Ausland

Staatsterror in Clichy
Paris brennt

Ein Augenzeugenbericht von Antoine Germa

Ich war seit Samstagmorgen in Clichy, um zusammen mit einem Reporter von France-Inter eine Reihe von Reportagen über die Situation in Clichy-sous-Bois zu schreiben.
Die Stadt war in der letzten Woche im Ausnahmezustand. Ich schreibe, was ich gesehen, gehört und verstanden habe.

1. Zwei tote Teenager (Zyad und Bounna, 17 und 15 Jahre alte Schüler) scheinen von der Polizei gejagt worden zu sein. Dagegen steht die offizielle Version, die bestreitet, daß es eine Verfolgung ja gab. Nur warum sonst sollten sie in diese schmale Gasse gelaufen sein, eine Mauer erklommen haben, um sich dann in einer Transformatorenstation zu verstecken, wo sie doch in unmittelbarer Nähe wohnten ?

2. Die zehn jungen Leute, die gerade Fußball spielten, rannten fort, um einer Polizeikontrolle zu entgehen, weil einige von Ihnen keine gültigen Papiere besaßen. Unter ihnen befand sich Metin, der dritte Jugendliche, der vom Stromschlag getötet wurde. Sie waren nie zuvor in Straftaten involviert, was die Gegenseite nicht davon abhielt, genau dies zunächst zu behaupten. Heute ist nur noch von einer Identitätsprüfung die Rede. Die festgenommenen Jugendlichen wurden nach einer Stunde wieder entlassen, weil nichts gegen sie vorlag.

3. Alle möglichen Gerüchte verbreiteten sich alsbald in der Stadt. Warum log die Polizei ? Was will sie verschleiern ? Es entstand ein spontaner Aufruhr der jungen, der später von den "älteren" unterstützt wurde. Erste Angriffsziele waren: Die Poststation (viele Wagen brannten), die Feuerwehrstation (ein Wagen zerstört), Busbahnhöfe, eine Schule (in Brand gesetzt). Die Aufrührer wurden insbesondere am Freitag gewalttätig (die Leute warfen Steine und Molotow-Cocktails gegen Polizeifahrzeuge)
Dies ereignete sich auf den Hauptverkehrsstraßen des Chene pointu Stadtbezirks. Viele Autos wurden in Brand gesetzt, ihre ausgebrannten Stahlskelette säumten am Samstagmorgen die Straßen.
Dort organisierten am Samstag religiöse Gruppen einen Schweigemarsch. Es gab Aufrufe zur Mäßigung. Aller Augen waren auf das Justizsystem und Minister Sarkozy gerichtet, den man vor allem kritisierte. Moslemische Institutionen und lokale Verwaltungsbeamte schienen die Situation unter Kontrolle zu haben. An dem Marsch nahmen ca. 1000 Leute teil. Deutlich übermüdet und aufgewühlt richtete der sozialistische Bürgermeister von Clichy, Claude Dilain, der über eine wirkliche Unterstützung unter der Bevölkerung (einschließlich der Jugend)  von Clichy zu verfügen schien, eine offizielle Aufforderung an Sarkozy, eine Untersuchung über den Tod der zwei Teenager einzuleiten.
Auf einer Versammlung im Rathaus nach dem Marsch, kündigte der Anwalt der Familien der beiden Jugendlichen eine Anzeige an, um die Umstände ihres Todes aufzuklären. Polizei war nirgends zu sehen an diesem Tag.
Samstagabend nach Sonnenuntergang (gegen 18.30 Uhr) erschienen 400 Aufruhrspezialeinheiten der Polizei im Stadtbezirk Chene pointu. Wie üblich umzingelten sie den ganzen Bezirk. Es war durchaus lächerlich, wenn sie wie römische Legionäre in Schlachtreihen die Straßen entlang liefen, vor sich ihre Schilde, mit Tränengasgewehren ausgerüstet immer auf der Suche nach unsichtbaren Gegnern.
Zu dieser Zeit saß jeder beim Abendessen und niemand lief auf der Straße herum. Was sollte also eine solche Demonstration der Stärke, wenn alles ruhig war ? Provokation ist die Antwort, die jedermann im Viertel gab.
Nach einer Stunde begaben sich einige Jugendliche nach draußen und stellten sich vor die Polizei hin. Alle erwarteten eine Konfrontation. Die Polizeistrategie macht keinerlei Sinn, außer wenn man primitive Verhaltensnormen heranzieht wie sein Terrain zu markieren, die "Ordnung" aufrechtzuerhalten in maximaler Machoart.
Viele Augenzeugen und Videos bezeugen klar und deutlich, daß die Polizei die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen suchte: Sie schrien ihnen rassistische Beschimpfungen zu, forderten sie auf zu kämpfen: Ich begab mich zur Bousquet Moschee gegen 21 Uhr. Sie war mit 1200-1300 Menschen überfüllt, da dies die Nacht des Schicksals am Ende des Fastenmonats war, die traditionell in der Moschee verbracht wird.
Draußen waren bereits wieder viele Autos in Brand gesetzt worden und junge Leute suchten Zuflucht in der Moschee in der Mitte des Stadtbezirks. Gleichwohl herrschte in der Mosche eine Stimmung feierlicher Andacht. Trotz der Polizeiprovokationen verlief die Nacht weniger gewalttätig. Geschah dies, weil die Aufrufe zur Mäßigung befolgt wurden ?

4. Sonntagnacht erhielt ich einen aufgeregten und bestürzten Anruf von Ibrahim, dem Sohn des Imams gegen 22.30 Uhr. Er teilte mir mit, daß die Polizei die Moschee voller betender Gläubiger mit Tränengasgranaten gestürmt habe. Er berichtete mir, daß Frauen von Polizisten als Huren und Schlampen beschimpft worden seien. Versuche, mit der Polizei zu reden, erwiesen sich als erfolglos. Wer solches versuchte wurde nur barsch aufgefordert, wegzugehen und riskierte, mit Schlagstöcken verletzt zu werden. Ibrahim bat mich zu kommen, um Augenzeuge dieser Vorgänge zu sein, doch war ich zu dieser Zeit nicht in der Nähe.
Diese Nachrichten schienen außerhalb des Vorstellbaren zu sein. Wie konnten sie eine betende Gemeinde angreifen ? Warum die Moschee angreifen, wo ihre religiösen Vertreter doch die einzigen waren, die zu Ruhe und Besonnenheit aufriefen und als einzige dazu vielleicht in der Lage wären, dies auch zu bewirken ?
Die Lage war nun bereit zu explodieren; neue Konfrontationen brachen aus und immer mehr Autos wurden in Flammen gesetzt. Die geäußerten Meinungen wurden immer radikaler, besonders als die Polizei leugnete, in der Moschee Tränengas eingesetzt zu haben. Sie behauptete, daß die Tränengasart, die in der Moschee losging nicht die sei, die die Polizei benutzen würde. Von diesem Zeitpunkt an gab es zwei Themen, die die Menschen aufstachelten: Der Tod der zwei Jugendlichen und die Stürmung der Moschee.
Zu diesem Zeitpunkt trat Sarkozy vor die Fernsehkameras und rechtfertigte die Polizeiaktionen in Clichy, forderte einmal mehr "Nulltoleranz": Eine Hand ist die Eisenhand, die andere Hand....ist leer, hält vielleicht die unsichtbare Hand des Marktes.

5. Montagmorgen: Die Stimmung ist gereizt. Um 11 Uhr trifft sich Sarkozy mit den Aufruhrspezialtruppen in der Polizeiwache von Bobigny und überhäuft sie mit Lob und Unterstützung. Die offizielle Version des Tränengasangriffs auf die Moschee wurde etwas abgeschwächt. Man gab zu, daß der Granatentyp doch von der Polizei benutzt würde, daß es aber noch Zweifel daran gäbe, wer genau sie in die Moschee geschossen habe. Nur wer  sollte eine Tränengasgrante in eine Versammlung Betender werfen ? Erneut verlor die offizielle Polizeiversion jeden Bezug zur Realität.
Um 1 Uhr komme ich in Chene Pontu an und sehe die Nachrichten im Fernsehen mit dem Imam und seiner Familie. Die Art und Weise, wie die Medien die Geschehnisse darstellen machen den Menschen überdeutlich, daß die Medien das Establishment repräsentieren, daß sie Lügen verbreiten und mehr als alles andere die Menschen stigmatisieren, die in dieser Arbeitersiedlung leben.
Aber dennoch kann man eine Veränderung erkennen: Die Zeitungen und Fernsehkanäle äußern ein wenig Kritik. Sie beginnen die Frage zu thematisieren, wie die beiden Jugendlichen ums Leben kamen und wer für den Gasangriff auf die Moschee verantwortlich ist.
Um 14 Uhr findet eine Pressekonferenz in der Moschee statt. Ein Video des Angriffs wird den Reportern gezeigt. Es zeigt die Panik der Gläubigen. Dann sprachen die Offiziellen, die aufgewühlt eine juristische Untersuchung forderten und eine Entschuldigung. Der Kern dieser Forderungen ist, daß Menschen unterschiedlicher Religion gleich behandelt werden sollen.
Der Präsident der Moschee, Mr. Brouhout, der der UMP nahesteht, war auffällig bemüht, die Menschen ruhig zu stellen. Bounas älterer Bruder erklärte Journalisten, daß er nicht bereit sei, sich mit Sarkozy zu treffen, da dieser "inkompetent" sei. Statt dessen forderte er ein Treffen mit dem Ministerpräsidenten. Es bestand Konsens, daß die Polizei das Viertel verlassen müssen, damit sich die Lage beruhige.
Während dieser Pressekonferenz bemühten sich die Sozialarbeiter der Kommune, den Journalisten die sozioökonomischen Hintergründe der Ereignisse aufzuzeigen. Clichy ist eine der ärmsten Städte Frankreichs, die immer weniger Geld zur Verfügung hat. Die Lage wurde angespannt gegen Ende der Pressekonferenz: junge Leute berichteten ihre Erlebnisse, Frauen erläuterten, wie sie aus der Moschee flohen. Ein Hauptthema aller Berichte war Zorn auf das Vorgehen der Polizei, die sich mehr und mehr verrückt aufführe und oft genug illegal und daß die Autoritäten in den Ministerien nicht den Gasangriff auf die Moschee verurteilten. Nach und nach bekamen die religiösen Autoritäten die Lage in den Griff.
Alles wartet nervös auf den Sonnenuntergang. Um 19 Uhr vereinbaren die religiösen Autoritäten und die Polizei eine Übereinkunft: Einige Jugendliche werden beauftragt, "Mediatoren" zur Beruhigung der Lage zu sein und beginnen, weitere Konfrontationen mit der Polizei zu verhindern. Dies war keine neue Idee: Einige religiöse  Jugendliche hatten dies bereits Samstagnacht versucht, doch die Polizei nahm darauf keine Rücksicht.
Ist dies das Ende der Taktik des harten Durchgreifens, die sich als offensichtlich kontraproduktiv erwiesen hat ?
Die Polizei spielt Katz und Maus mit einigen Jugendlichen, aber die Situation scheint unter Kontrolle. Die Mediatoren versuchen auf andere Jugendliche Einfluß zu nehmen, daß sie sich mäßigen. Später höre ich, daß die Polizeistation in Montfermeil in Brand gesetzt wurde.


Antoine Germa ist Lehrer für Geschichte und Geographie in Clichy-sous-Bois.