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Ausland, Naher Osten

ES WAR KEIN VERSEHEN…

von Bashar al-Assad – vineyardsaker.de

Interview von Associated Press mit dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad am 22.09.2016

AP: Präsident Assad, vielen Dank für diese Gelegenheit für Associated Press, sie zu interviewen.

Präsident Assad (PA): Sie sind in Syrien sehr willkommen.

AP: Ich fange damit an, über den Waffenstillstand in Syrien zu reden. Russland, die USA und mehrere Länder sagen, der Waffenstillstand könne wiederbelebt werden, trotz der jüngsten Gewalt und der wechselseitigen Beschuldigungen. Stimmen Sie dem zu, und sind Sie bereit, es erneut zu versuchen?

PA.: Wir haben erklärt, dass wir bereit sind, uns zu jeder Einstellung der Feindseligkeiten zu entscheiden, oder, wenn Sie es einen Waffenstillstand nennen wollen, aber dabei geht es nicht um Syrien oder Russland; es geht um die Vereinigten Staaten und die Terroristengruppen, die sich mit ISIS und al-Nusra und Al-Qaida verbunden haben, und mit den Vereinigten Staaten und der Türkei und Saudi-Arabien. Sie haben öffentlich verkündet, dass sie nicht dazu bereit sind, und das ist nicht der erste Versuch einer Einstellung der Feindseligkeiten in Syrien. Der erste Versuch war letzten Februar, und er funktionierte, denke ich, wegen der Vereinigten Staaten nicht, und ich glaube, dass die Vereinigten Staaten es nicht ernst meinen, was ein Ende der Gewalt in Syrien betrifft.

AP: Glauben Sie, es könnte je eine gemeinsame militärische Partnerschaft zwischen den USA und Russland geben, wie sie in dem Abkommen vorgezeichnet ist?

PA.: Noch einmal, im Prinzip ja, aber in Wirklichkeit nicht, weil die Vereinigten Staaten nicht die Absicht haben, gegen al-Nusra oder selbst ISIS zu arbeiten, weil sie glauben, das sei eine Karte, die sie für ihre eigenen Ziele nutzen können. Wenn sie al-Nusra oder ISIS angreifen, verlieren sie eine sehr wichtige Karte, die Lage in Syrien betreffend. Also, ich glaube nicht, dass die Vereinigten Staaten bereit sind, sich Russland beim Kampf gegen die Terroristen in Syrien anzuschließen.

AP: Diese Woche haben die USA gesagt, dass der Angriff der Koalition auf die syrischen Truppen ein Versehen war. Akzeptieren Sie diese Erklärung?

PA.: Nein, nein. Das war es nicht, denn es war kein Versehen eines Flugzeugs, einmal, sagen wir. Es waren vier Flugzeuge, die die Stellungen der syrischen Truppen beinahe eine Stunde lang angriffen, oder etwas über eine Stunde lang. Man macht einen Fehler nicht über eine Stunde lang. Das ist der erste Punkt. Der zweite, sie haben kein Gebäude in einem Viertel angegriffen; sie haben ein riesiges Areal angegriffen, aus mehreren Hügeln, und es gab dort keine Terroristen in der nähe der syrischen Truppen dort. Gleichzeitig haben die Truppen von ISIS oder die ISIS-Kämpfer sofort nach dem amerikanischen Schlag angegriffen. Woher wussten sie, dass die Amerikaner diese Stellung angreifen werden, um ihre Truppen zu sammeln und gleich anzugreifen und es eine Stunde nach dem Angriff einzunehmen? Also war es definitiv absichtlich, nicht unabsichtlich, wie sie behaupten.

AP: Haben Syrien oder Russland den Angriff auf den Konvoi des Roten Kreuzes diese Woche durchgeführt, und sollte Moskau zur Verantwortung gezogen werden, wie das Weiße Haus sagte?

PA.: Nein, zuallererst, es gab dutzende Konvois von verschiedenen Organisation aus der ganzen Welt, die in den letzten Jahren in verschiedene Gebiete Syriens kamen. Das ist nie zuvor passiert, also warum jetzt, seitens der Russen oder der Syrer? Nein, es ist eine Behauptung. Und was die Behauptung des Weißen Hauses gestern betrifft, die entweder die Syrer oder die Russen beschuldigen. In dieser Hinsicht würde ich sagen, was immer die amerikanischen Vertreter zum Konflikt in Syrien sagen, ist allgemein nicht glaubwürdig. Was immer sie sagen, es sind nur Lügen und, sagen wir, Blasen, hat keine Grundlage vor Ort.

AP: Also was ist mit dem Konvoi passiert? Wer sollte zur Verantwortung gezogen werden?

PA.: Diese Konvois waren im Gebiet der Rebellen, im Gebiet unter Kontrolle der Terroristen. Darum sollten sie zuerst beschuldigt werden: die Leute oder die Kämpfer, die Terroristen, die für die Sicherheit dieses Konvois verantwortlich sind. Also, wir haben keine Ahnung, was geschehen ist. Das einzige, was wir sahen, war ein Video eines verbrannten Wagens, zerstörte Lastwagen, sonst nichts.

AP: Mehrere Augenzeugen haben AP gesagt, dass etwa 20 Raketen gegen den Konvoi abgefeuert wurden. Es gibt Aufnahmen zerrissener Körper. Das sieht nicht aus, als wäre es etwas Anderes als ein Luftangriff. Augenzeugen haben auch von Fassbomben geredet, und, wie Sie wissen, wurde ihrer Regierung vorgeworfen, unter gewissen Umständen Fassbomben zu gebrauchen. Denken Sie immer noch, das war ein Angriff vom Boden durch die Rebellen?

PA.: Ja, erst einmal, selbst die Vereinten Nationen sagten, dass es keine Luftangriffe gegen den Konvoi gab. Das war gestern. Zweitens, zur Zeit dieses Ereignisses haben die Terroristen die syrischen Truppen mit Raketen angegriffen. Sie starteten einen Raketenangriff, wir haben nicht erwidert. Drittens, Sie können nicht von Augenzeugen reden, für eine solche Beurteilung oder Anschuldigung. Welche Glaubwürdigkeit haben diese Augenzeugen, wer sind sie? Das wissen wir nicht.

AP: Wir haben Augenzeugen, die waren Verwandte, wir haben die Weißen Helme, wir haben viele Leute, die sagen, sie hätten Hubschrauber in der Luft gesehen. Nun haben nur die Syrer und die Russen Hubschrauber. Sagen Sie, das alles sei nur erfunden?

PA.: Diese Zeugen tauchen nur auf, wenn es eine Anschuldigung gegen die syrische Armee oder die Russen gibt, aber wenn die Terroristen ein Verbrechen begehen oder ein Massaker oder irgendwas, sehen Sie keine Zeugen, und hören nichts von diesen Weißen Helmen. Also, welch ein Zufall. Nein, wir haben tatsächlich kein Interesse daran, das zu tun, aus einem Grund: wenn wir irgendeinen Konvoi angreifen, der zu den Zivilisten geht, arbeiten wir im Interesse der Terroristen, wir treiben sie ihnen in die Arme, und wir verschaffen den Terroristen ein gutes Saatbeet, etwas, was wir nicht tun würden. Das ist das erste. Das zweite, wir, als Regierung, als Staatsführung, sind moralisch dem syrischen Volk verpflichtet, moralisch, durch die Verfassung, und rechtlich, ihnen in jeder Hinsicht zu helfen, die grundlegenden Notwendigkeiten für ihr Leben zu haben.

AP: Ihre Regierung hat geleugnet, chemische Waffen eingesetzt zu haben, Fassbomben, trotz Zeugenaussagen und Videos und dem Ergebnis einer UN-Untersuchung. Wir hören ähnliche Dementis Luftangriffe auf Zivilisten und auf medizinisches Personal betreffend. Können das alles falsche Vorwürfe ihrer Gegner sein?

PA.: Erst einmal, der erste Vorfall eines Einsatzes von Gas war in Aleppo vor über drei Jahren, und wir waren diejenigen, die die Vereinten Nationen eingeladen haben, eine Delegation zu schicken, um den Einsatz chemischer Waffen zu untersuchen, und die Vereinigten Staaten widersprachen dem und widersetzten sich dieser Handlung aus einem Grund: weil es, hätte es Untersuchungen gegeben, entdeckt worden wäre, dass die Terroristen Gas eingesetzt haben, nicht die syrische Armee. In dieser Hinsicht, in diesem Fall wären die Vereinigten Staaten außerstande gewesen, Syrien zu beschuldigen. Darum waren sie gegen diese Delegation. Bei jedem Vorfall haben wir die Vereinten Nationen gebeten, eine Delegation zu schicken, und wir bestehen noch immer auf dieser Position, dass sie Delegationen schicken müssen, um es zu untersuchen, aber die Vereinigten Staaten sind dagegen. Also, wenn wir das tatsächlich eingesetzt hätten, würden wir nicht um Untersuchungen bitten.

AP: Für die internationale Gemeinschaft wirkt es, als ob keiner der Vorwürfe, keine der Anschuldigungen haften bleiben, dass alles geleugnet wird, hier alles ok ist, seitens Ihrer Regierung. Glauben Sie nicht, dass das der Glaubwürdigkeit schadet? Die Amerikaner beispielsweise haben zugegeben, dass der Angriff auf das syrische Militär ein Fehler war. Nun, Sie akzeptieren das nicht, aber alles was die internationale Gemeinschaft von der syrischen Regierung hört, sind Dementis.

PA.: Welche Frage betreffend?

AP: Zu den Anschuldigungen über Verletzungen der Menschenrechte, Fassbomben..

PA.: Schauen Sie, wenn Sie über Fehler reden wollen, in jedem Land gibt es Fehler, jede Regierung hat Fehler, jeder Mensch hat Fehler. Wenn es einen Krieg gibt, gibt es mehr Fehler. Das ist natürlich. Aber die Vorwürfe Syrien betreffend haben keine Grundlage. Wenn sie von Fassbomben reden, was sind Fassbomben?

Das ist nur ein Begriff, den sie benutzen, um etwas zu zeigen, das sehr böse ist und Menschen unterschiedslos töten kann, und, wie ich sagte, weil in den Medien „das zählt, was blutet“. Sie reden nicht über Bomben; sie nennen es Fassbomben Eine Bombe ist eine Bombe, was ist der Unterschied zwischen verschiedenen Arten von Bomben? Alle Bomben sind da, um zu töten, es geht darum, wie sie gebraucht werden. Wenn man eine Waffe gebraucht, gebraucht man sie, um Zivilisten zu verteidigen. Man tötet Terroristen, um Zivilisten zu verteidigen. Das ist die natürliche Rolle jeder Armee der Welt. Wenn man Terroristen hat, dann wirft man keine Ballons auf sie oder setzt Gummiknüppel ein, beispielsweise. Man muss Waffen gebrauchen. Also, es geht nicht darum, welche Art der Waffen, sondern wie sie genutzt werden, und sie wollen es in dem Fall nutzen, um der syrischen Armee vorzuwerfen, Zivilisten zu töten. Wir töten keine Zivilisten, dazu haben wir keinen moralischen Antrieb, wir haben kein Interesse daran, Zivilisten zu töten. Das sind unsere Leute, die uns unterstützen. Wenn wir das syrische Volk töten wollten, wer wird uns als Regierung, als Amtsträger unterstützen? Niemand. Also, in Wirklichkeit kann man nicht fünf Jahre und mehr gegen all diese Länder widerstehen, den Westen, die Golfstaaten, die Petrodollars und all diese Propaganda, die stärksten Medienkonzerne der Welt, wenn man nicht die Unterstützung des eigenen Volkes hat. Das widerspricht der Wirklichkeit. Also, nein, wir benutzen sie nicht. Ich würde nicht sagen, dass wir keine Fehler haben. Noch einmal, dass von Einzelpersonen viele Fehler begangen wurden, aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Fehler oder selbst einem Verbrechen, dass von einer Einzelperson begangen wurde, und einer Politik des Verbrechens, die von einer Regierung angenommen oder umgesetzt wird. Eine solche Politik haben wir nicht.

AP: Und doch fliehen hunderttausende Syrer aus dem Land, viele ertrinken auf dem Weg, viele davon sagen, sie fliehen vor Ihren Truppen. Wovor genau fliehen sie, wenn dieser Feldzug nicht existiert, dieser Feldzug der Gewalt, unterschiedslos gegen sie…?
PA.: Sie müssen die Realität in Syrien sehen. Wann immer wir eine Stadt oder ein Dorf von den Terroristen befreien, gehen die Zivilisten zurück in die Stadt, während sie aus der Stadt fliehen, wenn die Terroristen das Gebiet angreifen, das Gegenteil. Also, sie fliehen, zuallererst, vor dem Krieg selbst; sie fliehen aus dem Gebiet unter Kontrolle der Terroristen, sie fliehen aus der schwierigen Situation, die durch das Embargo des Westens gegen Syrien entstanden ist. Also, viele Leute fliehen nicht vor dem Krieg selbst, sondern vor den Konsequenzen des Krieges, weil sie leben wollen, sie wollen die grundlegenden Notwendigkeiten des Lebens, sie haben sie nicht. Sie müssen aus diesen Umständen fliehen, nicht notwendigerweise vor der Sicherheitslage selbst. Also, es gibt verschiedene Gründe, warum Leute oder die Flüchtlinge Syrien verlassen. Viele von ihnen haben die Regierung in den jüngsten Wahlen unterstützt, bei den Präsidentenwahlen, in verschiedenen Ländern. Also es ist nicht wahr, dass sie Syrien wegen der Regierung verlassen haben, und wegen dieser Vorwürfe, die besagen, die Regierung würde die Leute töten, während die Terroristen, vor allem al Kaida und al-Nusra und die anderen mit al Kaida verbündeten Organisationen oder Gruppen die Zivilisten schützten. Ist das der Vorwurf? Das kann niemand wirklich glauben.

AP: Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Leute, die nicht fliehen können, die Leute, die in Syrien in belagerten Städten sind. Aleppo, beispielsweise. Zurück zum Waffenstillstandsabkommen, es sollte Hilfe in die Stadt kommen, aber Sie haben sich nicht an ihren Teil des Abkommens gehalten. Warum, und wie können Sie rechtfertigen, den Städten Hilfe vorzuenthalten?

PA.: Reden wir wieder über die letzten Jahre, viele Hilfskonvois kamen in verschiedene Städte, also warum sollte die syrische Regierung einen Konvoi abhalten, beispielsweise nach Aleppo zu kommen, während anderen erlaubt wird, andere Gebiete zu erreichen? Das ist ein Widerspruch, Sie können das nicht erklären, das ist nicht begreiflich. Erstens. Zweitens, wenn Sie sich all die anderen Gebiete unter Kontrolle der Terroristen ansehen, wir schicken immer noch Impfstoffe aus dem Budget der syrischen Regierung, wir schicken immer noch die Gehälter der Beschäftigten aus dem Budget der syrischen Regierung. Also, wie können wir das tun, und gleichzeitig die Leute in anderen Gebieten verhungern lassen? Wichtiger noch, die Terroristen, die die befreiten Gebiete unter dem, was man Versöhnung nennt, oder bestimmten Abkommen in verschiedenen Gebieten, verlassen haben, sie sind gegangen, um gegen andere Terroristen in Syrien zu kämpfen, und schicken währenddessen ihre Familien, um unter der Aufsicht der Regierung zu leben. Warum lassen wir diese Familien nicht verhungern? Also, das widerspricht sich. Ich meine, das, was Sie sagen, widerspricht der Realität, und wir widersprechen uns nicht selbst.

AP: Aber die Welt hat die Wirklichkeit von Aleppo gesehen. Es gab UN-Hilfskonvois, die nicht in die Stadt gelassen wurden. Leugnen Sie, dass das der Fall war?

PA.: Die Situation ist so schon seit Jahren. Wenn es wirklich eine Belagerung rund um die Stadt Aleppo gäbe, wären die Leute jetzt bereits tot. Erstens. Zweitens, und wichtiger, sie haben die benachbarten Gebiete und die Stellungen der syrischen Armee seit Jahren beschossen, ununterbrochener Beschuss aus Mörsern und verschiedenen Arten tödlicher Bomben. Wie könnten sie verhungern und gleichzeitig Munition haben? Wie können wir verhindern, dass Nahrung und medizinische Hilfe die Gegend erreicht, und Munitions- und Waffenlieferungen nicht daran hindern, in das Gebiet zu kommen, was nicht logisch ist?

AP: Also was ist Ihre Botschaft an die Menschen von Aleppo, die das Gegenteil sagen, dass sie hungern, dass sie an Unterernährung leiden, dass es keine Ärzte gibt, dass Ärzte bei Luftangriffen zum Ziel genommen und getötet wurden, dass sie belagert sind und dass sie sterben? Was ist Ihre Botschaft an sie?

PA.: Sie können nicht sagen, „die Menschen von Aleppo“, denn die Mehrheit der Menschen von Aleppo lebt in dem Gebiet unter Kontrolle der Regierung, also können Sie nicht von „den Menschen von Aleppo“ reden. Wenn Sie über jemand reden wollen, der angeblich so etwas behauptet, sagen wir ihnen, wie können sie noch am Leben sein? Warum haben sie, beispielsweise, keine Epidemie, wenn sie keine Ärzte haben? Wie können sie sagen, dass sie angegriffen wurden, sie werfen Syrien vor, Krankenhäuser anzugreifen, also sie haben Krankenhäuser und Ärzte und alles. Wie können sie sie haben? Wie können sie Bewaffnung haben? Das ist die Frage, Wie können sie Bewaffnung zu ihren Leuten bringen, wenn sie behaupten, sie hätten Leute und Graswurzeln und keine Nahrung? Das müssen sie erklären; ich muss das nicht erklären. Die Wirklichkeit zeigt es.

AP: Und dennoch sagen sie das Gegenteil. Sie sagen, sie überleben von was immer sie können, mit wenigen Mitteln, und sie sind eine Stadt unter Belagerung. Sie akzeptieren nicht, dass Aleppo eine belagerte Stadt ist, mit hungrigen und verhungernden Menschen?

A: Noch einmal, wie könnte ich die Nahrung aufhalten, aber nicht die Waffen? Logisch gefragt, wie? Wenn ich die Nahrung aufhalten kann, sollte ich im Stande sein, die Waffen aufzuhalten. Wenn ich die Waffen nicht aufhalten kann, heißt das, alles andere kommt nach Aleppo hinein.

AP: Waren Sie jüngst in Aleppo? Werden Sie dorthin gehen?

PA.: Natürlich werde ich.

AP: Und wie fühlt es sich für Sie an, die Zerstörung in jenen Teilen zu sehen, die mal als Juwel Syriens bekannt waren?

PA.: Zerstörung ist natürlich schmerzhaft, aber wir können unser Land wieder aufbauen. Wir werden das tun. Eines Tages wird der Krieg aufhören. Das Schmerzhafteste ist die Zerstörung der Gesellschaft, das Töten, das Blutvergießen, etwas, mit dem wir jede Stunde jeden Tages leben. Aber was sollte ich denken? Ich denke, wenn ich diese Bilder sehe, wie fühlen sich die westlichen Vertreter, wenn sie all diese Zerstörung ansehen, und die Bilder der Getöteten, und sie wissen, dass ihre Hände mit ihrem Blut befleckt sind, dass sie direkt dieses Verbrechen begangen haben, diese Leute zu töten und unsere Zivilisation zu zerstören. Daran denke ich.

AP: Und doch sieht es für die Außenwelt aus, als würde das Ziel bei Ihrem Krieg gegen den Terror jedes Mittel rechtfertigen. Akzeptieren Sie das?

PA.: Sie haben natürlich keine Moral. Das ist ein machiavellistisches Prinzip; das Ziel rechtfertigt die Mittel. Das akzeptieren wir nicht, nein. Die Politik sollte eine Mischung aus den Interessen und der Art, wie man die Ziele erreicht, sein, aber auf Werten beruhend. Es kann nicht sein, dass das Ziel die Mittel rechtfertigt, denn für Kriminelle rechtfertigt das Ziel die Mittel, für Diebe, für jede illegale und unmoralische Handlung rechtfertigt das Ziel die Mitte. Das ist genau das, was Sie in ihrer Frage erwähnt haben, das ist die Grundlage, das Fundament der westlichen Politik auf der Welt heutzutage.

AP: Was ist Ihre Botschaft an die Syrer, die aus dem Land geflohen sind? Einige von ihnen haben es nicht geschafft, andere wohl. Rufen Sie sie auf, zurückzukommen, erwarten Sie, dass sie zurückkommen?

PA.: Natürlich. Es ist ein Verlust, es ist ein großer Verlust. Der schlimmste Verlust für jedes Land ist nicht die Infrastruktur oder die Gebäude oder der materielle Verlust; tatsächlich ist es der Verlust an menschlichen Ressourcen, etwas, was wir zurück nach Syrien kommen sehen wollen, und ich bin sicher, dass die Mehrheit jener Syrer, die Syrien verlassen haben, zurück kommen wird, wenn die Sicherheit und das Leben wieder normal werden, und die mindesten Voraussetzungen fürs Leben für sie bezahlbar sind, sie werden zurückkommen. Darüber mache ich mir keine Sorgen.

AP: Haben Sie irgendwelche Erwartungen, wann das geschehen wird, wann Syrien in gewissem Maß befriedet sein wird, dass sie zurückkommen können?

PA.: Wenn wir das nach internen syrischen Faktoren betrachten, würde ich sagen, schon sehr bald, in ein paar Monaten, und ich bin mir dessen sicher, ich übertreibe nicht, aber wenn Sie darüber als Teil eines globalen und regionalen Konflikts reden, in dem es viele externe Faktoren gibt, die sie nicht kontrollieren dann wird es sich hinziehen, und niemand auf der Welt kann sagen, wann, außer den Ländern, den Regierungen, den Staatsmännern, die direkt die Terroristen unterstützen. Nur sie wissen das, denn nur sie wissen, wann sie aufhören, die Terroristen zu unterstützen, und das ist, wann die Lage in Syrien ohne wirkliche Hindernisse gelöst werden wird.

AP: Bleiben wir eine Zeit lang bei diesem Punkt. Glauben Sie, dass in wenigen Monaten die Lage in Syrien zu Ihren Gunsten dramatisch verändert wird, bis zu dem Punkt, dass die Flüchtlinge zurück kommen können?

PA.: Nein, weil ich nicht glaube, dass in wenigen Monaten Erdogan und das Regime der Vereinigten Staaten, und die westlichen Regimes insgesamt, und natürlich Saudi-Arabien und Katar aufhören werden, die Terroristen zu unterstützen. Das sehe ich nicht in den nächsten zwei Monaten.

AP: Wie können Sie also die Syrer dazu bringen, in zwei Monaten zurückzukommen, wie Sie sagten?

PA.: Ich sagte, wenn es keine externen Faktoren gäbe. Ich sagte, wenn Sie es als isolierten Fall betrachten, als syrischen Fall, was theoretisch ist, ich meine, dann könnte man sagen, das ist in ein paar Monaten zu lösen. Aber jetzt reden Sie über einen Schauplatz, der Teil der internationalen und regionalen Arena ist, nicht isoliert. Also, darum habe ich gesagt, niemand weiß die Antwort, wann es enden wird.

AP: Es ist jetzt ein Jahr her, dass Russland in den Krieg eingestiegen ist. Vor der Intervention haben Sie Gebiet und Kontrolle verloren. Hatten Sie je das Gefühl, dass Sie den Krieg verlieren?

PA.: So betrachten wir das nicht, den Krieg zu verlieren, denn wann immer Syrer mit den Terroristen arbeiten, ist es ein Verlust. Den Krieg verlieren, das ist eine hypothetische Frage, offen gesagt. Es geht nicht um ihre Gefühle; es geht um die Wirklichkeit. Im Krieg verliert man Gebiete, aber man holt andere zurück. Also ist es schwer, zu sagen, ob man gewinnt oder verliert oder ob es ein Stillstand ist. Niemand hat die Antwort. Aber definitiv, nach der russischen Intervention und Unterstützung der syrischen Armee, legal natürlich, fühlten wir uns viel besser. Wir haben viele Städte eingenommen, viele wichtige Stellungen, auf Kosten der Gebiete der Terroristen.

AP: Selbst wenn Sie den Krieg gewinnen sollten, was wäre von Ihrem Land und der syrischen Gesellschaft übrig? Müssten sie wieder an die Aussicht einer Teilung Syriens denken?

PA: Nein, daran haben wir nie gedacht, und die Mehrheit in Syrien glaubt nicht daran, und ich denke, dass die Wirklichkeit, trotz dieses grausamen Krieges, nicht die Atmosphäre für eine solche Teilung geschaffen hat. Tatsächlich ist in vielen Gebieten die soziale Lage viel besser, denn wenn man über Teilungen reden will, muss man diese Grenzen zwischen den sozialen Gemeinschaften finden. Man kann keine Teilung nur auf politischer oder geografischer Grundlage haben. Sie sollte zuallererst sozial sein, wenn die Gemeinschaften nicht mehr miteinander leben wollen. Durch den Krieg verstehen viele Syrer, dass der einzige Weg, ihr Land zu schützen, ist, miteinander integriert zu leben, nicht nur nebeneinander her, was man genauer ein Zusammenleben nennen müsste, wo Menschen auf täglicher Basis in jedem Detail miteinander handeln und einander integrieren. In dieser Hinsicht bin ich zuversichtlicher, dass Syrien geeinter sein wird. Also, das einzige Problem, dem wir uns jetzt gegenübersehen, ist nicht die Teilung, sondern der Terrorismus.

AP: Und doch werden Sie nicht als einigende Kraft in Syrien gesehen; die Leute denken, dass die Gesellschaft auseinander gerissen wird. Nur um ein Beispiel zu nennen, auf persönlicher Ebene, Sie selbst sind gelernter Arzt, und doch wird Ihrer Regierung vorgehalten, medizinisches und Rettungspersonal ins Ziel zu nehmen, während sie versuchen, Leben zu retten. Wie machen Sie Ihren Frieden damit?
Und ist das eine Gesellschaft, die, nachdem sie solche Konsequenzen erleiden musste, die Vergangenheit wirklich vergessen kann und weitermachen?

PA: Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil sie voller Fehlinformationen ist. Korrigieren wir sie erst. Wir greifen keine Krankenhäuser an. Noch einmal, wie ich gesagt habe, das ist gegen unsere Interessen. Wenn Sie die Moral bei Seite lassen, dass wir das aus moralischen Gründen nicht tun, wenn Sie davon absehen, ich rede jetzt von, sagen wir, „das Ziel rechtfertigt die Mittel“, wenn Sie das gebrauchen wollen, wir haben kein Interesse daran. Das ist, wie wir den Terroristen helfen würden, wenn wir Klinken, Schulen und solche Dinge angreifen. Natürlich, wenn es Krieg gibt, zahlen die Zivilisten und die Unschuldigen den Preis. Das ist in jedem Krieg so, jeder Krieg ist ein schlechter Krieg. Es gibt keinen guten Krieg. In jedem Krieg zahlen die Menschen den Preis, aber ich rede von der Politik der Regierung, der Armee; wir greifen keine Krankenhäuser an. Wir haben kein Interesse daran, Krankenhäuser anzugreifen. Also, was ist der andere Teil der Frage? Entschuldigung, erinnern Sie mich daran.

AP: Das ist ok., das passt in die allgemeine Frage, aber ich würde gerne damit weitermachen: andere sagen das Gegenteil, einschließlich medizinischer Beschäftigter und einschließlich der syrischen Weißen Helme. Wenn Sie Ihre Arbeit schätzen, die an die Stelle eilen, was immer es sein mag, um zu versuchen, Leben zu retten, heißt das, Sie würden die jüngst erfolgte Nominierung der Weißen Helme für einen Friedensnobelpreis unterstützen?

PA.: Es geht nicht um die Weißen Helme, ob sie glaubwürdig sind oder nicht, weil manche Organisationen politisiert sind, aber unterschiedliche humanitäre Masken und Schirme gebrauchen, nur um eine bestimmte Agenda umzusetzen. Aber allgemein, wenn Sie über humanitäre Unterstützung reden wollen, wie kann ich Klinken angreifen, denen ich, beispielsweise, Impfstoffe schicke? Erklären Sie das. Sie erzählen mir zwei verschiedene Dinge, zwei widersprechende Dinge; die eine Sache, über die ich rede, ist Wirklichkeit, weil jeder weiß, dass wir Impfstoffe schicken, die andere ist, dass wir Klinken angreifen. Das passt nicht zusammen.

AP: Würden Sie Sie für den Friedensnobelpreis unterstützen?

PA.: Wen?

AP: Die Weißen Helme.

PA.: Was haben sie in Syrien erreicht? Und wie unpolitisch ist der Nobelpreis? Das ist die andere Frage. Also, wenn ich eine Antwort auf diese beiden Fragen erhalte, kann ich Ihnen antworten. Aber ich würde nur jenen einen Preis geben, die für den Frieden in Syrien arbeiten, zuallererst, indem sie die Terroristen daran hindern, nach Syrien zu strömen, nur.

AP: Meine letzte Frage: die US-Wahlen sind nur noch wenige Wochen entfernt. Wie, erwarten Sie, unterscheidet sich eine Präsidentschaft Clinton oder Trump in Hinsicht auf die US-Politik bezüglich Syriens, und insbesondere Ihnen gegenüber?

PA.: Das Problem mit jedem amerikanischen Kandidaten bezüglich der Präsidentschaft, ich rede jetzt nicht nur von diesem Wahlkampf oder diesen Wahlen, sondern allgemein, ist, dass sie während des Wahlkampfs das eine sagen und nach dem Wahlkampf das Gegenteil tun. Wie wir es jetzt bei den amerikanischen Vertretern sehen, sie sagen etwas am Morgen, und tun das Gegenteil am Abend. Also kann man diese Leute nicht nach dem beurteilen, was sie sagen. Man kann sie nicht beim Wort nehmen, offen gesagt. Wir hören ihren Erklärungen nicht zu, wir kümmern uns nicht darum, wir glauben sie nicht. Wir müssen warten, bis sie Präsidenten sind, wir müssen ihre Politik beobachten und ihre Handlungen und ihr Verhalten. Wir haben nicht viele Erwartungen, wir hatten sie nie. Wir haben Hoffnungen, rationale amerikanische Präsidenten zu sehen; faire, die das internationale Recht befolgen, mit anderen Ländern auf Grundlage gegenseitigen Respekts, Gleichheit umgehen, usw. aber wir alle wissen, dass das nur Wunschdenken ist und Fantasie.

AP: Vielen Dank, Präsident Assad.

PA.: Danke.

President al-Assad’s interview to Associated Press Video

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