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Ausland, Naher Osten

ISIL: Ein genozidaler Feldzug (I)

islamicstate

von Aram Mirzaei – http://vineyardsaker.de

Teil 1: Die Ursprünge des Sektierertums im Islam

Eine Pest in der Welt, eine terroristische Gruppe, die die Menschheit hasst. Es gibt viele Worte, die das Phänomen Daesh beschreiben, das auf die Menschheit losgelassen wurde. Die terroristische Gruppe, die angeblich im Irak entstand, als Ergebnis der US-geführten Invasion 2003, ist inzwischen zu einem weltweit bekannten Phänomen geworden, von dem viele Leute nie etwas gehört hatten. Ihre Gräueltaten werden täglich berichtet, und die Mainstream-Massenmedien haben schon mehrmals von den völkermörderischen Feldzügen dieses Todeskults im Nahen Osten berichtet, von ethnischen Säuberungen bis hin zu Versuchen, die Kultur und Geschichte der Region auszulöschen. Besonders hervorgehobene Ziele waren Christen und die Jeziden des Irak.

Was die Mainstream-Medien jedoch selten erwähnen, ist ihr Feldzug gegen ihren wahren Feind, gegen die Shia-Gemeinschaften des Irak und Syriens. Diese dreiteilige Artikelserie wird die treibende Kraft hinter dieser terroristischen Gruppe und ihre Gründer analysieren und erklären, und warum sie andere Muslime angreifen, die sie für ‘Ungläubige’ halten.

Die Praxis der Exkommunikation, bei der ein Muslim einen anderen zum ‘Kafir’ oder Ungläubigen erklärt, wird Takfir genannt, eine Praxis, die fast so alt ist wie der Islam selbst. Jemand, der diese Exkommunikation betreibt, wird Takfiri genannt.

Der erste Teil dieser Artikelreihe wird sich auf die Geschichte des Konzepts konzentrieren, und, woher es einst stammte. Der zweite Teil wird den Schwerpunkt auf die imperialen europäischen Mächte und ihre Beziehungen mit Takfiris im 18. Jahrhundert legen. Der letzte Teil beschäftigt sich mit modernem Takfirismus und seinen Zielen in der Region inmitten der Kriege in Syrien und im Irak.

Der historische Hintergrund und das Konzept des ‘Takfir’

In der Shia-Gemeinschaft sind die Terroristen von Daesh vor allem als Takfiris bekannt, weil sie die ganze Shia und alle anderen Zweige des Islam für Ungläubige halten, die den Tod verdient hätten. Es gibt eine große Bandbreite an Ideen, warum es gerechtfertigt sein könnte, jemanden zum Ungläubigen (Kafir) zu erklären. Einige Muslime halten das für das Vorrecht göttlicher Offenbarung, während andere es für das Vorrecht des Staates (Kalifats) halten, der die muslimische Gemeinschaft als ganze repräsentiert. Es gibt keinen Konsens in der muslimischen Gemeinschaft, was tatsächlich ausreichende Rechtfertigung ist, Takfir zu erklären, es gibt Debatten zwischen unterschiedlichen Gelehrten über dieses Thema.

Um wirklich zu verstehen, was mit dem Konzept von Takfir gemeint ist, und wie es die islamische Gemeinschaft geformt hat, müssen wir in die Tage des frühen Islam zurückgehen und die Vorgänger der Terrorgruppe Daesh studieren, eine Gruppe, die als Khawarij bekannt ist.

Die Khawarij

Die Khawarij (die Außenseiter) waren notorische Takfiris, die im ersten Jahrhundert des Islam erschienen, in der Zeit, die heute als Erste Fitna bekannt ist, der erste islamische Bürgerkrieg, der durch Uneinigkeit über die Führung nach dem Tod des Propheten Mohammed ausgelöst wurde. Die erste Fitna, 656-661, folgte auf die Ermordung von Uthman (Osman), dem dritten Kalifen des Islam, setzte sich fort während des Kalifats von Ali und endete mit dem Aufstieg Muawijahs zum Kalifat. Dieser Bürgerkrieg wird oft als das Ende der islamischen Einheit bezeichnet, die auch als Umma bekannt ist.

Die Spaltungen begannen zu wachsen, als Meinungsverschiedenheit darüber entstanden, was die Hauptstadt des neu errichteten islamischen Kalifats sein solle. Dies war das Ergebnis einer tief verwurzelten Rivalität zwischen Syrien, das davor unter der Herrschaft des byzantinischen Reiches stand, und dem Irak, zuvor Teil des persischen Sassaniden-Reiches. Ali wurde überzeugt, seine Hauptstadt nach Kufa im Irak zu verlegen.

Später wies Muawijah I, Gouverneur der Levante und Cousin von Uthman, Alis Forderung nach Gefolgschaft zurück. Ali eröffnete Verhandlungen, in der Hoffnung, seine Treue zu erringen, aber Muawijah bestand auf der Autonomie der Levante unter seiner Herrschaft. Muawijah begann, seine levantinischen Unterstützer zu mobilisieren und weigerte sich, unter dem Vorwand, seine Leute hätten an Alis Wahl nicht teilgenommen, ihm zu huldigen.

Daraufhin verlegte Ali seine Armeen nach Norden und die beiden Armeen lagerten bei Siffin mehr als hundert Tage lang, wobei die meiste Zeit mit Verhandlungen verbracht wurde. Obwohl Ali mehrere Briefe mit Muawijah wechselte, war er außer Stande, letzteren abzusetzen, noch, ihn zur Gefolgschaft zu überreden.

Als Muawijahs Truppen in der Schlacht von Siffin 657 A.D. auf die Alis trafen, waren sie am Rande der Niederlage. Muawijah wollte den Streit beenden und rief beide Seiten zu einem Schiedsverfahren nach dem Koran auf.

Beide Armeen stimmten schließlich zu, die Frage, wer Kalif sein solle, durch Schiedsverhandlung zu klären. Bei Alis Annahme der Schiedsverhandlung spielte eine große Rolle, dass der größte Block ins einer Armee, die Kufans, sich weigerte, weiter zu kämpfen. Alis Armee litt unter Meuterei unter Führung der Kufans. Die Frage, ob der Vermittler Ali vertreten solle oder die Kufans, verursachte eine weitere Spaltung in Alis Armee. Ali präsentierte seinen Vertreter für die Schiedsverhandlung, die Meuterer ihrerseits präsentierten, gegen Alis Wunsch, Abu Musa Ascharii, und Muawijah präsentierte seinen Vertreter Amr ibn Al-As. Sieben Monate später trafen sich die beiden Verhandler in Adhruh, etwa 10 Meilen nordwestlich von Maan in Jordanien im Februar 658. Amr ibn Al-As überzeugte Abu Musa Ashaari, dass sowohl Ali als auch Muawijah zurücktreten sollten und ein neuer Kalif gewählt werden solle. Ali und seine Unterstützer waren über die Entscheidung verblüfft, die den Kalifen auf den Status des rebellischen Muawijah herabgestuft hatte. Ali war verraten worden. Unter der Losung „die Schiedsverhandlung gehört Gott allein“ hatten sich die Kufans sowohl gegen Ali als gegen Muawijah gewandt.

Ali weigerte sich, den Spruch zu akzeptieren, zurückzutreten und eine Wahl abzuhalten, und brach damit, technisch gesehen, sein Versprechen, sich an den Schiedsspruch zu halten. Das brachte Ali selbst seinen eigenen Unterstützern gegenüber in eine schwache Position. Die lautstärksten Gegner Alis in seinem Lager waren genau jene Leute, die Ali gezwungen hatten, ihren Schiedsrichter zu ernennen. Sie fühlten, dass Ali nicht länger ihre Interessen vertreten könnte. Da sie ebenfalls fürchteten, im Falle eines Friedens für den Mord an Uthman verhaftet zu werden, brachen sie von Alis Truppen fort.

So wurden die Kufans bekannt als die Khawarij (die Außenseiter, als jene, die Alis Seite verlassen hatten). Es ist wichtig, festzuhalten, dass die Khawarij nicht einfach mit einem bestimmten Mann oder einer Familie oder einer Ökonomie unzufrieden waren, ihre Unzufriedenheit bestand eher mit der ganzen sozialen Struktur, für die sowohl Uthman als auch Ali standen. Zuvor hatten sie in Fragen des Stammes ihre Freiheit. Jetzt waren sie Teil des „Super-Stammes“ des Islam und konnten sich nicht mehr verhalten, wie sie sich zuvor verhalten hatten. Sie wollten zurück in ihre alte Stammesstruktur, in der sie ihren Stamm rühmen und mit ihm prahlen konnten. Es kann also behauptet werden, dass die Khawarij eher von ihren eigenen selbstsüchtigen Gründen zur Rebellion getrieben wurden statt aus ideologischen Gründen.

Die Tatsache, dass Ali Mohammeds Neffe war, bestätigte sie nur in ihrer Militanz ihres gefühlten Egalitarismus; dass die wahre Aristokratie eine der Frömmigkeit sei und nicht eine des Blutes. Diese Sicht widerspricht grundsätzlich der Sicht der Shia, dass die Führung an die Blutlinie des Propheten gebunden sein solle.

Mit der Zeit begannen die Khawarij, seltsame Ansichten zu entwickeln. Frühe Berichte sprachen von Khawarijs, die mit ihren Schwertern auf die Märkte gingen, zufällig Menschen niederstachen und dabei riefen, „es gibt kein Gericht außer dem Gottes.“ 659 zogen Alis Truppen endlich gegen die Khawarij, und sie trafen schließlich in der Schlacht von Nahrawan aufeinander. Obwohl Ali die Schlacht gewann, hatte der ständige Konflikt seine Stellung beschädigt.

Ali gewann einen Pyrrhussieg, aber er konnte diese Gruppe nicht zerschlagen. Zwei Jahre später, am 19. des Ramadan 661, wurde Ali von den Khawarij ermordet, als er in der großen Moschee von Kufa betete. Die Legende besagt, das der Khawarij Abd-Al-Rahmad ibn Muljam ihn mit einem vergifteten Schwert angriff, das Alis Kopf traf. Als Ali getötet wurde, war Muawijah derjenige, der im muslimischen Reich das größte Heer besaß, also konnte er leicht den Thron besteigen, und so begann der Aufstieg des Umayyaden-Kalifats.

Das Umayyaden-Kalifat konnte, obwohl es stark war, nie die gleiche Autorität über sein enormes Territorium erreichen, die das erste Kalifat hatte. Im Iran wurde das Kalifat mehrmals herausgefordert, was zur erzwungenen Massenkonversion von Zoroastriern im Iran führte. Als das Reich wuchs, war die Zahl der qualifizierten arabischen Arbeiter zu klein, um mit dem schnellen Wachstum Schritt zu halten. Daher erlaubte Muawijah vielen örtlichen Regierungsbeschäftigten in den eroberten Provinzen, ihre Stellungen unter der neuen Umayyaden-Regierung zu halten. Daher wurden viele Tätigkeiten der örtlichen Regierung auf Griechisch, Koptisch und Persisch aufgezeichnet. Diese schnelle Expansion wurde auch als einer der Hauptgründe für den Verfall des Umayyaden-Kalifats gesehen.

Die Khawarij überlebten den Abstieg des Umayyaden-Kalifats, mit wiederholten Aufständen sowohl im Iran wie im Irak, und setzten diese Aufstände auch während des Abbasiden-Kalifats weiter fort.

Die vermutlich größte Herausforderung für die Autorität des Kalifats geschah zwischen 866 und 896, als die Khawarij sich in der Provinz Al-Jazira (Mesopotamien) im Bezirk Mossul erhoben. Diese Rebellion hielt dreißig Jahre an, trotz mehreren Versuche, sie zu unterdrücken. Erst als der Kalif Al-Mutadid mehrere Feldzüge startete, um die Autorität des Kalifats wieder herzustellen, wurde die Rebellion endgültig geschlagen.

Im nächsten Teil dieser Artikelserie werden wir die zweite Welle des Takfirismus untersuchen, die den Wüsten der arabischen Halbinsel im 18. Jahrhundert entsprang.

The Islamic State of Iraq and the Levant: A genocidal campaign – part 1: The origins of sectarianism in Islam

http://vineyardsaker.de/irak/isil-ein-genozidaler-feldzug-i/

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