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Kultur, Religion

Das Gottesbild Martin Luthers: Ein monströser Gott

luther

von Hubertus Mynarekhttp://hpd.de

Die meisten Protestanten wissen es nicht, und die Theologen der Evangelisch-lutherischen, der Calvinistischen und der Zwinglianischen Kirche nebst deren zahlreichen Deviationen und Denominationen werden es ihnen – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – auch nicht sagen. Aber das Gottesbild Luthers – übrigens auch das Calvins – ,von dem die Gläubigen nichts wissen, möglichst nichts erfahren sollen, ist in der Tat monströs, ungeheuerlich, zutiefst erschreckend, erschütternd und abstoßend, unmenschlich, irrational und absurd. Man sollte auch nicht erwarten, dass im 500. Jubiläumsjahr des in Wirklichkeit nie stattgefundenen Thesenanschlags durch Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg die EKD, der Lutherische Weltbund oder irgendein anderes kirchenamtliches Organ der Öffentlichkeit und ihren eigenen Leuten reinen Wein einschenken werden. Die Aufdeckung des haarsträubenden Gottesbildes Luthers würde auch die letzten Getreuen aus den Kirchen heraustreiben. Wie sollte man denn dann noch ein ganzes Jahr lang mit immer neuen, staatlich honorig unterstützten Fest- und Feierlichkeiten die Propagandathese über Luther als Reformator, Heros und Menschenfreund aufrechterhalten?

Eines muss man allerdings diesem Mann lassen: Er war wahrhaftiger als seine Nachfolger. In aller Offenheit und Brutalität deckte er auf, was er über Gott dachte. Frank und frei erklärte er, dass „sich die Natur vor solcher göttlichen Majestät entsetzen muss“.(1) Gott sei „schrecklicher und greulicher denn der Teufel. Denn er handelt und geht mit uns um mit Gewalt, plagt und martert uns und achtet unser nicht.“ (2) „In der Majestät ist er ein verzehrendes Feuer.“ (3) Wenn ein Mensch „recht an Gott gedenket, so erschrickt ihm das Herz im Leibe und liefe wohl zur Welt aus.“ (4) Gott hat nach Luther eine geradezu sadistische Lust am Schmerzzufügen: „Er schlingt einen hinein und hat solche Lust daran, dass er aus seinem Eifer und Zorn dazu getrieben wird, die Bösen zu verzehren. Fängt das einmal an, dann hört er nicht mehr auf.“ (5) „Dann werden wirs lernen, wie Gott ein verzehrend Feuer sei, das da allemache und eifere zu beiden Seiten.“ (6) „Das ist denn das verzehrend fressige Feuer.“ (7) „Und wirst du sündigen, so wird er dich auffressen.“ (8) „Denn Gott ist ein Feuer, das verzehret, frisset und eifert, das ist, er bringt euch um wie das Feuer ein Haus verzehrt, zu Asche und Staub macht.“(9) Das Schreckliche, Wütende in Gott falle den Menschen an, als wäre Gott der Teufel selber. Er, Luther, sei „nicht nur einmal bis auf Todesgefahr davon angefochten worden (…) Lehren soll man zwar von Gottes unausforschlichem und unbegreiflichem Willen; aber sich unterstehen, denselben zu begreifen, das ist sehr gefährlich und man bricht sich dabei den Hals.“ (10)

Unumwunden bekennt Luther, dass Gott im Grunde „untragbar für die menschliche Natur ist“. (11) Es gibt ihm zufolge keine gerechte Bestrafung des Sünders nach dem rationalen Maß und Vorstellungsvermögen des Menschen. Die „Hure Vernunft“ sei da völlig überfordert und fehl am Platz. Vielmehr sei Gott, seine Gerichtsbarkeit, sein Straßmaß unerforschlich, unbegreiflich, über jedes menschliche Verstehen hinausgehend: „mysteriis suis et iudiciis impervestigabilibus“ (in seinen Geheimnissen und Gerichten undurchschaubar); seine „vera maiestas“ zeige sich „in metuendis mirabilibus et iudiciis suis incomprehensibilibus“ (wahre Majestät in seinen furchterregenden Wundertaten und unbegreiflichen Gerichtsurteilen). (12)

Mit der Rationalität und Humanität als einsichtigen Erfordernissen wahrer Gerechtigkeit und angemessener Gerichtsbarkeit hat Luthers Richtergott nichts am Hut. „Luther kennt Abgründe und Tiefen der Gottheit, die ihm das Herz verzagen machen, vor denen er sich flüchtet in das ‚Wort‘ wie ein Has in die Steinritzen (…) Dieses Furchtbare aber, vor dem er sich flüchtet in oft sich wiederholenden Zuständen bangen Erschauerns seiner Seele, ist nicht nur der strenge Richter, der die Gerechtigkeit fordert. Denn der ist durchaus auch ‚offenbarer Gott‘. Es ist zugleich: Immer der Gott nach seiner ‚Unoffenbarkeit‘ in der schauervollen Majestät seines Gottseins selbst: der, vor dem nicht erst der Gesetzesübertreter erzittert, sondern die Kreatur selber in ihrer ‚unbedeckten‘ Kreatürlichkeit. Luther wagt es sogar, dieses Schauervoll-Irrationale in Gott als den ‚deus ipse‘ zu bezeichnen, ut est in sua natura et maiestate (in der Tat eine gefährliche und falsche Annahme …).“ (13)

Halten wir fest: Das „Schauervoll-Irrationale“ ist also für Luther der „deus ipse“, also Gott selbst, Gott in seinem eigentlichsten Selbstsein, so wie er „in sua natura et maiestate“, also in seiner wahren Natur und Majestät ist. Im Kern von Luthers Gottheit liegt das Düstere, Dunkle, Gewalttätige, Jähzornige, Feurig-Triebhafte, Zügel- und Maßlose. „Er (Gott) ist ohne Maß, Gesetz und Ziel und betätigt sich im ganz Paradoxen.“ (14) Selten hat ein Mensch seine eigene zügellose, triebhafte, grobe und gewalttätige Natur derart deutlich in seinen Gott projiziert wie Luther. Der „launische Despot“ Luther macht Gott zu einem ebensolchen launischen Despoten, der völlig gesetzlos handeln darf. Aber diesen Projektionsmechanismus bei Luther haben bis zum heutigen Tag nur wenige seiner theologischen Nachfahren durchschaut (oder durchschauen wollen). „Bis an die Grenze der Gemütskrankheit“ führte Luther sein „irrationales Erleben eines tief irrationalen transzendenten Objektes, das sich fast der Bezeichenbarkeit mit ‚Gott‘ entzieht. Und dies ist die dunkle Folie für das gesamte Glaubensleben Luthers. An unzähligen Stellen seiner Predigten, Briefe, Tischreden wird diese Folie sichtbar.“ (15)

Der Glaube an die Rechtfertigung allein aus Gnade, aus der Gnade Gottes, ohne alle Werke und Verdienste des Menschen, ist das Zentrum von Luthers Theologie, dem sich jeder evangelisch-lutherische Theologe schon von Berufs wegen verpflichtet fühlen muss, weil mit diesem vom katholischen Verständnis der Erlösung unterschiedenen Sonderglauben erst überhaupt die Existenzberechtigung der evangelisch-lutherischen Kirche gegeben ist. Dieser Glaube mag zwar vielen als Sünder sich Fühlenden gefallen, aber er kann auch schlimme psychologische Konsequenzen entfalten. Denn ein solcher, den menschlichen Beitrag an der Erlösung völlig ablehnender, also inhumaner und unethischer Rechtfertigungsglaube mündet zwangsläufig und direkt in den ebenso inhumanen Glauben an die totale Alleinwirksamkeit Gottes, den dann also auch alle Theologen evangelisch-lutherischer Provenienz, ob sie wollen oder nicht, zu akzeptieren haben, weil er eben ein notwendiges Resultat, eine direkte Konsequenz des Rechtfertigungsglaubens ist.

Diese Konsequenz machen sich nur nicht alle pastoralen Nachfahren Luthers klar, oder sie wollen sie sich nicht bewusst machen. Denn der aus dem Rechtfertigungsglauben konsequent folgende Glaube an die göttliche Alleinwirksamkeit ist derart brutal und menschenunwürdig, dass die Leute massenweise aus der evangelischen Kirche austräten, wenn er ihnen von ihren Pfarrern bekanntgemacht würde. So wird man auch von den Kanzeln und Altären evangelischer Kirchen her nirgendwo ein Wort darüber vernehmen. Aber die Psyche lutherischer Pfarrer muss diesen Sachverhalt ständig verdrängen. Nicht wenige von ihnen landen ja auch aufgrund nicht gelingender Verdrängung beim Psychotherapeuten oder gar Psychiater. So stellte z.B. schon vor Jahren der evangelische Theologe und Psychotherapeut K. Thomas, bekannt geworden durch seine erfolgreiche Telefon- und Praxisseelsorge an Lebensmüden und Verzweifelten sowie durch sein „Handbuch der Selbstmordverhütung“, fest, dass 12 Prozent seiner Patienten evangelische Pfarrer und ihre Frauen, Religionslehrer, Diakonissen und Theologiestudenten sind, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung sich nicht einmal auf 1 Prozent beläuft, dass 40 Prozent seiner Patienten an ekklesiogenen, d.h. an durch die lutherischen Lehren und Erziehungseinflüsse verschuldeten Neurosen leiden.

Und Neurosen kann schon verursachen, was Luther über die Alleinwirksamkeit Gottes sagt. Gott, so Luther, hat zwei Seiten: die rationale, geoffenbarte, uns zugewandte, freundlich erscheinende und die „nicht verkündete“, „nicht offenbarte“, „nicht aufgedeckte“, die sein tiefstes (irrationales) Wesen ausmacht. Entsprechend habe Gott eben auch zwei Willen: auf der einen Seite den „gepredigten, geoffenbarten“ Willen, der sich als „freundlicher“ und „gnädiger“ Wille manifestiert, der „nicht den Tod des Sünders“, sondern „alle Menschen zum Heil führen will“; auf der anderen Seite den nicht gepredigten, nicht geoffenbarten, nicht angebotenen „heimlichen Willen“, die „voluntas occulta et metuenda“, „non requirenda, sed cum reverentia adoranda“, „imperscrutabilis et ignoscibilis“ (= der verborgene und zu fürchtende göttliche Wille, dem man nicht nachgrübeln, sondern den man mit Ehrfurcht anbeten soll, weil er ein unerforschlicher und nicht erkennbarer ist). Dieser zweite Wille ist die eigentliche „voluntas maiestatis“ (Wille der wahren Majestät Gottes), der Wille, der macht, was er will, der aus seiner ganz freien, durch nichts bedingten, schrankenlosen Ursächlichkeit heraus „Menschen verlässt, verhärtet, verdammt“ (homines deserat, induret, damnet), je nachdem ob er sie von Ewigkeit her „liebt oder nicht liebt“ (vel amat vel non amat) ; der „den Tod des Sünders will“ (vult mortem peccatoris), bevor dieser überhaupt geboren ist; und der das Böse und den Tod von sich aus (ohne Rücksicht auf das gute oder schlechte Tun des Menschen) bewirkt (malum et mortem operatur). (16)

Die Wahrheit bleibt unbestritten und unverrückbar: Luther hat allen Lutheranern ein extrem inhumanes, krankmachendes Gottesbild vererbt. Seine „Theologie“ ist das Spiegelbild seiner Persönlichkeit, die sich als willenloses Werk- und Spielzeug in der Hand übernatürlicher, sich in seiner Seele tummelnder göttlicher und teuflischer Mächte empfand und erlebte. Diese Art von Erleben interpretierte er theologisch dahingehend, dass der Mensch im Grunde wehr- und willenlose Marionette Gottes oder des Teufels sei, die nichts, aber auch gar nichts zu ihrer Selbstverwirklichung, ihrer ethischen Reifung oder gar zu ihrer Erlösung beitragen könne. Konsequenterweise war dann Gott in seinem innersten Wesen für Luther ein unberechenbarer Despot, ein Willkürgott, ein oberster Tyrann, der sein Heil ganz ungerecht verteilt, an wen er will. Das Triebhafte, Irrationale, Anti-Vernünftige in Luther selbst, in ihm im Lauf seines Lebens immer mehr dominierend, erhöhte er metaphysisch, verlagerte er in das Innerste Gottes selbst. So wurde Gott selbst naturalisiert und materialisiert, wurde zu einer blinden Naturkraft, einer blind waltenden, triebhaften Energie, wurde zu nackter, alles fortreißender oder vernichtender Gewalt. Insofern ist an dem von manchen in ihm gewitterten Pantheismus oder Pansatanismus durchaus „etwas dran“. Luther hat seinen Epigonen einen theologischen Naturalismus und Materialismus vermacht, denn sein Gott ist nur noch physische, keine logische, keine geistige Allmacht. Die Freiheit Gottes ist nur noch die blinde Ungebundenheit einer ihrer selbst nicht mehr mächtigen, rasenden, schrankenlos wütenden Macht, eines Orkans, der fast alles niederreißt und einiges Wenige stehenlässt. Gott ist ein tyrannisches Faktum und Fatum jenseits von Gut und Böse, ein universaler Determinator und Exterminator, der aber selber nicht weiß, warum er so und nicht anders determiniert und exterminiert. Mit Recht hat man gesagt: „Niemals hatte das Credo quia absurdum (‚Ich glaube, weil es unsinnig ist‘) einen so von seinem Auftrag überzeugten Anwalt wie Luther. “ (17)

Wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Heutige evangelische Theologen, die sich das extrem irrationale, menschenunwürdige, grausame Gottesbild ihres Konfessionsgründers, zu dessen Anerkennung sie an sich von Berufs wegen verpflichtet sind, vergegenwärtigen, müssten redlicherweise eigentlich ganz still und demütig werden, dürften großspurig-arrogante Verdikte über andere religiöse und weltanschauliche Gruppierungen gar nicht mehr austeilen. Es gehört ein fast grenzenloses Unmaß an Unwahrhaftigkeit, Verstellung, Heuchelei, ja Betrug dazu, sich dem Staat, der Gesellschaft, den Medien als der Humanität und Objektivität dienende Experten anzudienern, wenn man vom fatalen, katastrophalen Gottesbild eines solchen Obergurus abhängt. Wie gewaltig muss aber auch die Ignoranz, um nicht zu sagen willige Dummheit oder gar Lügenbereitschaft einer Gesellschaft und von Medienvertretern sein, die diese Zusammenhänge nicht im entferntesten durchschauen, vielmehr ständig von diesen evangelischen „Humanisten“ objektive, unabhängige Expertisen zur Ethik und Humanität anfordern. Die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW), deren Leiter übrigens einmal Dr. Karl Hutten, ein begeisterter Anhänger des Nationalsozialismus und ein Antisemit „aus sittlichen Gründen“ (!) war, (18) hat keine innere Berechtigung, sich als unfehlbare Oberinstanz, als inquisitorische Über-Behörde zu gebärden und sich als höchste Garantin für saubere Recherchen den maßgeblichen staatlichen und gesellschaftlichen Organen anzubieten. „Sechs Dinge sind, die der Herr haßt, und das siebente verabscheut seine Seele; lügenhafte Zeugen (…) einen falschen Zeugen, der Lügen vorbringt, und wer Zwietracht aussät unter Brüdern“ (Ps. 33,14)! Da die evangelische Kirche von Luther so kräftig auf das Wort der Hl. Schrift festgenagelt worden ist (sola scriptura), sollten sich ihre Vertreter und Verteidiger bei ihrer Kritik an anderen ständig dieses Psalmwort vor Augen halten und im Spiegel dieses Wortes ihr eigenes Verhalten und Reden kritisch betrachten. Aber, wie gesagt, noch wichtiger und dringender wäre, dass sie für lange Zeit schweigen und ihre künftige Rede dann nur noch der reuevolle Ausdruck ihrer schonungslosen Kritik am eigenen Verhalten, am eigenen Gottesbild und an ihrem Gründer-Vorbild Luther sein sollte. Aber leider feiern sie jetzt ohne alle Skrupel ein ganzes Jahr lang dieses „Unglück von einem Mönch“ (Nietzsche).

Das Gottesbild ihres Konfessionsgründers stellt die evangelischen Geistlichen vor eine fatale Alternative: Entweder sie identifizieren sich mit diesem Gottesbild, wozu sie eigentlich von Amts wegen verpflichtet sind. Dann partizipieren sie an dessen inhumanem, die Menschenwürde mit Füßen tretenden Charakter. Oder sie identifizieren sich eben nicht mit Luthers Gottesbild. Dann stehen sie in innerer Opposition zu ihrer Kirche und deren Lehre, für die das Gottesbild Luthers verbindlich und zentral ist. Die Folge sind Versteckspiel und Heuchelei, weil man nach außen hin eine Rolle spielt, die mit der inneren Bewusstseinslage nicht übereinstimmt. Manche evangelische Christen spüren ja auch diese mangelnde Übereinstimmung, was sich dann in Worten wie den folgenden Bahn bricht: „Die Pastoren glauben doch selbst nicht, was sie sagen.“

In der Tat ist eine naheliegende Konsequenz des furchtbaren Gottesbildes Luthers – der Atheismus. Neuere Umfragen demonstrieren ja auch immer wieder übereinstimmend, dass ein nicht unerheblicher Prozentsatz evangelischer Pfarrer gar nicht mehr an Gott glaubt. Das hat sicher viele Gründe, aber mit Sicherheit auch den, dass das amtskirchlich normative, maßgebende Gottesbild des Konfessionsgründers derart negativ ist. Man kann eben nicht davon ausgehen, dass jeder evangelische Geistliche einen so großen Glauben aufbringt, wie ihn Luther allen Ernstes verlangt, wenn er betont: „Das ist der größte Grad des Glaubens, zu glauben, dass der gütig ist, der so wenige rettet, so viele verdammt; zu glauben, dass der gerecht ist, der durch seinen Willen uns notwendig verdammenswert macht.“ (19)

Es ist aber nicht bloß der kleine evangelisch-lutherische Pfarrer, der da seinen Gottesglauben verliert. Im Grunde kapituliert die gesamte evangelische Theologie vor der Gottesproblematik im allgemeinen und der Luthers im besonderen. „Gott“, so klagt ein führender evangelischer Universitätstheologe, „das ist einst ein anspruchsvolles Wort gewesen. Doch es droht immer mehr zu einem unpassenden Wort zu werden.“ (20)

Eine ganze Reihe prominenter evangelischer Theologen des 20. Jahrhunderts aber zog die noch viel radikalere Konsequenz: sie verkündeten die in sich total widersprüchliche, absurde Konzeption eines theologischen Atheismus bzw. einer atheistischen Theologie. US-Amerikanische Spitzentheologen wie Thomas J. J. Altizer, William Hamilton, Paul M. van Buren, Harvey Cox und einige führende Theologen in anderen Ländern (in Deutschland besonders Dorothee Sölle) versuchten in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, den gordischen Knoten protestantischer Gottesproblematik gewaltsam zu lösen, indem sie in den verschiedensten Variationen Gott als nicht oder nicht mehr existent proklamierten. Der Grund für diese Proklamierung ist einfach: Wenn Gott gar nicht existiert, braucht man sich mit den Widersprüchlichkeiten und Negativitäten seines Wesens nicht mehr herumzuschlagen, und dann fällt auch das leidige Theodizeeproblem weg, das sich im Raum der Kirchen so schwertut mit der Frage, wie Übel, Leid, Böses in eine Welt kommt, die Gott geschaffen hat und beherrscht. Wie ein Offenbarungsereignis, das vollkommen neue Lösungsmöglichkeiten eröffnet, wird in der protestantischen Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten von Amerika deshalb das 1961 erschienene Buch „The Death of God“ von G. Vahanian begrüßt. Auch der berühmte deutsche Bibelexeget Rudolf Bultmann erklärte, es sei das „erregendste theologische Buch (…) das ich in den letzten Jahren gelesen habe“, und es stelle „eine gewisse Parallele zu Karl Barths ‚Römerbrief'“ dar. (21)

Auf den von Vahanian gestarteten „Gott-ist-tot“-Zug sprang gleich eine Reihe bekannter protestantischer Theologen auf. Sie alle waren plötzlich begeisterte Verkünder der „originellen“ theologischen Idee des Todes Gottes. Weite Teile der „aufgeklärten“ modernen Presse sahen das natürlich auch so. Dabei ist es hier wie bei allen anderen neu aufkommenden Ideen: die Kirchentheologie ist nie originell, sie übernimmt – oft sogar erst nach sehr langer Zeit – die originellen Gedanken, die anderswo ausgebrütet worden sind. Den „Tod Gottes“ verkündeten lange vor den Theologen Philosophen und philosophische Richtungen wie Hegel und die Hegelsche Linke, Marx und der Marxismus, Feuerbach, Nietzsche, Sartre, Camus und andere. Diese Philosophen sind auch klarer und eindeutiger in ihren Aussagen zur Nichtexistenz Gottes. (22) Die Theologen wären keine Theologen, wenn sie ganz eindeutig wären, ein klares Ja oder Nein sprächen, wenn sie sich kein Hintertürchen für die „Dennoch-Bejahung“ von Gottes Existenz ließen. Einige Kritiker bezeichneten denn auch die „Tod-Gottes-„Theologie als ein „theologisches Happening, das keinen anderen Sinn hat, als Aufsehen zu erregen, zu schockieren, ja zu düpieren“. Sie beanstandeten den mangelnden Ernst dieser Theologie, den Umstand, „dass das Wort vom ‚Tod Gottes‘ ja gar nicht ernst gemeint sein kann, sondern mit dem Verblüffungstrick arbeitet und sich insofern einer journalistischen ‚Masche‘ bedient“, und einfach nur „ein Reizwort“ sei. (23)

Aber natürlich ist die Tod-Gottes-Theologie auch eine Konsequenz aus dem fatalen, inhumanen und widersprüchlichen Gottesbild Luthers, des weiteren aus seiner antispirituellen, exklusiven Fixierung seiner Gläubigen auf das trockene, aller geistigen Dimensionen beraubte Wort der Schrift sowie aus seiner einseitigen Rechtfertigungslehre, die dem Menschen jede Fähigkeit zum eigenen Aufbruch und Aufschwung ins Geistig-Ethische abspricht.

Es bleibt jedenfalls festzuhalten: Evangelische Theologen, die sich der Ungereimtheiten, Widersprüchlichkeiten, Irrationalitäten und Grausamkeiten des Gottesbildes ihrer Kirche bewusst werden, können, wenn sie in dieser Kirche bleiben wollen, vor ihren Gläubigen und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit eigentlich nur der strengen Devise folgen, auf gar keinen Fall Interna auszuplaudern. Oder aber sie entscheiden sich, Luthers und auch Calvins inhumanen, ja antihumanen Gottesbegriff ganz über Bord zu werfen, insofern Atheisten zu werden.

Heutige evangelische Kirchenvertreter und Theologen sind froh darüber, dass die Tod-Gottes-Theologie mit ihren radikalen lnfragestellungen aller Glaubensinhalte und den fatalen Konsequenzen für das lutherische und calvinistische Gottesbild inzwischen selbst ebenfalls tot zu sein scheint. Sie stellen sie gern als eine Episode des Zeitgeistes dar, die schon längst wieder vorüber sei. In Wirklichkeit ist nach dem gewaltigen Medienspektakel der Tod-Gottes-Theologie in den sechziger und siebziger Jahren des 20.Jahrhunderts nichts mehr so wie früher: egal ob evangelische Theologen nun viel oder wenig Kenntnis von der expliziten Tod-Gottes-Theologie besitzen, der Atheismus dieser Theologie steckt ihnen allen in den Knochen, weil alle spüren, dass das für sie normative und verpflichtende Gottesbild ihrer Konfessionsgründer (Luther und Calvin) unhaltbar und untragbar ist und aus seinem immer noch nicht ganz unfruchtbaren Schoß ständig die Gefahr des Atheismus gebiert. Die Tod-Gottes-Theologen haben ja auch die den Atheismus ermöglichenden Inkonsequenzen, Widersprüchlichkeiten und Ausweglosigkeiten in den klassischen protestantischen Theologiesystemen des 20. Jahrhunderts, der dialektischen Theologie Karl Barths und dem philosophisch-theologischen System Paul Tillichs, schonungslos aufgedeckt.

Es müsste außerdem noch darauf aufmerksam gemacht werden, dass Luthers latenter Pantheismus im Grunde ein „Pan-Dämonismus“ war, weil er absolut nichts Göttliches im Menschen sah, dagegen das Teuflische in obsessiver Manie und Manier ständig in der menschlichen Seele und in der Welt am Werk erblickte. (24) Er war ein Erzfeind der Mystik. Deren via purgativa et illuminativa zu Gott lehnte er kategorisch ab, um so mehr eine unio mystica zwischen der menschlichen Seele und Gott. Luther sah in seiner depressiv-pessimistischen Grundeinstellung Welt und Mensch ausschließlich negativ, den Menschen, sein Ich ohne Gottes durch nichts verdiente Rechtfertigung als total verdammungswürdige Kreatur, dem in dieser Situation nur die „resignatio ad infernum„, die Bereitschaft, in die Hölle zu gehen, bleibe. Allein das Wort der Schrift (der Bibel, sola scriptura!), im Glauben angenommen, könne den Menschen rechtfertigen. Aber diese Rechtfertigung fühlt er nach Luther nicht etwa, denn das könnte ja schon der Anfang des mystischen Weges sein. Nein, der Mensch bleibt ohne selbständig erarbeitete Gewissheit eines Gerechtfertigtseins durch Gott. Er verharrt im Zweifel und Zwiespalt „peccator in re, iustus in spe“ (Sünder der Sache nach, Gerechtfertigter der Hoffnung nach).

Auch hierin zeigt sich der Wille Luthers, dem Menschen jegliche Autonomie und Selbstsicherheit zu nehmen, ihn zur Marionette des allein wirksamen Gottes zu machen. Dementsprechend wandte sich Luther auch gegen die positive Haltung seines Freundes Karlstadt gegenüber der Mystik und die sog. Bewegung der „Schwärmer“, sodann auch gegen die Mystik Bernhards von Clairvaux und andere mittelalterliche mystische Strömungen. Trotz mancher Anklänge an den Neuplatonismus und den von diesem beeinflussten Kirchenvater Augustinus blieb er bei seiner strikten Zurückweisung jeglicher Mystik. Plotins Idee der Fähigkeit des Menschen, den göttlichen Funken in sich wieder aufflammen zu lassen, verwarf er. „Luther hat für sein eigenes Werden nichts Entscheidendes von den mystischen Traditionen empfangen, aber sich Tauber und der von ihm selbst herausgegebenen ‚Deutschen Theologie‘, wenn auch in ‚produktivem Missverstehen‘ (E. Seeberg), verwandt gefühlt, besonders im Negativen, in der Ablehnung aller ‚Eigenheit‘ (des eigenen ‚Werks‘) und in der Bereitschaft, in Gottes Verdammungsurteil über das eigene Ich einzuwilligen…“. (25)

Die ganzen seit dem 17. Jahrhundert anhebenden mystischen Bewegungen im Protestantismus (J. Arnd, J. Böhme, Ph. Nicolai, H. Müller, G. Arnold, Angelus Silesius, der zum Katholizismus übertrat, usw.) können sich auf Luther nicht berufen, obwohl sie es teilweise tun bzw. taten.

Fazit: Wie wir die Sache auch drehen und wenden, von welcher Seite wir sie auch erörtern, welche Varianten, Richtungen und Strömungen der protestantischen Theologie wir noch analysieren würden, am Ende spränge immer das Ergebnis heraus, dass die evangelische Gotteslehre unentrinnbar in ihrer eigenen Schlinge zappelt, dass sie entweder anti-human, grausam und unmenschlich, ja dämonisch ist, wenn sie sich schön orthodox an Luther oder Calvin hält, oder dass sie einseitig, wesentliche Aspekte unterschlagend, mystifizierend, unlogisch und widersprüchlich oder naturalisiert, entsubstantialisiert, ja nihilisiert ist, wenn sie sich modernen und postmodernen Strömungen angleicht und anbiedert. Das Ganze ist auch deshalb fatal, weil die Gotteslehren evangelischer Theologie auf dem Weg über den Religionsunterricht ja weiterwirken und Unheil in den Seelen unschuldiger Kinder und Jugendlicher verursachen. Mit tiefem Ernst und warnender Stimme sagte schon Friedrich Nietzsche, Sohn eines evangelischen Pfarrers, in der „Antichrist“: „Man muss das Verhängnis aus der Nähe gesehen haben, noch besser, man muss es an sich erlebt, man muss an ihm fast zugrunde gegangen sein, um hier keinen Spaß mehr zu verstehen.“ Franz Buggle, bis zu seiner Emeritierung Professor für Klinische und Entwicklungspsychologie an der Universität Freiburg, bestätigte das Urteil Nietzsches: „Wohl jedem klinischen Psychologen sind aus seiner Praxis Fälle ‚ekklesiogener Neurosen‘ bekannt: Patienten, die unter religiösen Schuldgefühlen leiden, Menschen, die unter der Last ihres Glaubens zusammengebrochen sind.“ (26) Aber auch das kann keineswegs ausgeschlossen werden, dass die geradezu sadistische Strenge in manchen evangelischen Erziehungsheimen den Vorgaben des launisch-grausamen Lutherischen Gottesbildes gefolgt war und deshalb so viele Missbräuche von Kindern und Jugendlichen zu verantworten hat. (27)


  1. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Abteilung 1: Schriften, Weimar 1883ff. (im folgenden als WA zitiert), hier: WA XVII 1 221.
  2. WA XVI 141: „Solt ich hierin Gott messen und urteiln nach meiner Vernunfft, so ist er ungerecht und hat viel mehr Sünde denn der Teufel, ja er ist erschrecklicher und grewlicher denn der Teufel, denn er handelt und gehet mit uns umb mit gewalt, plaget und martert uns und achtet unser nicht.“
  3. WA XLVII 180.
  4. WA XXVIII 120f.
  5. WA XXVIII 559.
  6. WA XXVIII 561.
  7. WA XXVIII 569.
  8. WA XXVIII 578.
  9. WA XXVIII 584.
  10. TiWA VI39 (6561) Aus einem Schreiben Luthers an Caspar Aquilam, Pfarrherr zu Salfeld: „Die Disputatio (…) von heimlichen verborgenen Werken Gottes, ist eine hohe Anfechtung, die man nennet Gotteslästerung, in welcher viel verloren und umkommen sind, und ich bin nicht einmal bis auf Todsgefahr damit angefochten worden. Und was ists doch, das wir arme elende Menschen grübeln, so wir noch nicht die Strahlen göttlicher Verheißungen mit dem Glauben fassen oder ein Fünklin von Gottes Geboten und Werken begreifen konnen, welche beide er doch selbes mit Worten und Wunderwerken bestätiget hat? Doch werden wir Schwachen und Unreinen gerissen und wollen erforschen und verstehen die unbegreifliche Majestat des unbegreiflichen Lichts der Wunder Gottes. (…) Lehren soll man zwar von Gottes unausforschlichem und unbegreiflichem Willen; aber sich unterstehen, denselben zu begreifen, das ist sehr fährlich und man stürtzt den Hals darüber ab.“
  11. WA XL 177: „intolerabilis est humanae naturae“.
  12. WA XVIII 718.
  13. R. Otto, Das Heilige, 25. Auflage München 1936, 121.
  14. Ebd. 124.
  15. Ebd. 126.
  16. WA XVIII636, 684ff., 689, 707, 719, 724f.
  17. E. de Negri, Offenbarung und Dialektik. Luthers Realtheologie, Darmstadt 1973, 73.
  18. Nach E. Pilick in: Wege ohne Dogma, 3/1998. Pilick zitiert auch die folgenden Aussagen Huttens: „Es geht uns um das Werk Adolf Hitlers in unserem Volk und darum, dass unsere Kirche ein freudiges Ja dazu habe.“ Der Antisemitismus sei eine „durch und durch sittliche Bewegung“, die von den Christen unbedingt bejaht werden müsse.
  19. WA XVIII 633: „Hic est fidei summus gradus, credere illum esse clementem, qui tam paucos salvat, tam multos damnat, credere iustum, qui sua voluntate nos necessario damnabiles facit.“
  20. E. Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, 3. Auflage Stuttgart 1978, 1.
  21. Zit. nach dem Artikel „Tod – Gottes – Theologie“ in: J. B. Bauer, Die heißen Eisen von A bis Z, Graz 1972, 349.
  22. Vgl. H. Mynarek, Die Neuen Atheisten, Essen 2010.
  23. Bei Bauer, a. a. O. 362.
  24. Pantheismus hier in dem Sinne verstanden, dass Gott nach Luther der im Grunde allein Wirkliche und Wirksame, der alles Determinierende, das einzig wahre Sein ist. Man müsste das also Theopantismus, nicht mehr Pantheismus nennen.
  25. M. Schmidt, Art. Protestantische Mystik, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. IV, Tübingen 1960, 1253.
  26. F. Buggle/ E. Dahl, Denn sie wissen nicht, was sie glauben, in: Die Lehre des Unheils, Hamburg 1995, 164.
  27. Vgl. meine umfassende, auf seinen originären Lehren, Reden und Taten beruhende Dokumentation über Luther im Ahriman Verlag Freiburg u. d. T. „Luther ohne Mythos“, 3. Auflage 2013.

http://hpd.de/artikel/monstroeser-gott-13721

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Das Gottesbild Martin Luthers: Ein monströser Gott

  1. Die Pfaffen wissen selbst, dass sie am Ende sind, seit vielen Jahren, aber sie halten das verborgen, weil es sind ihre fetten Pfründe.
    Im Zeitalter weltumspannender Nachrichtendienste,nunmehr das Internet, bleibt solcher Lügenwust orientaler Gotteserfindungen nicht hinter dem Schleier der Mystik, sondern wird hinterfragt, dieser Wust an erfundenen Geschichten und der Hokuspokus mit Gestik und Weihrauch macht diese Geschichten nicht wahrer, jeder sieht bereits des Kaisers neue Kleider, als Pfaffenblöff.
    Es gibt diesen Gott einfach nicht, den sie uns da aufschwätzen wollen, alles Erfindungen von Orientalen! Unsere Pfaffen verdienen sich blöd daran. Fleißig wie die Kuckucksuhrmacher im Schwarzwald hatten diese Gotteserfinder im Jordantale alle diese GESCHICHTEN erträumt und als Exportschlager den naiven Europäern angedreht.

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    Verfasst von biersauer | 3. November 2016, 17:48

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