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Ausland, Naher Osten

Der syrische Konflikt

iranrussiasyria

von Aram Mirzaei – http://vineyardsaker.de

Vorwort vom Saker: der jüngste Artikel von Aram Mirzaei ist wirklich ein rares Juwel, weil er eine iranische Sicht auf den Konflikt in Syrien und die russische Beteiligung daran zeichnet. Wie ich und andere mehrmals erwähnt haben, sind Russland und Syrien de facto Verbündete in diesem Krieg, aber anders als in den anglozionistischen „Koalitionen“ bedeutet das nicht, dass der eine dem anderen untergeordnet ist und dass es nur eine Sicht gibt, die jeder wie ein Papagei nachplappern muss. In Wahrheit haben der Iran und Russland immer eine andere Sicht und verschiedene Ziele gehabt, und keine Seite ist gezwungen, diese Tatsache zu leugnen oder zu verbergen. Der Iran hat seine Enttäuschung über Russland ausgedrückt und darauf folgte eine Reise des Verteidigungsministers Schoigu in den Iran, bei der diese Themen offen besprochen wurden. Auf kurze Sicht sind solche Missverständnisse natürlich frustrierend, aber auf lange Sicht sind sie, davon bin ich zutiefst überzeugt, ein sehr gesundes und wohltuendes Phänomen, da sie für eine alternative, wirklich multipolare, Art der Allianz zwischen verschiedenen Parteien sorgen. Ich sollte hier hinzufügen, dass auch die Sicht, die Hisbollah sei eine iranische Marionette im Libanon, weit daneben liegt: ja, die Hisbollah wird vom Iran unterstützt, und ja, Sayyed Hassan Nasrallah ist ein Anhänger von Ayatollah Ali Khamenei, aber die Iraner waren immer weise genug, im Libanon den Aufstieg eines unabhängigen Verbündeten zu fördern, und keine Marionette. Ich glaube, dass Russland mit dem Iran das Gleiche tut (und mit anderen Verbündeten, China eingeschlossen).

Der untenstehende Artikel präsentiert eine iranische Sicht auf diesen Konflikt. Und während ich Arams Deutung der russischen Züge nicht völlig zustimme, heiße ich eine nicht-russische, iranische Deutung dieser Züge gerne willkommen. Ich danke Aram für seinen vorzüglichen Beitrag und hoffe, dass er auch weiterhin diesen Blog um eine andre, iranische Perspektive auf den Nahen Osten, und mehr, auf den weltweiten Widerstand gegen das anglozionistische Empire, bereichert.

Der syrische Konflikt: eine iranische Sicht auf die russische Beteiligung und eine mögliche türkische Zusammenarbeit

Seit Herbst 2015 war die syrisch-iranisch-russische Koalition im syrischen Konflikt höchst wirkungsvoll, erzielte zahlreiche Siege auf dem Schlachtfeld, besonders in den Provinzen Latakia und Aleppo, wobei über 90% der Provinz Latakía von den vom Westen unterstützen Halsabschneidern befreit wurden.

Im Februar handelten die USA und Russland eine landesweite Waffenruhe aus, eine Verhandlung, die die berüchtigten terroristischen Gruppen Jabhat al-Nusra und den Islamischen Staat im Irak und der Levante ausschloss. Die Russen boten den anderen Milizen, die Seite an Seite mit diesen terroristischen Gruppen kämpften, die Möglichkeit, sich von diesen Gruppen zu lösen, etwas, was trotz zahlreicher Aufrufe nicht geschehen ist. Statt dessen haben die von der NATO unterstützen islamistischen Kämpfer diese Waffenruhe genutzt, um sich für den Versuch, das an die syrischen Streitkräfte verlorene Territorium wiederzugewinnen, neu zu gruppieren und zu bewaffnen. Ergebnis dieser Waffenruhen war, dass der syrisch-iranisch-russische Schwung abgebremst wurde und die Terroristen, die ernsthaft getroffen und geschlagen wurden, erneut Atem holen konnten.

Seit April-Mai 2016 haben die vom Westen unterstützen islamistischen Gruppen mehrere Offensiven gestartet, vor allem in Südaleppo, und es ist ihnen gelungen, einen Teil des verlorenen Gebiets zurückzuerobern, einschließlich der strategisch wichtigen, gebieterischen Hügelstadt Al-Eiss. Nach dem Fall von Al-Eiss waren die iranischen Revolutionsgarden (IRGC), die in Südaleppo stationiert waren, ziemlich unzufrieden damit, dass die Russen darauf bestanden, die syrische Armee und ihre Verbündeten dürften nicht auf Provokationen reagieren. Diese Unzufriedenheit gipfelte im Juni darin dass die IRGC und ihre libanesischen Verbündeten, die Hisbollah, drohten, sich gänzlich aus Aleppo zurückzuziehen.

Um die iranische Sicht auf den syrischen Konflikt zu verstehen, und warum sie mit Russland unzufrieden sind, ist es wichtig, die Sicht beider Seiten und die mit der Waffenruhe und der Art der Fortsetzung dieses Krieges letztlich verbundenen Ziele zu untersuchen.

Die russische Sicht auf die Lage in Aleppo

Seit der Umsetzung der Waffenruhe und der Versöhnungsverhandlungen im Februar hat Russland viel seines politischen Prestiges zur Aufrechterhaltung dieser Übereinkunft eingesetzt. Im März zog Russland einen großen Teil seiner in Latakia stationierten Luftwaffe ab, als Zeichen des guten Willens und ernsthafter Absichten. Russland hat seitdem der syrischen Armee geraten, keine weiteren Offensiven in Aleppo und Latakia durchzuführen, und damit diese Kampfgebiete eingefroren. Statt dessen hat Russland weiterhin Luftschläge gegen ISIL und Nusra-Terroristengruppen durchgeführt, und die syrische Armee angeleitet, sich vor allem auf diese zu konzentrieren, statt auf die US-gestützten islamistischen Rebellen.

Dies gipfelte Ende März, als die Einheiten der syrischen Armee die antike Stadt Palmyra wieder einnahmen, was sie größtenteils den schweren russischen Luftschlägen und der Unterstützung zu verdanken hatten. Anfang April eroberte die syrische Armee die antike christliche Stadt Al-Karaytayn, was ebenfalls ein schwerer Schlag für die ISIL-Terroristen war. Trotz zahlreicher Verletzungen der Waffenruhe durch US-gestützte Islamisten hat Russland ihnen immer wieder Gelegenheit gegeben, die „Vermischung“ mit der als Terroristen klassifizierten al-Nusra zu beenden, was bisher nicht geschehen ist. Russland hat sehr wohl bemerkt, dass die USA sehr wenig tun, um ihre Stellvertretertruppen vor Ort zu kontrollieren.

Am 6.Juni sagte ein russischer Funktionär in Moskau inoffiziell zu einer Gruppe Journalisten, die Beziehungen mit Washington seien surreal. „Am einen Tag einigen wir uns auf etwas, am nächsten Tag tun sie das Gegenteil. Wenn wir sie fragen, beschuldigen sie andre. Es gibt Probleme, mit ihnen Vertrauen aufzubauen. Selbst wenn sie hinter einer Übereinkunft stehen, brauchen sie Monate, um sie umzusetzen.“

Die russische Intervention wird vermutlich den Schwung, den sie in den ersten Monaten nach Eintritt in den Konflikt im Oktober 2015 hatte, nicht wieder erreichen. Es scheint, die Russen glauben, ihr Eingreifen und ihre Erfolge hätten ausgereicht, um im Februar erfolgreich auf einen politischen Prozess umzusteigen, etwas, was tatsächlich nie passiert ist, obwohl mehrere Waffenruhen ausgehandelt wurden.

Das russische Eingreifen hat tatsächlich die operationellen Ziele, die die Russen selbst im November 2015 verkündeten, nicht erreicht. Die Russen haben die unverzichtbare Notwendigkeit betont, die türkisch-syrische Grenze zu erreichen, und machten die Schließung der Grenzübergänge und der Nachschubrouten aus der Türkei zur Vorbedingung jeder Lösung. Diesen Ansatz haben die Russen jedoch aufgegeben. Statt dessen hat die russische Waffenruhe den bewaffneten Gruppen, den Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und der Türkei erlaubt, ihre Reihen zu reorganisieren und wieder zu bewaffnen, und den größten Teil der Infrastruktur, die durch die gemeinsamen russisch-syrischen Einsätze zerstört wurde, wieder aufzubauen.

Diese Lage hat unter Russlands Verbündeten zu großer Enttäuschung geführt, vor allem im Iran und bei der Hisbollah, die Washington extrem misstrauen und nicht an Zusammenarbeit mit dem selben Regime glauben, das die mit Al-Qaida verbündeten Truppen in Aleppo weiterhin unterstützt.

In einem Interview, das am 31. Mai in der russischen Tageszeitung Komsomolskaja Prawda veröffentlicht wurde, sagte Lawrow, die Frist, die Moskau den „moderaten Rebellen“ gegeben habe (um sich von Jabhat al-Nusra zu lösen), sei bald abgelaufen, und er fügte hinzu: „Sie [die USA] haben uns jetzt um einige zusätzliche Tage gebeten, ehe ihr Plan in Kraft tritt, nach dem jeder, der sich der Waffenruhe nicht angeschlossen hat, ein legitimes Ziel ist, sei er nun als Terrorist gelistet oder nicht. Sie baten um einige zusätzliche Tage, um zu antworten, und diese zusätzlichen Tage enden diese Woche.“

Die Antwort Washingtons hat sich jedoch nicht mit den russischen Absichten und Sorgen befasst; statt dessen wurde das Mantra „Assad muss gehen“ fortgesetzt, indem John Kerry im Juni eine weitere derartige Erklärung abgab: „Russland muss begreifen, dass unsere Geduld nicht unendlich ist, sondern tatsächlich sehr begrenzt, was das betrifft, ob Assad zur Verantwortung gezogen wird oder nicht,“ sagte Kerry.

Mehr noch, weder während der russischen Militäreinsätze noch nach Inkrafttreten der Waffenruhe beendete Washington die Waffenlieferungen an kämpfende Truppen. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten belieferten diese Truppen mit beinahe 3 000 Tonnen Waffen, boten ihnen Ausbildung und organisierten und koordinierten ihre Operationen, mit dem Ziel, die Russen in Syrien zu ermüden. Es sollte festgehalten werden, dass dies ein klares Ziel der Politik Obamas ist, darauf ausgerichtet, jede politische Lösung zu verhindern, ein Teil des Wunsches der USA, Russland zu isolieren. Washington hat sogar Russland tatsächlich gebeten, Stellungen der Jabhat al-Nusra nicht ins Visier zu nehmen, was Lawrow selbst bestätigte.

Es mag scheinen, dass der Verlust der Initiative, einen Sieg zu erringen, vor allem in Aleppo, was den Verlauf des Krieges ändern würde, ein Gefühl von Bitterkeit und Frustration in der syrischen Armee ausgelöst hat; einige Quellen innerhalb der Armee berichten von wachsender Unzufriedenheit mit Russlands Haltung zu den ständigen Waffenruhen. Das scheint sich jedoch während des letzten Monats geändert zu haben. Seit Beginn der Aleppo-Offensive durch die syrische Armee im Juni war die russische Luftwaffe stets sehr aktiv dabei, die Terroristen zum Ziel zu nehmen. Das führte dazu, dass die syrische Armee erfolgreich die Straße nach al-Castillo im Norden Aleppos einnahm und dadurch die letzte Nachschubroute der Terroristen in die östlichen Teile der Stadt abschnitt. Vielleicht ist Lawrow mittlerweile überzeugt davon, dass Washington die Russen hintergeht und dass die „Anti-ISIS-Koalition“ passiv danebensteht, während Terroristen und Waffen über die syrisch-türkische Grenze fließen.

Die iranische Position zu Aleppo und zum Konflikt insgesamt

Für den Iran ist der gegenwärtige Krieg in Syrien nicht länger eine Frage der regionalen Sicherheit. Der Konflikt hat nun direkte Auswirkungen und Konsequenzen für die nationale Sicherheit Irans. Diese Perspektive wird klar aus den täglichen Stellungnahmen aus Teheran, den Bildern zu Märtyrern gewordener iranischer Soldaten in den iranischen Medien und den hochrangigen Offizieren, die in der iranischen Hauptstadt beigesetzt werden. Auch die jüngst erfolgte Ernennung des Konteradmirals Alio Shamkhani, des Sekretärs des höchsten iranischen Nationalen Sicherheitsrats, zum militärischen und Sicherheitskoordinator der gemeinen Einsatzgruppe in Syrien mit Moskau und Damaskus erzählt einiges über die Stellung des Iran zu Syrien.

Ali Shamkhani, zuvor Marinekommandeur der IRGC, wird direkt dem höchsten Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, berichten „der der Mann ist, der das letzte Wort zu den Hauptfragen in Syrien hat,“ wie ein iranischer Funktionär einmal sagte. Es wird erwartet, dass Shamkhani regelmäßig mit Khamenei Meinungen und Ideen teilt, um „zur Macht und Unabhängigkeit dieses erhabenen islamischen Systems beizutragen.“

Teheran unterstützt jede Bemühung, die darauf abzielt, den syrischen Konflikt zu beenden, wozu ein iranischer Funktionär sagte, dass „Leute zu sehen, die in Genf, Wien oder irgendwo sonst um den Tisch zusammensitzen, das Beste ist. Doch es macht keinen Sinn, da zu sitzen, nur um Zeit zu gewinnen. Die Amerikaner gewinnen Zeit für ihren neuen Präsidenten um den Preis von Menschenleben in Syrien. Wir können ein solches Zögern inmitten menschlicher Tragödien nicht akzeptieren.“ Er fügte hinzu, „unsere Freunde, die Russen, folgten den Amerikanern bis zum Schluss [des Weges]. Wir haben bei verschiedenen Gelegenheiten gewarnt dass das nicht richtig ist. Wir haben sogar mehrere Offiziere und Beobachter aufgrund der russischen Position verloren, und jetzt, da sie entdeckt haben, dass es kein Ergebnis gibt, werden wir eine neue Ebene der Zusammenarbeit beginnen.“

Der Iran war immer deutlich bezüglich seiner Absichten in Syrien, ihr Ziel ist es, den Terrorismus in Syrien komplett zu zerschlagen, etwas, das der iranische Verteidigungsminister Hossein Dehghan sehr klar gemacht hat (Tasnim news, June 21, 2016).

Der iranische Verteidigungsminister hat Teherans Entschlossenheit ausgedrückt, der syrischen Regierung weiter militärische Hilfe zu leisten. Gleichzeitig drückte er die Sorge Irans aus, den Zugang des Islamischen Staats zu nuklearen Waffen betreffend. ER kommentierte auch die zeitweiligen Waffenruhen in Syrien , insbesondere in Aleppo, und sagte: „Wir stimmen einer garantierten Waffenruhe zu, die nicht dazu führt, dass die Terroristen ihre Kräfte aufbauen.“

Ein weiter Grund zum Misstrauen aus iranischer Sicht ist die Tatsache, dass Russland es weiter vermeidet, iranische, Hisbollah- und verbündete irakische Milizen Luftunterstützung zu leisten, wenn sie in Südaleppo angegriffen werden, und sich stattdessen darauf konzentrieren, die ländliche Umgebung von Nordaleppo zu bombardieren. Erst nach dem massiven dschihadistischen Vorstoß auf Khan Touman im Mai, als die Dschihadisten die Stellungen der syrischen Armee erreichten, begannen die Russen, die Front in Südaleppo wieder zum Ziel zu nehmen. Das hat zu Spekulationen geführt, die Russen könnten den Israelis versprochen haben, Hisbollah und die IRGC nicht zu unterstützen, zwei geschworene Feinde Israels.

Am 10. Juni empfing der Iran die Verteidigungsminister Russlands und Syriens in seinem eigenen Verteidigungsministerium. Das erklärte Ziel war, Ansichten auszutauschen und den Krieg gegen den Terror zu besprechen.

Es ist sicher, zu sagen, dass Russland begreift, dass es das Spiel in Syrien nicht ohne Zusammenarbeit mit Teheran und Damaskus beenden kann. Darum reiste der russische Verteidigungsminister Shoigu nach Teheran. Nach iranischen Quellen drückte Shoigu auf dem Treffen sein Bedauern über den Zwischenfall von Khan Touman aus und auch darüber, dass der Iran hinsichtlich der Waffenruhe in Aleppo nicht informiert wurde. Mehr noch, er betonte, dass Moskau entschlossen ist, mit Teheran in allen politischen und militärischen Fragen zusammen zu arbeiten, was eine bessere russische Unterstützung für die in Süd-Aleppo stationierten Truppen der IRGC nahe legt.

Aber auch die russische Zusage, entschieden mit Teheran zusammen zu arbeiten, um die taktischen Ziele Irans und der Hisbollah zu erreichen, mag eine Kurzzeitlösung sein, sie kann die langfristige Kluft zwischen den russischen und den iranischen Zielen im syrischen Krieg nicht überbrücken.

Moskaus Hauptziel in Syrien ist, eine abhängige Regierung in Damaskus zu halten, und der Flotte den Zugang zu Hafenstädten im östlichen Mittelmeer zu erhalten. Der Iran braucht Syrien und Zugang in seine südlichen Regionen (Quneitra), um seine Unterstützung für die Hisbollah aufrecht zu erhalten. Wenn Russland seine Ziele erreicht, könnte es keinen Grund sehen, den Status Quo zu erhalten (mit Assad an der Macht), und das ist genau das, was Iran seit Anfang dieses Spiels Sorgen bereitet.

Bezüglich der Schlacht um Aleppo und die umliegenden Gebiete, liegt Irans Hauptinteresse darin, die südlichen Teile der Provinz zu säubern und sich dann gegen die dschihadistische Hochburg Idlib zu bewegen, wo seit Frühjahr 2015 zwei überwiegend schiitische Städte belagert werden (Kafraya und Al-Fouaa). Diese Unternehmung würde an das gleiche Vorgehen während der Offensive im nördlichen Aleppo Februar 2016 erinnern, als die schiitischen Städte Nubl und Al-Zahraa nach dreijähriger Belagerung befreit wurden. Das sorgt nicht nur für einen starken Schub in der Moral für die dort stationierten iranischen und Hisbollah-Truppen, sondern gibt ihnen auch starke Unterstützung aus der Heimat.

Wegen Russlands Beharren darauf, dass Syrien und seine Verbündeten nicht auf die Offensive von Jaysh al-Fateh reagieren, drohten der Iran und die Hisbollah, die Front zu verlassen, und beriefen sich auf die Weigerung, schutzlos ausgeliefert zu sein, während die Dschihadisten aus ihrer Inaktivität Vorteile zögen. Das könnte möglicherweise sowohl das Treffen am 10. Juni in Teheran erklären, bei dem der Iran die Initiative bei der Bestimmung der Tagesordnung hatte, als auch die russische Wiederkehr, die wir in der Provinz Aleppo seit Ende Juni beobachten können. Das würde des Weiteren den abschließenden Schub der syrischen Armee erklären, die Stadt Aleppo vollständig einzukreisen, etwas, das ohne die massive Verstärkung durch die russischen Aufklärungsinformationen nicht möglich gewesen wäre.

Der türkische Putschversuch und seine weiteren Konsequenzen für den syrischen Krieg

In einem Telefonat am 18. Juli gratulierte der iranische Präsident Hassan Rouhani dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem Volk der Türkei zur Abwehr des Putschversuchs durch Mitglieder des Militärs.

Rouhani soll zum türkischen Präsidenten gesagt haben, „Glücklicherweise zeigte das türkische Volk während dieses Putsches seine große politische Reife und bewies, das eine Methode der Einschüchterung in unserer Region keinen Erfolg hat.“

„So wie wir um die Stabilität und Sicherheit unseres Landes kämpfen, fühlen wir uns auch verpflichtet, Verantwortung für die Stabilität und Sicherheit unserer Nachbarn und befreundeter muslimischer Länder zu übernehmen,“ bedeutete Rouhani.

Er betonte, die Länder in der Region sollten zusammen arbeiten, um den Terrorismus auszulöschen. Rouhani sagte, „dieses Ereignis war ein Test, um Ihre heimischen wie auswärtigen Freunde und Feinde zu erkennen.“

Der türkische Präsident seinerseits schätzte Rouhanis Anruf und sagte, „Kugeln und Panzer mögen Menschen töten, aber sie können nicht die Ideale einer Nation zerstören.“

“Wir sind entschlossen, mit Iran und Russland bei der Klärung regionaler Themen zusammen zu arbeiten und unsere Bemühungen zur Wiederherstellung des Friedens und der Stabilität der Region zu verstärken.”

Der Putsch und sein Nachspiel wird vermutlich die Beziehungen zwischen Erdogan und mehreren Ländern in der Region wie auch weltweit verändern. Man sollte annehmen, dass Erdogan eine Strichliste geführt hat, welche Länder den Putsch verurteilten, welche stumm blieben und welche auf das Ergebnis warteten, ehe sie den Putsch verurteilten. Die Unterstützung Russlands und des Iran, die beide den Putsch schnell verurteilten, und die im syrischen Konflikt die Rivalen der Türkei waren, ist von höchster Bedeutung.

Im Gegensatz dazu hat die saudische Regierung, vermeintlich ein Verbündeter der Türkei, zumindest in Syrien, Erdogan erst mehr als zwei Tage nach dem Scheitern des Putsches gratuliert. Einige iranische Quellen berichten ebenfalls, dass Saudi-Arabien und die Vereinten Arabischen Emirate in den Putschversuch involviert waren, etwas, das nicht völlig undenkbar ist, wenn man an die Drohung des saudischen Außenministers Adel Al-Jubeir gegen die Türkei einen Tag vor dem Putschversuch, als Reaktion auf eine türkische Andeutung einer veränderten Politik zu Syrien.

Was Washingtons Reaktion angeht ist Erdogan sogar noch unzufriedener. Führende Mitglieder seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) haben sogar erklärt, Washington habe womöglich die Anführer des Putsches unterstützt. Spekulationen über US-amerikanische Unterstützung für den Putschversuch wurden bestärkt, als es klar wurde, dass die F-16-Jets, die die Putschisten einsetzten, vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik gestartet sind, wo die US-Truppen ebenfalls stationiert sind, und dass der Kommandeur des Stützpunkts, der jetzt in Haft ist, sich mit dem Ansuchen um Asyl in den USA an US-Funktionäre gewandt hatte. Natürlich leugnet Washington, den Putsch unterstützt zu haben, aber die Kontroverse hat die Bindungen zwischen der Türkei und den USA bereits auf die Probe gestellt, als Erdogan-Unterstützer außerhalb des Luftwaffenstützpunkts Incirlik demonstrierend riefen „Tod für Amerika“.

Die Nachbeben des Putschversuchs drohten ebenso, die Beziehungen mit der Europäischen Union zu belasten, da die Niederringung der Kräfte für den Putsch Erdogan vermutlich zur Wiedereinführung der Todesstrafe treibt, was nach den Aussagen der EU inakzeptabel ist, wenn die Gespräche über eine EU-Mitgliedschaft der Türkei fortgesetzt werden sollen.

Was Syrien betrifft, sind die türkische Unzufriedenheit mit Washington und der EU, vor allem bezüglich Washingtons Forderungen nach einer stärkeren türkischen Rolle in der „Anti-ISIL-Koalition“ und ihrer Zusammenarbeit mit der YPG (kurdischen Schutzeinheiten), die die Türkei als terroristische Organisation betrachtet, Punkte, die einen weiteren Bruch zwischen der Türkei und ihren Verbündeten im Westen auslösen können.

Die wichtigste Aussicht im Gefolge des gescheiterten Putsches ist die Möglichkeit einer Annäherung an Russland und den Iran, um die regionalen Fragen zu klären. Die beiden türkischen Piloten, die für den Abschuss des russischen Jets im November 2015 verantwortlich sind, sind angeblich unter den verhafteten Putschanhängern, was die Verbindungen mit Moskau verbessern könnte.

Insgesamt hat Erdogan in Syrien zwei Möglichkeiten: den Status Quo aufrechtzuerhalten und sich von der Welle solider nationalistisch-konservativer Unterstützung tragen zu lassen, oder weitere Schritte zu unternehmen, um die Zusammenarbeit mit Russland und dem Iran zu verstärken.

Trotz der Differenzen zwischen Russland und dem Iran scheint es, dass sie auf dem Schlachtfeld enge Verbündete bleiben, auch wenn sie unterschiedliche Ziele für Syriens Zukunft verfolgen. Schließlich erkennt der Iran den kolossalen politischen und militärischen Schub an, den die russische Anwesenheit Syrien und seinen Alliierten verschafft hat. Möglicherweise versteht der Iran, dass Russland unter scharfem Druck aus Washington im Grunde gezwungen war, einer Waffenruhe zuzustimmen. Der Iran jedoch, insbesondere die prinzipiellere Fraktion, beugt sich nicht so leicht Druck aus Washington, das war während der iranischen Nuklearverhandlungen sehr deutlich. Das wird womöglich die iranischen Hardliner enttäuschen, die Russland als weit mächtigere Kraft sehen, die sich der US-Hegemonie nicht unterwerfen muss.

Was die Türkei betrifft, würde eine eventuelle Veränderung der Politik nicht notwendigerweise eine Mäßigung des massiven türkischen Widerstands gegen eine kurdische Autonomie in Nordsyrien bedeuten, im Gegenteil, es könnte Erdogan Assad näher bringen, weil er den syrischen Staat als das Einzige sehen könnte, dass die Kurden am Erreichen eines autonomen Bundesstaates hindern könnte, ein Ziel, das die syrische Regierung ablehnt.

http://vineyardsaker.de/analyse/der-syrische-konflikt/#more-4824

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