tränengas ausgesetzt. Traumatische Erfahrungen für jeden Menschen.

Es gibt keinen Palästinenser, der solche Erfahrung nicht  gemacht hat. Es gibt keinen Israeli, der sich das vorstellen kann. Ich habe einmal eine Nacht in einem Flüchtlingslager in Jenin verbracht. Als die Soldaten näher an das Haus kamen, in dem ich mich befand, bin ich fast vor Angst gestorben. Sie sind letztendlich nicht ins Haus gekommen, aber ich werde niemals diesen Schock vergessen. Das ist nur der Beginn eines Alptraums. Man ergreift das „gesuchte Individuum“, fesselt es, verbindet ihm die Augen, bringt es zum Verhör, dessen Ausgang nicht vorauszusagen ist. Das kann Wochen dauern, Demütigungen und Folter, manchmal grundlos. Fast ein Million Palästinenser hat man im Laufe der Besatzung so behandelt. Fast eine Million!

Vergangene Woche hat die Presseagentur Ma’an berichtet, dass es nach einem UN- Bericht zwischen dem 4. und dem 17. Oktober 178 solcher nächtlichen Razzien gab, das heißt, 14 pro Nacht. Das war in einem eher ruhigen  Zeitraum, abgesehen von Angriffen einzelner Wölfe, die keine Razzia  verhindern kann. Ein Mädchen, das zu sterben wünscht, wird nicht nächtlich verhaftet werden. Nachtterror könnte eventuelle andere zu neuen verzweifelten Angriffen fïhren.

Jede Nacht geschieht das, während Sie schlafen.  Und dann wagen andere Israelis auch noch zu erklären, -sei es aus Ignoranz oder Chutzpeh- dass die Besatzung beendet sei oder wenigstens, dass sie es langweilig finden, darüber zu reden.

Übersetzt von  Gertrud Nehls

Herausgegeben von  Fausto Giudice Фаусто Джудиче



Danke Tlaxcala
Quelle: http://www.haaretz.com/opinion/.premium-1.751242
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 07/11/2016
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=19286

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