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Krisen, Wirtschaft

Eine Weltwirtschaftskrise, Made in China?

chinakrise

von Minqi Li  – www.tlaxcala-int.org

Am 20. Oktober 2015 erschien Minqi Lis Buch China and the 21st Century Crisis (China und die Krise des 21. Jahrhunderts). Der Autor untersucht die Grundlinien des möglichen Standortes des Falls des Kapitalismus und warum dieser früher eintreten könnte, als wir denken.

„Verschiedene führende Mainstream-Wirtschaftsinstitutionen warnen vor der Gefahr der nahenden Weltwirtschaftskrise. Am 8. September veröffentlichte die Citi Group einen Forschungsbericht mit dem Titel Is China Leading the World into Recession? (Ist China im Begriff, die Welt in die Rezession zu führen?) von Willem Buiter, dem leitenden Wirtschaftswissenschaftler von Citi. Der Bericht warnt: „Eine globale Rezession ab 2016, ausgehend von China, ist nun das Hauptszenario unseres internationalen Teams von Wirtschaftswissenschaftlern. Die Unsicherheit bleibt, aber die Wahrscheinlichkeit einer zeitgerechten und effektiven politischen Reaktion scheint abzunehmen.“

Am 11. September veröffentlichte die Daiwa Securities Group, die zweitgrößte japanische Brokergesellschaft, einen Bericht mit dem Titel What Will Happen If China’s Economic Bubble Bursts (Was, wenn die chinesische Wirtschaftsblase platzt?). Sogar im besten Falle sollte das chinesische Wirtschaftswachstum unter null fallen. Dennoch sollte der Kollaps der chinesischen Wirtschaft das wahrscheinlichste Ergebnis darstellen. Und „wenn die chinesische Wirtschaft, die zweitgrößte der Welt, zwei Mal größer als Japan, in eine Krisensituation wie diese stürzt, dann hätte das höchstwahrscheinlich zur Folge, dass die Weltwirtschaft auch in Mitleidenschaft gezogen würde. Dies könnte zur schlimmsten, weltweit je gesehenen Auswirkung führen“.

Am 3. Oktober verfasste dann Lawrence Summers, der ehemalige US-Finanzminister und wirtschaftliche Berater von Präsident Obama, einen Artikel mit dem Titel „The Global Economy Is in Serious Danger“ (Weltwirtschaft schwer gefährdet). Dieser Artikel wurde sowohl vom Financial Times als auch von der Washington Post veröffentlicht.

Ein wachsender Konsensus scheint darüber aufzukommen, dass die kapitalistische Weltwirtschaft in einem schnellen Tempo der nächsten Krise zusteuert. Vom Standpunkt des globalen Klassenkampfs aus fokussiert die wahre Frage auf die Modalität, nach der die nächste Wirtschaftskrise in der derzeitigen strukturellen Krise des Weltkapitalismus eine Rolle spielt (die dritte „strukturelle Krise“ nach den strukturellen Krisen von 1914-1945 und 1968-1989) und darauf, ob die derzeitige strukturelle Krise innerhalb des historischen Rahmens des Kapitalismus gelöst werden kann.

In Antwort auf die letzte strukturelle Krise, setzte der Weltkapitalismus den „Neoliberalismus“ als eine Reihe politischer Richtlinien und Institutionen um, die das Ziel verfolgten, die Arbeiterklasse in den zentralen und semiperipheren Ländern niederzuschlagen. Aber das globale Machtgefüge wurde nicht entscheidend zu Gunsten der kapitalistischen Klassen gedreht, bis China nicht die „Reformen und Öffnung“ einleitete. Die kapitalistische Transition Chinas verschaffte Hunderten Millionen kompetenter Arbeiter Lohnsätze zu einem Bruchteil der in den Kernländern geltenden Löhne. Die Eingliederung einer so günstigen Arbeitskraft untergrub entscheidend die Verhandlungsposition der westlichen Arbeiterklassen.

Seitdem hat die chinesische Gesellschaftsstruktur erhebliche Änderungen erfahren. Eine breite militante Arbeiterklasse bildete sich heraus. Gemäß der Schätzung dieses Autors wuchs die lohnabgängige Arbeiterklasse in China von 230 Millionen im Jahre 1990 auf 370 Millionen im Jahre 2012. Wenn man noch die privilegiertere städtische „Mittelklasse“ (Facharbeiter und Techniker) einschließt, dann stieg die Gesamtanzahl der städtischen und ländlichen Lohnempfänger von 250 Millionen im Jahre 1990 auf 420 Millionen im Jahre 2012 an. Derzeitig gibt es ungefähr 100.000 „Massenvorfälle“ (Massenproteste) pro Jahr. Ungefähr 10 Millionen Menschen sind jährlich an den „Massenvorfällen“ beteiligt.



Streikende ArbeiterInnen im Hi-P-Werk in Shanghai, Dezember 2011
Foto Eugene Hoshiko AP/Sipa/

Nach den starken Rückgängen der 1990er Jahre und der Stabilisierung zu Beginn der 2000er, begann das Arbeitseinkommen als Anteil des chinesischen Bruttoinlandproduktes ab 2010 zu wachsen, ein Zeichen des wachsenden Erstarkens der chinesischen Arbeiterklasse. Der Ertragsdruck auf den kapitalistischen Profit führte zu einem schnellen Niedergang der gesamten chinesischen Gewinnspanne. In den ersten Jahren der 2000er war die gesamte Gewinnspanne Chinas ungefähr zweimal so hoch wie in den USA. Seit 2007 ist die Gewinnspanne in China schwindelerregend gefallen. Mit dem aktuellen Trend könnte die chinesische Gewinnspanne in wenigen Jahren auf Niveaus fallen, die wir zuletzt aus der großen US-Wirtschaftskrise kennen.

Wie verschiedene Mainstream-Institutionen vorausgesehen haben, könnte eine schwere Krise der chinesischen Wirtschaft die kapitalistische Weltwirtschaft in eine Krise stürzen, die sich als destruktiver erweisen wird als die „Große Rezession“ von 2008-2009. Es stellt sich die Frage, ob der Weltkapitalismus die kommende Krise überleben wird und ob die günstigen Bedingungen, die für die globale Kapitalanhäufung erforderlich sind, wieder hergestellt werden können.

Menschen aus dem rechten und linken Flügel gehen beide davon aus, dass der Kapitalismus ein unglaublich flexibles System ist, das sich an neue historische Gegebenheiten anpassen kann. Denn schlussendlich hat der Kapitalismus die vergangenen „strukturellen Krisen“ von 1914-1945 und von 1968-1989 überstanden. Aber es gibt mindestens zwei neue Entwicklungen, die die zukünftige strukturelle Krise wesentlich anders gestalten könnten als die vorigen zwei.

Auf die strukturelle Krise von 1914-1945 reagierte der Weltkapitalismus durch die Anpassung an die gesellschaftlichen Herausforderungen der westlichen Arbeiterklasse (in Form des Keynesianismus und des Wohlfahrtstaates) und die nicht-westlichen Befreiungsbewegungen (in Form von Dekolonisierung und wirtschaftlichen Entwicklungsprogrammen). Im Gegensatz dazu war der Weltkapitalismus während der strukturellen Krise von 1968-1989 nicht mehr in der Lage, die steigenden Anforderungen der zentralen und semiperipheren Arbeiterklassen zu erfüllen und sah sich daher gezwungen, neoliberale politische Modelle umzusetzen, um die Profitrate wiederherzustellen.

Wenn der Weltkapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr in der Lage war, den Anforderungen der zentralen und semiperipheren Arbeiterklassen zu entsprechen, wie wahrscheinlich ist es dann für den Weltkapitalismus des 21. Jahrhunderts, dass er in der Lage sein wird, nicht nur die Anforderungen der zentralen und historisch semiperipheren Arbeiterklassen, sondern auch die der chinesischen Arbeiterklasse (die allein ungefähr 1/5 der Arbeiterklasse weltweit ausmacht) zu erfüllen? Des Weiteren gibt es, im Unterschied zum 20. Jahrhundert, keine andere große geografische Region, die zahlreiche günstige Arbeitskräfte mit den anderen notwendigen Bedingungen für die Kapitalanhäufung liefern könnte, um den Weltkapitalismus dabei zu unterstützen, günstige Bedingungen der Kapitalanhäufung wiederherzustellen. Unzureichende Energieressourcen alleine können verhindern, dass Indien das nächste „China“ wird.

Des Weiteren steuern die ökologischen Systeme weltweit in einem schnellen Tempo dem völligen Kollaps zu und zwingen somit der globalen Kapitalanhäufung eine andere unüberbrückbare Einschränkung auf. In einem kürzlichen Kommentar liefert Kevin Anderson, einer der führenden Klimawandel-Experte der Welt, ein starkes Argument, nach dem ein realistisches Klimastabilisierungsprogramm eine globale Verminderung der Emissionen auf jährlicher Basis von 10 Prozent oder mehr braucht, um einer globalen Erwärmung von mehr als 2 Grad vorzubeugen. Die grundlegende Botschaft von Andersons Kommentar besteht darin, dass eine vernünftige Stabilisierung des Klimas (die die Erhaltung der materiellen Grundlage der menschlichen Zivilisation möglich macht) wesentlich unvereinbar mit der Fortsetzung des unendlichen Wirtschaftswachstums (d.h. der unendlichen Kapitalanhäufung) ist.

Kann die Welt gleichzeitig die grundlegenden Anforderungen der globalen ökologischen Nachhaltigkeit und die Grundbedürfnisse von Millionen Menschen im globalen Süden erfüllen? Darauf werden wir so oder so in den nächsten Jahrzehnten eine Antwort finden.

China and the 21st Century Crisis
Minqi Li

ISBN: 9780745335384
Seitenanzahl: 232 S.
Erscheinungsdatum 20. Oktober 2015
Größe: 230mm x 150mm
Format: Taschenbuch

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Danke Tlaxcala
Quelle: https://plutopress.wordpress.com/2015/10/20/a-global-economic-crisis-made-in-china/
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 20/10/2015
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=16971

 

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