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Inland, Medien

Die ARD-Tagesschau steigt herab vom Olymp und spricht zum Volk

suleiman1

von http://spiegelkabinett-blog.blogspot.de/

 Der Druck der öffentlichen Meinung ist dann wohl doch sehr gross geworden. Wie anders soll man es verstehen, dass der Studioleiter des ARD-Studios Kairo, Volker Schwenk, aus dem Olymp der Öffenlich-Rechtlichen herabgestiegen ist und den gewöhnlich Sterblichen von den Mühen der unentwegten, beharrlichen Arbeit der Fernsehgötter für die Aufklärung und Information, der ohne sie eines Tages dumm sterbenden Gebührenzahler, zu berichten.

Am Beispiel der „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) will uns Volker Schwenck auf der Website der ARD-Tagesschau Einblick gewähren, in den ständigen Kampf des Sysiphos um eine ausgewogene Information der Ahnungslosen. So beginnt Schwenck dann auch mal gleich damit, seine und seiner Mitstreiter Arbeit uns als schwierig, ja fast unmöglich zu schildern:

„Informationen aus dem syrischen Bürgerkriegsgebiet zu bekommen, ist schwierig, fast unmöglich.“

Denn, so Schwenk:

„Ordentlicher Journalismus liefert exakte Zahlen und verlässliche Fakten.“

Wir sollten uns diesen Lehrsatz gut merken und ihn in der weiteren Betrachtung des Artikels von Volker Schwenk als Massstab nutzen um die Aussagen Schwencks richtig zu werten und einzuordnen.

Denn schon der zweite Satz beginnt mit einer haltlosen Behauptung und einer Manipulation der Leser:

„Viele Erkenntnisse stammen von der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“.

Es sind also Erkenntnisse, die uns die obskure Londoner Nachrichtenquelle liefert, nicht etwa ungeprüfte Behauptungen, nicht verifizierbare Informationen sondern Erkenntnisse, die für gewöhnlich erst nach reiflicher Prüfung und sorgfältiger Abwägung verschiedener Nachrichten langsam reifen. Schon hier ist der angelegte Massstab viel zu gross. Schwenck führt die Leser in die von ihm gewünschte Richtung. Daran ändert die angehängte Frage:

„Doch wie verlässlich ist diese Organisation?“

nur wenig. Ganz im Gegenteil: Die rethorische Frage weckt in der Leserschaft die Auffassung, dass sich der Verfasser ernsthaft den Zweifeln an der Wahrhaftigkeit der SOHR stellt und sie einer ernsthaften Prüfung unterzieht. Schwenck erschleicht Vertrauen.

Diesem Zweck, sich dass Vertrauen der Leserinnen und Leser zu erschleichen dient auch die Behauptung:

„Manchmal ist wirklich guter Journalismus aber nahezu unmöglich – in Syrien zum Beispiel.“

Das mag durchaus stimmen, wenn auch immer einzelne Ausnahmen das Gegenteil zu beweisen scheinen. Stellvertretend sei hier die deutsche Journalistin Karin Leukefeld genannt, die seit dem Frühjahr 2011 immer wieder nach Syrien reist und aus dem Land berichtet. Allerdings passen Leukefelds Reportagen und Berichte scheinbar nicht in das Konzept der Öffentlich-Rechtlichen. So berichtet sie in ihrem Buch „FLÄCHENBRAND – SYRIEN, IRAK, DIE ARABISCHE WELT UND DER ISLAMISCHE STAAT“ auf Seite acht über ihre Erfahrung mit dem Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk aus den ersten Wochen des Syrienkonfliktes:

„Ende Februar 2011 hatte ich viele Interviews in Damaskus gemacht und junge Leute gefragt, warum sie nicht, wie in Tunesien und Ägypten auf die Straße gingen. Anfang März 2011 bot ich dazu dem deutschen Hörfunk Reportagen an. Eine Redakteurin zeigte Interesse: »Gerne – wenn schön hintergründig mit schwerpunkt: was hat syrien anders gemacht, warurn gibt es dort keine revolutionsanzeichen der jungen generation, wie unterscheidet sich die demokratische lage in syrien von der in anderen ländern … «. (Kleinschrift im Original, K.L.) Das war am 16.3.2011. Ich schrieb das Manuskript und schickte es am 23.3.2011 zu. Postwendend erhielt ich diese Nachricht: »ich denke mich trifft der schlag!! sie schicken mir einen beitrag über -ach wie schön ist syrien< – wo doch alles an allen ecken und kanten brennt. also: das kann ich nun wirklich nicht gebrauchen. mit paste und copy finden sie zwei agenturmeldungen, die die lage wohl ziemlich gut beurteilen – was sollen wir also nun mit ihrem beitrag machen?« Der Beitrag wurde abgesagt.“

(Die Aussagen der Rundfunkredakteurin wurden von mir in roter Schrift dargestellt, um sie besonders herauszuheben)

Wie mit Menschen, die sich ernsthaft um eine ausgewogene Berichterstattung aus Syrien bemühten in den Öffentlich-Rechtlichen umgegangen wurde uind heute noch wird, dass musste auch Jürgen Todenhöfer erfahren, der sich im Sommer 2012 erdreistete mit dem syrischen Präsidenten ein Interview zu führen, dass am 08. Juli im ARD-Weltspiegel gesendet wurde. In einer anschliessenden Diskussion zwischen dem Spiegelredakteur Bernhard Zand und dem damaligen Leiter des ARD-Studios Kairo, Jörg Armbruster, wurden die Aussagen Assads gerade gebogen. Da wurde von einem „Beispiel von Realitätsverweigerung“ geredet und das Interview „als ein sehr bedenkliches Dokument“ bezeichnet. Dafür durfte Zand aber dreist in die Kamera lügen:

„Der Spiegel hat ähm mit Christoph Reuter einen Reporter, der ähm seit Monaten da drin ist, und er sagt was andere BBC und andere, die auf der Rebellenseite sind, bis heute sagen. Sie sagen: „Ich hab’ nicht nur keinen Djihadisten selber dort gesehen, in den Reihen der Rebellen, ich hab’ noch nicht einmal einen gesehen, der einen gesehen hat. Und so weiter.“

Jürgen Todenhöfer, für den nicht nur Syrien, sondern auch Assad „zugänglich“ waren, wurde nicht zu der Diskussion geladen.

In Kenntnis dieser Erlebnisse von KarinLeukefeld und Jürgen Todenhöfer erscheint die Aussge:

„Weite Teile des Landes sind für unbeteiligte Beobachter nicht zugänglich“,

etwas unverständlich. Und Volker Schwenker lässt eine Aufzählung folgen, die man zu Recht als unverschämt werten kann. Unzugänglich…:

„…für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, UN-Experten, Menschenrechtler und eben auch für Journalisten.“

In der Reihe fehlt eigentlich nur noch Gottvater. – Ernsthaft: Diese Aufzählung gibt einen tiefen Einblick in welchem, völlig unzulässigem Kontext Schwenker sich und seine Kollegen sieht. Ehrenamtliche Helfer, die für „Gotteslohn“ Leib und Leben riskieren und gut bezahlte, quasi in einem Beamtenverhältnis beschäftigte, Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen in einen Topf geworfen.

Der aus dem Olymp der Unangreifbaren, Unfehlbaren herabgestiegene schildert noch einmal das Dilemma von dem er uns weismachen will, dass darin die Syrienberichterstattung stecke:

„Und so wird über viele Ereignisse in Syrien vor allem von Menschen berichtet, die eben nicht unbeteiligt sind. Rebellen schildern Fassbomben-Angriffe der syrischen Regierung, das syrische Staatsfernsehen berichtet über Angriffe der Rebellen und der IS liefert seine Horror-Propaganda gleich selbst frei Haus.

Im besten Fall sind die Berichte aus Syrien unvollständig oder ungenau. Im schlechtesten Falle sind sie politisch motiviert, übertrieben oder gleich ganz gefälscht.“

Man hat den Eindruck Schwenker halte das Publikum durch die Bank für geistig minderbemittelt. Er gibt durch seine Sprache einen tiefen Einblick in die Sicht der Journalisten auf ihr Publikum. Wähnt man sich doch mitten in der „Sendung mit der Maus“. Erklärungen in leicht verständlicher Sprache für Kinder im Vorschulalter. Damit aber auch der letzte Depp begreift was längst zur allgemeinen Gewissheit geworden ist, ohne dass es unsere Fernsehgötter auf dem Olymp bemerkt haben, spricht es Schwenker noch einmal schonungslos aus:

„Darum sind auch die Zahlen und Fakten, die von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verbreitet werden, mit Vorsicht zu genießen – wie alle Zahlen und Fakten aus Syrien.“

Und so, als habe die SOHR ihren Sitz im „nicht zugänglichen“ Syrien, anstatt im englischen Coventry, berichtet Schwenker weiter aus zweiter Hand, vor Gericht würde man sagen, vom „hören – sagen“ und daher für die Beweisführung unzulässig:

„Viel ist über die Syrische Beobachtungsstelle geschrieben worden, immer wieder geriet sie in die Kritik. Der Klarname des Betreibers, Osama Suleiman, steht heute in Wikipedia. Anfangs verbarg er seine Identität hinter dem Pseudonym Rami Abdulrahman. Der gebürtige Syrer besitzt ein Bekleidungsgeschäft im britischen Coventry. Die Beobachtungstelle ist keine große Organisation. Eine Handvoll Leute – inklusive Suleiman –  sammelt, überprüft und veröffentlicht Meldungen, Fotos und Videos über Menschenrechtsverletzungen in Syrien. Ein mehr als 200 Aktivisten umfassendes Netzwerk in Syrien liefere die Informationen, wird Suleiman zitiert.“

Unweigerlich taucht doch hier die Frage auf: „Warum fährt von der ARD nicht einfach ein Team nach Coventry und recherchiert vor Ort. Man hat doch auch genug Personal, Geld und technisches Equipment um von fast jedem Sportereignis auf dieser Welt in aller Breite zuberichten, oder von der „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“ an Markus Söder aus Aachen.

Es wäre doch einmal von Interesse zu wissen, wie Sulieman es schafft neben dem Betreiben eines Geschäftes, dass für gewöhnlich die gesamte Aufmerksamkeit und Arbeitskraft seines Inhabers erfordert, die „Meldungen, Fotos und Videos“ zu sammeln, zu überprüfen und zu veröffentlichen. Auch würde die Öffentlichkeit interessieren, wer Suleiman bezahlt, wer die nicht unerheblichen Kosten für das Betreiben der Internetseite übernimmt, sind die angebotenen Informationen für jedermann doch kostenlos? Immerhin hat selbst Schwenker gemerkt:

„Über die Jahre ist die Internet-Seite professioneller und die abgebildeten Fotos sind etwas weniger grauenhaft geworden“.

Die ARD hat da eine bessere Idee. Die kennt da einen, der einen kennt, der widerum zwar auch nichts weiss, der aber etwas glaubt.

„Wir im ARD-Studio Kairo haben eigene Kontakte in Syrien. Es ist kein Netzwerk, das  Hunderte oder auch nur Dutzende Informanten umfasst. Es sind einige wenige Menschen, die wir persönlich kennen, mit denen wir selbst gearbeitet haben, gereist sind – denen wir vertrauen. Diese Informanten haben Freunde unter Aktivisten oder Kämpfern, denen wiederum sie vertrauen.
So spinnt sich ein Netz in verschiedene Landesteile. Es ist unvollkommen und stets bedroht – Aktivisten werden getötet, gekidnappt oder sie fliehen nach Europa – aber es ist das beste, was wir haben. Einen unserer Kontakte haben wir nach der Syrischen Beobachtungsstelle gefragt.“

Leider wusste der aber auch nichts, weshalb er einen „Freund in Aleppo“ anrief:

„Frage: „Kennst du die Syrische Beobachtungsstelle? Hältst du sie für zuverlässig?“
Antwort: „Die haben Aktivisten auf der Regime-Seite und auf der Rebellen-Seite, die kommunizieren direkt mit dem Leiter der Beobachtungsstelle. Ich glaube, das ist alles zu 90 Prozent wahr.“

Der weiss eigentlich auch nichts, aber er glaubt wenigstens. Wir befinden uns geradewegs auf dem Pfad der absoluten Wahrheit, jedenfalls so wie die ARD sie versteht. Der Bekannte des Bekannten des ARD-Studios in Kairo wird gefragt:

„Wie funktioniert das? Werden die Aktivisten bezahlt?“

Der Mann gibt der ARD einen erstaunlichen Rat:

„Besprich das doch am besten mit dem Leiter der Beobachtungsstelle direkt!“

Schwenker ignoriert den Hinweis auf die Lösung so manchen Rätsels. Stattdessen lässt er den Mann fortfahren und nährt damit den häufig geäusserten Verdacht, dass die „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ eine Aussenstelle des britischen Geheimdienstes MI6 ist:

„Ich darf keine Details erzählen.“

Einen kleinen Fingerzeig bekommen wir dann aber doch noch:

„Die meisten Aktivisten arbeiten aus Sicherheitsgründen geheim, sie geben sich den anderen nicht zu erkennen. Es sind Freiwillige, manche bekommen Kommunikationsmittel.“

Mit „Kommunikationsmitteln“ sind wohl Labtops, Kameras, Satelitentelefone und ähnliches gemeint. Erstaunlich was doch so ein kleines Ein-Mann-Geschäft in Coventry alles abwirft. Ein Stichwort möchte der Bekannte des Bekannten der ARD in Deutschland aber noch mitten aus dem syrischen Kampfgebiet noch geben:

„Die meisten Aktivisten arbeiten aus Sicherheitsgründen geheim, sie geben sich den anderen nicht zu erkennen. Es sind Freiwillige, manche bekommen Kommunikationsmittel.Die Beobachtungsstelle wird geschätzt, weil sie Nachrichten schnell und ungeschminkt verbreitet. Aber manche behaupten, der Leiter der Beobachtungsstelle sei nicht völlig neutral … .“

Hier brechen die berühmten drei Pünktchen den Redefluss des Mannes ab: Für das Publikum in Deutschland ungeeignet. Volker Schwenker reicht das Gesagte auch völlig aus. Es ist an der Zeit ein Fazit zu ziehen und die Zuschauern auf noch viele, zukünftige Nachrichten mit Bezug auf die „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ neugierig zu machen, denn:

„Mit mangelnder Neutralität kann man leben, wenn man davon weiß.“

Denn das Publikum möge sich für die Zukunft merken:

„Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte liefert brauchbare Hinweise auf Ereignisse in Syrien“.

Wir merken uns: Ändern wird sich nichts an der einseitigen und manipulativen Berichterstattung der ARD aus Syrien. Aber wir sollten uns ab jetzt nicht mehr darüber beschweren. Schliesslich ist extra jemand herabgestiegen vom Olymp und hat uns dummen Erdlingen den weisen Ratschluss der Inhaber der absoluten Wahrheit erklärt. Wir bedanken uns dafür, – in jeder Hinsicht.

http://spiegelkabinett-blog.blogspot.de/

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