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Kultur, Rezensionen

Starke russische anti-kapitalistische Literatur

russischebuecher

von André Vltchek – http://einarschlereth.blogspot.de

Stellt euch vor, Moskau wird von einem internationalen korporativen Kartell übernommen. Von einem Monster, das seine eigenen Fabriken und Büros, Sicherheitsdienste, private Gefängnisse, Umerziehungs-(Trainings)Zentren und seine gehorsamen Medien hat. Stellt euch außerdem vor, dass es genaue Daten über praktisch jeden besitzt, der in der Hauptstadt eine Rolle spielt.

Stellt euch vor, dass menschliche Leben nicht mehr zählen. Die Leute sollen nur produzieren und konsumieren; und sie sind völlig disponibel. Stellt euch vor, das einst großartig gebildete Russland mit seinen legendären Künstlern und Philosophen wird nach und nach auf ein unvorstellbar primitives Niveau gedrückt.

Plötzlich taucht überall der US-Pop-Schrott auf und die größte Unterhaltung für die Massen sind zahllose ‚reality shows‘ im Fernsehen, auch solche, wo bildlich dargestellt wird, wie Männer und Frauen  in den öffentlichen Toiletten der Hauptstadt scheißen und pissen.

Das bekommt ihr zu lesen in einem witzigen, provokativen und durch und durch unerhörtem Roman von Sergei Minaew mit dem Titel „R.A.B.“ und 521 Seiten!

In allen seinen Romanen – „Soulless“ (Seelenlos), „The Telki“, „Media Sapiens“ und „R.A.B.“ schildert Minaew meisterhaft die ständigen Verbrechen, die von der korporativen Kultur und ihren Mainstreammedien verübt werden. Brutal und freizügig beschreibt er eine apokalyptische Gesellschaft, die auf den seelenlosen, gnadenlosen und mörderischen Prinzipien des modernen kapitalistischen Systems nach westlicher Art aufgebaut ist. In solch einer Welt ist nichts mehr heilig. Die ‚Eliten‘ vergnügen sich, in den Vorstädten der Städte auf Jagd zu gehen, nicht auf Wild sondern auf obdachlose Menschen, die in herumliegenden Röhren leben („R.A.B.“). Einem US-Mainstream-Fernsehkanal gelingt es, zusammen mit einem örtlichen Partner einen militärischen Konflikt zwischen Georgien und Russland zu erzeugen, indem sie mehrere Kampfhubschrauber und pensionierte Soldaten mieten, die Leute abschießen, um ihre Auflage zu erhöhen. Und mehrere Terroristen -Angriffe in Moskau werden bezahlt und inszeniert von anderen großen Medien- Konglomeraten („Media Sapiens“).

Minaew fängt nicht zu heulen an; er ist entschieden weit davon entfernt, ’sentimental zu sein‘. Er ist knallhart und zynisch. Seine Charaktere sind meistens rücksichtslose Super-Yuppies aus Moskau, energisch, die ein schnelles Leben leben, Drogen nehmen, Parties in Luxusclubs feiern, Sex haben mit buchstäblich allem, was sich bewegt („Soulless“).
Sie haben keine Ideologie, keine politischen Ansichten. Sie lachen über alles, beleidigen alles und jeden, aber tief innen leiden sie an einer schrecklichen Leere, von Hohlheit. In ihren seltenen Momenten der Aufrichtigkeit geben sie einander und sich selbst zu, dass sie eigentlich immer noch sich sehnen nach wenigsten einer Sache, ‚die rein und anständig‘ ist, nicht korrumpiert vom globalen markt-fundamentalistischen Regime und seinen ‚Werten‘ und seiner ‚Kultur‘.

*   *   *

In ‚R.A.B.‘ geht Minaew noch viel weiter. Seine Yuppies (paradoxerweise mittlere und gehobene Manager) beginnen eine Rebellion gegen das System. Sie treten in den Streik, marschieren durch die Straßen, bauen Barrikaden. Sie verlangen soziale Gerechtigkeit. Sie verbrennen ihre eigenen Büros.

Sie tun das, nachdem ihre russische Spielzeug-Fabrik (und andere Unternehmen in der ganzen Stadt) von einem amerikanischen multinationalen Unternehmen geschluckt wird, das sofort alle sozialen Leistungen streicht und damit Unsicherheit und Angst im Betrieb verbreitet. Ein anderer Multi eröffnet in einem Vorort von Moskau auch eine schreckliche Spielwaren-Fabrik, wo verzweifelte Immigranten aus den zentralasiatischen Ländern angestellt werden.

Die Massenmedien im Privatbesitz konfrontieren die Demonstranten und folgen dann der korporativen Propaganda und am Ende dienen sie den Sicherheitskräften und der Armee. Viele Leute verschwinden. Andere werden in Büros eingesperrt und in geheimen Gefängnissen der Multis gefoltert. Diejenigen, die überleben, werden nirgends mehr angestellt und werden auf schwarzen Listen geführt.

Aber was will Minaew wirklich? Eine echte Revolution?

Ja und nein. Er glaubt nicht, dass in Ländern, die von dem Markt-Fundamentalismus und zügellosem Konsumdenken beherrscht werden, eine ‚echte Revolution‘ möglich ist. Er glaubt nicht, dass die Leute dort irgendwelche Ideale und Begeisterung bewahrt haben. Gleichzeitig sind zumindest einige der Charaktere nicht bereit aufzugeben.

Es ist gruselig, R.A.B. zu lesen, wenn gleichzeitig diese ‚Rebellionen‘ in Griechenland, Frankreich, Spanien und England stattfinden.

Eine der Hauptpersonen in R.A.B. konfrontiert die Demonstranten: Das ist keine Revolution! Ihr seid alle Teil des Systems. Ihr wollt nur, dass es euch besser geht. Durch diese Rebellion verhandelt ihr eigentlich mit dem Kartell der Multis. Wenn ihr bekommt, was ihr wollt, werden ihr glücklich dort bleiben, wo ihr seid und weitermachen, als wäre nichts passiert.

*   *   *

Dann macht Minaew genau das, was kein westlicher Schriftsteller wagen würde. Er verteidigt die Auffassung, dass es, um das System zu zerstören, eines bewaffneten Aufstandes bedarf. Sonst wird kein echter Wandel eintreten.

Die unterdrücke Rebellion der Yuppies löst am Ende eine breitere Bewegung aus und bald gibt es wahre Schlachten in mehreren Provinzhauptstädten.

Das Ende des Romans ist offen. Der Hauptfigur von R.A.B. ist tot. Er verliert die Liebe seines Lebens (aus Verzweiflung begeht sie Selbstmord); er hat keinen Job, kein Geld und keinen Ort, wohin er gehen kann. Aber er lebt noch. Russland lebt noch. Es ist klar, dass egal, was passiert, wird Russland nicht das monströse System akzeptieren, das ihm vom Westen aufgezwungen wurde.

*  *   *
Es mag alles nach einer kranken Phantasie klingen, aber das, was Minaew beschreibt, ist nicht weit von den Alpträumen entfernt, die Russland erlebte, nachdem Gorbatschow dem Land erlaubte (der UdSSR) auseinanderzufallen, und danach Jetsin die zügellose Privatisierung einführte und fremden Unternehmen nie dagewesene Konzessionen einräumte. In jener Periode machte Russland etwas durch, was man durchaus als sozialen Genozid bezeichnen kann. Die Lebens – Erwartung fiel auf ein Niveau wie in vom Krieg verwüsteten afrikanischen Ländern. Gesetzlosigkeit herrschte. Alle Ideale wurden lächerlich gemacht und bespuckt. Eine große Zahl russischer Intellektueller wurde vom Westen gekauft und in ungezählten NGO’s organisiert. Der mieseste westliche Pop und Unterhaltung torpedierten die russische Kultur. In jenen dunklen Tagen gelang es dem Westen endlich, Russland auf die Knie zu zwingen.

Nicht einmal zwei Jahrzehnte später steht wieder ein neues Russland stolz, stark und zuversichtlich da.

Es kam auf seine Füße, es begann wieder erfolgreich zu produzieren und durchlief eine enorme und positive soziale Umwandlung.

Vor gerade einer Woche kehrte ich aus dem Fernen Osten Russlands zurück, aus den Städten Wladiwostok, Chabarowsk und Petropawlowsk auf Kamtschatka. Wohin ich auch kam, sah ich neue und eindrucksvolle Infrastruktur. Ich begegnete einem zurversichtlichen, hart arbeitenden Land, das sich sehr bemühte, wenigstens etwas von der sozialistischen Struktur und ihren Vorteilen wiederherzustell die man in der Vergangenheit genoss.

Das neue, heutige Russland steht China viel näher und ist viel mehr beeindruckt von dem chinesischen Syste, als dem, das ihm zuvor aufgezwungen wurde, in der „prowestlichen“ Ära, die jetzt Synonym für nationale Katastrophe ist.

Russische Schriftsteller spielten eine wichtige Rolle bei der Beschreibung der Schrecken der Gorbatschow/Jeltsin Jahre und dem brutalen globalen ökonomischen, politischen und ‚kulturellen‘ Regime, das vom West an allen Ecken der Erde eingeführt wurde. Von dem frechen Roman von Eduard Limonow „It’s ME, Eddie“ bis zu Minaews „R.A.b.“ ist die russische Literatur waghalsig, beleidigend, direkt und brutal ehrlich gewesen.

Während Limonow und Minaew Millionen Exemplare ihrer Bücher zuhause verkaufen, sind ihre Werke praktisch nicht bekannt im Westen. Ich fand keine Englisch-Übersetzung, als ich bei Amazon und anderswo suchte.

In seinem in New York spielenden „Eddie“ ruft Limonew offen zu Terroristen-Angriffen gegen das westliche Regime auf, während einige von Minaews Figuren auch an bewaffneten Kampf glauben, aber vom mehr konventionellen Typ.

Nichts wird ausgelassen. Als das US-Spielzeug-Unternehmen in Russland eine spezielle Steuer von seinen Angestellten fordert, um „den armen Kindern in der Dritten Welt zu helfen“, denkt die Hauptfigur im R.A.B.: „Naja, nun können sie das Geld benutzen, um Särge für die Kinder zu kaufen, die sie in Indonesien oder Thailand anstellen und töten“. Als die Steuer langsam steigt, kommentiert er „jetzt haben sie genug Geld, um zumindest ein paar Massengräber auszuheben“.

Dies ist einfach zu empörend für westliche Leser. Oder genauer, wahrscheinlich ‚denkt‘ das ‚Buchgeschäft, dass es so ist‘.

Tatsache bleibt, dass trotz der im Westen ständig wiederholten Propaganda, können jene, die Russisch lesen, klar erkennen, dass russische Literatur im Grunde viel freier, waghalsiger und rebellischer ist als die im Westen.

Wenn mehrere russische Bestseller-Autoren offen zum Kampf gegen das globale Regime auffordern (dasselbe Regime, das bis jetzt zumindest teilweise die Wirtschaft ihres Landes kontrolliert), kann man nicht anders, als beeindruckt zu sein vom Niveau der Freiheit im Land, die solche Werke erlaubt, veröffentlicht und fördert.

Aber im Westen erfährt man von all dem nichts, wenn man nicht russisch spricht. Weil man im Westen (und seinen Marionettenstaaten und Kolonien) sehr gut ‚beschützt‘ wird vor so unangenehmen (und das Regime würde sagen, gefährlichen) Gedanken!

André Vltchek ist ein Philosoph, Romancier, Filmemacher und investigativer Journalist. Er berichtete über Kriege und Konflikte in dutzenden Ländern. Seine neuesten Bücher sind „Exposing Lies Of The Empire“ und „Fighting Against Western Imperialism“. Diskussion mit Noam Chomsky: On Western Terrorism. Point of No Return ist sein von der Kritik gelobte politische Roman. Oceania – ist ein Buch über den westlichen Imperialismus im Süd-Pazifik. Sein provokatives Buch über Indonesien heißt: „Indonesia – The Archipelago of Fear“. André macht Filme für teleSUR und Press TV. Nach langjährigem Aufenthalt in Lateinamerika und Ozeanien wohnt und arbeitet Vltchek gegenwärtig in Ostasien und dem Nahen Osten. Er kan auf seiner website und Twitter erreicht werden.

Quelle – källa – source

http://einarschlereth.blogspot.de/2016/07/starke-russische-anti-kapitalistische.html#more

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