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Debatte, Internationales

Zu: Kristin Helberg „Frieden gibt es nur ohne Assad“ (SoZ10/Okt. 2016, S. 3)

bomben

von A. Holberg

Der folgende Text ist ein Leserbrief an die “Sozialistische Zeitung“ (SoZ). Um ihn auch für solche Leser verständlich zu machen, die den hier  kritisierten Text von Kristin Helberg, die immer wieder im Fernsehen als Syrien-Expertin auftritt und dort – erwartungsgemäß wenngleich mit für ihre dortige Umgebung mit  überdurchschnittlichem Wissen ausgestattet  – die politische Stoßrichtung „unseres“ Imperialismus bedient, habe ich einige Zitate aus K.Helbergs Text eingefügt.

Frau Helberg hat in dem von der SoZ aus “Qantara“, der Online-Zeitschrift der Deutschen Welle, übernommen Artikel [http://www.sozonline.de/2016/10/frieden-gibt-es-nur-ohne-assad/] eine Vielzahl wichtiger Fakten zusammengetragen. Ihren Schlussfolgerungen vermag ich dennoch nicht zu folgen.

Sie spricht (hier wie die imperialistsche Propaganda) durchgehend von “Assad“, der  entmachtet werden müsse [„Tatsächlich lässt sich Syrien als Staat nur ohne Assad retten, der Präsident ist kein Garant, sondern eine Gefahr für Syriens Staatlichkeit“]

  • Kein Regime dieser Welt besteht aber nur aus oder stützt sich nur auf eine Person. Bashar al-Assad ist mehr noch als sein Vater Hafiz, der immerhin lange Jahre Luftwaffengeneral und schließlich Oberbefehlshaber der syrischen Armee war, Repräsentant wenn nicht gar nur Aushängeschild eines weitverbreiteten Netzwerks der syrischen Gesellschaft, nicht zuletzt eines führenden traditionellen Clans, nämlich der Assad(s) aus der alawitischen Minderheit, die ihrerseits nach der Unabhängigkeit Syriens in Folge der Zerschlagung des (sunnitischen) Omanischen Reiches nach dem 1. Weltkrieg eine zentrale Rolle in der syrischen Armee einzunehmen begann. Über ihre Herrschaft und die mit ihr verbundenen sozio-ökonomischen Maßnahmen konnte sie in Gestalt der kleinbürgerlich-nationalistischen Baath-Partei verschiedenste soziale Schichten und Gemeinschaften an sich binden, nicht zuletzt die unter dem osmanischen Sultanat zwar geschützten aber nicht gleichberechtigten nicht-sunnitischen Minderheiten – außer den Alawiten selbst eben Christen, Drusen und Schiiten. Darüberhinaus gelang  es ihr aber auch wesentliche modernistische Teile der sunnitischen Handelsbourgeoisie zu kooptieren. Wie die blutige Revolte von Hama Anfang der 80er Jahre gezeigt hatte war ihr das in Hinblick auf die traditionalistischen Sektoren der sunnitischen (Klein-)bourgeoisie nicht gelungen [ Hanna Batatu u.a. in “Syria’s Troubles“,MERIP Report,Washington D.C., No.110, 1982]. Diese sah vor allem in der Muslimbruderschaft ihre sozio-politische Repräsentantin. Die Muslimbruderschaft ist heute eine zentrale Kraft in der syrischen (Exil-)oppostion. Ein Sturz von Bashar al-Assad wird somit von einem nicht unerheblichen Teil der syrischen Bevölkerung mit großer Wahrscheinlichkeit als Bedrohung ihrer sozialen und politischen Gruppeninteressen betrachtet. Davon kann man ausgehen, auch wenn man von den Ergebnissen der letzten “Wahlen“ in Syrien nicht besonders viel hält.
  • In der Tat ist das Regime, wie die Autorin richtig sagt, vom Ausland abhängig. Welches Regime in der imperialistischen Peripherie wäre aber nicht vom Ausland – genauer von einigen ausländischen Staaten und Kräften – abhängig, nachdem sich die militärisch und  wirtschaftlich stärksten Kräfte im Ausland – die NATO-Staaten unter Führung der USA, die Ölmonarchien der  arabischen Halbinsel sowie Israel und sogar Länder wie Australien, das sich im September an der Bombardierung syrischer Soldaten beteiligt hat –  spätestens seit Beginn des bewaffneten Aufstands gegen das Regime vor 5 ½ Jahren entschieden hatten, ihren alten Plan zum “regime change“ zu verwirklichen – durch einen tiefgreifenden Wirtschaftsboykott und die politische und materielle Unterstützung für die bewaffnete Opposition (darunter Waffenlieferung, Ausbildungshilfe etc.)? Dass die Kräfte, die das Assad-Regime heute militärisch unterstützen, das nicht aus Liebe zu ihm tun, [Hinzu kommt die Abhängigkeit des Regimes vom Ausland. Ohne die militärische Unterstützung aus Russland und dem Iran wäre Assad längst am Ende. Und ohne die personelle Verstärkung durch schiitische Milizionäre aus dem Libanon (Hizbollah), aus dem Iran, Irak und Afghanistan gäbe es keine Geländegewinne am Boden.] liegt auf der Hand. Russland hat ein generelles Interesse daran, sich der Einkreisung durch die USA und ihren Anhang zu erwehren und seine einzige Auslandsmilitärbasis, nämlich die einzige Marinebasis im Mittelmeerhafen Tartous, zu verteidigen. Der Iran und mit  ihm die libanesische Hezbollah unterstützen das syrische Regie nicht, weil es ihm etwa religiös nahestünde. In der Tat können die alawitischen theologischen Vorstellungen von den im Iran herrschenden Zwölfer-Schiiten nur als absolute Ketzerei angesehen werden. Was sie verbindet, ist die Feindschaft, mit der sie seitens ihrer Gegner von den USA über Israel bis hin zu den traditionell Schiiten-feindlichen Wahhabiten und Muslimbrüdern konfrontiert sind. Ob also das Regime so schwach wäre, wenn nicht nur es selbst, sondern auch die “Rebellen“ keine Hilfe (Waffen, Geld und nicht  zuletzt Kämpfer) von außen erhielten, dürfte  nur schwer zu ermitteln sein.
  • Frau Helbergs Nebenbemerkungen über die Kriegsverbrechen sind relativ irrelevant. Es herrscht Krieg, sogar z.T. ein Bürgerkrieg, und da sind Kriegsverbrechen von allen Seite überall Gang und Gäbe. Es dürfte – außer für weite Teile der westlichen staatstragenden Medien – kein Geheimnis sein, dass auch die “Rebellen“ nicht mit Wattebäuschen werfen, sondern etwa in West-Aleppo durch Artillerie-/Raketen-Beschuss von Wohnvierteln regelmäßig Zivilisten, darunter natürlich auch die immer wieder gerne ins Feld geführten Kinder, töten.

Frau Helberg behauptet, dass Assads Abgang Voraussetzung für ein Ende      des Krieges sei. Das träfe vielleicht zu, wenn es außer ihren frommen          Wünschen irgendeinen Hinweis darauf gäbe, dass sich die Feinde des   Regimes danach auf einer Basis vereinigen könnten, die eine             Regierungsbildung für ganz Syrien ermöglichen würde. Man bedenke aber,     dass diese Leute es seit fünf Jahren nicht geschafft haben, ein Mindestmaß            an politischer und militärischer Einheit herzustellen [ zum bis Mitte Oktober       aktuellsten Fall s..https://now.mmedia.me/lb/en/commentaryanalysis/567417-             tHYPERLINK „https://now.mmedia.me/lb/en/commentaryanalysis/567417-%09the-rebel-fight-against-jund-al-aqsa-and-its-ramifications“hHYPERLINK „https://now.mmedia.me/lb/en/commentaryanalysis/567417-%09the-rebel-fight-against-jund-al-aqsa-and-its-ramifications“e-rebel-fight-against-jund-al-aqsa-and-its-ramifications ] – es sei denn    eine militärtaktische unter der Führung takfiristischer (d.h. jener Muslime, die             Muslime  anderer Richtung  als „Ungläubige“ oder gar Abtrünnige“ und somit             gegebenenfalls hinzurichtende bezeichnen) Jihadisten à la Jabhat an-Nusra,             Ahrar ash-Sham oder IS etc. etc. Was macht Frau Helberg so hoffnungsfroh,           dass sie uns erzählen will, dass nur, weil sicher die Mehrheit der Syrer weiter rauchen und musikhören wollen, die Jihadisten, die ja ganz offen erklären,           dass der Wille der Menschen völlig uninteressant sei, wenn er  dem (natürlich             von ihnen interpretierten) Willen Gottes widerspreche, ihre blutig erkämpfte      Machtposition zur Disposition stellen lassen würden? Wenn Frau Helberg      erklärt: „Russland und die USA wären deshalb gut beraten, Syriens       islamistische Rebellen zu Verbündeten im Kampf gegen den IS zu machen         und deren Hauptfeind Assad so unter Druck zu setzen, dass dieser den                Weg für eine Verhandlungslösung freimacht.“, dann verwechelt sie die

strategischen und taktischen Unterschiede, die zwischen den jihadistischen    Gruppen bestehen, mit grundlegenden Unterschieden in ihren          gesellschaftlichen Zielen. Für  all jene Syrer, die nicht nur weiter rauchen        und musikhören wollen, sondern auch weder als vom Islam Abtrünnige   massakriert noch als nicht-islamische “Leute  des Buches“ (Juden und   Christen“ in den Zustand von „Dhimmis“(Schutzbefohlenen) zurückgesetzt             werden wollen, gibt es nicht nur mit dem IS nichts zu verhandeln.

  • Zum Abschluss: es ist möglich, dass das syrische Regime nicht in der Lage sein wird, den Krieg – und damit bis aus Weiteres den Frieden – für sich zu entscheiden. Dass sein Sturz durch „die“ bewaffnete Opposition aber Frieden und ein Mindestmaß an Stabilität ermöglichen würde, scheint mir ausgeschlossen. Die unbewaffnete Opposition hat ohnehin nichts zu

 

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Zu: Kristin Helberg „Frieden gibt es nur ohne Assad“ (SoZ10/Okt. 2016, S. 3)

  1. Hellberg is ne CIA-gesteuerte verlogene Nato-propaganda-Trompete , da muss man garnich soviel worte verlieren

    Liken

    Verfasst von Tom | 18. Oktober 2016, 10:43

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