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Ein Vergleich der Belagerung der beiden Städte Mossul und Aleppo zeigt, was Propaganda bewirkt

aleppomosul

von Patrick Cockburn – http://www.luftpost-kl.de

Der irische Journalist Patrick Cockburn fragt in einem Artikel in der britischen Zeitung „The lndependent“, warum die westlichen Medien die Belagerung der syrischen Stadt Aleppo und der irakischen Stadt Mossul mit zweierlei Maß messen?

Ein Vergleich der Belagerung der beiden Städte Mossul und Aleppo zeigt, was Propaganda bewirkt Zwei große, von Sunniten bewohnte arabische Städte Ost-Aleppo in Syrien und Mossul im Irak werden von Regierungstruppen belagert, die von ausländischen Luftstreitkräften unterstützt werden, und trotzdem wird ganz unterschiedlich darüber berichtet.

Anfang 2011 war ich im Iran, weil oppositionelle Exil-Iraner über heftige Proteste in ihrer Heimat berichtet hatten. Die Meldungen waren nicht ganz zutreffend. Am 14. Februar hatten zwar im Norden Teherans 30.000 Menschen demonstriert was Erinnerungen an den Massenprotest gegen die angeblich manipulierte Präsidentenwahl im Jahr 2009 weckte, von dem die Behörden damals überrascht worden waren. Westliche Experten äußerten in ihren Kommentaren schon die Hoffnung, der Arabische Frühling werde sich nun auch in den Iran auswerten.

Kartenausschnitt entnommen aus h_ttp://wiklmaoia.org/#|ang=de&lat=35.371135&|on=39.407959&z=7&m=w&search=AleQ_r@ Als ich ein paar Tage danach in Teheran ankam, schien alles vorbei zu sein, obwohl noch ziemlich viele gelangweilt aussehende, schwer bewaffnete Polizisten tatenlos im Regen herumstanden. Es sah so aus, als seien die Proteste abgeflaut, nach Berichten im Internet sollten sie aber eigentlich noch andauern. Sprecher der iranischen Opposition im Ausland behaupteten, es gebe immer noch Demonstrationen nicht nur in Nord-Teheran, sondern auch in anderen iranischen Städten. Diese Behauptungen sollten online gestellte Videos bestätigen, auf denen Protestierende zu sehen waren, die von Knüppel schwingenden Polizisten und Milizionären verprügelt wurden.

Ich fragte einige freundliche iranische Kollegen, die für ausländische Medien arbeiteten, warum keine Demonstranten mehr zu sehen waren. Die Korrespondenten waren gut informiert, konnten aber nicht selbst berichten, weil die iranischen Behörden ihre Presseausweise eingezogen hatten. Sie lachten, als ich ihnen über meine vergebliche Suche nach Demonstranten berichtete, und erzählten mir, die Proteste hätten schon bald nach dem Aufflammen wieder aufgehört.

Ein mit der Opposition sympathisierender einheimischer Journalist erklärte mir, die falschen Berichte über die angeblich immer noch andauernden Demonstrationen im Iran stammten größtenteils von Exil-lranern und seien häufig „Produkte ihres Wunschdenkens oder reine Propaganda“. Als ich auf die „Beweisvideos“ im Internet verwies, sagte er, die seien von Oppositionellen aus Filmen von früheren Demonstrationen zusammengeschnitten worden. Er zeigte mir auch ein angeblich im Winter aufgenommenes Video, auf dem im Hintergrund noch belaubte Bäume zu sehen waren.

Ich fragte die Journalistenkollegen, ob die iranische Regierung nicht selbst für die Fälschungen verantwortlich sei, wenn sie verhindere, dass Reporter vor Ort als glaubwürdige Augenzeugen die Wahrheit berichteten; sie schaffe doch damit ein Vakuum, das Oppositionelle mit erfundenen Propagandameldungen füllen könnten. Die Korrespondenten gaben mir zwar recht, teilten mir aber gleichzeitig mit, dass auch sie das nicht mehr mit zutreffenden Berichten ändern könnten; ihre Auftraggeber im Westen würden ihnen die Wahrheit nicht mehr glauben, weil sie schon längst die Falschmeldungen der Exilanten verbreitet hätten. Man würde ihnen sogar unterstellen, sie hätten sich von der iranischen Regierung kaufen lassen.

Damals habe ich viel gelernt, denn noch im gleichen Jahr gelang es ebenfalls im Ausland agierenden Oppositionellen aus Libyen und Syrien die Kontrolle über die Berichterstattung zu den aktuellen Entwicklungen in ihren Ländern zu übernehmen und alle anderen Interpretationen des Geschehens zu übertönen; in Libyen wurde Gaddafi als alleiniger Verursacher allen Übels dämonisiert, während seine Gegner als heroische Freiheitskämpfer verklärt wurden, deren Sieg der Bevölkerung Libyens zu einer liberalen Demokratie verhelfen werde. Stattdessen entstand nach dem Sturz Gaddafis eine von Gewalt und Kriminalität geprägte Anarchie, deren baldige Überwindung wenig wahrscheinlich ist.

Und heute kann man in Syrien und im Irak wieder den gleichen Vorgang beobachten. In beiden Staaten werden große, von Sunniten bewohnte arabische Städte Ost-Aleppo in Syrien und Mossul im Irak von Regierungstruppen belagert, die von ausländischen Luftstreitkräften unterstützt werden. In Ost-Aleppo sind 250.000 Zivilisten und 8.000 „Aufständische“ von der syrischen Armee und schiitischen Milizen aus dem Iran, dem Irak und dem Libanon eingekesselt und werden von der syrischen und russischen Luftwaffe angegriffen. Die Bombardierung der östlichen Stadtteile Aleppos wird weltweit abgelehnt und verurteilt. Die sehr ähnliche Situation im 300 Meilen (480 km) östlich von Aleppo gelegenen irakischen Mossul wird in den westlichen Medien ganz anders dargestellt; in Mossul sind eine Million Menschen und rund 5.000 ISIS-Terroristen von der irakischen Armee, Kämpfern der kurdischen Peschmerga sowie schiitischen und sunnitischen Milizen eingeschlossen und werden von Flugzeugen der US-geführten Koalition bombardiert. Den ISIS-Kämpfern in Mossul wird vorgeworfen, Zivilisten am Verlassen der Stadt zu hindern und sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. In Ost-Aleppo gibt es angeblich keine menschlichen Schutzschilde, obwohl nach Feststellungen die Hälfte der Zivilbevölkerung von den „Aufständischen“ gewaltsam am Verlassen der Stadt gehindert wird, sondern nur unschuldige Opfer der „russischen Barbarei“.

Die durch russische Luftangriffe auf Aleppo verursachten Zerstörungen werden nur mit den 16 Jahre vorher durch russische Bomben in der tschetschenischen Stadt Grosny angerichteten Schäden verglichen; seltsamerweise erinnert sich niemand mehr an Ramadi, eine irakische, am Euphrat gelegene Stadt mit 350.000 Einwohnern, die 2015 zu 80 Prozent durch Luftangriffe einer US-geführten Koalition zerstört wurde. Auch andere Parallelen werden nicht gezogen: Die im Ost-Aleppo eingeschlossenen Zivilisten sollen die Stadt deshalb nicht verlassen wollen, weil sie angeblich fürchten, von der Muchabarat, einer Geheimpolizei der syrischen Regierung, an den Kontrollpunkten festgenommen zu werden.

Anfang dieses Jahres habe ich mit einigen Fernfahrern aus Ramadi gesprochen, die sich unter einer Brücke in Kirkuk einen Schlafplatz gesucht hatten. Sie erzählten mir, dass sie nicht in die Ruinen ihrer Häuser zurückkehren könnten, weil gewalttätige schiitische Milizen an den Zufahrten zu ihrer Stadt Kontrollpunkte errichtet hätten und von Rückkehrern unter Androhung von Folter und Mord hohe Wegezölle verlangten.

Der Angriff auf Mossul wird von auf die Bekämpfung von Terroristen spezialisierten Eliteeinheiten der irakischen Streitkräfte durchgeführt; die Kämpfer der schiitischen Milizen sollen nicht in die Stadt einziehen, weil die fast nur von sunnitischen Arabern bewohnt wird. In den letzten Tagen sind aber gerade diese Spezialtruppen in ihren schwarzen Humvees (s. https:llde.wikipedia.orglwikilHigh_Mobility_Multipurpose Wheeled_Vehicle ) und daran befestigten Fahnen mit schiitischen Symbolen in die 12 Meilen von Mossul entfernte Stadt Bartella eingerückt. Als kurdische Truppen sie baten, die schiitischen Fahnen zu entfernen, haben sie das abgelehnt. Ein irakischer Soldat namens Ali Saad meinte dazu: „Sie haben uns gefragt, ob wir (schiitische) Milizen seien. Wir haben ihnen mitgeteilt, dass wir irakische Soldaten schiitischen Glaubens sind.“

Es kann sein, dass der ISIS Mossul nicht verteidigen (sondern nach Syrien flüchten) wird. Sollte er die Stadt verteidigen, wird das schlimme Folgen für ihre Zivilbevölkerung haben. Weil der ISIS in der Stadt Falludscha westlich von Bagdad nicht bis zum letzten Mann gekämpft hat, blieben Teile von ihr erhalten. Die benachbarte Stadt Khalidiya mit 30.000 Einwohnern wurde hingegen so lange verteidigt, bis dort nach Auskunft von US-Amerikanern nur noch vier Gebäude standen.

Die völlig unterschiedliche Berichterstattung der westlichen Medien über ähnliche Ereignisse im Irak und in Syrien wird einmal ein lohnendes Thema für Doktoranden sein, die sich sich mit dem Thema Propaganda im Lauf der Geschichte beschäftigen.

Die Kriege in Syrien und im Irak werden schon seit fünf Jahren mit zweierlei Maß gemessen. Seit 2003 hat sich kaum etwas geändert; damals hat die irakische Opposition gegen Saddam Hussein ausländischen Regierungen und Medien weismachen wollen, die irakische Bevölkerung werde die einrückenden Truppen der USA und Großbritanniens begeistert als Befreier begrüßen. Ein Jahr später mussten die Eindringlinge um ihr Leben kämpfen. Von der Propaganda der Opposition, die sich von ihrem eigenen Wunschdenken leiten ließ, in die Irre geführt, hatten Vertreter ausländischer Regierungen und ausländische Journalisten die politische Landschaft vor Ort völlig falsch eingeschätzt. Und eine ähnliche Irreführung findet auch jetzt wieder statt.

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern versehen. Infos über den Autor sind nachzulesen unter https://en.wikiQedia.org/wikı7Patrick Cockburn )

httpzl/www.independent.co.uklvoicesliraq-syria-a|ep_po-mosuI-patrick-cockburn-propagan-da-we-consume-a7373951 .html

http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP14816_311016.pdf

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