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Ausland, Russland

PUTINS RUSSLAND UND DIE SYNTHESE DER ÖFFENTLICHEN IDEOLOGIE

kathedrale

von Padraig McGrath – vineyardsaker.de

Auf diesen Artikel stiess ich auf dem Umweg über ein Video von Graham Philips mit dem Autor. Padraig McGrath lebt auf der Krim; er blieb dort nach der Wiedervereinigung mit Russland und ist seitdem dort so etwas wie ein “geduldeter Illegaler”. Graham hatte ihn interviewt. Danach suchte ich ihn auf Facebook und entdeckte darüber diesen interessanten Artikel über die Kombination zwischen sowjetischer und christlich-orthodoxer Symbolik, die jedem auffällt, der russische Videos betrachtet. Padraig erlaubte mir, den Artikel zu übersetzen und hier zu veröffentlichen. D.H.

Die Rekonstruktion der Kathedrale St. Alexander Newski ist ein Mikrokosmos einer breiten sozialen Wirklichkeit. Direkt neben dem Parlamentsgebäude der Krim in Simferopol gelegen, ist die wiederaufgebaute Kathedrale St. Alexander Newski ein prächtiger Bau. Vergoldete Zwiebeltürme, griechisch-römische Säulen und Ziergiebel – sie sieht in jeder Hinsicht so edel aus, wie eine gut finanzierte orthodoxe Kathedrale aussehen sollte. Beim Betreten kommt mir jedoch eine Frage in den Sinn – warum sind die Ikonen nicht völlig flach? Die Darstellungen der verschiedenen Heiligen wirken beinah krypto-katholisch, dreidimensionaler als man es erwartet, nicht wie byzantinische Ikonografie. Das ist nicht Nowgorod.

Mein Freund Nikita erklärt, der örtliche Bischof sei ein Westukrainer, also schiene ihm dieser Stil der Ikonografie schlicht natürlicher. Einheimische nennen das „Disney-Stil“. Ich lächle auf diese Antwort – sind da noch verbliebene Reste eines Versuchs der „Ukrainisierung“ an der Arbeit? Nikita glaubt das nicht – jeder orthodoxe Bischof, der auf der heutigen Krim einen Plan der „Ukrainisierung“ verfolgte, gleich auf welcher Ebene, würde sich sehr schnell ohne Amt wiederfinden – manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre.

Der Wiederaufbau dieser Kathedrale hatte einen langen Vorlauf. Angefangen im Jahr 2000, stieß das Projekt auf finanzielle Schwierigkeiten, aber als im März 2014 di Krim mit Russland wiedervereinigt wurde, war es beinahe vollendet. Zu jenem Zeitpunkt gab es eine Geldspritze des Bundes, um die letzte Phase zu beschleunigen, und es wurde die Genehmigung erteilt, Präsident Wladimir Putin als politischen Unterstützer des Projekts zu nennen. Die meisten Renovierungen oder Rekonstruktionen kulturell bedeutender Gebäude in Russland haben einen politischen Förderer benannt. Die geplante Kathedrale St. Katherina von Alexandria im Viertel Ak-Mechet in Simferopol beispielsweise wird vom jetzigen Gouverneur der Republik Krim, Sergej Aksjonow, gefördert.

14012145_1058264960922671_1388749002_nGleich vor dem Zaun der Kathedrale ist ein Denkmal, das dem Großen Vaterländischen Krieg gewidmet ist. Herzstück des Kriegsdenkmals ist ein T-34 Panzer auf einem Marmorsockel. Irgendjemand, vermutlich jemand aus der Bevölkerung, hat auf der Luke des Panzers eine sowjetische Fahne angebracht, und gleich daneben ist ein Kerzenhalter. Direkt neben der neu wiederaufgebauten Kathedrale St. Alexander Newski. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die ursprüngliche Kathedrale 1930 von den Bolschewiki zerstört wurde. Gleich bemerkenswert ist, dass dieses Kriegsdenkmal 2003 neu gestaltet wurde, als die Krim noch unter ukrainischer Verwaltung stand – für jene unter ukrainischer Verwaltung war sowjetischer Patriotismus bis vor kurzem noch kein Tabu. Allerdings, das ist die Krim.

Es ist fast nicht vorstellbar, dass diese beiden Räume, die Kathedrale und das Kriegsdenkmal, nicht als Tandem entworfen wurden. Es scheint eine recht bewusste Verschmelzung orthodox-christlicher und sowjetischer Symbole zu geben. Ideologische Synthese par excellence. Und so sehr das auch in der Folge in der krisengeschüttelten Ukraine als problematisch erachtet wurde, diese symbolische Fusion orthodoxen Christentums mit sowjetischem Patriotismus findet man heute überall in Putins Russland. Die Behauptung, unter Putin habe es eine „Resowjetisierung“ Russlands gegeben, vereinfacht viel zu sehr. Die öffentliche Ideologie des Russlands Putins ist synthetisch und amorph. Sie verkörpert sich in der Architektur und an staatlichen Feiertagen weit eher als durch formelle Argumentation. Eine der bedeutenden Erscheinungsformen dieser Ideologie ist die beständige Beschwörung der Symbole der zwei Weltanschauungen, die die kollektive historische Erfahrung des russischen Volkes am meisten geprägt haben – des orthodoxen Christentums und des Kommunismus. Welche Spannungen aus dem formellen Aussagengehalt dieser Weltsichten noch erwachsen mögen, es gibt auch tiefe Gemeinsamkeiten, insbesondere die Betonung eines ethischen Kollektivismus. Und das fügt sich recht gut in den Zeitgeist – im Alltagsleben gibt es eine Menge Ortho-Kommunisten im heutigen Russland.

Im russischen Gruppenbewusstsein, im russischen Denken über Gesellschaft und Moral gibt es eine ihrer selbst bewusste Spannung zwischen zwei widersprüchlichen Impulsen. Wir könnten diese Impulse „den transzendentalistischen Impuls“ und „den historistischen Impuls“ nennen.

Der transzendentalistische Impuls verkörpert sich erkennbar in einem ganzen Feld russischer Kultur und russischen Selbstbewusstseins. Wir können ihn im Werk Leo Tolstois sehen. Wir können ihn in dem heroischen Stoizismus sehen, den die Russen während der Zeiträume tiefster sozialer Krisen gezeigt haben, und in ihrer daher rührenden Fähigkeit der Selbstaufopferung. Er steht vor Augen, jedes mal, wenn man eine orthodoxe Kirche betritt. Von allen Varianten des Christentums, die sich in der heutigen Welt noch finden, ist die orthodoxe die mit dem transzendentesten Gottesbild.

Dieser transzendentalistische Impuls funktioniert jedoch in beständiger Spannung mit dem historizistischen Impuls. Russen sehen kollektive historische Erfahrung letztlich als den Lackmustest zur Gültigkeit einer Weltsicht. Das heisst, ihre epistemologischen Kriterien zur Bewertung einer Sicht der Welt sind explizit nicht transzendental. Auch auf die Gefahr hin, damit eine reduzierende Beschreibung zu liefern, das ähnelt etwa dem, was amerikanische Philosophen „Pragmatismus“ nennen – der Glaube, dass die Wahrheit dasjenige ist, was funktioniert. Man nehme beispielsweise die Beziehung, die viele Russen gleichzeitig zum orthodoxen Christentum und zum Marxismus als Glaubenssystem haben. 57% der Russen identifizieren sich als orthodoxe Christen, aber in vielen Fällen sind ihre philosophischen und politischen Koordinaten immer noch weitgehend marxistisch. Allgemeiner jedoch könnten wir den vorherrschenden synthetischen ideologischen Impuls eher als „Ortho-Sowjetismus“ beschreiben denn als „Ortho-Kommunismus“ oder „Ortho-Marxismus“ – die kommunistischen Symbole sind meist eher ein Ausdruck sowjetischen Patriotismus als der politisch-ökonomischer Theorien.

Russen, die gleichzeitig Christentum und Marxismus als Weltsicht folgen, tun dies, weil sie letztlich nicht versuchen, sie in den Begriffen transzendentaler Kriterien zu rechtfertigen. Sie nehmen beide Weltsichten als normativ, weil beide einen enormen Einfluss auf ihre kollektive historische Erfahrung hatten. Kollektive historische Erfahrung ist ihr zentrales epistemologisches Kriterium. Indem sie sich mit beidem gleichermaßen verbinden, legen sich die Russen implizit auf die materiellste aller möglichen Gottheiten fest – die Hegel-Feuerbach-Marxsche Vergöttlichung des geschichtlichen Prozesses selbst (eine merkwürdig post-protestantische Art von Gott). Indem sie die kollektive historische Erfahrung als das nehmen, was Normativität verleiht, wird ihr Gott plötzlich ein historisch-existenzialistischer Gott an Stelle eines transzendenten. Letztlich sehen Russen, die dem Marxismus wie auch dem Christentum gewogen sind, keine Notwendigkeit, den (rein formalen) Widerspruch zu lösen – beide werden als normativ angenommen, da beide von der „Geschichte“ hervorgebracht wurden, und so die Grundlage für den sozialen Kleber bilden, für die kollektive Erfahrung und kollektive normative Selbstwahrnehmung. Der Kollektivismus der Russen führt sie zur Vergöttlichung der Geschichte. Russland hat seine eigenen inneren Kulturkämpfe, wie jedes andere Land, aber die Russen neigen dennoch dazu, das lautstarke Gebalge zwischen Gläubigen und Atheisten im Westen für absurd zu halten, für einen der schlimmsten Exzesse der transzendentalistischen Epistemologie des 18. Jahrhunderts.

KobaIconAber man täusche sich nicht, die Spannungen zwischen diesen zwei Impulsen reichen weit tiefer als die Widersprüche zwischen konkurrierenden Ideologien. Es ist eine Spannung zwischen einer Metaphysik des Sublimen und einer Metaphysik der Geschichte. Es ist die ewige Spannung, die im Herzen des Christentums selbst liegt, in anderer Gestalt – das Wechselspiel/die Spannung zwischen dem transzendenten Vater und dem immanenten Sohn, die Spannung, die einem Glauben innewohnt, dessen Gottheit nur insofern völlig vergeistigt, soweit sie kenotisch ist, nur insoweit sie sich selbst de-transzendentalisiert. Aber für die Russen bricht diese innere Spannung, die einer grundlegenden christlichen Metaphysik homolog ist, zusammen, soweit sie letztlich durch die Geschichtlichkeit selbst aufgenommen wird. Letztlich ist es der Glaube der Russen an den Gott der immanenten Geschichte, der es ihnen ermöglicht, ihren transzendentalistischen Impuls auszuleben. Kurz gesagt, viele Russen rechtfertigen einen christlichen Glauben durch eine marxistisch-historizistische Epistemologie und lösen dadurch den rein formalen Widerspruch zwischen ihren jeweiligen aussagenlogischen Inhalten. Das ist eine klassische Hegelsche „Negation der Negation“. Aber das bedeutet, dass beide Impulse selbstironisierend sind. Es ist die Selbstwahrnehmung in Bezug auf diese inneren Spannungen, und daher das implizite Verständnis, dass diese nicht gelöst werden müssen, die den kognitiven Raum schaffen, in dem man Russe sein kann.

Man kann es nicht überbetonen, wie gründlich das Team Putin all dies versteht. Der rote Stern und die rote Fahne sind wieder aufgetaucht, weder explizit er- noch entmutigt durch die Bundesregierung, aber Putins Polittechnologen fangen die ikonografische Kraft der sowjetischen Symbole mit großem Geschick ein und bauen darauf auf – sie verstehen bestens, dass eine Menge Kunden mit roten Fahnen zur Party kommt. Die öffentlichen Feiern des Jahrestags der Wiedervereinigung der Krim mit Russland im März hätten sowjetische Feiern sein können – während des Konzerts, das die Band der Schwarzmeerflotte Sewastopol und der Kubankosakenchor gaben, war der Leninplatz von sowjetischen Insignien überflutet. Leute, die nie in Russland gelebt haben, mögen nicht ganz das Ausmaß erfassen, in dem die Sowjetunion, als staatsbürgerlicher Glaube, noch immer besteht.

Die Bundesregierung ist jedoch recht offen in ihrer Schirmherrschaft für religiöse Einrichtungen. Orthodoxes Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus als die Glaubensrichtungen, die traditionell zu Russlands Kaleidoskop kleiner „Völker“ gehören, werden alle als natürlich konstitutiv für das soziale und kulturelle Leben des Landes gesehen. Auf dieser Grundlage bietet die Bundesregierung finanzielle Unterstützung nicht nur für die Renovierung und den Wiederaufbau orthodoxer Kirchen, sondern auch für die Errichtung sehr auffälliger Moscheen. In Marino in Süd-Simferopol ist eine vom Bund finanzierte Supermoschee geplant. In solch einer endlos multiethnischen, multilinguistischen und multikonfessionellen Gesellschaft war diese pluralistische Religionspolitik immer entscheidend, um ein Auseinanderbrechen des Landes zu verhindern. Iwan der Schreckliche entwarf Russland als das „dritte Rom“, aber seine Religionspolitik war notwendigerweise stets mehr wie jene des persischen Reiches. Das Genie von Putins polittechnologischer Mannschaft zeigt sich darin, wie sie unterhalb des Diskurses all diese Symbole miteinander verschmilzt – einige Jahre Leben in Russland machen einen schrittweise weniger logozentrisch – man beginnt zu verstehen, dass die Ikonografie sehr wichtig ist, ob die Symbole, um die es geht, nun religiös oder säkular sind.

Die schrittweise Wiederbelebung organisierter Religion in Russland im Verlauf der letzten 20 Jahre ist Teil eines Prozesses, den die Russen „duchownye skrepy“ („spirituelle Kräftigung“) nennen. Anzumerken ist, dass dies vor allem unter einem staatsbürgerlichen Gesichtspunkt gesehen wird, da man es für unverzichtbar für die wirtschaftliche und (langfristige) territoriale Selbstverteidigung des Landes und für die Erhaltung der Kontrolle über Russlands ungeheure natürliche Ressourcen hält. Das hat, wenn man es nicht zu genau nimmt, einen Vorläufer in der russischen Geschichte – Peter der Große schaffte das Amt des Patriarchen 1700 ab und machte die russische orthodoxe Kirche tatsächlich zu einer Abteilung des Staates. Das gemahnte an das Modell der „Nationalkirchen“ vieler europäischer protestantischer Monarchien. Peter hielt dies für nötig bei seinen Bemühungen, die russischen Gesellschaft zu modernisieren, und Russland zu einer großen europäischen Macht zu machen. Putins Bewegung hin zur Kirche und die „duchownye skrepy“ insgesamt, können mit ähnlichen Worten beschrieben werden. Die meisten Russen glauben, dass westliche institutionelle Akteure als Vorlauf zu jedem ernsthaften Versuch, die Kontrolle über russisches Gebiet oder über russische Naturressourcen zu erlangen, zuerst versuchen werden, das russische Volk zu entpolitisieren und zu infantilisieren. „Duchownye skrepy“ wird als Prophylaxe gegen die geostrategische Bedrohung westlicher „soft power“ gesehen. Das hilft wiederum, zu erklären, warum viele russische Nicht-Christen, etwa russische Juden, sich selbst als Paten der russischen orthodoxen Kirche als staatsbürgerliches, kulturelles und intellektuelles Projekt betrachten.

Manchmal wird diese Synthese orthodox-christlicher und sowjetischer Symbole etwas anspruchsvoller. Nehmen wir beispielsweise eine kurze Pressekonferenz, die Putin Weihnachten 2012 vor der Transfigurationskathedrale in St. Petersburg gab, nachdem er dort den Gottesdienst besucht hatte. Ein junger Journalist stellte eine offensichtlich vorbereitete Frage – warum war Putin gerade zur Weihnachtsfeier in diese Kathedrale gekommen? Warum feierte er den Weihnachtsgottesdienst nicht in einer Landkirche, wie er es sonst zu tun pflegte?

Putin fing an, zu erklären, er sei in der Transfigurationskathedrale getauft worden. Weiter erklärte er, seine Mutter habe ihn heimlich taufen lassen, denn sein Vater sei „ein Mitglied der kommunistischen Partei, ein loyaler und kompromissloser Mann“ gewesen.

Es ist absolut plausibel, dass alle wichtigen Details dieser Geschichte auf Tatsachen beruhen – in der Sowjetzeit wurden viele Russen heimlich getauft, um den Einspruch kommunistischer Eltern oder anderer Familienangehöriger zu umgehen. Dennoch hat er alle Knöpfe gedrückt. Die tiefere ideologische Erzählung in dieser Geschichte ist recht anspruchsvoll – er hat gesagt „Meine Widersprüche sind eure Widersprüche – ich bin selbst ein Produkt des großen ideologischen Konflikts, der unsere kollektive historische Erfahrung des vergangenen Jahrhunderts geprägt hat. Wie ihr, verkörpere ich diesen Konflikt, und daher verkörpere ich auch die Synthese dieser beiden Dinge.“

Und im Versuch, den ideologischen Subtext von Putins Geschichte auf diese Weise ans Tageslicht zu heben, sollte mein Gebrauch des Verbs „verkörpern“ weiter durchleuchtet werden, denn es hat christologische Untertöne, die Putin oder seinem Team politischer Technologen kaum entgangen sein dürften, oder, was das betrifft, einem großen Teil seiner politischen Anhängerschaft. Auf den ersten Blick erzählt Putin eine Geschichte von seiner Mutter, seinem Vater und den Umständen seiner Taufe, und so wird der tiefere ideologische Subtext durch eine Art biologischer Allegorie ausgedrückt, auf die gleiche Art, wie die christliche Erzählung selbst über eine biologische Allegorie funktioniert. Die historisch wohl einflussreichste Tradition der Christologie dreht sich um ein Konzept, das zuerst von Philo von Alexandria entwickelt wurde, einem jüdischen Philosophen – „spermatikos logos“ (wörtlich „der Same des Wortes“). Unter Christen wird Christus soweit als göttlich wahrgenommen, als er die Manifestation des Logos ist, oder, wenn man will, soweit er diesen Logos verkörpert – seine Subjektivität ist der Ort, an dem sich dieser Logos manifestiert. Putin wird, indem er sich selbst als das Produkt des Konflikts zwischen Kommunismus und orthodoxem Christentum präsentiert, einer ideologischen Bruchlinie, die das Russland des 20. Jahrhunderts definierte, zur Verkörperung ihrer Synthese.

Es wäre grob vereinfachend, das als schlichte „Manipulation“ der Massen durch Putin und die Macher seines Images zu sehen, denn dieser Begriff würde zumindest annähernd unterstellen, dass Putins politische Anhängerschaft sich der vielfachen Subtexte der Geschichte nicht bewusst wäre. Im Gegenteil, gebildete Russen (zumindest) würden die obige Analyse der Geschichte Putins als banal empfinden – sie sind sich der Knöpfe, auf die gedrückt wird, völlig bewusst, und im Großen und Ganzen gefällt ihnen die ausgedrückte ideologische Erzählung recht gut. Ortho-Sowjetismus ist der synthetische staatsbürgerliche Glaube, der ihre Selbstverpflichtung sichert, und Putin ist ihr politischer Ausdruck.

Nicht alle Erscheinungsformen dieser symbolischen Synthese sowjetischer Ideologie mit dem orthodoxen Christentum sind einzigartig russisch. Globaler gesehen hat die marxistische Tradition eine Menge ihrer ursprünglichen Feindseligkeit der Religion gegenüber abgelegt. Marx´Aussage 1844, „ die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks“ ist innerhalb der marxistischen Tradition einem Versuch gewichen, religiöse Bewegungen aus einer phänomenologischen Perspektive zu begreifen. Marx´Kritik war für das 19. Jahrhundert angemessen, als die Religion noch integraler Teil des ideologischen Apparats der bürgerlichen Gesellschaft war, aber das ist sie nicht mehr wirklich – wenn überhaupt, dann funktionieren religiöse Bewegungen jetzt meist als Quellen des Widerstands gegen die Verwüstungen des Big Capital. Russlands „duchownje skrepi“ und die Synthese des Ortho-Sowjetismus als staatsbürgerlicher Kirche sind Teil eines größeren globalen Musters, das schrittweise mehr strategische (und manchmal philosophische) Bündnisse zwischen linker emanzipatorischer Politik und religiösen Bewegungen sieht.

http://vineyardsaker.de/analyse/putins-russland-und-die-synthese-der-oeffentlichen-ideologie/#more-4881

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