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Ausland, Naher Osten

Auswanderung aus Israel als politische Tat

ichschaememich

von Naaman Hirschfeldhttp://www.tlaxcala-int.org

Die israelische Regierung hat dafür gesorgt, dass eine Zweistaatenlösung unrealisierbar ist und Apartheid ist bereits da. Ich werde die Zukunft meiner Kinder nicht für einen hoffnungslosen Kampf opfern.

Die Einwanderung junger Israelis nach Berlin ist beunruhigend „denn es sind genau diese jungen Frauen und Männer die in Israel gebraucht werden“, erklärte der Linksaktivist Uri Avnery neulich in einer Gastkolumne in der Zeitung Haaretz (Young Israelis in Berlin, Return Home!). „Es sind genau diejenigen, die voller Energie, Unternehmergeist und Freiheitssuche sind, die benötigt werden um den Staat aus den Händen Netanjahus und seiner Kollegen zu befreien“.

„Die allgemeine Ausrede (für die Auswanderung) ist Verzweiflung“, sagt Avnery und erklärt, dass der Zusammenbruch der israelischen Demokratie garantiert ist“ wenn jeder der fähig ist diesem Prozess entgegenzuwirken aufgibt und zu den Cafés Unter den Linden umzieht“. All das führt Avnery dazu, nachdrücklich die „wundervollen jungen Menschen von Berlin“ dazu aufzurufen nach Israel zurückzukehren und „in die Politik zu stürmen, sich zu organisieren, Dinge zu ändern, neue Kräfte aufzubauen und die Regierung in die eigene Hand zu nehmen“.

Darauf antworte ich: Nein Danke. Ich werde die Zukunft meiner Kinder keinem hoffnungslosen Kampf opfern. Verzweiflung ist tatsächlich der Grund warum ich gegangen bin. Ich bin an der sich vor unseren Augen allmählich entfaltenden Katastrophe verzweifelt. Ich bin verzweifelt an der Gehirnwäsche, der Propaganda, an der politischen Meinungsmache und an den absichtlichen Täuschungen. Ich bin verzweifelt an dem blutrünstigen Gesindel, das mit Furcht und Hass vergiftet ist. Ich bin am Israelischsein verzweifelt, das von allem Inhalt entleert, nur die Negierung anderer übriglässt. Ich bin verzweifelt am Zynismus der Regierung, der Inkompetenz des Establishments und der sich ausbreitenden Korruption. Aber vor allem bin ich an der Verzweiflung verzweifelt.

Im Gegensatz zu der Ansicht, dass Verzweiflung lediglich ein Nebenprodukt oder ein zweitrangiger Effekt von „Ha’Matzav“ (buchstäblich „die Situation“ – wie Israelis umgangssprachlich die Realität der Besatzung und des Konflikts als vorgegebenen Zustand nennen), ist Verzweiflung primär ein politisches Werkzeug. Sie ist eine spürbare Kraft innerhalb der israelischen Gesellschaft, die einen zentralen Aspekt des israelischen Zustands definiert. Wenn uns Ha’Matzav – das Ding das uns Israelis als „Wir“ zusammenhält -weggenommen würde, wer und was würden wir dann sein? Das Israelischsein ist erloschen und ideologisch und moralisch bankrott. Was als gemeinsame Basis bleibt ist der Ausnahmezustand, der Existenzkampf und die kollektive Erfahrung in die Enge getrieben zu sein. Kollektive Verzweiflung ist daher notwendig für den sozialen Zusammenhalt und im Endeffekt brauchen und wollen die Israelis „ihre“ Verzweiflung.

Ist der Glaube an eine israelische Demokratie eine Alternative dazu? Sollte man, wie Avnery an eine „Zukunft zweier sich freundlich gesinnter Staaten glauben, die Seite an Seite ein Heimatland teilen?“ Nein. Dies ist ein falsches Bewusstsein. Die israelische Regierung hat dafür gesorgt, dass es keine diplomatische Lösung gibt und die Zukunft, — ein Apartheidstaat — verursacht durch dieses staatliche Handeln, ist tatsächlich bereits Wirklichkeit. Zur Zeit ist es (noch) eine de facto-Apartheid anstatt einer de jure-Apartheid – aber was soll’s?

Das ganze israelische System basiert auf „Fakten schaffen“, was eine scharfe Trennung schafft zwischen den Dingen wie sie sind und wie sie erscheinen. Darüber hinaus gibt es verschiedene institutionelle Verzierungen die Israel als Demokratie kennzeichnen, tatsächlich ist es aber eine radikale Ethnokratie, im Kern ein „Blut-Staat“ im völkischen Sinn. Denn was sind israelische Juden ohne das Konzept jüdischen Blutes? Was ist Israel ohne die Trennung und Unterscheidung zwischen jüdischem und arabischem Blut? Das gegenwärtige Israel ist nicht länger fähig eine andere Antwort als Blut und Verzweiflung zu bieten.

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Nicht-zionistische israelische Juden in Berlin, 14.9.2014: „Merkel, gib uns Pâsse, nicht Waffen!“. Foto Oren Ziv/Activestills.org

Nach Berlin einzuwandern war eine Entscheidung, um sich von der Verzweiflung zu befreien. Im Weggehen habe ich mit dem Suhlen in der Unmöglichkeit aufgehört, um meinen Kindern das größte Geschenk das ich ihnen machen konnte zu geben – die Freiheit der Selbstbestimmung und um mich selbst von einer Existenz zu befreien die durch Zwiespalt und andauernden Kampf definiert war. Im Gegensatz zu der Art und Weise wie das israelische Establishment Auswanderung konstruiert, gibt man jedoch weder die hebräische Sprache und Kultur auf, noch drückt man sich vor Verantwortung.

Im Gegenteil: Wegzugehen bedeutet die volle Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. So gesehen ist Auswandern also eine politische Tat. Natürlich ist es eine begrenzte Tat, doch es ist trotzdem eine Tat von Bedeutung und vielleicht wird es auf lange Sicht einen Einfluss haben, wenn sich genug Menschen zur Auswanderung entschließen. Es liegt nicht viel Tröstliches darin, aber immerhin gibt es ein wenig Hoffnung.

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Laden in Berlin

Danke Palästinakomitee Stuttgart
Quelle: http://972mag.com/emigration-as-a-political-act/121168/
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 05/08/2016
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=19209

Übersetzt von  Manuela Kunkel
Herausgegeben von  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=19209

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