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Krisen, Wirtschaft

IWF-Direktorin warnt vor wirtschaftlichen Schocks in 2016

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von Barry Grey – http://www.wsws.org

In einer Gastkolumne im Handelsblatt vom 30. Dezember 2015 gab die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, eine pessimistische Konjunkturprognose für 2016 und die nahe Zukunft ab.

Die IWF-Direktorin schrieb, das globale Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr werde „enttäuschend“ werden, auch die mittelfristigen Aussichten hätten sich „abgeschwächt“. Lagarde nannte den andauernden Abschwung in China und die Zinserhöhung in den USA als wichtige Faktoren, die zu einem anhaltenden Abschwung der weltweiten Wachstumsraten führen und das Potenzial für weitere Schocks bergen.

Lagarde wies auch auf den beträchtlichen Rückgang des Wachstums des Welthandels hin, auf den anhaltenden Rückgang der Preise für Öl und andere Rohstoffe und auf die zunehmende Wirtschafts- und Finanzkrise in den sogenannten „Schwellen- und Entwicklungsländern“, deren Wirtschaft stark von Rohstoffexporten und wachsendem Handel abhängig ist.

Lagarde schrieb dazu: „All dies bedeutet, dass das weltweite Wachstum 2016 enttäuschend und ungleichmäßig ausfallen wird.“ Sie warnte vor allem vor den Nebenwirkungen der Entscheidung der amerikanischen Federal Reserve Anfang Dezember, den Leitzinssatz langsam anzuheben. Die Fed hat damit zum ersten Mal seit mehr als neun Jahren eine Zinserhöhung vorgenommen.

Lagarde und der IWF hatten sich gegen das Vorgehen der Fed ausgesprochen und gewarnt, es könnte eine panische Kapitalflucht in Schwellenländern wie Brasilien, der Türkei und Südafrika auslösen, die stark in Unternehmensanleihen in Dollar investiert haben.

Lagarde erklärte in dem Handelsblatt-Artikel, sie sei besorgt, ob solche Länder in der Lage seien, „Schocks“ zu absorbieren. Sie nannte vor allem eine Erhöhung der Finanzierungskosten für Konzerne, die während des Booms der Schwellenmärkte und der Ölpreise nach der Finanzkrise von 2008 in großem Stil Dollar-Anleihen verkauft hatten. Der Anstieg des Dollarpreises bedeutet, dass die realen Kosten der Schuldrückzahlung für diese Unternehmen steigen werden, da ihre Einnahmen in den Landeswährungen erfolgen, die an Wert verlieren.

Lagarde deutete an, dass sich die Krise noch weiter auf das ganze Finanzsystem ausbreiten könnte. Wenn Schwellenmärkte und Unternehmen aus dem Energiesektor ihre Verbindlichkeiten nicht mehr zahlen könnten, könnte dies Banken und Staatshaushalte „infizieren“.

Am 30. Dezember setzten die Ölpreise ihren Fall auf den niedrigsten Wert seit elf Jahren fort. Zuvor hatte der saudische Ölminister erklärt, das Königreich habe nicht die Absicht, die Ölförderung im Jahr 2016 zurückzuschrauben. Seit Mitte 2014 sind die Ölpreise um zwei Drittel gesunken, alleine im Jahr 2015 um 35 Prozent.

Der Rückgang des Ölpreises ist jedoch nur Teil eines allgemeinen Zusammenbruchs der Preise für Industrierohstoffe. Der Preis für Nickel ist um mehr als 40 Prozent gesunken. Der Preis für Zink ist um 28 Prozent gesunken, obwohl allgemein mit einem Anstieg aufgrund der Schließung von großen Bergwerken in Australien und Irland gerechnet wurde. Auch der Preis für Eisenerz ist abgestürzt.

Der neue Rückgang der Ölpreise und Lagardes pessimistische Prognose trugen zu einem Abschwung der weltweiten Aktienkurse am Mittwoch bei. Der Dow Jones sank um 117 Punkte (0,66 Prozent), weitere wichtige Indizes in den USA und Europa in ähnlicher Höhe.

Der anhaltende Niedergang der Rohstoffpreise ist ein scharfer Ausdruck der zunehmenden Krise der internationalen Realwirtschaft. Der Abschwung in China ist der wichtigste Faktor für den Rückgang dieser Preise, da sein zuvor unersättlicher Hunger nach Industrierohstoffen bisher die globale Nachfrage stimuliert hatte.

Doch der Abschwung in China ist selbst ein Ausdruck grundlegenderer Prozesse und Widersprüche der kapitalistischen Weltwirtschaft. Ein Anzeichen für den systemischen Charakter der derzeitigen Krise ist die Prognose der OPEC in der letzten Dezemberwoche, dass die Ölpreise frühestens im Jahr 2040 auf das Niveau von 100 Dollar pro Barrel zurückkehren werden, auf dem sie im Jahr 2013 und Anfang 2014 lagen.

Im Oktober veröffentlichte der IWF einen Bericht, laut dem die Weltwirtschaft im Jahr 2016 um 3,5 Prozent wachsen werde. Dies wäre der niedrigste Wert seit unmittelbar nach dem Finanzkrach im September 2008. Letzten April warnte er, die Weltwirtschaft werde noch lange Zeit von langsamem Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Verschuldung geprägt sein. Damit gab er zu, dass kaum Aussicht auf eine Rückkehr zu Wachstumsraten wie vor dem Crash von 2008 besteht.

In seinem Aprilbericht konzentrierte sich der IWF auf einen starken Rückgang der Unternehmensinvestitionen während des sogenannten „Aufschwungs“, der offiziell im Juni 2009 begann. Er wies darauf hin, dass die Unternehmensinvestitionen in Nordamerika und Europa um zwanzig Prozent zurückgegangen seien, doppelt so stark wie nach früheren Rezessionen.

Der IWF stellte die Verbindung zwar nicht bewusst her, aber diese Zahl deutet auf ein grundlegendes Element der Krise des Weltkapitalismus hin: auf das enorme Anwachsen von Spekulation und Parasitismus. Die Tendenzen, welche den Crash von 2008 ausgelöst haben – rücksichtslose und größtenteils kriminelle Spekulationen der Finanzelite – haben sich nach der Krise noch weiter verschärft.

Anstatt den Banken und Hedgefonds Einhalt zu gebieten, haben der IWF, die wichtigsten Zentralbanken und die Regierungen in den USA, Europa und Japan sie mit Billionen Dollar gerettet und eine weitere Spekulationsorgie subventioniert. Durch extrem niedrige Zinssätze und die als „quantitative Lockerung“ bekannten Gelddruck-Operationen der Zentralbanken wurde das Finanzkapital ermutigt, neue Finanzblasen zu schaffen, u.a. am Aktienmarkt, in der Ölindustrie, bei Schrottanleihen und in den Schwellenländern. An diesen Blasen haben sich die Reichen und die Superreichen weiter bereichert und gleichzeitig den Produktivkräften die Mittel entzogen und die Arbeiterklasse in die Armut gestürzt.

Während die Realwirtschaft weiterhin in der Depression steckt, sind die Aktienkurse in die Höhe geschossen. Der Standard & Poor’s 500 Index in den USA ist seit 2009 um mehr als 200 Prozent gestiegen.

Konzerne und Banken haben der Realwirtschaft produktive Investitionen vorenthalten und stattdessen höhere Profite aus völlig parasitären Risikoinvestitionen angestrebt. Dazu gehören Spekulationen mit hoch verzinsten und hochriskanten „Schrottanleihen“, die mit der Öl- und Rohstoffindustrie verbunden sind. Nach der Implosion des Suprime-Hypothekenmarktes 2007 und 2008 ist das Geld in diese Spekulationsfelder geflossen. Hoch verzinste Wertpapiere wie amerikanische Anlagefonds erreichten im Juni einen Wert von 305 Milliarden Dollar, dreimal so viel wie im Jahr 2009. Der Gesamtwert der ausstehenden Schulden auf dem amerikanischen Markt für Schrottanleihen stieg von 700 Milliarden im Jahr 2007 um mehr als 71 Prozent auf 1,2 Billionen Dollar.

Angesichts der Auswirkungen des Zusammenbruchs der Preise für Industrierohstoffe warnen die Ratingagenturen, dass 50 Prozent der Schrottanleihen von Energieunternehmen ausfallen könnten, zudem 72 Prozent der Anleihen der Metall-, Bergbau- und Stahlindustrie.

Die zunehmende Krise der Schwellenmärkte hat ebenfalls mit einem massiven Zufluss von heißem Geld zu tun, das während des Ölbooms und Chinas rapider wirtschaftlicher Expansion auf der Suche nach hohen Gewinnraten investiert worden war. Von 2004 bis 2014 stiegen die Schulden der Unternehmen in den Schwellenländern von vier Billionen auf achtzehn Billionen Dollar an. Ein Großteil dieses Anstiegs fand seit 2008 statt.

Eine Zahl verdeutlicht, wie der Wirtschaftsparasitismus seit der Krise von 2008 zugenommen hat: die globale Verschuldung ist um 40 Prozent auf 200 Billionen Dollar gestiegen. Sie ist damit fast dreimal so hoch wie der Wert der gesamten Weltwirtschaft.

Die Arbeiterklasse der ganzen Welt musste für diese Orgie von Rücksichtslosigkeit und Gier mit Sparprogrammen, Massenentlassungen und Kürzungen von Löhnen, Renten und der Gesundheitsversorgung bezahlen. Dies hat die Stagnation und den Niedergang der Realwirtschaft nur verschärft. Doch diese Angriffe werden sich 2016 und in der nahen Zukunft noch verschärfen. Gleichzeitig wird sich auch die Krise des kapitalistischen Systems verschärfen.

Das explosive Wachstum des Parasitismus findet seinen wohl schärfsten Ausdruck in der Rekordzahl von Fusionen, Unternehmensaufkäufen und Aktienrückkäufen im Jahr 2015. Amerikanische Konzerne haben durch Kostensenkungen, Lohnkürzungen und das Wohlwollen der Obama-Regierung und der Fed Billionen Dollar angehäuft. Aber dieses gehortete Geld investieren sie nicht in die Schaffung von Arbeitsplätzen in produktiven Bereichen, sondern in Aktienrückkäufe, um die Dividendenzahlungen an Großinvestoren zu erhöhen, und in Fusionen, die weiteren Arbeitsplatzabbau nach sich ziehen. Im letzten Jahr wurden in den USA Fusionen und Firmenaufkäufe im Rekordwert von 4,7 Billionen Dollar bekanntgegeben.

Einen Tag vor Lagardes Kolumne im Handelsblatt wurden die ersten Früchte einer der größten Fusionen des Jahres bekanntgegeben: die beiden fusionierten Chemiekonzerne DuPont und Dow Chemicals werden zusammen einen Wert von schätzungsweise 130 Milliarden Dollar haben. DuPont erklärte am 29. Dezember, es werde in seiner Heimatregion Wilmington, Delaware, 1.700 Stellen abbauen. Geplant ist eine Senkung der Kosten um 700 Millionen Dollar, die durch eine Verringerung der 61.000-köpfigen Belegschaft um zehn Prozent erreicht werden soll.

http://www.wsws.org/de/articles/2016/01/05/econ-j05.html

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