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Ausland, Naher Osten

Die jüngsten Entwicklungen in Nordsyrien

kartenordsyrien

von Aram Mirzaei – http://vineyardsaker.de

Mit vielfachen Interventionen und vielfachen Offensiven ist die Situation in Nordsyrien ziemlich schmuddlig, freundlich gesagt. Es gibt mehrere Frontlinien mit unterschiedlichen Parteien, die um das selbe Stück Land kämpfen.

Vor zwei Wochen marschierte die türkische Armee in das nördliche Umland von Aleppo ein, in die kleine, von ISIL kontrollierte Grenzstadt Dscharablus. Die sogenannte Offensive „Euphrat-Schild“ zielte darauf, eine neue Tasche islamistischer Rebellen in Nordsyrien zu schaffen, zusätzlich zu der Tasche von Asas im nordwestlichen Teil der Provinz Aleppo. Mehr noch, die Offensive zielte nicht nur darauf, den Islamischen Staat des Iraks und der Levante (ISIL) von der türkisch-syrischen Grenze zu entfernen, sondern ebenso darauf, die kurdisch geführten „Demokratischen Syrischen Kräfte“(SDF) davon abzuhalten, den Bezirk Afrin mit dem Rest ihres Gebiets in Nordostsyrien zu verbinden.

Als die von der kurdischen YPG geführten „Demokratischen Kräfte Syriens“ letzten Monat die ISIL-Hochburg Manbidsch einnahmen, begannen Spekulationen, was ihr nächstes Ziel sein würde. Es schien, als hätten die SDF einen Blick auf die beherrschende Grenzstadt Dscharablus geworfen, die nördlich von Manbidsch liegt, mit der Absicht, ISIL von der türkischen Grenze abzuschneiden und dadurch weiter zu isolieren. Ein Erfolg hierbei hätte der SDF auch die Kontrolle über einen zweiten Grenzübergang in die Türkei verschafft, etwas, was die türkische AKP-Regierung alarmierte, da sie sich beständig gegen die Bildung eines kurdischen Bundesstaats an ihrer südlichen Grenze gestellt hat. Wichtig anzumerken, dass die Türkei die YPG als Terroristen betrachtet, da sie Verbindungen zu der als Terroristen bezeichneten Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) hat.

In Erwiderung auf diese Gebietsgewinne starteten die türkischen Streitkräfte die Offensive „Euphrat-Schild“, drangen mit Panzern gemeinsam mit der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ und weiteren islamistischen Stellvertretertruppen in Dscharablus ein, darunter Harakat Noureddin Al Zinki und Harakat Ahrar Al-Sham, um sowohl ISIL aus Dscharablus herauszudrängen als auch die SDF von weiterem Vordringen nach Norden abzuhalten. Die von der Türkei unterstützten islamistischen Rebellen trafen auf wenig bis gar keinen Widerstand, als sie nach Dscharablus eindrangen und es mitsamt der umliegenden Dörfer einnahmen, während die türkische Artillerie beinahe sofort anfing, Stellungen der SDF zu beschießen, um einem weiteren Vorstoß der islamistischen Truppen nach Süden den Weg zu bereiten. Sie griffen die SDF bei mehreren Gelegenheiten an und schufen so eine Schlacht zwischen drei Richtungen, zwischen der SDF, den islamistischen Kämpfern und ISIL.

Der türkische Einmarsch erhielt auch die Unterstützung des US-Vizepräsidenten Joe Biden, der die SDF ermahnte, sich auf ihre Stellungen östlich des Euphrat zurückzuziehen, und drohte, die Unterstützung der USA für die SDF zu beenden, sollten sie dem nicht folgen.

Währenddessen begannen die von der Türkei unterstützen islamistischen Truppen in der Tasche bei Asas im nordwestlichen Aleppo, sich gen Osten zu bewegen, um die Tasche Asas und die neugeschaffene Tasche Dscharablus zu verbinden; dieser Plan wurde vor einigen Tagen Wirklichkeit, als ISIL vollständig aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet entfernt wurde.

Die russisch-iranisch-syrische Reaktion auf diesen türkischen Einmarsch war recht schweigsam, und nur schwächere Signale der Unzufriedenheit kamen aus Damaskus und Teheran, während Moskau ruhig blieb.

Die iranischen Medien waren dem türkischen Einmarsch gegenüber recht kritisch, wobei PressTV explizit darauf hinwies, dass die Türkei in Syrien einmarschiert ist, und dass sie immer noch Takfiri-Kämpfer im Land unterstützt und bewaffnet. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Bahram Ghasemi, klang am 31. August etwas skeptisch, als er betonte, dass der Kampf gegen Terrorismus nicht als Rechtfertigung genutzt werden kann, um die Verletzung der territorialen Integrität und Missachtung der Souveränität eines anderen Landes zu rechtfertigen, und fügte hinzu, dass „die türkische Armee ihre militärischen Operationen dort sofort einstellen sollte“.

Der syrische Außenminister Walid Al-Muallim verurteilte ebenfalls die Verletzung der syrischen Souveränität durch die türkische Armee und betonte, dass sie keine Erlaubnis hatten, das Land unangekündigt und ohne Koordination mit Damaskus zu betreten.

Das sind jedoch eher schwache Reaktionen, wenn man bedenkt, wie Syrien und der Iran auf die Aussicht eines ähnlichen Einmarsches im Februar 2016 reagierten, als beide drohten, jede Invasionstruppe, die in Syrien eindränge, zu bekämpfen. Verbunden mit der Tatsache, dass Russland eher schweigsam blieb, gibt uns das den Hinweis, dass dieser Einmarsch womöglich nicht so unangekündigt war, wie man glauben mag. Es kann scheinen, dass Russland der Türkei grünes Licht gegeben hat, nach Syrien einzudringen und die Grenzregion von ISIL zu säubern, und auch wenn Syrien und der Iran beide die Absichten der Türkei immer noch nicht für vertrauenswürdig halten, könnte es sein, dass sie durch Russland überredet wurden, zumindest zu warten und zu sehen, was in Nordsyrien geschieht, ehe sie irgendwelche Handlungen unternehmen, die zu einer ungeheuren Eskalation des Konfliktes führen könnten.

Man sollte insbesondere wahrnehmen dass die kurdische YPG und ihre Polizeitruppen „Asayish“ kurz vor dem türkischen Einmarsch in der Stadt Al-Hasakah syrische Regierungstruppen angegriffen haben, und trotz zahlreicher Bemühungen um einen Waffenstillstand durch die syrische Regierung sich die kurdischen Truppen weigerten und ihre Absicht erklärten, Al-Hasakah völlig selbst in Besitz zu nehmen. Das könnte ebenfalls erklären, warum der Iran und Syrien die Tatsache vernachlässigen, dass die türkischen Truppen auch die YPG/SDF angreifen. Tatsächlich haben sich sowohl Syrien als auch seine Verbündeten zuvor bemüht, mit der SDF zusammenzuarbeiten oder zumindest ihr gegenüber neutral zu bleiben, doch die jüngsten Ereignisse haben bewiesen, dass sie eher auf Washington hören als eine unabhängige Haltung im Konflikt einzunehmen. Das war ziemlich deutlich, als der Sprecher der SDF, Talal Silo, in einem Interview sagte, dass „uns in Syrien die Amerikaner verbieten, mit Russland zu sprechen.“

Was auch immer hinter geschlossenen Türen gesagt wurde, und ob Syrien und der Iran von dem Einmarsch vorher wussten oder nicht, diese Invasion und die Einrichtung eines islamistischen Korridors nördlich von Aleppo ist eine Gefahr für die syrisch-russisch-iranische Allianz, da dies eine neue Front gegen die syrische Armee und ihre Verbündeten in Aleppo eröffnen würde. Augenblicklich haben die islamistischen Kämpfer nur den Grenzübergang Bab Al-Hawa in Idlib, um ihre Truppen mit Nachschub zu versorgen und Angriffe gegen die Stellungen der syrischen Regierung in Aleppo zu führen. Sollten die islamistischen Kämpfer zur ISIL-Hochburg Al-Bab vordringen, die unmittelbar östlich der Stadt Aleppo liegt, wären sie im Stande, die Stadt Aleppo sowohl von der westlichen wie von der östlichen Flanke anzugreifen, was für die syrische Armee eine Menge Ärger bedeuten würde. Die türkisch unterstützen Islamisten müssten allerdings Al-Bab erreichen, ehe dies die SDF tut, da die Einnahme von Al-Bab jetzt auch die letzte Hoffnung für die kurdisch geführte SDF darstellt, ihr Gebiet mit dem Bezirk Afrin im Westen zu verbinden. Das Rennen auf Al-Bab hat begonnen.

In einem anderen Teil der Provinz Aleppo hat unabhängig davon die syrische arabische Armee eine mächtige Gegenoffensive durchgeführt, in Antwort auf den massiven, von Jaysh Al-Fateh (Armee der Eroberung) angeführten islamistischen Angriff letzten Monat, um die Belagerung Aleppos zu durchbrechen, mit einem Angriff der Armee auf den beherrschenden Artilleriestützpunkt von Aleppo, beim Bezirk Ramouseh. Diese Schlacht bewegte sich beinahe zwei Wochen lang vor und zurück, bis es der Armee gelang, die zusammenbrechende islamistische Verteidigung zu durchbrechen und den Artilleriestützpunkt Sonntag Nacht vollständig wieder einzunehmen, worauf am nächsten Tag enorme Gewinne in Folge eines völligen Zusammenbruchs der islamistischen Frontlinien im südwestlichen Stadtgebiet von Aleppo gelangen. Dank der Einnahme des Artilleriestützpunkts und seiner Umgebung ist die Belagerung Aleppos erneut geschlossen und das Russische Verteidigungsministerium erklärte, es seien 7 Korridore offen für humanitäre Hilfe, und einer für Kämpfer, die ihre Waffen niederlegen wollten.

Jüngst wurde der Generalmajor der iranischen Revolutionsgarden, Quassem Soleimani, in Südwestaleppo gesichtet, als er die Harakat Al-Nujaba-Truppen inspizierte (irakisches Paramilitär), die dort stationiert sind, vermutlich in Vorbereitung einer neuen Offensive der regierungstreuen Kräfte auf die Stadt Khan Tuman, die in der Mai-Juni-Offensive dieses Jahres an die islamistischen Truppen verloren ging.

P.S. (D.H.): Für eine genaue Verfolgung der militärischen Entwicklungen in Syrien empfehle ich auf deutsch den Blog Ein Parteibuch

http://vineyardsaker.de/analyse/die-juengsten-entwicklungen-in-nordsyrien/#more-4870

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