//
du liest...
Allgemein

Das Ergebnis von 25 Jahren unabhängiger Ukraine (II)

soros

Interview von Boris Kostenko mit Rostislaw Ischtschenko – http://vineyardsaker.de

BK.: Es gibt einen Grund, warum wir uns heute an unsere Kollegen erinnern. Wir sprechen über den ukrainischen Nationalismus, die zerstörte Wirtschaft, die Tatsache, dass Herr Biden der ukrainischen Regierung mitteilt, wen sie ernennen sollen, und wo. Auf der anderen Seite dieser Waage ist die Liste der Menschen, die im Kampf verschollen sind, im Gefängnis – es gab noch immer keinen umfassenden Austausch von Kriegsgefangenen, obwohl das vereinbart wurde. Jeden Tag gibt es Beschuss, und die Zahl der Beschüsse steigt täglich. Wir reden weiter über neue Eskalation und die Verschlechterung der Lage in der Südostukraine. Vorher haben wir über dutzende Beschüsse am Tag geredet, jetzt reden wir über hunderte: vor einem Monat waren es 700 oder 800 am Tag, mit Einsatz schwerer Artillerie. Menschen sterben. Die Mitglieder der Miliz, die an den Straßensperren stehen, wissen, dass sie jeden Tag getötet werden können. Dieses blutige Geschäft geht weiter – das ist nicht Geopolitik, das sind wirkliche Menschen. Ich sehe dich an und sehe, dass deine Augen traurig sind, wenn du darüber redest, was in der Ukraine passiert. Ich verstehe dass wir, nach all dem, trotz dieser politischen Diskussionen, wissen, wie viele Menschen ermordet wurden, wie viel Blut vergossen wurde. Unglücklicherweise sehen wir, dass das nicht aufhört. Wir haben uns das letzte Mal vor dem Vorfall auf der Krim [AdÜ: die versuchten Terroranschläge ukrainischer Diversanten] getroffen.

Heute wissen wir, dass zwei unserer Soldaten ihr Leben verloren haben, von jenen ermordet wurden, deren Staat ihnen befahl, zu töten. Das hat die Situation dramatisch verändert, und ich denke, darüber müssen wir reden. Wenige Menschen betrachten das von einem ethischen Gesichtspunkt, obwohl der ethische Gesichtspunkt kaum angemessen ist, wenn wir über die heutige Ukraine reden, alles dort ist nicht auf Ethik gegründet. Dennoch, unser militärisches Personal wurde bei seiner Pflichterfüllung getötet. Ist das ein casus belli? Unglücklicherweise ist es das.

RI.: Zuerst einmal, meine Augen sind immer traurig, ich wurde so geboren. Zweitens, wir wissen nicht, wie viele ihr Leben verloren haben und wie viele es noch verlieren werden. Wir können nur raten, dass mehr Menschen starben, als offiziell anerkannt wird.

BK.: Die offizielle Zahl ist zehntausend.

RI.: Nun, diese Zahl von Zehntausend hat sich zwei Jahre lang nicht geändert. Man kann sicher annehmen, dass eine Menge mehr getötet wurden, und noch mehr getötet werden. Unglücklicherweise ist all dies ein geopolitisches Spiel. Geopolitische Spiele haben immer Folgen für das Schicksal wirklicher Menschen, manchmal für das Schicksal von Staaten oder gar Zivilisationen. Menschen sterben nicht immer in militärischen Konflikten und sterben nicht immer durch bewaffnete Hand. Ein paar Millionen Bengalen oder ein paar Millionen Iren, die in Hungersnöten starben, die, wenn sie nicht von der britischen Regierung organisiert waren, zumindest von ihr gebilligt wurden, fühlten sich nicht besser. Auch sie waren ein Element in einem großen geopolitischen Spiel. Sie verstehen, weder die britische Regierung jener Zeit noch das britische Parlament hassten irgendjemand dieser Menschen persönlich oder kannte sie auch nur. Für jene an der Macht waren sie nur Statistik. Es ist einfach so passiert, dass es nützlich schien, nicht einmal notwendig, nur nützlich, diesen Menschen nicht beim Überleben zu helfen. Sie wurden nicht absichtlich getötet; niemand hätte sich daran gestört, hätten sie überlebt. Im Falle Bengalens hatte die britische Regierung wenig Ressourcen, ihnen während des zweiten Weltkriegs zu helfen, um eine vernünftige Versorgung mit Nahrung in ihrer eigenen Kolonie aufrechtzuerhalten.

Die jetzige Situation ist ähnlich. Die Leute, die die Ukraine gegen Russland ausspielen wollten – sie rechneten nicht, dass es absolut nötig sei, eine bestimmte Zahl von Menschen zu töten, hunderte, tausende, oder Millionen Bürger der Ukraine oder der Russischen Föderation, oder sie alle beim Namen zu nennen. Sie wollten das Ergebnis, und es war ihnen gleich, ob es mit oder ohne Blutvergießen erreicht würde. Auf dem ersten Maidan wurde kein Blut vergossen. Wenn das Ergebnis mit wenig Blut erreicht wird, OK, aber eine Menge Blut ist auch OK. Sie kämpfen für das Ergebnis. Wir kämpfen auch für das Ergebnis, ein geopolitisches Ergebnis. In unserem Fall stimmt das Ergebnis mit den Interessen der ukrainischen Bevölkerung überein, selbst wenn ein großer Teil der ukrainischen Bevölkerung das nicht versteht. Objektiv ist es in ihrem Interesse, da die geopolitischen Ziele Russlands es den Ukrainern erlauben würden, in einer geordneteren Gesellschaft mit einem besseren Lebensstandard zu leben. Im Gegensatz dazu ist das geopolitische Ergebnis, für das die USA kämpfen, ähnlich wie das, das die Bengalen betraf: wenn sie überleben, ist es OK, wenn nicht, egal. Dennoch, auch wir kämpfen für ein geopolitisches Resultat. Nebenbei war die Reaktion der russischen Führung, was die Ereignisse auf der Krim betrifft, nicht spontan: es gab eine Provokation, die als casus belli genommen wurde, als Grund, einen Krieg zu beginnen. Ein nicht in Frage zu stellender Grund.

BK.: Ja.

RI.: Aber Russland hat keinen Krieg begonnen, richtig? Wenn es das tun wollte, hätte es vor einer oder zwei Wochen einen Krieg anfangen können. Wenn es gewollt hätte, hätte Russland sogar 2014 einen Krieg beginnen können, denn ukrainische Granaten landeten auf russischem Gebiet und töteten russische Bürger. Also, wenn Russland einen Krieg gewollt hätte, hätte es ihn damals beginnen können, weil es nicht wichtig ist, ob Bürger, die getötet werden, im Dienst sind oder nicht. Es ist ein Akt der Aggression, und der Staat entscheidet, wie er handelt. Das zeigt, dass Russland versucht, nicht nur auf Grundlage des Prinzips „Du bist selbst ein Idiot“ zu handeln, oder einfach symmetrisch auf Aggression reagiert, sondern versucht, ein klares Ergebnis zu erzielen, das die Lage in den Gebieten, die noch Ukraine genannt werden, stabilisiert. Das es Russland erlauben würde, diese Stabilisierung entweder ohne Blut, oder mit möglichst wenig Blut zu erreichen, vorzugsweise nicht mit eigenem.

Tatsächlich hat heute Russland nicht das Recht, einen Fehler zu machen. Im ersten Weltkrieg konnten wir rechnen, dass hundertausend Tote mehr oder weniger nichts ausmachen, im Bürgerkrieg konnten wir es uns leisten, sechs oder acht Millionen zu verlieren, oder sogar mehr – niemand hat gezählt. Wir konnten jahrzehntelang zählen, wie viele Menschen Russland im Großen Vaterländischen Krieg verloren hat, 12 oder 25 oder 26 Millionen – diese Zahlen sind unterschiedlich und ungewiss. Die Opfer wurden viele Male gezählt, aber die endgültige Zahl ist immer noch unbekannt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion jedoch, nach der demografischen Katastrophe, die alle slawischen, tatsächlich, alle europäischen Republiken der ehemaligen UdSSR traf, haben wir jetzt kein Recht, einen Fehler zu machen. Denn wenn wir nächstes Mal einen politischen Fehler korrigieren müssen, indem wir zusätzliche Ressourcen verschwenden, vor allem menschliche Ressourcen, werden wir weder ein Volk noch einen Staat übrig haben. 140 Millionen sind nichts für das russische Gebiet. Wenn man vom Anfang des 20. Jahrhunderts aus extrapoliert, müssten wir über eine halbe Milliarde haben, d.h.500-700 Millionen hätten gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet des ehemaligen russischen Reiches leben müssen. Diese Menschen gibt es nicht. Wir haben nur 140 Millionen. Unsere natürlichen Ressourcen sind enorm, aber unsere menschlichen, wirtschaftlichen, finanziellen Ressourcen sind eher begrenzt. Wenn man sie mit den Ressourcen der ganzen Welt vergleicht, stellen sie einen kleineren Anteil dar als die Ressourcen des russischen Reiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Also ist die Lage kritischer. Daher müssen wir, so schwer das auch sein mag, das Spiel sehr geschickt und genau spielen, weil jeder Fehler fatal sei kann. Ich meine fatal nicht für einen Einzelnen oder eine Gruppe Menschen, es wäre fatal für Russland als Land. Darum sind wir immer noch in der Krise, weil wir es uns nicht leisten können, den Gegner mit toten Körpern zu überwältigen.

BK.: Viele Leute wünschten, dass die heiße Phase des Konflikts beginnt, sie zählten darauf…

RI: Nebenbei, vor kurzem habe ich irgendwo gesagt, in einer Talkshow, ich erinnere mich nicht genau, wo, wenn wir auf unsere eigenen Alarmisten gehört hätten, hätte Russland seit 2014 drei Kriege begonnen: sie befürworteten, einen großen Krieg in der Ukraine zu beginnen, sie forderten, dass wir ein großes Truppenkontingent nach Syrien schicken und dort innerhalb von zwei Wochen siegen, und sie forderten, dass wir einen Krieg mit der Türkei anfangen. Das sind die drei Kriege, die Russland seit 2014 hätte anfangen können, und nach Meinung einiger auch hätte anfangen sollen. Und jetzt addieren wir das Potential all jener, gegen die wir hätten kämpfen sollen, und fragen uns, wo wir die Ressourcen für diese drei Kriege hätten hernehmen sollen.

BK: In jedem Fall, Syrien eingeschlossen, gab es einen Grund, einen Krieg zu beginnen, gab es einen casus belli.

RI: Wenn wir uns in einen einzigen Krieg hätten verwickeln lassen, hätte es Gründe gegeben, mehr zu beginnen, im Kaukasus, in Zentralasien und sogar im Baltikum wäre ein casus belli geliefert worden, weil das eine grundlegende Strategie ist: dehne die Kräfte deines Feindes in weniger wichtige Richtungen, damit er keine Chance hat, seine Kräfte in der entscheidenden Richtung zu sammeln. Das ist genau, was jetzt passiert. Darum denke ich, wir sollten die Gefühle herunterkühlen, wie unangenehm das auch sein mag. Es wäre gut, wenn ein möglichst großer Teil der Bevölkerung einfache Dinge versteht. Ich werde dem Klempner nicht belehren, den ich rufe, meine Toilette zu reparieren, und ich belehre den Küchenchef in einem Restaurant nicht, wie er mein Essen kochen soll; ich belehre das Personal eines Zugs nicht wie man einen Zug fährt, oder den Piloten, wie man fliegt. Für wie weise sich ein Mensch auch hält, und wie einfach die Lösungen sind, die er zu sehen glaubt, er sollte nicht annehmen, dass ein Amateur, eine Person, die nicht nur von der Politik weit entfernt ist, sondern sogar von der essentiellen Information, weil er seine Informationen aus 2-3 festen Quellen erhält, die er selbst wählt, zufällig eine klare, korrekte Lösung sehen kann, die andere nicht sehen.

BK.: Das wäre naiv. Wir haben eine Frage. Bitte, fangen Sie an, Sie sind auf Sendung, stellen Sie sich vor.

Anrufer: Ich bin Natalia, aus der Region Moskau. Ich würde gerne nach der Perspektive des Zerfalls der Ukraine fragen. Ich wüsste gerne, was die wahrscheinlichen Teile sein werden, und wann das vermutlich passiert.

RI.: Fangen wir mit den Teilen an. Gehen Sie in einen Supermarkt, kaufen Sie eine Wassermelone (keine allzu große, damit der Verlust nicht so groß ist) und lassen Sie sie auf den Boden fallen. Sie kann in eine zufällige Zahl zufälliger Stücke zerbrechen. Wenn man eine Wassermelone nach der anderen fallen lässt, wiederholt sich das Muster nicht. So ist die Lage auch mit der Ukraine. Man kann von den historischen Grenzen historischer ukrainischer Gebiete reden und sagen: entlang dieser Grenzen wird sie zerfallen. Ich erinnere mich jedoch, dass vor 7-8 Jahren einige ehrbare Leute eine Konferenz zum Thema ukrainischer Föderalisierung organisierten. Zu jener Zeit galt das Wort „Föderalisierung“ in der Ukraine noch nicht als Verbrechen. Es gab etwa 20 Redner, die diskutierten, was ihrer Meinung nach die Grenzen der ukrainischen Regionen sein sollten. Sie konnten sich nicht nur auf die Grenzen nicht einigen, selbst auf die Zahl der Regionen nicht. Die Vorschläge variierten von 4-5 bis zu mehr als 30 Regionen. In Wirklichkeit kann jede dieser Regionen, jede offizielle Region der Ukraine unabhängig werden, wie es die Krim, die Volksrepublik Donezk und die Volksrepublik Lugansk gezeigt haben. Die Krim erklärte ihre Unabhängigkeit, ehe sie Russland beitrat, und für einige Tage oder Stunden war sie ein unabhängiger Staat. Die DNR und LNR haben ihre Unabhängigkeit in den Grenzen ihrer Regionen erklärt, auch wenn sie nicht ihre ganzen Regionen kontrollieren, sondern nur etwa die Hälfte. Bemerke, dass sowohl DNR als auch LNR ihre Unabhängigkeit spezifisch innerhalb dieser Grenzen erklärten, und sich, trotz aller Bemühungen, sie in einen Staat zu vereinen, nicht vereinen wollen. Lugansk will keine Befehle aus Donezk erhalten, Donezk will keinen Befehlen aus Lugansk folgen. Sie stimmen ihre Bemühungen miteinander ab, sie kämpfen gegen einen gemeinsamen Feind, aber sie betrachten sich selbst als zwei unabhängige Staaten. Obwohl sie, sollte Russland sie einladen, sich anzuschließen, das tun werden, ohne überhaupt zu fragen, ob sie mit irgend etwas innerhalb Russlands verschmolzen würden, als eine einzige Einheit angenommen, oder als zwei getrennte Einheiten.

Das Gleiche gilt für andere ukrainische Regionen. Neben Anderem ist das Problem, welche Kraft im Stande wäre, die Lage in jeder einzelnen Region nach dem Zusammenbruch des ukrainischen Staates zu stabilisieren. In einigen werden die Nazi-Sturmtruppen diese Kraft sein, weil es viele von ihnen gibt und sie bewaffnet sind. Das wäre eine Situation. In einer Nachbarregion könnten es Leute mit entgegengesetzten politischen Ansichten sein, und die Lage wäre anders. Diese beiden Regionen könnten sogar anfangen, miteinander zu kämpfen. Ich würde die Möglichkeit nicht ausschließen, dass jede dieser Gruppen im Namen der gesamten Ukraine spricht, obwohl jede nur ein Teil de Gebiets einer Region kontrolliert. An einigen Orten mag die jetzige Verwaltung die Macht halten, und sie werden sich auf Grundlage dessen für legitim erklären, dass sie von Poroschenko ernannt wurden, der von der Welt anerkannt wurde. An einigen Orten könnten Gemäßigte wie die Partei der Regionen an die Macht kommen, und sogar Kommunisten, die jetzt selbst aus dem Parlament ausgeschlossen sind, die versuchen könnten, die Ukraine wieder herzustellen, wie sie unter Janukowitsch war. Am Ende werden die Ressourcen, über die jeder dieser Kleinstaaten verfügt, das Ergebnis entscheiden, und ob ihre Streitkräfte im Stande sind, diesen Staat zu stützen und seine Kontrolle über benachbarte Gebiete auszuweiten.

Ich denke, jetzt sind die DNR und LNR in der besten Position, weil sie, obwohl nicht anerkannt, wirkliche unabhängige Staaten sind; sie haben ihre Armeen; sie wollen sich an die Grenzen ihrer Regionen ausdehnen, weil sie diese Gebiete beanspruchen. Wenn die Macht in der Ukraine zusammenbricht und die Armee anfängt, sich aufzulösen, können die Grenzen der Regionen leicht überschritten werden, da es keine Gräben oder Grenzpfosten gibt, und die Entfernung von Slawjansk nach Kharkow ist etwa eine Stunde mit dem Auto. Daher können sie sich in die Nachbarregionen ausdehnen. Wenn die Leute dort dich unterstützen, und ich denke, sie werden die DNR und LNR unterstützen, kannst du deine Macht weiter ausdehnen.

Ich denke, dass es für eine kurze und sehr unerfreuliche Periode in der Ukraine einen sehr blutigen Krieg jeder gegen jeden geben wird, in dem der Südosten einen Vorteil haben wird. Also wird der Krieg in Donezk und Lugansk enden, oder zumindest abflauen, während er auf dem Rest des ukrainischen Gebiets beginnen wird. Dann wird innerhalb jener Grenzen, wo lokale Autoritäten genug Macht haben, um eine Verwaltung und eine Polizei einzuführen, die Stabilisierung beginnen, weitgehend vom gleichen Typ wie in der DNR und LNR. Daher wird es nicht anerkannte Einheiten geben, die auf ihrem Gebiet durch ihre Streitkräfte Ordnung herstellen werden, womöglich mit Unterstützung der DNR und LNR. Als Nächstes werden sie, sollten die ukrainischen Nationalisten genug Verstand haben, zu irgendeiner Art Übereinkunft mit den Kräften kommen, die Galizien kontrollieren. Wir wissen, dass Galizien, während der Südosten von prorussischen Kräften kontrolliert sein wird, von Kräften kontrolliert sein wird, die an das jetzige Kiewer Regime erinnern, womöglich noch weiter rechten. Zumindest müssten sie alle übereinkommen, dass der ukrainische Staat nicht mehr existiert, da das der einzige Weg ist, wie sie sich als neue Macht legitimieren können. Wenn sie den vorhergehenden Staat auslöschen, dann können sie neue Staaten mit beliebigen Grenzen errichten, jeder auf seinem Gebiet so, wie er es will.

Der prorussische Teil der ukrainischen Bürger lebt relativ geballt im Südosten, und die DNR und LNR erhalten offene Unterstützung aus Russland, was nahelegt, dass der Rest auch mit einiger Unterstützung rechnen kann. Ich meine nicht so sehr militärische als humanitäre, technische und administrative Unterstützung, Hilfe beim Aufbau normaler Machtstrukturen. Daher kann die Lage zumindest in diesen Gebieten stabilisiert werden. Ich erwarte kein Paradies, aber in diesen Gebieten könnten relativ schnell, einem Jahr, eineinhalb oder vielleicht zwei Jahren, akzeptable Lebensbedingungen für die Menschen erreicht werden. Ich denke, dass in allen Gebieten, die aus irgendeinem Grund nicht von den prorussischen Kräften übernommen werden können, die Gesetzlosigkeit weitergeht, und sie nicht die Ressourcen haben werden, grundlegende staatliche Einrichtungen wieder zu schaffen. Daher werden sie sich schrittweise hin zu von Banditen regierten Staaten entwickeln.

Dann, um zu Ihrer Frage zurückzukehren, wer sich wem anschließen wird, und wie viele Teile es sein werden, dann wird das zu einem Problem des Völkerrechts. Seine Lösung hängt von der geopolitischen Lage zu diesem Zeitpunkt ab. Es ist klar, dass von einem historischen Standpunkt aus Russland alle Gebiete der ehemaligen UdSSR nicht nur beanspruchen kann, sondern dazu verpflichtet ist. Einfach, weil man, wenn man sagt „das brauche ich nicht“ – gefragt werden kann“ vielleicht brauchst du das auch nicht, und das nicht, und andere Dinge?“ Um diese Ansprüche zu legitimieren braucht Russland jedoch eine starke geopolitische Position, die Lösung aller anderen Krisen eingeschlossen. Mehr noch, um all das tatsächlich zu beanspruchen, braucht Russland ausreichende Ressourcen, um diese Gebiete wieder aufzubauen. Ich würde sagen, heute hat Russland nicht ausreichend Ressourcen. Wenn wir uns vorstellen, dass die Welt stabil ist und es keine militärischen Bedrohungen gibt, könnten wir das vielleicht versuchen. Aber in der heutigen Wirklichkeit hat Russland nicht ausreichend Ressourcen. Es gibt die Hoffnung, dass die EU sich auch beteiligt, da sie keine Unterbrechung des [Gas-]Transits durch die Ukraine will. Selbst in seinem heutigen jämmerlichen Zustand wird der ukrainische Transit die nächsten 3-4 Jahre eine wichtige Rolle für die EU spielen. Das heißt, Russland kann versuchen, die EU für die Stabilisierung der Ukraine zahlen zu lassen, und es wird das tun. Das bedeutet jedoch, Am Verhandlungstisch zu sagen, wir werden das tun, ihr macht jenes, ihr zahlt so und so viel, aber in diesem Moment werden sie auch ihre Ansprüche stellen.

Diese Ansprüche werden polnische Ansprüche auf Galizien sein, Rumänien wird die Bukowina und das südliche Bessarabien beanspruchen. Ungarn wird Anspruch auf die Transkarpathenregion erheben. Das werden keine leeren Ansprüche sein, sie werden durch die Anwesenheit von Bürgern der ansprucherhebenden Staaten in diesen Gebieten unterstützt, so wie die Ausgabe rumänischer Pässe in der Bukowina und Bessarabien und ungarischer Pässe in Transkarpatien wenn schon nicht die ganzen 25 Jahre der ukrainischen Unabhängigkeit, so doch zumindest die letzten 20 Jahre erfolgte. Polen hat in den letzten 10-15 Jahren polnische Karten ausgegeben, die die Beantragung der polnischen Staatsbürgerschaft ermöglichen. D.h., Polen erkennt diese Leute als halb-polnische Bürger an, als Polen, die polnische Bürger werden können. Polen hat Millionen dieser polnischen Karten ausgegeben, weil die gesamte Bevölkerung der Westukraine froh war, sie zu bekommen. Das erleichterte es ihnen, über die polnische Grenze zu kommen, wohin sie als Gastarbeiter gingen. Daher werden diese Ansprüche aus der Sicht des Völkerrechts gestärkt. Also ist die Frage, wie stark wird Russland zu diesem Zeitpunkt sein, um seinen Willen durchzusetzen, wie geschickt wird die russische Diplomatie sein, um alle zu überzeugen, auf Russland zu hören, das ist die Frage.

BK.: Wir nannten unser Thema „Geopolitik“ und Sie haben gesagt, dass Russland nicht die Ressourcen hat, diese Ukraine von etwa 40 Millionen wiederherzustellen. Wir verstehen, dass unsere Zuschauer vor allem in Russland leben. Was in der Ukraine geschieht, wie auch die Tatsache, dass wir in einem Kriegszustand leben, oder dass es zumindest gute Gründe gibt, einen Krieg zu beginnen, wir durch aggressive Handlungen zu einem Krieg gedrängt werden, selbst die Tatsache, dass beim G20 in China die Regierungschefs zweier europäischer Länder und unser Präsident sich treffen und über das Schicksal der Ukraine reden werden, ohne ihre Teilnahme – all das legt nahe, dass wir geopolitisch ziemlich weit fortgeschritten sind, und das wir dieses Problem lösen müssen. Europa begreift das auch. Eine der Schlussfolgerungen aus unserem heutigen Gespräch ist, dass wir nicht in einem Vakuum sind; wir können uns nicht entspannen; die internationale Lage ist ziemlich angespannt, obwohl diese Phrase jenen, die in der UdSSR lebten, nur zu vertraut ist. Wir müssen auch verstehen, dass wir allein sind; geopolitisch sind wir dazu verdammt, allein zu sein. Ja, wir haben Verbündete und Freunde, vielleicht werden wir neue im Osten finden, aber wir können unsere Ziele nur durch eigene Anstrengungen erreichen. Danke für Ihre Bemerkung, dass wir nicht das Recht haben, Fehler zu machen. Wir können keine Fehler machen bei der Setzung der Prioritäten, um diese ukrainische Krise Schritt für Schritt zu lösen, und das war der Gegenstand unseres heutigen Gesprächs.

Danke, Rostislaw, für Ihre Teilnahme, dass sie diese Stunde mit unseren Zuschauern und mit mir verbracht haben.

An diesem Punkt beenden wir unser Programm. Wir sehen uns wieder bei unseren Sendungen über die ukrainischen Fragen, mit denen wir uns unglücklicherweise noch einige Zeit beschäftigen müssen. Ich würde dieses „unglücklicherweise“ gerne betonen, es wäre besser, es gäbe keinen Grund für dieses Programm. Aber es wird wieder auftauchen.

Alles Gute und Gottes Segen. Auf Wiedersehen!

Rostislav Ishchenko: The outcome of 25 years of the Ukrainian independence (MUST SEE!!)

http://vineyardsaker.de/uncategorized/das-ergebnis-von-25-jahren-unabhaengiger-ukraine-ii/

Werbeanzeigen

Diskussionen

Es gibt noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Archive

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: